1968 – das „magische Jahr“, das Jahr der Bilder

In der Nachkriegszeit (womit ich die Zeit nach dem 2. Weltkrieg meine) hat es kein Jahr gegeben, das so nachhaltig mehrere Generationen beeinflusst hat wie das Jahr 1968. Fünfzig Jahre sind seither vergangen, aber immer noch haftet diesem Jahr etwas Magisches an.

Es war ein Jahr, in dem auf allen Kontinenten wie nach einem weltweiten Beben unerhörte soziale und politische Erdverschiebungen begannen. Der eurozentrische Blick fällt retrospektiv fast zwangsläufig zuerst auf Frankreich, wo eine verkürzt als “Studentenbewegung” begonnene Protestwelle zum größten Generalstreik der Nachkriegsgeschichte und fast zum Sturz des gaullistischen V. Republik führte; nach Prag, wo der Versuch einer friedlichen Reform des stalinistischen Regimes unter russischen Panzerketten zermalmt wird; oder Deutschland, wo der Widerstand gegen die Notstandsgesetze die Jugend gegen den “Muff unter den Talaren” aufbringt. Und überall, sogar im beschaulichen Wien – Proteste gegen den US-Krieg in Vietnam, befeuert durch die im Jänner begonnene Tet-Offensive des VietCong. In den USA selbst – Massenproteste gegen den Krieg, Rassenunruhen in den Großstädten, Morde an liberalen Politikern und Bürgerrechtlern, Nationalgarde mit aufgepflanzen Bajonetten in den Straßen. Mexiko, Austragungsort der Olympischen Spiele, wird zum Schauplatz des Massakers auf der Plaza de las tres culturas in Mexico City, wo Polizei und paramilitärische Todesschwadronen protestierende Studenten und Arbeiter niedermetzeln. In Afrika führt der blutige Krieg um Biafra zu einer verheerenden Hungersnot. In Japan kommt es im Herbst zu kombinierten aufstandsähnlichen Protesten von Arbeitern und Studenten gegen das verkrustete soziale System, die Zerstörung der Umwelt und die Unterordnung der Menschen unter wirtschaftliche Interessen.

Warum ist uns 1968 so gegenwärtig? Weil wir selbst (schon) dabei waren? Weil wir alte “68er” kennen, die uns von ihren Kämpfen erzählen, oder weil uns konservative Blätter mit dem “Geist der 68er” zu Tode erschrecken wollen?

In erster Linie sind es die Bilder, die wir vor Augen haben – den 1968 war ein großes Jahr der Fotografie – dokumentarisch, journalistisch. Heuer werden zahlreiche Bücher erscheinen, die sich mit 1968 als Jahr der ikonischen Bilder auseinandersetzen werden. Grund genug, ein bisschen in einem Buch zu blättern, das vor 20 Jahren erschienen ist: “1968 – Magnum Photos. Ein Jahr, das die Welt bewegt”, damals erschienen in der Edition Braus. Wer die Möglichkeit hat, antiquarisch an das Buch zu kommen, sollte sich (bei einem halbwegs erschwinglichen Preis) zum Kauf aufraffen. Ansonsten bleiben immer noch die Bibliotheken…

 

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