Der Global Peace Photo Award 2026 im Wiener Rathaus
Am 24. September wurden im Wiener Rathaus die diesjährigen Gewinner*innen des Global Peace Photo Award ausgezeichnet. Aus 27.846 Einreichungen aus 144 Ländern wählte die Jury die italienische Fotografin Silvia Alessi mit ihrer Arbeit The Cut zum „Peace Image of the Year 2026“. Der Hauptpreis zeichnet ein Bild aus, das auf den ersten Blick beinahe irritierend unspektakulär wirkt: Frauen halten Föhne in die Höhe.

Die Frauen auf dem Foto sind aus Afghanistan nach Pakistan geflüchtet. Dort erlernen junge Frauen in Ausbildungsstätten jene Berufe, die ihnen unter der Herrschaft der Taliban in Afghanistan zunehmend verwehrt werden. Schönheitssalons wurden verboten; damit verschwand zugleich eine der wenigen beruflichen Möglichkeiten, die Frauen dort noch offenstanden. Der Föhn wird in Alessi’s Bild damit zu weit mehr als einem Friseurwerkzeug: Er steht für die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen, selbst über das eigene Leben zu entscheiden und sichtbar zu bleiben.
Frieden erscheint hier nicht als abstrakter Zustand. Er bedeutet Selbstbestimmung.
Das ist vielleicht die interessanteste Qualität dieses Fotopreises. Denn die ausgezeichneten Arbeiten erzählen sehr unterschiedliche Geschichten und kommen ohne ein gemeinsames, leicht konsumierbares Bild vom „Frieden“ aus.
In der Kategorie der Kinder- und Jugendfotografie erhielt die elfjährige Sesilia Shainidze aus Georgien den Preis für My Family. Ihr Foto zeigt eine von ihr arrangierte Familienszene im Haus ihrer Großmutter. Es ist eine kleine, private Welt: Familie, Kinder, ein Hund, gemeinsames Spielen. Für das Mädchen bedeutet Frieden entsprechend nicht in erster Linie internationale Politik, sondern Wärme, Sicherheit und Zusammengehörigkeit.

Ganz anders die Arbeit Il Mare in Mezzo (The Sea In Between) des italienischen Fotografen Antonio Denti. Seine Serie beschäftigt sich mit Migrantinnen aus Afrika und ihren in Italien geborenen Kindern, die in der Nähe von Rom lernen sollen, ihre Angst vor dem Meer zu überwinden. Für viele der Frauen war das Mittelmeer auf der Flucht kein Symbol für Freiheit, sondern eine lebensgefährliche Grenze. Denti verbindet damit persönliche Erfahrungen von Migration mit einer Landschaft, die für manche Menschen Urlaub und Freizeit, für andere aber Flucht und Tod bedeutet.
Auch Aleksandra Kossowskas Serie The World by Touch nähert sich dem Thema Frieden über eine Erfahrung, die sich der unmittelbaren fotografischen Darstellung eigentlich entzieht. Kossowska fotografierte blinde und sehbehinderte Kinder in einer Schule in Äthiopien. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen ergänzte sie mit Sternenwolken – ein Versuch, eine Welt sichtbar zu machen, die für die Fotografierten nicht über das Sehen erfahrbar ist. Die Fotografien wurden zudem von Hand perforiert, sodass aus dem rein visuellen Medium Fotografie etwas Tastbares wird.
Besonders unmittelbar ist schließlich Mahmoud Abu Hamdas Serie Wings of Childhood and Peace. Der palästinensische Fotograf zeigt Kinder in Gaza – beim Spielen, Musizieren, Lachen und Zusammensein. Das Bemerkenswerte daran ist nicht, dass der Krieg verschwunden wäre. Im Gegenteil: Die Bilder entstehen in einer Umgebung, die von Bombardierungen, Zerstörung, Flucht, Hunger und Verlust geprägt ist. Abu Hamda selbst wurde bei einem Bombardement verletzt und fotografierte Hunger, während er selbst hungerte. Der Fotograf konnte selbsz nicht an der Preisverleihung teilnehmen und konnte nur eine sehr bewegende Videobotschaft übermitteln – ihm wurde die Ausreise von der Besatzungsmacht nicht gestattet.
Die gezeigten Bilder wirken stärker als manche der großen Worte, die bei einer Preisverleihung zum Thema Frieden fallen. Frieden ist hier nicht die romantische Gegenwelt zum Krieg. Er zeigt sich als etwas Konkretes: als Arbeit, Selbstbestimmung, Familie, Bewegungsfreiheit, Kindheit, Würde und die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu gestalten.

Das entspricht auch dem Grundgedanken, den der Initiator des Global Peace Photo Award, Lois Lammerhuber, in seiner Ansprache formulierte: Frieden sei nicht einfach die Abwesenheit von Krieg, sondern könne als „gelungenes Leben“ verstanden werden. Die Fotograf*innen würden gesellschaftliche und ökologische Konflikte sichtbar machen und damit der Gleichgültigkeit etwas entgegensetzen.
Ob Fotografie tatsächlich etwas gegen Krieg und Gewalt ausrichten kann, ist eine andere Frage. Sie kann keine Waffen zum Schweigen bringen und keine politischen Konflikte lösen. Aber sie kann etwas leisten, was gerade in Zeiten permanenter Bilderproduktion keineswegs selbstverständlich ist: Sie kann den Blick auf Menschen richten, statt nur auf Ereignisse.
Und manchmal reicht dafür ein Föhn, den eine Frau selbstbewusst in die Höhe hält.
Der Global Peace Photo Award 2026 wurde heuer zum vierzehnten Mal vergeben. Zu den Partnern des Awards zählen unter anderem die Edition Lammerhuber, die Photographische Gesellschaft, UNESCO, das Österreichische Parlament, World Press Photo Foundation, UNICEF Österreich und die Vienna Insurance Group.
Vielleicht liegt die Stärke der ausgezeichneten Fotografien genau darin, dass sie Frieden nicht erklären. Sie zeigen, was Menschen verlieren können – und was sie trotzdem nicht aufgeben.
Kurt Lhotzky
Eine Auswahl der eingereichten Fotografien bzw. die Bilder in der Shortlist zum Award findet ihr auf der Website des Global Peace Photo Award!


