Fotofestival La Gacilly Baden: Peter Dench oder die Kunst, über sich selbst zu lachen

Gedanken zu einem britischen Fotografen beim Festival La Gacilly-Baden

Wer an britische Fotografie denkt, dem fallen oft zuerst Namen wie Bill Brandt, Tony Ray-Jones oder Martin Parr ein. Sie alle verbindet eine eigentümliche Haltung zur Wirklichkeit: ein genauer, manchmal gnadenlos präziser Blick auf die eigene Gesellschaft, gepaart mit jenem trockenen Humor, der nie bloßer Gag, sondern immer eine Form der Erkenntnis ist. Der Witz dient nicht dazu, die Welt lächerlich zu machen. Er hilft vielmehr, sie besser zu verstehen.

Peter Dench steht in genau dieser Tradition.

Das diesjährige Festival La Gacilly-Baden widmet der britischen Fotografie einen Schwerpunkt. Zwischen den unterschiedlichen Positionen fällt Dench zunächst durch seine scheinbar mühelose Leichtigkeit auf. Seine Bilder bringen uns zum Schmunzeln, manchmal auch zum herzhaften Lachen. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt rasch, dass diese Komik niemals Selbstzweck ist. Hinter ihr verbirgt sich ein scharfer Beobachter gesellschaftlicher Rituale, nationaler Eigenheiten und menschlicher Widersprüche.

Eine Erkenntnis, die sich mir bereits am Eröffnungsabend auf eindrucksvolle Weise bestätigte.

Nach der feierlichen Eröffnung im Badener Stadttheater versammelten sich Fotografinnen, Journalistinnen, Kurator*innen und Gäste zum traditionellen Empfang im prachtvollen Max-Reinhardt-Foyer. Lois Lammerhuber bat Peter Dench schließlich um einige Worte. Das Thema klang fast beiläufig: Was bedeutet eigentlich to be British?

Was dann folgte, war eine jener Sternstunden, die man bei Festivals nicht planen kann.

Dench entwickelte, scheinbar mühelos und frei sprechend, ein brillantes Panorama britischer Mentalität. Er spielte mit Klischees, nur um sie Sekunden später wieder zu zerlegen. Er erzählte von Eigenheiten seines Landes mit entwaffnender Selbstironie, aber nie mit jener billigen Selbstverachtung, die heute oft als besondere Form der Intelligenz verkauft wird. Sein Humor war präzise, elegant und zutiefst menschenfreundlich. Das Publikum lachte viel. Gleichzeitig entstand der Eindruck, einer ebenso feinsinnigen Gesellschaftsanalyse zuzuhören wie einem großen Entertainer.

Peter Dench erklärt, was “so British”-sein bedeutet

Erst später wurde mir klar, dass diese 20 Minuten eigentlich die beste Einführung in seine Fotografien gewesen war.

Denn Peter Dench fotografiert genauso, wie er spricht.

Seine Kamera urteilt nicht.

Sie beobachtet.

Sie entdeckt kleine Absurditäten des Alltags, ohne jemals ihre Protagonist*innen bloßzustellen. Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zu vielen Fotograf*innen, die ebenfalls auf skurrile Situationen aus sind. Bei Dench entsteht niemals das Gefühl, Menschen würden vorgeführt. Seine Bilder besitzen Humor, aber keine Häme. Sie leben von Sympathie.

Das verbindet ihn mit Tony Ray-Jones, der Ende der 1960er Jahre die britische Alltagsfotografie revolutionierte. Auch Ray-Jones interessierten weniger spektakuläre Ereignisse als die kleinen Rituale des gewöhnlichen Lebens: Dorffeste, Strände, Jahrmärkte, Picknicks, Sonntagsausflüge. Martin Parr entwickelte diesen Ansatz später weiter und verschärfte ihn gelegentlich bis zur grellen Satire.

Peter Dench geht einen anderen Weg.

Seine Fotografien wirken leiser.

Vielleicht sogar freundlicher.

Er zeigt eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Eigenarten durchaus bewusst ist und gerade deshalb über sich selbst lachen kann.

Diese Fähigkeit scheint heute fast schon ein kulturelles Alleinstellungsmerkmal zu sein.

Denn während sich viele Nationen entweder in nationalistischer Selbstüberhöhung oder in moralischer Selbstanklage verlieren, pflegt Großbritannien – trotz aller politischen Verwerfungen der letzten Jahre – noch immer jene eigentümliche Kunst der Selbstironie, die George Orwell einmal als Wesenszug der englischen Kultur beschrieb. Humor wird dort nicht als Flucht vor der Realität verstanden, sondern als eine besonders intelligente Weise, ihr zu begegnen.

Genau daraus speist sich Denchs Werk.

Wer allerdings glaubt, er fotografiere ausschließlich britische Exzentriker*innen, kennt nur einen kleinen Ausschnitt seines Schaffens.

Schon früh arbeitete Peter Dench international als Fotojournalist. Seine Reportagen führten ihn quer durch Europa, Afrika und Asien. Für die FIFA dokumentierte er in zahlreichen Ländern die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs. Seine Arbeiten erschienen unter anderem im Sunday Times Magazine, im Guardian, in Time, Newsweek und vielen anderen internationalen Medien. Bereits 2005 wurde er beim World Press Photo ausgezeichnet; später nahm er an der renommierten Joop Swart Masterclass teil.

Besonders beeindruckend erscheinen heute seine Reportagen aus Belarus und der Ukraine. Dort verschwindet der humoristische Blick keineswegs. Vielmehr verändert er sich. Die Ironie tritt zurück, während die Neugier bleibt. Dench interessiert sich nicht für große geopolitische Erzählungen. Ihn interessieren die Menschen, die unter den politischen Umständen leben. Seine Fotografien zeigen keine abstrakten Konflikte, sondern konkrete Lebenswelten. Gerade dadurch gewinnen sie ihre politische Kraft.

Ebenso bemerkenswert ist eine andere Seite seines Schaffens, die außerhalb der Fotoszene erstaunlich wenig bekannt ist.

Peter Dench schreibt.

Und zwar ausgezeichnet.

Seine Homepage ist weit mehr als ein Portfolio. Sie gleicht einem fotografischen Journal, das Essays, Reiseberichte, Nachrufe und ausführliche Gespräche mit Kolleg*innen versammelt. Dort begegnet man keinem Fotografen, der ausschließlich seine eigenen Bilder präsentiert. Man begegnet einem neugierigen Menschen, der anderen zuhören kann.

Seine Interviews gehören zu den interessantesten Texten, die derzeit über dokumentarische Fotografie erscheinen. Dench fragt kaum nach Kameras oder Objektiven. Ihn interessieren Zweifel, Erfahrungen, Arbeitsweisen und Haltungen. Er spricht mit Kolleg*innen über Ethik, Verantwortung, über Glück und Scheitern – kurz: über das Leben hinter den Bildern.

Vielleicht erklärt gerade das seine außergewöhnliche Präsenz als Fotograf.

Peter Dench scheint weniger daran interessiert zu sein, spektakuläre Fotos zu produzieren, als ein Leben lang aufmerksam zu bleiben.

In einer Zeit, in der viele Bilder um Aufmerksamkeit schreien, wirkt diese Haltung fast schon subversiv.

Man könnte seine Fotografie als freundlich bezeichnen.

Doch das wäre zu wenig.

Sie ist freundlich, ohne harmlos zu sein.

Sie ist humorvoll, ohne oberflächlich zu werden.

Sie ist analytisch, ohne belehrend aufzutreten.

Vor allem aber besitzt sie eine Eigenschaft, die in der zeitgenössischen Fotografie selten geworden ist: Vertrauen.

Vertrauen darauf, dass Menschen interessanter sind als Sensationen.

Vertrauen darauf, dass man die Welt nicht verzerren muss, damit sie erstaunlich erscheint.

Und Vertrauen darauf, dass die Wahrheit manchmal gerade dann sichtbar wird, wenn wir beginnen, über uns selbst zu lachen.

Als ich Peter Dench im Max-Reinhardt-Foyer erlebte, dachte ich: “Was für ein brillanter und außergewöhnlich unterhaltsamen Redner!”

Heute denke ich, dass ich einem außergewöhnlichen Fotografen zugehört habe.

Beides gehört untrennbar zusammen.

Kurt Lhotzky

Alle Fotos: Kurt Lhotzky

Ausschnitte mit Artikeln von Peter Dench: Screenshot seiner Homepage

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