Terry O’Neill (1938-2019)

Einer der bedeutendsten Porträtfotografen unserer Zeit ist am Wochenende im 81. Lebensjahr einem Krebsleiden erlegen.

Terry O’Neill, 1938 im Londoner East End geboren, wollte nach der Schule mit 14 keineswegs Fotograf werden – sondern Schlagzeuger. Aber die kleinen Bands, mit denen er im Teenageralter auftrat, konnten seinen Ehrgeiz nicht befriedigen. Er wollte nach New York und dort bei den Meistern lernen. Nur – wie hinkommen ohne Geld?

Terry heuerte bei einer Fluglinie als Stewart an und verwirklichte so seinen Traum. Mit der Karriere in New York wurde es zwar nichts, aber bei BOAC (British Overseas Airways Corporation) war man auf den strebsamen Jungen aufmerksam geworden und bot ihm eine Lehrstelle in der fotografischen Abteilung an. Und so lernte er von der Pike auf, unter anderem bei Kursen an der Londoner Kunstakademie, und fotografierte fleißig am Flughafen der englischen Hauptstadt. 1959 machte ihn ein „Zufallstreffer“ zum Fotoreporter: Ein Porträt des erschöpft am Flughafen eingeschlafenen Innenministers Rab Butler brachte es auf die Titelseite der Tageszeitung Sunday Dispatch.

Damit begann die Karriere jenes Mannes, der gerne als „der Chronist der Swinging Sixties“ bezeichnet wurde. Von den Beatles über die Stones, die Schauspieler Michael Caine und Anthony Quinn bis zur bekannt fotoscheuen Amy Winehouse reicht die Liste der von ihm Porträtierten. O’Neill war kein Paparazzo. Er baute den Kontakt zu den Menschen, die er fotografierte auf. Es sind markante Porträts, keine geschleckten, geschönten Bilder, die O’Neill hinterlassen hat. Seine Arbeiten werden die rinnerung an ihn wachhalten.

Unten ein Link zu einigen seiner besten Aufnahmen.

https://iconicimages.net/photographers/terry-oneill/

Kurt Lhotzky

Videosonntag: Lost Places fotografieren mit Pavel Kaplun

Spätestens seit meinem Bericht von der foto + adventure wisst ihr, dass ich ein ausgesprochener Fan von Pavel Kaplun bin. Nicht unbedingt, was seine Bildbearbeitung betrifft; vielmehr ist es der unvergleichlich humorvolle und pädagogisch gelungene Stil seiner Videos.

Heute ein Video, das zwar schon vier Jahre auf dem elektronischen Buckel hat, aber immer noch gültig ist: Lost Places mit Pavel Kaplun fotografieren!

Rückblick: Die Photo+Adventure in Wien 2019

Ja, Wien hat sich in den letzten Jahren wirklich zu einer internationalen Tribüne für die zeitgenössische Fotografie gewandelt. Neben einer zunehmenden Zahl qualitativ hochwertiger Ausstellungen (auch abseits der bekannten Galerien und Museen) hat die Photo+Adventure als Publikumsmesse dazu beigetragen, die heimische Szene zu beleben.

Die Photo+Adventure bietet auch jungen Fotografinnen und Fotografen eine Plattform

Was am 9. und 10. November 2019 in der Halle B der Messe Wien zu sehen war, bildete jedenfalls nur die Spitze des Eisbergs. Die Gestalter der Messe, der Reisefotograf Oliver Bolch und der Historiker und Geograf Thomas Wiltner haben nicht nur ein Großevent mit über 200 Workshops, Gesprächen und Ausstellungen auf die Beine gestellt – ein beeindruckendes Rahmenprogramm und ein Fotowettbewerb flankierten die eigentliche Messe.

Naturfotografie Expeditionsvortrag von Christine Sonvilla

Die naheliegende Verbindung von Fotografie und Reise hat auch dieses Mal voll gegriffen. Vorträge wie „Geometry of Ice“ über Reisen und Fotografieren in der Arktis wurden durch Veranstaltungen wie Travel-Handyfotografie ergänzt. Fotowalks im Vorfeld, Workshops, teilweise von Kameraherstellern gesponsert und der erwähnte Fotowettbewerb zum umkämpften Begriff „Heimat“ seien ebenso erwähnt wie der Vortrag von Andreas H. Bitesnich über seine Fotokarriere oder die Werkschau von Lukas Beck.

In Halle B tummelten sich dann Schau- und Kauflustige. Ist 2019 das Jahr der „spiegellosen“? Vermutlich werden alle Besucherinnen und Besucher diese Frage ganz nach ihren eigenen Präferenzen beantworten. Wer auf spiegellose Kameras abfährt, wurde bei Sony, aber auch nahezu allen anderen Herstellern fündig. Wer die gute alte DSLR zu schätzen weiß, kam mindesestens ebenso sehr auf seine Rechnung.

Bei Eizo praktiziert man merkwürdige Methoden der Bildschirmkalibirierung 🙂

Realistisch sei aber vermerkt: Kameras um die 4.000,– Euro muss man sich einmal leisten können, und wenn manche Gurus im Internet auf ihren VLogs Gehäuse um 2.500,– als „mittlere Preisklasse“ bezeichnen, ist das gut und schön, aber kaum ein Abbild der realen Kaufkraft.

OK – dieses Porträtfoto hätte wer anderer machen sollen, aber die Gelegenheit war günstig.

Hier ein großes Lob den Organisatoren, die auch Händlern und Anbietern von second-hand-Geräten Platz gelassen haben. Und auch ein Dankeschön an jene Aussteller, bei denen auch Interessenten mit kleiner Geldbörse (und das auch gesagt haben) hervorragend beraten wurden.

Was für den sparsamen Amateur erwähnenswert ist: Mittlerweile bieten etliche Hersteller sehr leichte Carbonstative schon unter 70,– EUR an – das nur als Hinweis am Rande.

Generell habe ich, zumindest subjektiv, den Eindruck, dass es eine deutliche Akzentverschiebung hin zu „Ausrüstung“ und Accessoires gibt. Fototaschen und Fotorucksäcke, Outdoorbekleidung, natürlich Stative und Lampen nehmen ziemliche Flächen ein. Und dann natürlich: Fotodrohnen. Ein deutlicher Preisverfall und das bevorstehende Weihnachtsfest, Chanukka, was auch immer hat zum Belagerungszustand bei den Ständen der einschlägigen Hersteller geführt.

Wie immer mächtig präsent: CEWE

Mächtig wie immer war der führende Fotobuch- und Endfertigungsanbieter CEWE vertreten. Wie jedes Jahr konnte sich das Publikum vergewissern: Gute Qualität zu fairen Preisen ist leistbar (wer mehr sucht, konnte natürlich auch bei exklusiven Printanbietern stöbern).

Mein persönliches Highlight war der Besuch am Stand des Kreativstudios Pavel Kaplun. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Miho Birimisa stellte Kaplun u. a. das köstliche Buch „Zwei alte Säcke zum Stand der Portraitfotografie“ vor.

Miho präsentiert Pavel in verführerischer Pose
Pavel Kaplun live war natürlich einen Umweg wert.

Übrigens: Die nächste Foto+Adventure in Wien findet am 31. Oktober und 1. November 2020 statt!

Tja …

Kurt Lhotzky

Videosonntag: Alison Jackson über Fake Truth

Zurzeit sind in der Wiener Galerie Westlicht die erstaunlichen Arbeiten der englischen Fotografin und Video-Künstlerin Alison Jackson zu bewundern. Herrlich bissige Blicke auf die Prominenten – und die voyeuristische Lust am Beobachten der Reichen und Schönen, der Mächtigen und Bösen.

Ein Bericht zur Ausstellung folgt, hier, zur Einstimmung, ein TED-Talk von Jackson. Zwar aus dem Jahr 2008, aber: mit deutschen Untertiteln, und: Die Aussage hat sich nicht geändert! Enjoy!

Videosonntag: 50 Jahre „Rencontres d’Arles“

Auf complexityinaframe habe ich immer wieder auf die „Rencontres d’Arles“ verwiesen. Es gibt eine Menge interessanter Videos über dieses Großereignis der internationalen Fotografie. Leider ist der Großteil davon nur auf Französisch verfügbar und ich habe derzeit nicht die Kapazität, Untertitel dazu zu liefern.

Hier also ein Beitrag im leichter zugänglichen Englisch – mit einem wirklich informativen Interview mit der griechischen Fotografin und Filmemacherin Evangelia Kranioti.

In den Fußstapfen der Geflüchteten: Michael Bunel

Seit mehr als sechs Jahren beschäftigt sich der französische Fotograf Michael Bunel mit einem Thema, in das er als Pressefotograf beinahe „hineingestolpert“ ist: Im Frühjahr 2013 wurde er an der türkisch-syrischen Grenze festgesetzt, als er sich zur Front bei Aleppo durchschlagen wollte. Dort begegnete er erstmals syrische Zivilisten, die vor den Kämpfen flüchteten, teilte eine Zeitlang ihr Leben und wurde zum ersten Mal mit der Realität der Flüchtlingslager in Syrien konfrontiert.

Seit Tagen warten die Flüchtlinge unter dem Schnee auf einen Platz im Humanitären Zentrum an der Porte de La Chapelle. Paris, Frankreich. Februar 2018.

Das Thema ließ Bunel nicht los. Er dokumentierte die Fluchtrouten nach Westeuropa und die Geschichten derer, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Nun ist das Buch „Exil“ erschienen, das den weiten Weg von Syrien auf die Straßen der europäischen Hauptstädte verfolgt. Die Fotos bilden die Zusammenfassung dreier Projekte:

„Au bout de vos rêves“ („Am Ziel eurer Träume“) folgt Geflüchteten auf den europäischen Migrationsrouten;

„Un an dans la Jungle“ („Ein Jahr im Dschungel“) zeigt den Alltag in den Slums von Calais

„Au pays des droits de l’Homme“ („Im Land der Menschenrechte“) gibt einen Überblick über die Aufnahmebedingungen von Geflüchteten in Frankreich.

Michael Bunel hat Konfliktherde in aller Welt gecovert und seine großartigen Schwarz-Weiß-Fotos sollte man jenen Politikern um die Ohren knallen, die kaltschnäuzig erklären, die Menschen müssten sich an schreckliche Bilder gewöhnen. Nein, müssen sie nicht, dürfen sie nicht.

Bilder können die Welt nicht verändern – sie können aber eine starke Triebfeder dafür sein, dass Menschen diese Veränderung in Angriff nehmen.

New York: Preise und Stipendien für humanistische Fotografie vergeben

Am 17. Oktober fand im Theater der New Yorker School of Visual Arts in der 23rd Street West die seit vier Jahren organisierte Feier des W. Eugene Smith Fonds für humanistische Fotografie statt.

W. Eugene Smith (1918-1978)

Der Fonds würdigt das Vermächtnis des großen Foto-Essayisten W. Eugene Smith, indem er talentierte Dokumentarfotografen finanziell unterstützt, die Hilfe bei der Durchführung eines langfristigen Projekts benötigen. www.smithfund.org

Einer der Höhepunkte des Abends war ein Video des mit 40.000 Dollar geförderten mexikanischen Stipendiaten Yael Martinez zu seinem Projekt „Das Haus, das blutet„. Er erzählt seine eigene Geschichte – zwei Mitglieder seiner Familie waren ermordet worden. Bewegend zeigt Martinez, was der tägliche Terror für die Familien der Opfer bedeutet.

Im Rahmen der Gala wurden die 12 Finalisten bekannt gegeben und ihre Arbeiten in Videos präsentiert. Bemerkenswert sind die 5.000 Dollar Stipendien für Matt Eich und Nadia Shira Cohen. aber die Projekte der Finalisten Pierre Faure „France Periferal“, Debi Cornwall „Necessary Fiction“ und Lalo de Almeida „Amazonian Dystopias“ waren besonders stark.

Ein Höhepunkt des Abends war die Weltpremiere des im Jahr 2020 erscheinenden Films „Minamata“ – ein Spielfilm über Eugene Smith und seinen Fotobericht über Quecksilbervergiftungen in Japan in den 1970er Jahren. Johnny Depp als Smith beeindruckte das Publikum. Der Film ist genau und wahrheitsgetreu recherchiert. Die Kernaussage des Films (und des Lebenswerks von Smith) ist eindeutig: In einer Zeit, in der Konzerne, korrupte Politiker und mafiose Strukturen miteinander mehr und mehr verschmelzen, ist es die Pflicht des humanistischen (Foto)Journalismus, die Menschen aufzurütteln und zum Handeln zu bewegen.

Ein weiterer Höhepunkt war die Rede von Susan Zirinsky, Präsidentin und Chief Executive Producer von CBS News. Sie sprach über ihre Karriere und erklärte, wie die Kraft einer Fotografie  die Aufmerksamkeit aller wecken und öffentliche Debatten anstoßen kann. 

Der vor zwei Jahren ins Leben gerufene Preis für Studenten ging an Fawaz Oyedji aus Nigeria für sein Projekt „Yours in Arms“. Er zeigt darin die Auswirkungen einer paramilitärischen Erziehung in den Universitäten des Landes auf Bewusstsein und Leben der Studierenden.