Nachdem wir uns in den vergangenen Wochen mit der einen oder anderen etwas in Vergessenheit geratenen fotografischen Legende beschäftigt haben, ist es heute an der Zeit für eine Dame, die beweist, dass man auch mit 48 Jahren noch eine zweite Karriere starten kann – und dass es durchaus von Vorteil ist, wenn der Ehemann über ein großzügiges Budget und eine hohe Toleranz gegenüber Silbernitrat-Flecken auf dem Esstisch verfügt.
Es geht um Julia Margaret Cameron.
Merry Christmas!
Stellen wir uns das Jahr 1863 vor. Weihnachten. Eine 48-jährige Dame der besseren britischen Gesellschaft, sechs Kinder großgezogen, Ehemann pensionierter hoher Beamter mit Ländereien in Ceylon – man könnte meinen, das Leben sei nun endgültig im gemütlichen Teil angekommen.
Doch ihre Tochter hatte eine Idee: eine große Plattenkamera als Weihnachtsgeschenk für Mama. „Zum Zeitvertreib“, wie es so schön heißt.
Was dann passierte, ist ein schönes Lehrstück darüber, was geschehen kann, wenn jemand ein neues Medium entdeckt und beschließt, sich nicht besonders um dessen bestehende Regeln zu kümmern.
Cameron selbst erinnerte sich später:
„I began without any knowledge of the art.“
Sie wusste zunächst nicht, wo sie die Kamera aufstellen, wie sie fokussieren oder wie sie überhaupt mit den Glasplatten umgehen sollte. Ihr erstes Bild wurde, zu ihrem Entsetzen, zerstört, als sie mit der Hand über die Beschichtung der Platte fuhr.
Der Kohlenkeller wurde zur Dunkelkammer. Ein gläsernes Hühnerhaus, ursprünglich als Geschenk für die Kinder gedacht, wurde zum Atelier.
Und der Esstisch? Der wurde zum Schlachtfeld für Silbernitrat. Cameron schrieb später über ihre Arbeitsweise:
„This habit of rushing with my wet plates into the dining-room has destroyed so many table-cloths with indelible stains of silver nitrate…“
Das ist vielleicht eine der sympathischsten Beschreibungen künstlerischer Selbstermächtigung, die ich seit Langem gelesen habe.
Die Erfindung der Unschärfe – oder: Was ist überhaupt Fokus?
Hier wird es für uns Fotografierende interessant. Cameron war natürlich nicht die erste Fotografin, die mit Unschärfe arbeitete. Aber sie gehörte zu den Ersten, die die technische Schärfe ganz bewusst nicht zum obersten fotografischen Gebot machten.
Während viele ihrer Zeitgenossen die neue Technik dafür bewunderten, dass sie die Welt immer detailreicher und präziser abbilden konnte, interessierte Cameron etwas anderes.
Sie stellte scharf – und wenn ihr der Schärfepunkt gefiel, hörte sie auf. Nicht weiterdrehen. Nicht bis zur technisch maximalen Schärfe. Einfach: Das genügt.
Gegenüber Sir John Herschel, einem der großen Wissenschaftler ihrer Zeit und selbst ein Pionier der Fotografie, formulierte sie die Frage:

„What is focus – and who has the right to say what focus is the legitimate focus?“
Eine ziemlich freche Frage für eine viktorianische Dame. Und eine ziemlich moderne.
Denn Cameron interessierte sich weniger für die Frage, wie scharf ein Bild sein kann, als dafür, wann ein Bild für sie richtig aussieht.
Ihre Porträts von Charles Darwin, Alfred Tennyson, John Herschel und anderen Persönlichkeiten ihrer Zeit wirken deshalb häufig weich, beinahe traumartig. Gesichter treten aus einem dunklen, kaum definierten Raum hervor. Der Hintergrund verschwindet. Die Person wird zum Bild.
Das ist nicht einfach technische Unzulänglichkeit. Es ist eine Entscheidung.
Und genau deshalb würde ich heute vielleicht nicht mehr sagen, Cameron habe die Unschärfe „erfunden“. Sie hat etwas viel Interessanteres getan: Sie hat der Unschärfe einen künstlerischen Wert gegeben.

Gott, die Madonna und die Haushälterin
Jetzt wird es ein bisschen religiös – denn Camerons religiöses Weltbild verdient einen zweiten Blick. Einen fokussierten.
Cameron war eine gläubige Christin. Das ist bekannt. Aber was sie mit diesem Glauben fotografisch anstellte, ist bemerkenswert – und gelegentlich ziemlich irritierend. Sie schuf unter anderem die Serie „The Fruits of the Spirit“, in der die christlichen Tugenden dargestellt werden sollten: Liebe, Freude, Frieden, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut und Enthaltsamkeit.
Und ihre Haushälterin Mary Hillier posierte so häufig als Madonna, dass sie in Camerons Umfeld den Spitznamen „Mary Madonna“ erhielt. Man könnte sagen: Das ist eine bemerkenswerte Aufwertung des Dienstpersonals.

Man könnte aber auch sagen: Hier wird eine reale, arbeitende Frau zur Projektionsfläche für die religiösen und künstlerischen Vorstellungen ihrer Herrin. Cameron betete ihre Madonna nicht an. Sie stellte sie her. Mit einer realen Person, in einem realen Raum, vor ihrer Kamera – und vermutlich weiterhin mit den unvermeidlichen Silbernitrat-Flecken an den Fingern.
Darin steckt eine merkwürdige Doppelbödigkeit.
Einerseits wirkt es fast emanzipatorisch, dass Cameron die heilige Ikonografie mit den Gesichtern der Frauen und Kinder füllte, die sie umgaben. Andererseits war die „Madonna“ eben ihre Angestellte. Die „Tugenden“ waren ihre Modelle. Die Religion wurde zum fotografischen Material – verfügbar für die künstlerische Vision einer wohlhabenden Frau mit Kamera.
Ein Hauch von Androgynie
Ein Detail, das in vielen Kurzbiografien unter den Tisch fällt: Cameron besetzte religiöse Rollen nicht immer so, wie es die traditionelle Ikonografie erwarten ließ.
Jesus als Mädchen? Ja. Der Engel am Grab, der in der biblischen Überlieferung männlich erscheint? Bei Cameron weiblich.
Die Kunsthistorikerin Carol Mavor hat darauf hingewiesen, dass Camerons Madonnen-Darstellungen „printed with flesh“ seien – buchstäblich: mit Fleisch gedruckt. Zu heilig und zugleich zu körperlich. Zu religiös und zugleich sinnlich.
Cameron zitiert die Hochkunst der Renaissance durch ein Medium, das seinerzeit selbst noch um seinen Status als Kunstform kämpfen musste. Vielleicht liegt darin Camerons eigentliche Subversion. Sie nahm eine religiöse Bildsprache, die ihrer Gesellschaft heilig war, und übersetzte sie in ein Medium, das noch längst nicht überall als Kunst anerkannt wurde.
Und sie benutzte dafür Menschen, die sie kannte: ihre Haushälterin, ihre Nichte, Kinder aus dem Dorf. Menschen aus Fleisch und Blut wurden zu Figuren des Erhabenen. Das Göttliche bekam ein Gesicht. Und dieses Gesicht ward fotografiert. Amen.
Keine bescheidene Frau
Julia Margaret Cameron wurde zu einer der bekanntesten Porträtfotografinnen ihrer Zeit.
Sie verlangte Preise, die sich an der Malerei orientierten. Sie schickte ihre Arbeiten an Ausstellungen. Sie schrieb an Museumskuratoren. Und sie hatte, vorsichtig formuliert, keine übertriebene Neigung zur Bescheidenheit. Das ist übrigens etwas, das ich an ihr ebenfalls mag.
Meine Beschäftigung mit Julia Margaret Cameron hat mehrere Phasen durchlaufen. Zuerst: Erstaunen. Eine fotografierende viktorianische Dame, die im Kohlenkeller Glasplatten beschichtet und das Hühnerhaus zum Atelier macht.
Dann, nach eingehender Lektüre über sie: Sympathie. Ich mag, dass sie mit 48 Jahren anfing. Ich mag, dass sie offenbar bereit war, sich die fotografische Technik zunächst selbst zu erarbeiten. Ich mag, dass sie die Schärfe nicht als religiöses Gebot betrachtete. Und ich mag sogar – und das mag manche Leserin, manchen Leser überraschen – ihre religiöse Bildproduktion. Gerade weil sie so widersprüchlich ist. Eine viktorianische Dame, die Gott, Madonna, Engel und Heilige mit ihrer Haushälterin, ihren Kindern und ihren Bekannten inszeniert. Das ist entweder fromme Demut oder unbewusste Blasphemie.
Wahrscheinlich beides.
Das schlechteste Foto ist das, das man nicht macht – so schließe ich normalerweise meine Video-Beiträge für complexityinaframe. Cameron hat diesen Satz auf ihre Weise beherzigt. Sie machte Bilder, die nach den Maßstäben ihrer Zeit technisch mangelhaft erschienen. Sie machte Bilder, die Kritiker als „grotesk“ bezeichneten. Und sie machte Bilder, die heute in den großen Museen der Welt hängen.
In diesem Sinne: Nehmt eure Kamera mit.
Und wenn euch jemand sagt, ihr fokussiert falsch, fragt einfach zurück:
Wer entscheidet eigentlich, was der richtige Fokus ist?
Kurt Lhotzky



