Licht, Seide und ausgerissene Ecken: Das leise Genie der Lady Clementina Hawarden

Zuletzt haben wir uns auf Complexity in a Frame mit Julia Margaret Cameron beschäftigt – jener ausdrucksstarken Pionierin, die mit 48 Jahren auf der Isle of Wight ihr Studio einrichtete und bedeutende Persönlichkeiten wie Alfred Tennyson, Sir John Herschel oder Charles Darwin vor die Kamera holte. Cameron war eine Meisterin des emotionalen Porträts: Mit bewusst weicher Schärfe und literarischen und religiösen Anspielungen wollte sie ihren Modellen eine besondere, beinahe entrückte Präsenz geben.

Wer die frühe Frauenfotografie jedoch ausschließlich mit Camerons Inszenierungen verbindet, übersieht eine Fotografin, die zeitgleich in London einen ganz anderen Weg einschlug: Lady Clementina Hawarden.

Während Cameron häufig den Menschen und insbesondere das Gesicht ins Zentrum rückte, interessierte sich Hawarden mindestens ebenso sehr für das, was sich darum herum befand: Raum, Licht, Kleidung, Spiegel und die Beziehung der Figuren zueinander. Gerade dadurch wirken ihre Fotografien heute erstaunlich modern.

Zwei Welten im viktorianischen Haus

Auf den ersten Blick teilten die beiden Fotografinnen eine ähnliche Lebensrealität. Beide stammten aus wohlhabenden Verhältnissen, hatten große Familien und arbeiteten überwiegend im häuslichen Umfeld. Hawarden hatte zehn Kinder, zwei Söhne und acht Töchter; die Fotografien ihrer heranwachsenden Töchter bilden den größten Teil ihres erhaltenen Werks.

Doch in ihrer Bildsprache gingen die beiden bald auseinander.

Cameron rückte ihre Modelle häufig sehr nah an die Kamera und konzentrierte sich auf Gesicht, Ausdruck und Atmosphäre. Hawarden dagegen bezog den Raum ausdrücklich in die Komposition ein. Fenster, Balkone, Möbel, Stoffe und Spiegel sind bei ihr nicht bloß Hintergrund, sondern Bestandteile des Bildes. Das V&A (das weltberühmte Victoria and Albert Museum in London) beschreibt gerade diese Verbindung von Figur, Kleidung, Raum, Spiegeln und Haltung als charakteristisch für ihre Arbeit.

1859 kehrte die Familie Hawarden nach London zurück und bezog das Haus 5 Princes Gardens in South Kensington. Dort richtete Clementina Hawarden einen Teil der oberen Etage als fotografisches Arbeitszimmer ein. Große Fenster sorgten für reichlich Tageslicht; ein beweglicher Paravent, ein großer Standspiegel und wenige Möbelstücke konnten je nach Aufnahme neu angeordnet werden.

Es war kein Fotostudio im späteren professionellen Sinn. Es war ein Raum des Hauses, den Hawarden immer wieder neu als fotografische Bühne nutzte.

Und genau darin liegt ein wesentlicher Reiz ihrer Bilder.

Töchter, Spiegel und Licht

Hawardens wichtigste Modelle waren ihre Töchter. Besonders häufig fotografierte sie Isabella Grace, Clementina Maude und Florence Elizabeth. Die Mädchen erscheinen am Fenster, auf dem Balkon, neben einem Spiegel oder in sorgfältig arrangierten Kostümen.

Hawardens Tochter vor einem Spiegel, um 1860 Quelle: Virginia Dodier – Dodier, Virginia: Clementina, Lady Hawarden. Studies from life 1857-1864. New York 1999.

Der Spiegel wurde zu einem ihrer wichtigsten fotografischen Mittel. Er verdoppelt die Figur, erzeugt neue Blickachsen und macht aus einer einzelnen Person plötzlich zwei Erscheinungen. Manchmal ist dabei auch die Kamera selbst im Spiegel zu erkennen – ein ungewöhnlich direkter Hinweis darauf, dass wir nicht einfach eine Szene betrachten, sondern das Ergebnis einer fotografischen Inszenierung.

Auch das einfallende Tageslicht spielt eine zentrale Rolle. Die großen Fenster von 5 Princes Gardens wurden zur Lichtquelle, die Figuren, Wände, Kleidung und Möbel in unterschiedliche Helligkeitszonen zerlegt. Schatten sind dabei nicht bloß störende Nebenprodukte der damaligen Technik, sondern werden bewusst Teil der Komposition.

Hawarden interessierte sich zudem für Kleidung und Stoffe. Ihre Töchter erscheinen in zeitgenössischer Kleidung, aber auch in Kostümen und mit drapierten Tüchern, die historische oder imaginäre Rollen andeuten. Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Familienbild, Modefotografie und inszenierter Szene – ohne dass wir heute immer noch wissen können, welche Geschichte hinter einer bestimmten Aufnahme stand.

Technisch arbeitete Hawarden mit dem damals modernen Nasskollodiumverfahren. Die Negative entstanden auf Glasplatten; davon fertigte sie Albuminabzüge auf Papier an. Das Verfahren verlangte schnelles Arbeiten, weil die beschichtete Glasplatte während des gesamten Aufnahme- und Entwicklungsprozesses feucht bleiben musste.

Keine großen Titel

Auch bei der Benennung ihrer Fotografien unterschied sich Hawarden von vielen zeitgenössischen Fotograf*innen.

Während Julia Margaret Cameron ihren Bildern literarisch klingende Titel gab, verwendete Hawarden meist schlichte Bezeichnungen wie Photographic Study oder Studies from Life. Sie erklärte ihren Bildern damit keine Geschichte und gab dem Betrachter kaum eine Gebrauchsanweisung.

Das passt zu ihrer Arbeitsweise: Die Fotografie muss nicht erzählen, was man sehen soll. Sie lässt Raum für den eigenen Blick.

Anerkennung, Tragik und die ausgerissenen Ecken

Hawardens fotografische Schaffensphase war kurz. Das V&A geht von rund 800 Fotografien aus, die sie überwiegend zwischen 1857 und ihrem Tod 1865 schuf. 1863 und 1864 stellte sie bei der Photographic Society of London aus und erhielt in beiden Jahren eine Silbermedaille. 1863 wurde sie außerdem Mitglied der Gesellschaft.

Ihre gesellschaftliche Stellung machte einen regulären Verkauf ihrer Fotografien allerdings ungewöhnlich. Eine Frau aus ihrer sozialen Schicht konnte fotografisch arbeiten und ausstellen, eine kommerzielle Tätigkeit war dagegen nicht ohne Weiteres mit den Erwartungen an ihre gesellschaftliche Rolle vereinbar.

Am 19. Januar 1865 starb Clementina Hawarden in ihrem Haus in London im Alter von nur 42 Jahren an einer Lungenentzündung. Spätere Darstellungen haben vermutet, dass der regelmäßige Umgang mit den Chemikalien der Fotografie ihre Gesundheit geschwächt haben könnte. Das ist jedoch eine Vermutung und keine gesicherte Todesursache.

Ihr fotografisches Werk blieb anschließend fast vollständig im Besitz der Familie.

Bis 1939.

In diesem Jahr besuchte ihre Enkelin Lady Clementina Tottenham eine Ausstellung im Victoria and Albert Museum zum hundertjährigen Bestehen der Fotografie. Sie stellte fest, dass dort keine Arbeiten ihrer Großmutter vertreten waren – und schenkte dem Museum daraufhin 775 Fotografien. Damit gelangten rund 90 Prozent von Hawardens erhaltenem Werk in eine öffentliche Sammlung.

Und damit kommen wir zu einem kleinen Detail, das heute fast so charakteristisch für Hawardens Fotografien geworden ist wie ihre Spiegel.

Viele der Abzüge haben ausgerissene oder unregelmäßig beschnittene Ecken.

Die Ursache ist denkbar prosaisch: Die Fotografien waren einst in Familienalben eingeklebt und wurden später daraus entfernt. Dabei wurden die Ecken beschädigt. Warum die Bilder aus den Alben herausgelöst wurden, ist nicht eindeutig dokumentiert.

Was für die Familie einst schlicht eine Beschädigung gewesen sein mag, ist für uns heute Teil der Geschichte dieser Fotografien.

Diese kleinen Risse und Ausbrüche erinnern daran, dass wir hier keine eigens für ein Museum hergestellten Kunstobjekte betrachten. Es waren zunächst Familienbilder. Sie wurden angefertigt, betrachtet, in Alben eingeklebt, aufbewahrt und irgendwann wieder herausgerissen.

Lady Clementina Hawarden hat in den 1860er-Jahren mit erstaunlich einfachen Mitteln fotografiert: mit Tageslicht, einem Fenster, einem Spiegel, Stoffen, Möbeln und ihren Töchtern. Gerade daraus entwickelte sie eine Bildsprache, die bis heute erstaunlich frisch wirkt.

Vielleicht liegt ihre Modernität genau darin: Sie musste den häuslichen Raum nicht verlassen, um ihn fotografisch neu zu entdecken.

Kurt Lhotzky

Aus urheberrechtlichen Gründen verweise ich alle Interessierten auf die Bildarchive des V & A -Museums, die teilweise im Internet zugänglich sind!

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