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Photography A Cultural History. Muss man nicht, sollte man aber lesen

Mary Warner Marien für Freundinnen und Freunde von complexityinaframe keine Unbekannte. Die Dozentin für Geschichte und Theorie der Fotografie an der Syracuse University (New York,USA) haben wir bereits mit ihrem Buch “100 Ideas that Changed Photography” vorgestellt.

Nun ist die 5., wie immer reichhaltig erweiterte, Ausgabe ihres Standardwerks zur Kulturgeschichte der Fotografie erschienen.

Cover der neuesten Ausgabe

Heute werden täglich Millionen Fotos virtuell verbreitet. Im Jahr 2015 wurden erstmals mehr als 1 000 Milliarden Fotos ins Internet hochgeladen. Was heute vor allem mit der Kamerafunktion von Mobiltelefonen Teil unseres Alltags geworden ist, war in den ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts ein heiß diskutiertes Minderheitenthema. Was war diese Fotografie eigentlich? Etwas Magisches? Wissenschaft? Der Todesstoß für die Malerei und die schönen Künste? Eines ist jedenfalls gesichtertes Wissen: Die “Väter” der Fotografie, Henry Fox Talbot und Jacques Daguerre, sahen in ihrer Arbeit keine “Erfindung”, sondern die Entdeckung eines naturwissenschaftlichen Vorganges. Was es – dank der Hilfe des Astronomen und Physikers Arago – möglich machte, dass die Französische Nationalversammlung 1839 diese Entdeckung kaufte und der ganzen Welt zur Verfügung stellte.

Sehr anschaulich und packend beschreibt Marien, dass die erwähnten “Väter” der Fotografie lediglich das Ende einer Entwicklung darstellen, die Antoine Florence (1804-1879) im brasilianischen Campinas mit höchst unzureichenden Mitteln und Thomas Wedgewood (1771-1805) und Humphrey David (1778-1829) auf die “richtige Spur” gebracht hatte. Ja, Ende des 18. Jahrhunderts war die Zeit reif für die Fotografie. Unwillkürlich fällt mir dazu ein Satz von Friedrich Engels über das Zeitalter der Aufklärung ein: !Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit!.

Marien Mary Warner erzählt spannend und lebendig, welche Rolle die Fotografie in Wechselwirkung mit der gesellschaftlichen Umwelt spielen konnte. Landschaftsfotografie etwa als Begeiterscheinung ganz anderer Ziele als der ästhetischen Abbildung der Wirklichkeit:

“Vermessungen wurden oft zu verschiedenen Zwecken organisiert, z. B. um die europäischen Siedler mit sauberem Wasser zu versorgen, die Geologie eines Gebiets zu erfassen, die Trassen für die Eisenbahn auszukundschaften oder archäologische oder architektonische Stätten zu erfassen. Häufig wurden die Vermessungen von Militäringenieuren durchgeführt, die bereits den Wert der Fotografie für die Bestimmung der Reichweite von Artillerie und die Reproduktion von Karten und Skizzen erkannt hatten”.

Eine Muster-Doppelseite

Das Buch ist von Satz und Typographie ein wirklicher Genuss. Beachtlich, wie die Autorin von der Frühzeit der Fotografie ausgehend zu einer umfassenden Darstellung des komplexen fotografischen Spektrums des 20. Jahrhunderts aufsteigt.

Spannend sind die “Focus” genannten Blöcke, in denen spezielle Aspekte der jeweiligen Kapitel vertieft dargestellt werden. Wenn wundert es, dass auch das “Selfie” einen solchen Focus verdient hat?

Im aktuellen Teil ihrer großartigen Kulturgeschichte erinnert Marien daran, dass der französische Maler Paul Delaroche angesichts der Durchsetzung der Daguerreotypie 1839 angeblich vom “Ende der Malerei” gesprochen hat. In den 1990er Jahren erklärten die Kritiker Nicholas Mirzoeff und William J. Mitchell die Fotografie ebenso für tot. Sie sei der digitalen Bildgestaltung gewichen.

Tatsächlich werfen die Möglichkeiten der elektronischen Bildbearbeitung neue Fragen auf, bieten aber auch neue Möglichkeiten, Realität verfremdet leichter durchschaubar zu machen. Klar, Fotos haben keinerlei Beweiskraft mehr. Da lässt sich retuschieren, freistellen und neu zusammenfügen. Andererseits – das hat es ganz ohne Computer auch schon in den 20er und 30er Jahren in der stalinisierten UdSSR gegeben, als noch mit Schere und Klebstoff missliebige Persönlichkeiten aus der Geschichte verschwanden und andere irgendwo eingefügt wurden.

Tot ist die Fotografie noch lange nicht, und Marie Warner Marien belegt das mit prächtigen Bildern und intelligenten Texten. Fotografisch Interessierte werden sich kaum daran stoßen, dass es derzeit nur eine englische Ausgabe gibt.

Kurt Lhotzky

Marie Warner Marien

Photography, 5th Edition

Laurence King Publishing

552 Seiten, EUR 54,00 (A)

Zum Tod von Sabine Weiss (23.7.1924-28.12.2021)

Die schweizerisch-französische Fotografin Sabine Weiss ist am 28. Dezember 2021 in Paris im Alter von 97 Jahren verstorben. Sie war die letzte lebende Repräsentantin jener französischen Richtung in der Fotografie nach dem 2. Weltkrieg, die als „humanistische Fotografie“ maßgeblichen Einfluss auf nachkommende Generationen hatte.

1924 in der Schweiz in einer Familie von Chemikern geboren, begann sich Weiss, geborene Weber, schon in ihrer Jugend mit der chemischen Seite des Fotografierens zu interessieren und fabrizierte sogar eigene Filme. Zwischen 1942 und 1945 absolvierte sie in Genf eine Fotografinnenlehre bei Paul Boisonnas (1902-1983). Rückblickend meinte sie, dass man in der Lehre zwar das Handwerk, aber nicht wirklich die Technik der Fotografie erlernen könne – die müsse man in sich tragen.

1946 ging Sabine Weber nach Paris und wurde Assistentin von Willy Maiwald (1907-1985). Der deutsche Fotograf hatte sich auch erst 1946 in Paris niedergelassen und sollte vor allem durch seine Modefotografie für Christian Dior bekannt werden (dieses Genre ist aber nur ein Teilaspekts seines Werks).

1949 machte sich Sabine Weber selbständig und arbeitete als freischaffende Fotografin. Aufnahmen von ihr erschienen unter anderem in Life, Paris Match und Vogue. 1950 heiratete sie den aus Philadelphia stammenden Maler Hugh Weiss (1925-2007). Aufsehen erregten ihre Küstlerproträts – von Giacometti, Breton oder Francoise Sagan.

In den 40er Jahren war in Frankreich als Reaktion auf die Zensurbestimmungen der Nazis und des Vichy-Regimes eine Bewegung in der Fotografie entstanden, die ohne Wertung das Leben des „einfachen Volkes“, die Realität des Alltags, ablichten wollte. Wie Robert Doisneau (1912-1994) einmal in einem Interview sagte: „Humanistische Fotografie ist eine Schule, die sich den Menschen in ihrem Alltag zuwendet, anstatt grundsätzlich das Sensationelle zu suchen“.

Doisneau gehört ebenso wie Henri Cartier-Bresson, André Kertesz, Brassai und viele andere Größen der damaligen Fotografie zu dieser informellen Bewegung.

Sehr viele Fotos von Sabine Weiss entstanden bei Spaziergängen mit ihrem Mann – gemeinsam durchstreiften sie die Straßen der Stadt, auch des Nachts. Auf einem ihrer bekanntesten Fotos „L’homme qui court“ (Der laufende Mann) ist übrigens ihr Mann Hugh zu sehen, der eine Kopfsteinstraße bei der Garigliano-Brücke entlangläuft.

Zwangsläufig machte Weiss einen Unterschied zwischen ihren „humanistischen“ Fotografien und Auftragsarbeiten: “Um humanistische Fotos zu machen, muss man überall hingehen: in die Regionen, auf die Straßen, in die Städte, in die Vorstädte, aufs Land. Das braucht Zeit. Und um Zeit zu haben, muss man essen. Und so verdiente ich mir meinen Lebensunterhalt mit ganz anderen, eher technischen Reportagen“.

Einen wirklichen Boom erlebten die Fotos von Sabine Weiss in den 70er Jahren – auch ein Ausdruck einer Politisierung des Kunstbetriebs in Frankreich. Eine Reihe von Ausstellungen und Ehrungen waren die Folge. Am Ende ihres Lebens konnte sie auf rund 170 Einzelausstellungen zurückblicken.

Mitunter darauf angesprochen, ob sie es als Frau in diesem Beruf schwerer hatte als männliche Kollegen, verneinte sie stets. Die nur 1,55 m große Fotografin hatte immer ohne Assistenten gearbeitet. Klar war die Ausrüstung oft schwer, aber das war alles für sie zu schaffen.

Unter den Auszeichnungen, die sie für ihr Werk erhielt, seien folgende besonders hervorgehoben: der „Chevalier des Arts et des Lettres“ (1987), der Ordre national du Mérite (2010) und zuletzt der Women In Motion Award for Photography (2020), der ihr beim berühmten Fotofestival in Arles überreicht wurde.

Kurt Lhotzky

Susan Meiselas im Kunsthaus Wien

Zur Zeit gibt es im KunstHaus Wien (bis zum 13. Februar 2022) eine der bedeutenden amerikanischen Fotografin Susan Meiselas gewidmete Personale zu sehen.

Die 1948 geborene Fotografin studierte visuellen Kommunikation in Harvard und unterrichtete anschließend an New Yorker Schulen Film und Fotografie. In dieser Zeit entstanden zwei Projekte: Carnival Strippers (1972–1975) und Prince Street Girls (1975–1992). Drei Sommer lang dokumentierte sie das Leben von Frauen, Frauen, die auf Jahrmärkten als Striptease-Tänzerinnen auftraten. Die Prince Street Girls, ein Langzeitprojekt, entstanden ab 1974, als Meiselas in ein Quartier in Little Italy übersiedelte. Eine Gruppe von Kindern erregte das Interesse der Fotografin, und über mehrere Jahre begleitete Meiselas die Mädchen in ihrer Entwicklung zu jungen Frauen. So entstand eine unerhört lebendige Geschichte über das Erwachsenenwerden in diesem Teil New Yorks.

Susan Meiselas vor einem Foto aus der Prince-Street-Girls Serie

1976 erschien “Carnival Strippers” in Buchform und ebnete Meiselas den Weg zur Mitgliedschaft in der von Henri Cartier-Bresson und Robert Capa mitbegründeten Fotoagentur Magnum.

1978/79 ging sie nach Nicaragua – nicht als Kriegsreporterin, sondern um selbst zu verstehen, welcher Prozess in dem mittelamerikanischen Land ablief. Das Regime des verhassten Diktators Somoza stand vor dem Zusammenbruch, der Aufstand der (hauptsächlich sehr jungen) Sandinistas wurde von der Diktatur mit US-amerikanischer Hilfe brutal bekämpft. Trotzdem war Somoza nicht zu retten.

In den letzten Tagen vor dem Sturz des Somoza-Clans entstand ein ikonisches Bild, das Susan Meiselas weltberühmt machen sollte: Der berühmte “Molotov-Man”. Man muss sich vergegenwärtigen dass damals Fotos aus Krisengebieten nicht wie im digitalen Zeitalter fast zeitgleich über das Internet an die Agenturen und Redaktionen geschickt werden konnten. Maiselas fotografierte in Schwarzweiß (diese Aufnahmen konnte sie an Ort und Stelle entwickeln) und in Farbe (diese Filme wurden auf teilweise abenteuerliche Weise außer Landes geschmuggelt und dann nach Paris befördert, wo Magnum seinen Sitz hatte). Das heißt, dass die Fotografin selbst nur indirekt, über die schwarz-weißen Kontaktabzüge, auf die Farbfotos verweisen konnte, die sie selbst er später sehen konnte. Das Bild des jungen Sandinisten Pablo “Bareta” Arauz, der einen aus einer Pepsiflasche gebauten Molotowcocktail auf eines der letzten Regimenter der Nationalgarde Somozas schleuderte wurde auf Dutzenden Broschüren, Flugblättern und Plakaten verwendet, zierte T-Shirts, tauchte als Wandgemälde in- und außerhalb Nicaraguas auf, wurde zu einem Symbolfoto der sandinistischen Revolution.

Susan Meiselas beschäftigte sich in ihren Projekten auch mit anderen mittel- und südamerikanischen Ländern – Salvador und Chile. Einen weiteren Fokus legte sie auf das Schicksal des kurdischen Volkes. 1991, zu Beginn des Irakkrieges, wusste fast niemand in den USA etwas über die Kurden, erinnert sich Susan Meiselas. Für sie war es der Beginn einer fotografischen Archivarbeit. “Kurdistan – im Schatten der Geschichte” ist eine visuelle Aufarbeitung der Geschichte eines Volkes, das bis heute keinen eigenen Staat gründen konnte.

Full House beim Artists Talk mit Susan Meiselas im KunstHaus Wien

Aber die Fotografin setzte sich auch eindrücklich mit den Schattenseiten der USA selbst auseinander. Anfang der 1990er-Jahre beteiligte sich Meiselas an einer Sensibilisierungskampagne zum Thema häusliche Gewalt in San Francisco. Wie beim Kurdistan-Projekt beschränkte sie sich nicht auf eigene Fotos sondern verwendete auch Polizeiaufnahmen und Zeitungsberichte, die sie zu Collagen zusammenstellte, die im öffentlichen Raum gezeigt wurden. Dieses “Archive of Abuse” ist ein erschreckender Einblick in eine oft heruntergespielte Welt der Alltagskriminalität.

Eine berührende Ergänzung findet diese Arbeit im Projekt “A room of their own”: In den englischen West Midlands besuchte Meiselas eine Zufluchtsstätte für Frauen (und deren Kinder), die vor häuslicher Gewalt geflüchtet waren. Wieder entstand ein vielschichtiges Dokumentationsprojekt, das tiefe Einblicke in die gesellschaftlichen Ursachen und Folgen der Gewalt gegen Frauen aus der “Unterschicht” gewährt.

Wer sich für das Lebenswerk der großen Fotografin und Dokumentaristin Susan Meiselas interessiert, wird an der Ausstellung im KunstHaus Wien nicht vorbeikommen.

Kurt Lhotzky

Video: Meet David Brodsky!

David Brodsky, 1953 in Kiew geboren und heute in Chicago ansässig, spricht in unserem Interview über seinen Weg zur Fotografie, den Einfluss, den seine Begeisterung für Malerei bis heute auf seine Fotos hat, sein Konzept von Streetphotographie und seltsames altes Spielzeug.

Ich möchte hier nochmals auf sein Buch “chronicles of ordinary lives” hinweisen, das ihr direkt bei David Brodsky bestellen könnt!

Ich werde mich bemühen, immer wieder interessante Fotografinnen, Fotografen oder Expertinnen und Experten aus verwandten Bereichen in Videos zu Wort kommen zu lassen. Also: Abonniert meinen youtube-Kanal.

Video: Der Jammer mit den Porträts

Gisèle Freund (1908-2000) hat sich in einigen Texten mit der Problematik des Porträtfotos auseinandergesetzt: Warum “gefallen” sich Menschen auf Fotos oft nicht? Warum lassen sich Menschen manchmal sehr ungern fotografieren? Das ist der Ansatzpunkt für das heutige Video. Nebenbei wird auf ein neues Buch hingewiesen: “Keine Bilder ohne Worte”, herausgegeben von Susanne Gramatzki und Renate Knoll.

Zu entdecken: David Brodsky

Das Internet ist ein herrliches Instrument, um über Grenzen und Meere hinweg mit Menschen in Kontakt zu kommen. Ich hatte dieses Glück, weil der in den USA lebende Grafikdesigner und Fotograf David Brodsky auf complexityinaframe gestoßen ist und mir ein Mail geschickt hat, das mich neugierig gemacht hat. Neugierig auf seine grafischen Arbeiten, neugierig auf seine Fotos (vor allem Street!), und natürlich neugierig auf den Menschen hinter diesen kreativen Arbeiten.

David Brodsky

Hier der Link zu seiner  Website

David Brodsky, 1953 in Kiew (Ukraine, damals Sowjetunion) geboren, schloss 1974 seine Ausbildung am Kiewer Institut für dekorative und angewandte Kunst ab und war anschließend in der Sowjetunion, in Italien und den USA als Graphic Designer und Creative Director tätig. 1990 emigrierte David mit seiner Familie in die USA und kam dank der Unterstützung durch die Springfield Jewish Federation nach Springfield (Illinois). 2019 übersiedelte er nach Chicago.

Beispiel für den Graphic Designer Brodsky – Aufruf zum gemeinsamen Handelns gegen COVID

Seit Beginn des neuen Jahrtausends rückte die Fotografie immer stärker in Davids Fokus:

“Ich benutze die Fotografie als künstlerisches Medium um mich auszudrücken und die Welt um mich herum zu interpretieren”, heißt es in einem Ausstellungstext von ihm. “Indem ich gewöhnliche Momente einfange, versuche ich Geschichten zu enthüllen – nicht auf den ersten Blick offensichtlich, aber mit genug Emotionen oder Geheimnissen erfüllt, um sie über das Gewöhnliche zu erheben”.

Ein Blick auf die Galerien (Menschen, Plätze, Dinge) auf seiner Homepage zeigen, wie dieses Konzept zu verstehen ist. Ein Teil der Fotos von Menschen aus Italien, Frankreich, England, Portugal. den USA … ist schwarz weiß. Meine erste Assoziation: Diese Fotos stehen in der besten Tradition der “humanistischen Fotografie”.

Family Talk (Lecce, Italien 2017)

Die Menschen, die uns David Brodsky zeigt, könnten uns überall begegnen; der Blick des Fotografen hebt sie aber aus dem Alltag heraus. Wir sehen in Brodskys Bilder viele Emotionen – es sind Porträts, die berühren. 

Das gilt natürlich auch für die Farbporträts – aber da kommt durch die Farbe manchmal eine liebenswürdige Komik in die Bilder hinein. “Serious Talk” oder “Old Boys” sind köstliche Studien von Alltagsszenen. Im Gegensatz zu anderen Fotografen (ich denke da vor allem an Martin Parr) sind seine Bilder niemals “entlarvend”, auch wenn sie sehr intime Augenblicke festhalten (z. B. “Curiosity”).

Old Boys (Italien, 2017)

Auch die Landschaftsfotografie Brodskys fasziniert. Übrigens: Ein Foto, das in Österreich aufgenommen wurde, ist auch dabei ;-). Sehr geglückt ist meiner Meinung nach der minimalistische Einsatz von Farbe wie in “Blue Shatters” oder “Narrow Window”.

Blue Shatters (Lacoste, Frankreich, 2014)

Bei den “Dingen” sind Aufnahmen aus einem offenbar längerfristigen Projekt zu sehen: “Forgotten Toys”. Das “Forgotten” ist hier durchaus mehrdeutig – aber schaut selbst in diese Galerie hinein.

Friendly Barbies (Portugal, 2018)

Ich habe David Brodsky natürlich zurückgeschrieben und hoffe, dass wir bald ein Videogespräch führen und aufzeichnen werden. Fragen und Themen für ein Porträt dieses bemerkenswerten Künstlers hätte ich genug.

Kurt Lhotzky

Alle Fotos (c) David Brodsky, mit Genehmigung des Fotografen

Das Festival La Gacilly Baden ist eröffnet!

Bereits zum 4. Mal findet in diesem Jahr in Baden (Niederösterreich) in Zusammenarbeit mit der Rocher-Stiftung und zahlreichen lokalen und internationalen Partnern das La Gacilly-Festival statt.

In La Gacilly (Bretagne) 2003 vom damaligen Bürgermeister Jacques Rocher initiiert, hat sich das von Haus aus ökologisch orientierte internationale Fotografieevent nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit den österreichischen Organisatoren rund um den international renommierten Fotografen und Verleger Lois Lammerhuber zum größten fotografischen Freiluftereignis Europas entwickelt. Mit Stolz können die Veranstalter vermelden:

Das Festival erstreckt sich über 7 Kilometer Länge, aufgeteilt in eine Garten-Runde und eine Stadt-Runde, ausgehend vom Besucherzentrum am Brusattiplatz. Integriert in den öffentlichen Raum sind heuer ca 1.500 Fotografien zu sehen, manche bis zu 280m² groß.

Es ist das größte Outdoor-Fotofestival Europas, das 2020 von 306.024  Besuchern gesehen wurde. 

Jeweils mit einem Jahr Verzögerung kommt die Ausstellung von La Gacilly nach Baden und wird dort mit zusätzlichen Ausstellungen angereichert. 

Schwerpunktthema der diesjährigen Schau ist Lateinamerika – “Viva Latina” ist die griffige offizielle Bezeichnung. Zweiter Schwerpunkt ist die Biodiversität. Beide Themen sind ja eng miteinander verwoben.

Lateinamerika ist ein Kontinent, der seit Beginn unseres Jahrtausends von heftigen politischen und sozialen Eruptionen erschüttert wird. Die internationalen Wirtschaftskrisen spiegeln sich dort besonders brutal; der Kampf um die natürlichen Ressourcen – von Erdöl bis zu Edelhölzern . nimmt explosive Formen an. “Demokratische Öffnungen” nach den finsteren Jahren der Diktaturen in Chile oder Argentinien entpuppen sich als gar nicht so demokratisch, in Brasilien spitzen sich die Konflikte zwischen den Verfechtern einer zweiten Auflage der vargistischen Diktatur der 60er und 70er Jahre und den sozialen Massenbewegungen weiter zu; in Bolivien hat es eine oligarchische Minderheit geschafft, den ersten indigenen Regierungschef wegzuputschen, Kolumbien kommt seit Monaten nicht zur Ruhe, und die Wirtschaftskrise in Argentinien hat schon fast Tradition.

Lateinamerika ist aber auch ein Zentrum des Kampfes um die Verteidigung der natürlichen Habitate, der Regenwälder, der Artenvielfalt. Gerade Brasilien ist ein erschreckendes und brutales Beispiel dafür, wie agro-industrielle Profitgier nicht nur schwere Schäden am Ökosystem hervorbringt; denn bei der Diskussion über die “grüne Lunge der Welt” oder den Klimawandel wird leider oft ignoriert, dass hier menschliche Lebensräume zerstört werden; dass Indigene von Paramilitärs im Auftrag der Großgrundbesitzer und der Agroindustrie vertrieben oder ermordet werden.

Und das Problem endet nicht im Luftraum über Lateinamerika. Die klimatischen Veränderungen führen weltweit zu Naturkatastrophen, auch wenn diese mitunter langsam und daher weniger spektakulär empfunden werden als beispielsweise Tsunamis. Die Verwüstung Afrikas – wörtlich genommen: der Verlust fruchtbaren Bodens und seine Verwandlung in Wüste – , die Erwärmung der Meere und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Ernährung, die Verseuchung der Gewässer sind eine wesentliche Ursache für die neuen Migrationsströme. Menschen, die durch die Profitgier einheimischer Statthalter der imperialistischen Mächte und Konzerne an die Grenzen des gerad noch erträglichen gedrängt werden geraten in Bewegung, suchen sich neue Plätze, an denen sie zu überleben hoffen und werden dann an den Außengrenzen der reichen Länder abgewiesen, Verbrecherbanden ausgeliefert, ertränkt. 

Hier kommt die Fotografie ins Spiel. Und Ausstellungen. Und Fotobücher und Fotozeitschriften. Fotografinnen und Fotografen können im Zeitalter des Internet in Bruchteilen von Sekunden Realitäten auf die Monitore von Milliarden Menschen bringen, die in diesem Ausmaß vor zwanzig, dreißig Jahren noch unvorstellbar waren . Wie aber die Bilderflut bewältigen? 

Das “Foto auf Papier” wird wieder wichtiger. Die Bilder einer Ausstellung, die Fotobücher – “Ausstellungen zum nach Hause nehmen”, die Fotozeitschriften für die aktuelle Information sind nachhaltig. Sie verschwinden nicht, wenn man mit dem Finger über sie wegwischt. Fotos wirken schon im Format 10 x 15 anders als auf dem Smartphone und 100 x 150 anders als am größten Computermonitor. 

La Gacilly (Bretagne) und La Gacilly in Baden bedeuten hier einen besonders wichtigen Schritt in der Aufwertung der Fotografie: die Bilder erobern den öffentlichen Raum. Jede und jeder kann die Fotos betrachten, solange sie oder er es will, und das, ohne Eintritt zahlen zu müssen, ohne kulturellen Dresscode, in jeder Hinsicht barrierefrei.

Lois Lammerhuber über einige spezielle Aspekte des diesjährigen Festivals

“Viva Latina” ist eine staunenswerte Zusammenstellung von Fotodokumenten, die Einblick in das pralle Leben des Halbkontinents bietet. Ja, viel Naturfotografie; Bilder, die das Elend der Menschen zeigen; aber auch viele Bilder, die Menschen beim Feiern, im Umgang mit anderen Menschen, bei der Arbeit zeigen. Und viele wirklich witzige Arbeiten, wie etwa die des argentinischen Fotografen Marcos Lopez, der mit knallig-bunten inszenierten Fotos einen ironischen Blick auf Stereotype über Lateinamerika und die konsumorientierte Oberschicht wirft. 

Spannend die Bilder der brasilianischen Fotografin Luisa Dörr, “Mulheres” (Frauen). Die 1988 geborene Fotografin begleitet einerseits in einer Fotoserie die Flying Cholitas – indigene Frauen, die in prächtig-leuchtenden traditionellen Kleidern Ringkämpfe veranstalten und damit eine Tradition fortsetzen, die ganz anders aussieht als die des “Männerringkampfs”; eine zweite Serie zeigt die “Falleras”, Frauen aus der Region Valencia, die das ganze Jahr über an traditionellen Gewändern nähen und sticken, die an die traditionelle Kleidung der Arbeiterinnen auf den Reisfeldern rund um Valencia anknüpfen und diese modischen Kunstwerke bei einem Volksfest zeigen.

Der Brasilianer Cássio Vasconcellos stürzt mit seinen riesig aufgeblasenen Arbeiter die Betrachter in arge Verwirrung. Da ist die Außenwand eines Gebäudes mit einem Foto bedeckt, das 50.000 Autos aus der Luft zeigt. Aus der Ferne glaubt man, ein pointillistisches Mosaik vor sich zu haben, aber aus der Nähe … Das Erschreckende: die abgebildeten Fahrzeuge zeigen gerade ein Prozent der Autos, die sich in der Heimatstadt des Fotografen, Sao Paolo, mehr oder minder fortbewegen.

In den Urwald Brasiliens führt uns Carolina Arantes. Dort lebt am Rio Xingu das Volk der Juruna, oder, genauer: Diejenigen, die sich dort noch festkrallen konnten. Denn dem gigantischen Wasserkraftwerk Belo Monte, das hinter einem Staudamm von mehr als 100 Meter Höhe errichtet wurde, fielen fast 50.000 Hektar Urwald zum Opfer, geschätzte 40.000 Menschen wurden zwangsumgesidelt. Es ist dieser Teil des Regenwaldes, der nach der Wahl Jair Bolsonaros von heftigen Bränden heimgesucht wurde – die kein Zufall waren, sondern Folgen der  Brandrodungen durch die dortige Agraroligarchie waren.

Pablo Corral Vega zeigt Menschen in den Anden. Stimmig “kommentiert” werden die Fotos mit ausgewählten Zitaten des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Tomas Munita aus Chile wiederum begleitet die “Cowboys in Patagonien”.

Einen ausgesprochenen “Manstop”-Effekt haben die Fotos, die das Ergebnis der Zusammenarbeit von Fotografen der französischen Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP) und des Festivals in La Gacilly sind: Pedro Pardo zeigt ungeschminkt Szenen aus Mexiko, die erschüttern. Kinder, die schwerbewaffnet in “Selbstverteidigungsmilizen” Dienst tun müssen; Menschen, die verzweifelt versuchen, illegal in die USA zu gelangen. 

Der Chilene Martin Bernetti zeigt in eindrücklichen Aufnahmen, welche verheerenden Auswirkungen der Raubbau an den natürlichen Rohstoffen hat – aber auch, wie erste Schritt eines Rückbaus unternommen werden, um die der Natur geschlagenen Wunden zu heilen. Carl de Souza aus Brasilien dokumentiert den Widerstand der Indigenen am Amazonas. Proteste, wie es in den Medien oft verniedlichend heißt? Unter Bolsonaro wohl mehr der Kampf ums Überleben ganzer Völker.

Die Fotos im Schwerpunkt Biodiversität kann man wohl ohne Übertreibung sensationell nennen.

Der französische Unterwasserfotograf Greg Lecoeur nimmt uns auf eine abenteuerliche Reise in die große Welt unter der Meeresoberfläche mit. Durch die Größe der Ausarbeitung für die Ausstellung La Gacilly in Baden wirken die Bilder noch beeindruckender.

Nadia Shira Cohen, eine US-amerikanische Fotografin, dokumentiert in einem Langzeitprojekt, wie die Naturzerstörung die Lebensgrundlage einer der letzten Maya-Regionen untergräbt.Ulla Lohmann (berühmt für ihre Vulkanfotos) zeigt, wie sich in Madagaskar Menschen der Zerstörung der Wälder und Anbauflächen widersetzen. Besonders empfehlenswert für Besucherinnen und Besucher, die wie ich die madegassischen Lemuren ins Herz geschlossen haben!

Ein Thema für sich wäre die Sonderschau des Zyklus “Gold” von Sebastiao Salgado. Darauf werde ich in einem späteren Beitrag zurückkommen.

In diesem ersten Beitrag zum diesjährigen Festival La Gacilly in Baden konnte ich natürlich nicht alle Fotografinnen und Fotografen erwähnen – das ist keineswegs wertend, sondern einzig und allein den zeitlichen Möglichkeiten geschuldet.  

Ebenfalls noch nicht beschäftige ich mich hier mit dem bemerkenswerten länderverbindenden Projekt, Schülerinnen und Schüler in Morbihan (Bretagne) und ihre niederösterreichischen Alterskolleginnen- und kollegen fotografische Arbeiten zum Thema “Diversität” zu gestalten.

Zum Glück ist das Festival bis Oktober zu besuchen. Da es, wie gesagt, ein Freiluftevent ist, kann man bei entsprechender Abstandsdisziplin auch weitgehend auf die FFP2-Maske verzichten. Und vielleicht darüber nachdenken, inwieweit die Pandemie, die uns soviel Lebenszeit gekostet hat, nicht auch mit dem Thema Biodiversität zusammenhängt.

Kurt Lhotzky

Der Gesamtkatalog zur Ausstellung lässt sich hier downloaden: https://press.lammerhuber.at/Festivalkatalog2021