Manchmal sitzt man vor dem Computer, schaut auf einen Stapel Visitenkarten, ein paar angefangene Notizbücher und eine Handvoll Cyanotypien, die man gerade von der Wäscheleine gepflückt hat – und denkt: War das alles wirklich innerhalb von nur vier Monaten? Ja, war es. Und zwar in Baden bei Wien, wo heuer zum neunten Mal das Festival La Gacilly-Baden Photo stattfand. 304.557 Besucherinnen und Besucher, falls jemand mitzählen möchte. Ich war ein paar davon. Mehrfach. Entschuldigt die statistische Verzerrung.
Eine Eröffnung mit Format
Beginnen wir mit dem Abend, der alles eröffnete. Stadttheater Baden, Bilderkonzert, großformatige Projektionen der Festivalfotografien, untermalt von einem Medley aus Beatles- und Queen-Songs, gespielt vom Orchester der Bühne Baden unter der Leitung von Michael Zehetner. Das war kein traditioneller Auftakt, sondern eine sorgfältig komponierte Gesamtinszenierung, in der Bild und Klang dermaßen verschmolzen, dass man sich zwischendurch fragen durfte, ob man gerade ein Fotofestival oder ein Konzert besucht. Am Ende Standing Ovations und ein Publikum, das den Refrain aus Hey Jude unermüdlich mitsang. Ich habe mich dezent zurückgehalten – mein Gesang hätte den positiven Gesamteindruck leicht beeinträchtigen können.

Immer wieder …
Zwischen zwischen der Eröffnung und dem Ende des Festivals am 12. Oktoberlag ein Sommer, in dem ich mehrfach durch die Ausstellungen gezogen bin. Mit Freunden, mit Bekannten und auch mit ausländischen Gästen, die ich durch Baden führte – und dabei feststellte, wie praktisch es ist, wenn man Gästen ein ganzes Stadtgebiet voller Fotokunst zeigen kann, statt sie nur ins Museum zu lotsen. Der Doblhoffpark, der Kurpark, das Stadtbild: alles Bühne. Meine Gäste waren durchweg beeindruckt, und ich habe mir jedes Mal die Frage angehört, warum es so etwas nicht auch bei ihnen zu Hause gibt. Vielleicht, weil nicht jede Stadt des Planeten mit einem Lois Lammerhuber gesegnet ist?

„So British!“ – ein Thema mit Nachhall
Das diesjährige Gastland Vereinigtes Königreich erwies sich als Glücksgriff. Don McCullin, mit 91 Jahren immer noch charismatisch, Sir Martin Parr, viel zu früh von uns gegangen, dazu Peter Dench mit seinem unverwechselbaren, ironischen Blick auf den britischen Alltag – das war große Klasse. Der eigentliche Impuls für mich kam jedoch von anderer Stelle: Wasser. „Water Is Life“ war der Publikumshit des Festivalsommers, und ich verstehe, warum. Die Ausstellung vor dem wiedereröffneten Schlosshotel Weikersdorf hat viel Stoff zum Nachdenken geboten.

Was man mitnimmt
Aus dem Themenblock zur Fragilität unserer Ökosysteme – Laurent Ballesta, Gina Soden, Cig Harvey und viele mehr – bin ich nicht einfach mit schönen Erinnerungen herausgegangen. Fast unbemerkt ist das Thema mit dem subkutanen Motto „200 Jahre Fotografie“ verbunden gewesen. Gleich bei einem der Zugänge zu den Open-air-Ausstellungen fanden sich nämlich die wunderbaren und subtilen Algen-Bilder der Anna Atkins. Unter ihrem Eindruck habe ich begonnen, mich praktisch mit Cyanotypie zu beschäftigen. Anna Atkins, die 1843 als erste Frau ein Buch mit Fotografien illustrierte, stand dabei Pate. Zwei Sonnentage, ein paar beschichtete Blätter, viel Geduld – und ein Ergebnis, das sich eher als „künstlerisch interpretierbar“ denn als „druckreif“ bezeichnen lässt. Aber darum geht es ja: Fotografie schafft Bewusstsein, wie Christian Schörg treffend formulierte. Und manchmal schafft sie es auch, dass es einem blau vor den Augen wird.

Menschen, Bilder, Begegnungen
Neben den großen Namen – McCullin, Parr, Terry O’Neill, die Beatles-Arbeiten von Christian Skrein und Michel Bouvet, die Jane-Goodall-Würdigung von Richard Ladkani – habe ich viele Fotografinnen und Fotografen kennengelernt, deren Namen mir vorher nichts gesagt hatten. Bei den Artist Talks, den Workshops, den Portfolioreviews. 72 davon gab es heuer.
Die Festival-App – kostenlos, dreisprachig, mit Originaltönen der Fotografinnen und Fotografen als Audioguide – hat mir mehrfach den Tag gerettet, vor allem, als ich zum dritten Mal meinen Begleiter*innen etwas Neues bieten wollte. Auch die „Kiss Box“ im Besucherzentrum war ein Besuchermagnet: Norbert Span hat sich fotografisch mit einem Moment beschäftigt, den man eigentlich für längst auserzählt halten könnte. Seien wir ehrlich: ein gefrorener Kuss ist allemal besser als ein eisiges Lächeln.
Und die 62 Volunteers, die vier Monate lang sieben Tage die Woche den Betrieb aufrechterhielten, verdienen an dieser Stelle ein ausdrückliches Dankeschön.
Auszeichnung und Weichenstellung
„Photo Festival of the Year“ – verliehen von Corporate Life Wire aus Birmingham, passend zum Gastland. Dazu die einstimmige Entscheidung des Badener Gemeinderats am 22. Juni, das Festival bis 2029 weiterzuführen. Wenn Politik einstimmig etwas beschließt, das mit Fotografie zu tun hat, dann hat die Fotografie offenbar einiges richtig gemacht.
Ich freue mich auf das nächste Festival. Auf neue Themen, neue Gesichter, neue Ausstellungen, die mich wieder wochenlang beschäftigen. Und darauf, dass ich bis dahin vielleicht meine Cyanotypien so weit im Griff habe, dass ich sie zeigen kann, ohne rot und nicht blau zu werden. Vielleicht. Mal sehen.
Baden war wieder „great again“. Danke dafür – und bis zum nächsten Jahr.

Kurt Lhotzky
Alle Fotos, sofern nicht anders angegeben: Kurt Lhotzky.


