Es gibt Kapitel der Fotogeschichte, die man mit einer gewissen Vorsicht erzählt. Das Studio Biederer ist so ein Fall. Wer sich mit den Pariser Brüdern Jacques und Charles Biederer beschäftigt, landet in einer Welt aus Art-déco-Ästhetik, Korsettstiefeln, Peitschen und sorgfältig arrangierten Körpern. Und irgendwann führt die Spur in eines der grausamsten Kapitel des 20. Jahrhunderts.
Das verlangt nach einem ernsthaften Ton. Aber nicht nach Betroffenheitsprosa. Denn die Biederers waren Fotografen und Geschäftsmänner. Sie wussten, was sich mit einer Kamera anstellen ließ – und dass sich auch das Verbotene verkaufen ließ, wenn man es nur geschickt genug inszenierte.
Eine Technik, die zu viel zeigte
Die Fotografie wurde 1839 öffentlich vorgestellt. Es dauerte nicht lange, bis nackte Körper vor der Linse standen. Das war weder ein Betriebsunfall noch eine moralische Verirrung einzelner Fotografen. Es lag auch an den besonderen Möglichkeiten des neuen Mediums.
Die Malerei konnte den Akt idealisieren, glätten und überhöhen. Die Fotografie versprach dagegen, einen wirklichen Körper zu zeigen: seine Haut, seine Falten, seine individuellen Eigenheiten. Natürlich war auch sie kein neutrales Abbild der Wirklichkeit. Schon die Wahl des Ausschnitts, der Beleuchtung, der Pose und des Hintergrunds entschied darüber, was zu sehen war. Doch gerade der Anspruch fotografischer Wirklichkeit verlieh diesen Bildern eine besondere Wirkung.
Der Markt erkannte das früh. Erotische Fotografien wurden verkauft, gesammelt und diskret weitergereicht. Nicht selten tarnten sie sich als akademische Studien für Maler. Die Berufung auf die Kunst war praktisch: Man konnte den nackten Körper studieren und musste nicht unbedingt zugeben, dass man ihn einfach sehen wollte.

Die bürgerliche Moral und die kommerzielle Nachfrage standen dabei in einem eigentümlichen Verhältnis. Was öffentlich als unanständig galt, konnte privat ein gutes Geschäft sein. Die Verbote beseitigten die Nachfrage keineswegs. Sie schufen vielmehr einen Markt, dessen Reiz nicht zuletzt darin bestand, dass seine Produkte nur unter bestimmten Bedingungen zugänglich waren.
Die erotische Fotografie war damit von Anfang an mehr als eine Randerscheinung der Fotogeschichte. Sie war auch ein Geschäft mit den Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft.
Zwei Brüder aus Mähren
Jacques und Charles Biederer wurden 1887 beziehungsweise 1892 in Moravská Ostrava geboren, dem heutigen Ostrava in Tschechien. Damals gehörte die Stadt zur österreichisch-ungarischen Monarchie. Jacques kam 1908 nach Frankreich, Charles folgte ihm 1913. Die Brüder arbeiteten fortan gemeinsam.
Über ihre ersten Jahre in Frankreich ist wenig bekannt. 1921 sind sie als Fotografen in Béziers nachweisbar. Später kehrten sie nach Paris zurück und spezialisierten sich auf erotische Fotografie. Ihr Atelier befand sich am Boulevard du Temple; unter dem Namen Éditions Ostra vertrieben sie ihre Arbeiten. Der Name verwies auf die Stadt, aus der sie stammten.
Die Brüder erfanden die erotische Fotografie nicht. Sie traten in einen Markt ein, der bereits seit dem 19. Jahrhundert bestand. Was sie daraus machten, war allerdings mehr als anonyme Ware für den diskreten Konsum.
Mehr als nackte Haut
Die Fotografien der Biederers sind inszeniert. Kostüme, Möbel, Requisiten und Posen bilden eine eigene kleine Bühnenwelt. Die dargestellten Frauen erscheinen als Herrinnen, Dienerinnen, Gefangene oder selbstbewusste Akteurinnen eines Spiels mit Macht und Unterwerfung. Der Körper ist nicht einfach da. Er wird in eine Rolle versetzt.

Das macht einen wesentlichen Teil der Bildwirkung aus. Die Aufnahmen leben von der Spannung zwischen dem scheinbar privaten Geschehen und seiner sorgfältigen öffentlichen Inszenierung. Das Studio produziert keine zufälligen Einblicke, sondern Szenen, die für einen Betrachter arrangiert sind.
Dabei lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wie lenkt der Bildaufbau den Blick? Welche Rolle spielen Möbel und Kostüme? Was verrät eine Pose über die Beziehung zwischen den dargestellten Personen? Und wo kippt die ernste Inszenierung ins Theatralische, vielleicht sogar ins Komische?
Nicht jedes Bild ist dabei ein Meisterwerk. Manches wirkt heute steif, manches unfreiwillig komisch, manches erstaunlich modern. Gerade diese Mischung macht den Bestand interessant. Die Fotografien dokumentieren nicht nur sexuelle Vorlieben, sondern auch die Bildkonventionen und Sehgewohnheiten ihrer Zeit.
Man könnte die Arbeiten der Biederers als Pornografie mit besserem Licht abtun. Das wäre allerdings zu einfach. Ihre Fotografien zeigen, dass sich erotische Wirkung und fotografische Gestaltung nicht ausschließen. Das bedeutet nicht, dass jede Aufnahme automatisch Kunst wäre. Es bedeutet lediglich, dass sich ein genauerer Blick lohnt.
Auch die Filme, die den Brüdern zugeschrieben werden, gehören zu diesem Zusammenhang. Titel wie Dressage au fouet zeigen, dass sie sich nicht allein auf das unbewegte Bild beschränkten. Die genaue Datierung einzelner Produktionen sollte allerdings nur dort angegeben werden, wo sie sich zuverlässig belegen lässt.
Zwischen Kunst, Ware und Moral
Was lässt sich aus dieser Geschichte ableiten? Zunächst einmal, dass erotische Fotografie nicht unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen betrachtet werden kann, in denen sie entsteht.
Die Biederers arbeiteten kommerziell. Ihre Bilder waren für ein zahlendes Publikum bestimmt. Sie nutzten die Möglichkeiten eines Mediums, das intime Situationen sichtbar machen und zugleich eine künstliche Distanz zwischen Modell und Betrachter herstellen konnte.
Darin liegt ein Widerspruch, der bis heute nicht verschwunden ist. Eine erotische Darstellung kann überkommene Moralvorstellungen infrage stellen und zugleich den dargestellten Körper zur Ware machen. Sie kann mit gesellschaftlichen Tabus spielen, ohne deshalb bereits emanzipatorisch zu sein.
Umgekehrt ist nicht jede Kritik an der kommerziellen Verwertung des Körpers ein Angriff auf sexuelle Freiheit. Die Frage, wer einen Körper zeigt, wer ihn betrachtet und wer an seiner Darstellung verdient, gehört ebenso zur Geschichte der Erotik wie die Frage nach dem, was als anständig oder unanständig gilt.
Die Fotografien der Biederers geben darauf keine einfache Antwort. Aber sie machen sichtbar, dass Erotik nicht allein eine private Angelegenheit ist. Sie besitzt auch eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Geschichte.
1942: Das Ende
Jacques und Charles Biederer waren jüdischer Herkunft. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs wurden sie verfolgt und 1942 im Internierungslager Pithiviers festgehalten. Charles wurde am 25. Juni 1942 mit Konvoi 4 nach Auschwitz deportiert, Jacques am 17. Juli desselben Jahres mit Konvoi 6. Beide wurden Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.
Das genaue Schicksal der Brüder nach ihrer Deportation lässt sich nicht in allen Einzelheiten rekonstruieren. Die Daten ihrer Transporte sind dagegen dokumentiert.
Die Fotografien, die sie hinterließen, gehören heute zu einer Geschichte, die weit über das Genre hinausreicht. Sie erzählen von einem kommerziellen Atelier, von den Möglichkeiten der fotografischen Inszenierung und von einer Epoche, deren kulturelle Vielfalt durch die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung zerstört wurde.
Es wäre falsch, aus den erotischen Rollenspielen der Biederers nachträglich eine politische Botschaft herauszulesen, die sich aus den Bildern allein nicht belegen lässt. Ebenso wenig sollte man ihre Arbeiten auf eine makabre Fußnote ihrer Biografie reduzieren.
Die Brüder waren Fotografen. Ihre Bilder sind Teil der Fotogeschichte. Und ihre Ermordung ist Teil der Geschichte jener Verbrechen, die das Leben und die Arbeit unzähliger Menschen auslöschten.
Warum sich der Blick lohnt
Die Geschichte der Brüder Biederer ist kein kurioser Seitenweg der Fotografie. Sie führt zu grundlegenden Fragen: Was macht eine fotografische Inszenierung aus? Wie verändern technische Möglichkeiten unsere Vorstellungen von Wirklichkeit? Wie hängen Kunst, Erotik und Warenproduktion zusammen? Und warum wird der nackte Körper in manchen gesellschaftlichen Zusammenhängen als Kunst betrachtet, in anderen als Provokation oder als Verstoß gegen die Moral?
Die Biederers müssen nicht zu Pionieren der sexuellen Emanzipation erklärt werden, um historisch interessant zu sein. Es genügt, ihre Arbeit ernst zu nehmen: als bewusst gestaltete Fotografie, als kommerzielles Unternehmen und als Teil einer Gesellschaft, in der öffentliche Moral und private Nachfrage keineswegs immer übereinstimmten.
Wer heute eine ihrer streng komponierten Aufnahmen betrachtet, sieht deshalb mehr als eine historische erotische Szene. Man sieht eine fotografische Entscheidung: einen Körper, eine Pose, einen Blickwinkel und eine Inszenierung, die für ein bestimmtes Publikum geschaffen wurden.

Und vielleicht ist das die einfachste Einladung, die sich aus diesen Bildern ableiten lässt: nicht vorschnell zu urteilen, sondern genauer hinzusehen.
Kurt Lhotzky


