Joseph Nicéphore Niépce (1765–1833) – Der Mann, der das Licht festhielt

Als Joseph Nicéphore Niépce im Jahr 1765 im burgundischen Chalon-sur-Saône geboren wurde, war Frankreich noch eine Welt der Könige, Zünfte und Postkutschen. Als er starb, fuhren bereits die ersten Eisenbahnen, Fabrikschornsteine veränderten die Landschaft, und eine neue Gesellschaft begann sich aus den Trümmern der alten zu erheben. Sein Leben umspannte jene Epoche, in der Europa den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus vollzog.

Niépce war kein Künstler im klassischen Sinn. Er war Erfinder, Tüftler, Naturwissenschaftler – und vor allem ein Mensch, den technische Probleme magisch anzogen. Gemeinsam mit seinem Bruder Claude entwickelte er den Pyreolophore, einen der ersten Verbrennungsmotoren überhaupt. Doch seine eigentliche Leidenschaft galt einem anderen Problem: Wie konnte man die Bilder der Camera obscura dauerhaft bewahren?

Seit Jahrhunderten hatten Maler das flüchtige Bild genutzt, das eine kleine Öffnung auf eine Fläche projizierte. Doch niemand konnte dieses Bild festhalten. Es verschwand, sobald das Licht erlosch. Für Niépce war dies keine philosophische Frage, sondern eine technische Herausforderung.

Nach zahllosen Experimenten entdeckte er, dass sich Asphalt (“Judäe-Bitumen”) unter Lichteinwirkung verhärtet. Er trug die Substanz auf polierte Zinnplatten auf und belichtete sie viele Stunden lang. Die unbelichteten Stellen konnten anschließend ausgewaschen werden. Um 1826 entstand so jenes berühmte Bild aus dem Fenster seines Hauses in Le Gras – die älteste erhaltene Fotografie der Welt. Die Belichtung dauerte vermutlich einen ganzen Sommertag. Das Bild wirkt unscheinbar, fast geisterhaft. Und doch markiert es einen Wendepunkt der Menschheitsgeschichte.

Unspektakulär – aber weltbewegend

Niépce selbst ahnte kaum, welche Folgen seine Entdeckung haben würde. Für ihn war die Heliographie (von griechisch „Sonne“ und „zeichnen, (be)schreiben“) zunächst ein wissenschaftliches Verfahren. Die industrielle Verwertung lag außerhalb seiner Möglichkeiten. Seine Experimente verschlangen Geld, seine Gesundheit verschlechterte sich, und Anerkennung blieb weitgehend aus.

1829 schloss er eine Partnerschaft mit Louis Daguerre, einem erfolgreichen Bühnenmaler und Unternehmer aus Paris. Niépce brachte das wissenschaftliche Fundament ein, Daguerre kaufmännisches Geschick und öffentliche Kontakte. Die Zusammenarbeit verlief nicht ohne Spannungen. Beide arbeiteten an ähnlichen Zielen, aber mit unterschiedlichen Temperamenten.

Als Niépce 1833 starb, war die Fotografie noch nicht geboren – jedenfalls nicht öffentlich. Erst sechs Jahre später stellte Daguerre die Daguerreotypie vor. Der Ruhm fiel fast vollständig ihm zu. Der Name Niépce geriet für Jahrzehnte in den Hintergrund.

Heute erscheint sein Werk in einem anderen Licht. Ohne seine Geduld, seine chemischen Versuche und seine Beharrlichkeit hätte es keine Fotografie gegeben. Er war nicht der Mann des spektakulären Durchbruchs, sondern der stille Pionier, der das scheinbar Unmögliche möglich machte.

Dass Niépces Bedeutung lange unterschätzt wurde, zeigt auch die Fotohistoriographie. Gisèle Freund widmet ihm in ihrer grundlegenden Studie Photographie und Gesellschaft nur wenige Zeilen. Selbst in der viel gelesenen Geschichte der Photographie aus der George Eastman House Collection wird er im Register nicht einmal aufgeführt. Erst neuere Darstellungen – etwa Paul Lowes Die Geschichte der Fotografie – räumen ihm den Platz ein, der seiner historischen Rolle entspricht.

Gerade darin liegt etwas Charakteristisches für seine Zeit. Die frühe Industrialisierung brachte nicht nur große Unternehmer hervor, sondern auch unzählige unbekannte Erfinder, deren Arbeit den technischen Fortschritt vorbereitete, während andere später den wirtschaftlichen Erfolg ernteten. Niépce gehört zu jener Generation von Forschern, die den Boden bereiteten, auf dem eine neue Welt entstand.

Unwillkürlich denke ich da an Engels‘ wunderbare Beschreibung der Renaissance in der Einleitung zur „Dialektik der Natur“:

Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. Die Männer, die die moderne Herrschaft der Bourgeoisie begründeten, waren alles, nur nicht bürgerlich beschränkt.

Niépce war kein Universalgelehrter im Ausmaß eines Leonardo. Doch auch er gehört zu jener Generation von Erfindern, deren Neugier sich nicht auf ein einzelnes Fachgebiet beschränkte. Er hielt als Erster das Licht fest. Doch festhalten konnte er seinen eigenen Platz in der Geschichte zunächst nicht. Erst die Nachwelt gab ihm diesen Platz zurück.

Kurt Lhotzky

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