Wenn Dein Foto nicht gelungen ist, warst Du nicht nahe genug dran

Drei Fotografinnen und Fotografen haben in den 30er Jahren eine Revolution im Bildjournalismus eingeleitet: die Deutsche Gerta Pohorylle, der Ungar Endre Friedmann und der Pole David Roman Szymin. Berühmt wurden sie unter ihren selbstgewählten Pseudonymen: Gerda Taro, Robert Capa und „Chim“ Seymour.

Ihre Reportagen aus dem revolutionären Spanien und über den Kampf gegen den faschistischen Putsch vom Juli 1936 bis zur bitteren Niederlage der Republik 1939 haben nicht nur den Blick der Welt auf den südeuropäischen Kriegsschauplatz verändert – die Kriegsberichterstattung war mit ihnen in eine neue Zeitrechung eingetreten.

Schon der Krimkrieg (1853-1856), der amerikanischen Bürgerkrieg (1860-1865) oder der 1. Weltkrieg (1914-1918) wurden fotografisch dokumentiert. Statisch dokumentiert: Geschützstellungen mit posierenden Artilleristen (Krim); Schlachtfelder mit arrangierten Gefallenen (amerikanischer Bürgerkrieg); auf den Sieg anstoßende Offiziere in Feldquartieren weit vom Schuss (1. Weltkrieg).

Revolution des Bildjournalismus

So wie sich die Kriege waffentechnisch veränderten, veränderte sich der Fotojournalismus durch die Entwicklung der Kameratechnik. Pohorylle (1910-1937), Friedmann (1913-1954) und Szymin (1911-1956) waren die bekanntesten, aber keineswegs die einzigen, Vorreiter einer neuen Zeit, die mit dem Namen einer Kamera verbunden ist: der Leica. Die kleine Rollfilmkamera revolutionierte die Fotografie, weil man keine riesigen Plattenkameras mehr herumschleppen musste. Der „schnelle Schuss“ war möglich geworden – man konnte den historischen Augenblick festhalten, weil man mit der Kamera mitten im Geschehen stand.

Was war nun das Besondere an den drei Fotografinnen und Fotografen, die sich Anfang der 30er Jahre im Pariser Exil kennenlernten – arm, aber unverzagt? Was hatten sie gemein? Alle drei stammten aus (unterschiedlich gut oder schlecht situierten) jüdischen Familien; alle waren aus ihren Geburtsländern vertrieben worden – von Faschismus, fanatischem Nationalismus, Antisemitismus. Ihre Herzen schlugen links.

Friedmann hatte das Glück gehabt, 1932 als Fotoassistent beim Deutschen Photodienst eine Serie von Bildern zu schießen, die es auf die Titelseite des „Weltspiegels“ und später anderer internationaler Zeitungen schafften: er war der einzige, der Leo Trotzki bei dessen „Kopenhagener Rede“ auf einer Massenveranstaltung der dortigen sozialistischen Studenten fotografiert hatte.

Als er, der schon vor dem Horthy-Regime aus Ungarn geflüchtet war, nach Paris ging, um den Nazis zu entgehen, half ihm dieser Ruhm freilich wenig. Hunderte Emigranten versuchten, in der französischen Metropole als Fotografen Fuß zu fassen.

Zu ihnen gehörte Gerta Pohorylle aber nicht, die 1933 mit ihrer Jugendfreundin Ruth Cerf nach Paris flüchten musste, nachdem sie wegen illegalen Tätigkeit für die Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) von der Gestapo verhaftet worden, aber durch ihre Kaltblütigkeit wieder frei gekommen war. Die hoch intelligente, selbstbewusste und hübsche junge Frau, die der Sprache ihres Exillands mächtig war, arbeitete als „Tippmamsell“ und teilte sich mit ihrer Kameradin Ruth ein billiges Zimmer. Wenn die beiden ein bisschen Geld verdienen konnten, bewegten sie sich in den Kreisen der politischen Emigranten, besuchten Cafés oder leisteten sich dann und wann den Luxus eines Kinobesuchs.

David Robert Szymin hatte in Leipzig Kunst und Fotografie studiert und war schon 1931 nach Paris gekommen, um an der Sorbonne seine Studien zu beenden. Auch er gehörte zur „Kirchenmaus-Fraktion“, lebte mehr schlecht als Recht in den Banlieues und fotografierte Alltagsszenen. Auch er sympathisierte mit der Linken und das öffnete ihm die Türe zur Redaktion von Regards, einer der KPF nahestehenden, grafisch Maßstäbe setzenden sozialkritischen Illustrierten.

In der kleinen Welt der Exilierten, Antifaschisten und Künstler lief jeder jedem und jeder zwangsläufig über den Weg. Als Endre Friedmann Ruth Cerf im Herbst 1934 um ein Portraitphotoshooting bat, nahm diese ihre selbstbewusste Zimmergenossin Gerta Pohorylle als „Anstandsdame“ mit. Ob es Liebe auf den ersten Blick war oder nicht – beide wurden ein berufliches und privates Paar. Gerta war es auch, welche die brillante Idee gebar, aus dem schlecht bezahlten ungarischen Fotografen Endre Friedmann den reichen amerikanischen Müßiggänger, Weltenbummer und Fotografen Robert Capa zu machen – und sieh an: der „Amerikaner“ akquirierte mit Hilfe seiner Assistentin, die sich nun, anklingend an Greta Garbo, Gerda Taro nannte, lukrative Aufträge. Und Gerda, die bald mit der eigenen Leica unterwegs war, blieb nicht lange Capas Schülerin – ihr Talent und ihr Blick für den „richtigen Augenblick“ machte sie zur ebenbürtigen Partnerin.

In den Cafés trafen sie auf Henri Cartier-Bresson – und Szymin, der großartige Sozialreportagen über die Streiks und antifaschistischen Massendemonstrationen des Jahres 34 fotografiert hatte.

Drei, verbunden im Leben und im Tod

Als im Sommer 1936 drei Generäle der spanischen Armee, gestützt auf die faschistische Falange, gegen die Republik revoltierten und vollmundig erklärten, innerhalb von ein paar Wochen in Madrid ihren Kaffee trinken zu wollen, war für die Pariser Emigrantinnen und Emigranten klar: In Spanien ging es ums Ganze. Dort bestand die reelle Chance, die faschistische Flut zu brechen, die drohend in ganz Europa anschwoll und bereits Ungarn, Italien, Österreich und Deutschland überfschwemmt hatte. Wer konnte, kämpfte – für die Republik, für die Revolution, die einen mit dem Gewehr, die anderen mit der Kamera.

Capa, Taro und Chim Seymour, wie sich Szymin nannte („Meinen Namen kann keiner aussprechen“) gingen nach Spanien, Capa und Taro arbeiteten oft gemeinsam. Und dort zeigten sie der Welt, was Kriegsreportage sein kann: gemeinsam mit republikanischen Milizionären stürmten sie gegen die Stellungen der Putschisten vor, fotografierten unter dem Feuer der feindlichen Maschinengewehre die angespannten Gesichter ihrer camaradas, teilten das Leben der Soldaten, mischten sich unter die Trecks der vor den Faschisten flüchtenden Zivilbevölkerung, besuchten Feldlazarette und zeigten das ungeschminkte Gesicht des Krieges. Sie waren nicht „objektiv“, sie waren nicht „unparteiisch“. Ihre Fotos waren Statements: für die Republik, gegen den Faschismus.

Jede und jeder der drei hatte seinen eigenen Stil. Robert Capas Stärke war die Fotografie der Offensive, das Alltagsleben in den republikanischen Stellungen. Sein Ausspruch: „Wenn Dein Foto nicht gelungen ist, warst Du nicht nahe genug dran“ spiegelt sein Verständnis seiner Arbeit wider. Gerda Taro fotografierte häufig Frauen – Frauen in Waffen, Arbeiterinnen beim militärischen Training, Pflegerinnen in den Lazaretten. Auch sie war an der Front – die „ pequeña rubia“ genoss ob ihrer Tapferkeit die Hochachtung der Soldaten, die sich anfangs über die kleine Deutsche lustig gemacht hatten. Chim konzentrierte sich auf Leben und Leiden der Zivilbevölkerung, vor allem der Kinder (ein Thema, dem er sich nach 1945 im Auftrag der UNESCO neuerlich annahm).

Am 25. Juli 1937 wurde Taro beim Rückzug der republikanischen Truppen von der Brunete-Front von einem Panzer überrollt, als sie vom Trittbrett eines LKW, der sie mitgenommen hatte, abrutschte. Sie starb einen Tag später als erste Kriegsreporterin, die im Einsatz gefallen war.

Der Leichnam Gerda Taros wurde nach Paris überführt, ihre Beisetzung am 1. August (ihrem 27. Geburtstag) wurde zu einer antifaschistischen Massendemonstration. Zehntausende folgten dem Sarg. Unter den Trauergästen befanden sich neben Capa Ruth Cerf, Henri Cartier-Bresson, Pablo Neruda und Louis Aragon.

Robert Capa starb 1954 in Vietnam durch eine Landmine. Chim Seymour wurde 1956 am Suezkanal von einem ägyptischen Scharfschützen getötet.

Zwei Romane – unterschiedlich, aber großartig

Soeben sind zwei sehr unterschiedliche Romane über Gerda Taro und Robert und Chim erschienen.

Helena Janeczek, die in Deutschland als Tochter polnisch-jüdischer Überlebender der Nazizeit geboren wurde und seit vielen Jahren in Italien lebt, hat mit „Das Mädchen mit der Leica“ Gerta Pohorylle ein schönes und differenziertes literarisches Denkmal gesetzt. Aus der Sicht dreier Weggefährtinnen und Freunde entwickelt sie das Bild einer unerhört lebendigen, unerschrockenen und selbstbewussten Frau, welche sie wohl mit Recht in einem Interview als „betörend“ bezeichnet hat. Da ist einmal Willy Chardack, der in Deutschland und Paris zum engsten Freundeskreis Gertas gehört hatte und unglücklich in die junge Frau verliebt war. Chardack konnte Europa gerade noch rechtzeitig verlassen und in die USA emigrieren, wo ihn seine linke Vergangenheit immer wieder ins Visier der antkommunistischen Geheimdienste brachte. Wir begleiten den Miterfinder des Herzschrittmachers auf einem Spaziergang, auf dem ihm Erinnerungsfetzen an Gerda durch den Kopf gehen. Georg Kuritzkes, in den 20er und 3er Jahren Aktivist des Kommunistischen Jugendverbandes und dann der SAP arbeitet für die Welternährungsorganisation der UNO in Rom. Er war eine Zeit lang der Glückliche, der Gertas Leben teilen durfte – bis der „ungarische Fotograf“ in ihr Leben einbrach. Beide, Willy und Georg, lässt die Erinnerung an die faszinierende junge Frau nicht los. Ruth Cerfs Erinnerungen sind wohl die differenziertesten. Als Zimmergenossin in Paris hat sie die Kehrseite einiger Eigenschaften Gertas erlebt, die sie zugleich auch wieder liebenswert machten: Ihre rasche Entflammbarkeit für neue Menschen, ihr manchmal bis an die Grenze des Egoismus gehendes Selbstbewusstsein, aber auch ihre emotionale Zerbrechrlichkeit, die sie nie nach außen kehrte.

Helena Janeczek ist ein wunderbares Buch geglückt, das Gerda Taro lebendig in ihrer Zeit porträtiert. Was mich zusätzlich für diesen Roman einnimmt, ist die intelligente Fotoauswahl, insbesondere das Coverfoto, das meiner Meinung nach das gelungenste Porträt Gerda Taros ist. „Das Mädchen mit der Leica“ wurde übrigens mit dem Premio Strega, dem bedeutendsten Literaturpreis Italiens, ausgezeichnet.

Die junge französische Journalistin Isabelle Mayault hat mit „Eine lange mexikanische Nacht“ einen sprachlich bezaubernden, witzigen und berührenden Roman über das „Nachleben“ der drei Fotografinnen und Fotografen geschrieben.

Im Jahr 2007 war es dem Bruder Capas, Cornell Capa, nach jahrzehntelangem Suchen geglückt, in Mexiko Stadt den berühmten „mexikanischen Koffer“ ausfindig zu machen. 1939 hatte Chim drei Schachteln mit insgesamt 4.500 Negativen und einigen Abzügen einem Freund anvertraut, damit dieser sie vor den vorrückenden Nazis in Sicherheit brachte. Es handelte sich um unveröffentlichte Fotos von Bob, Gerda und Chim. Auf Umwegen gelangten diese Kartons (die zwar in einem Koffer transportiert wurden, aber Schachteln waren und blieben) ins Haus eines obskuren mexikanischen Generals. Ein Filmemacher „erbte“ die Negative und übergab sie 2007 unentgeltlich dem von Cornell Capa gegründenten „International Center of Photography“ in New York.

Mayault zeichnet den Weg des „mexikanischen Koffers“ nach. Die Achse des Romans sind die Lebensgeschichten jener starken und pfiffigen Frauen, die das Geheimnis des Nachlasses von Taro, Capa und Seymour bewahrt haben. Durch die Handlung führt der mäßig erfolgreiche Filmemacher Luca, genannt Jamon, der sensibel und sarkastisch zugleich erzählt, warum er sich letzten Endes von diesem „Gral“ der zeitgenössischen Fotografie trennt.

Auch dieser Roman wurde zu Recht mit einem Preis bedacht – dem Prix Ulysse du Premier Roman 2019. Ein atmosphärisch schönes Buch.

Kurt Lhotzky

Isabelle Mayault

Übersetzt von Jan Schönherr

Eine lange mexikanische Nacht

Rowohlt | 240 Seiten | 22,70 EUR

Helena Janeczek

Übersetzt von Verena von Koskull

Das Mädchen mit der Leica

Berlin Verlag | 352 Seiten | 22,70 EUR

Die sowjetische Gräberanlage in Groß-Enzersdorf

Zwischen dem 16. März und dem 15. April tobten im Wienerwald und rund um Wien erbitterte Kämpfe zwischen sowjetischen Truppen und Verbänden der Nazi-Wehrmacht, die nach dem Scheitern der Offensive am ungarischen Plattensee Richtung Wien zurückwichen.

Am 16. März 1945 begannen die 4. und 9. Gardearmee der Roten Armee als Angriffsspitze die Gegenoffensive. Den beiden Eliteeinheiten folgten bald motorisierte Verbände. Insgesamt marschierten 400.000 Soldaten, unterstützt von 7.000 Sturmgeschützen und schwerer Artillerie und 400 Panzern zur Befreiung Wiens auf. Ihnen gegenüber standen SS-Panzerverbände und Truppen der Wehrmacht.

Am 11. April nahm das 23. Panzerkorps unter Generalleutnant Achmanow Deutsch-Wagram, am 13. April das 18. Garde-Schützenkorps Groß-Enzersdorf.

Die gesamte „Wiener Operation“ kostete 168.000 sowjetischen Soldaten das Leben.

In Groß-Enzersdorf erinnert am Ortsfriedhof eine sowjetische Gräberanlage an die hier Gefallenen. Eine Gedenktafel trägt die Inschrift:

Ewiger Ruhm den sowjetischen Kriegern,
die im Kampf mit den deutschfaschistischen Usurpatoren für die
Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas gefallen sind.


Ein Obelisk, gekrönt von einem Roten Stern, trägt die russische Inschrift:


Helden des Krieges. Die Völker bewahren für ewig die gute Erinnerung an Euch, die Ihr die Ehre mit russischen Waffen hochgehalten habt.

Statt eines Videosonntags: Internationale Streetphotographers sehen die COVID-19-Krise

Nach wie vor sind die meisten von uns in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die kapitalistische Konsumgesellschaft hat das WEGEN PANDEMIE GESCHLOSSEN-Schild hinausgehängt. Während wir versuchen, einen Lebensrhythmus zu finden, der uns durch weitgehende soziale Isolierung und fehlende Arbeit abhandengekommen ist, füllen sich die Spitäler mit Menschen, die mangels Tests in Angst und Ungewissheit warten, was mit ihnen geschehen wird.

Der schottische Journalist und Fotograf Sergio Burns hat einen sehr berührenden Artikel darüber geschrieben, wie Fotografinnen und Fotografen diese Krise verarbeiten.

Fotografie in den Zeiten von COVID-19

Plötzlich war es aus mit dem lockeren Herumflanieren; mit den abendlichen Treffen zwecks Ausstellungsbesuch. Auf einmal wurden Versammlungen und Demonstrationen verboten (gerade, als sich innerhalb kurzer Zeit in Wien eine neue Demonstrationskultur entwickelt hatte, nicht zuletzt aufgrund des Streiks in der Sozialwirtschaft).

Dann schlossen die Museen, die Galerien, dann sollte man möglichst nicht mehr auf die Straße, bis auf „infrastrukturwichtige“ Betriebe wurde alles dichtgemacht. Dann saß man zu Hause. Im Homeoffice. Oder versuchte sich als Ersatzlehrer für die Kinder, die nicht mehr in die Schule durften. Oder schreckte sich, wenn man zur „Risikogruppe“ gehört. Oder … oder … oder …

Auf Dauer war es wenig belebend, den online Bodycount des COVID-19-Virus zu verfolgen.

Was macht man als Fotograf (natürlich gilt die Unschuldsvermutung: Ich spreche nicht von den Profis!), wenn einem vor der Nase die Tür zu den Motiven verrammelt wird?

Na ja, man kann ja auch einmal den etwas beengten Alltag ablichten.

Wohl dem, der ein Gärtchen zu bestellen hat – das wusste schon Voltaires Candid. Naturfotografie, bis man alle Pflanzen durch hat?

Na ja, gar keine schlechte Idee, um sich einmal mit allen Kameraeinstellungen auseinanderzusetzen (und ich sagte: „allen“!). Das öffnet Möglichkeiten.

Irgendwann hat man aber (auch oder besonders?) im kleinen Garten die Pflanzen, Bäume, Gräser, Unkräuter, die Nützlinge und die Schädlinge satt. Dann müssen die abstrakten Formen her!

Der Ausnahmezustand ist jetzt noch nicht einmal eine ganze Woche alt. Und schon wird man unruhig. Schlimm. Oder gut. Ich hoffe, dass alle, die immer gesagt haben: „Den Häftlingen gehts heutzutage viel zu gut! Haben Zimmer mit Fernseher!“ nach ein paar Wochen „Hausarrest“ kapieren, dass es nicht lustig ist, einen begrenzten Raum nicht verlassen zu können (obwohl man im Gegensatz zu Strafgefangenen im Panikfall hinausrennen könnte).

Ändert aber nichts daran: Was kann man da fotografieren? Na ja, wie heißt es so schön im Kultfilm „Casablanca“? „Uns bleibt immer noch der Kater„.

Kampf um die 35-Stunden-Woche

Gestern haben in Wien über 2.500 Beschäftigte in der Sozialwirtschaft und mit ihnen solidarische Menschen in Wien für die Einführung der 35-Stunden-Woche demonstriert. Das Besondere: Das Gros der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kam aus bestreikten Betrieben. In mehr als 100 sozialwirtschaftlichen Betrieben in Wien hatte das Personal gestern die Arbeit niedergelegt.

Insgesamt sind rund 135.000 Menschen in der Sozialwirtschaft beschäftigt. Dieser Kampf um eine Arbeitszeitverkürzung könnte der Beginn einer weit größeren Bewegung sein. Die Sozial- und Arbeiterfotografie könnte also in nächster Zeit deutlich an Bedeutung gewinnen.

Videosonntag/Buchtipp: Cartier-Bresson, Deutschland 1945

Heute wird es sprachlich noch ausgefallener als sonst bei meinen Videosonntagen: Ein italienischer Trailer für ein in Frankreich erschienenes Buch, das es jetzt auch auf Deutsch gibt: Jean-David Morvan, Sylvain Savoia
Cartier-Bresson, Deutschland 1945, Bahoe-Books, 144 Seiten, 24,-EUR

Ein Glücksfall, wenn vier Große zusammentreffen. Da ist zunächst der 1969 in Reims geborene Grafiker Sylvain Savoia, der gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Freund Jean-David Morvan in der über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten Comic-Buchhandlung BDBulle in die Welt der gezeichneten Geschichten kippt. Während Savoia seine Karriere beim Zygus-Magazin beginnt, heuert sein Freund Morvan, der eigentlich auch Illustrator werden möchte, beim Comic-Verlag Zenda an und stellt fest, dass es ohne brauchbares Szenario nicht klappt. Er wird einer der wichtigsten „Szenaristen“ der Comicszene. Séverine Tréfouël ist die Jüngste im Bunde – auch sie aus Reims, aber erst 1981 geboren. Morvan stößt auf das junge Talent, das seine ersten Schritte in die Welt der erzählenden Bilder als Buchhändlerin in der Comicbuchhandlung Bédérama gemacht hat. Gemeinsam mit Morvan wird sie 2014 drei Bände der Magnum-Serie (in Zusammenarbeit mit der legendären Bildagentur, zu deren Gründern Henri Cartier-Bresson [HCB] und Robert Capa gehörten) entwickeln.
Der bei Bahoe-Books erschienene Band „Cartier-Bresson, Deutschland 1945“ zeigt die Vorgeschichte zur Entstehung der beühmten Fotos HCBs aus Dessau nach der Befreiung des dortigen KZ.
Er ist der „vierte Große“, der eingangs erwähnt wurde.
In einer eigenen Liga spielt der Verfasser des abschließenden Essays, Thomas Tode. Der Kurator, Dokumentarfilmer und Publizist liefert in seinem fundierten Nachwort die Hintergründe zu dieser beeindruckenden Graphic Novel. Angereichert wird der Band durch die thematisch passenden Fotos von HCB – einer der großen Vorteile der Zusammenarbeit mit Magnum. Ein großartiges Buch, gleichermaßen für Freunde der Graphic Novel und der Fotografie.

Und hier der Trailer zur italienischen Ausgabe:

(Der Text dieses Blogbeitrags erscheint auch gedruckt in der Kundenzeitschrift des Literaturbuffets, der BUCHSTABENSUPPE)

Buchtipp: “100 Ideas That Changed Photography” von Mary Warner Marien

Listen erstellen ist ein mühsames Geschäft. Die 100 besten Bücher – wer entscheidet, welche das sind? Die 100 erfolgreichsten Popsongs – sind das die ersten in den Charts, oder die, welche die Jahrzehnte überdauert haben? Schwierig, schwierig, schwierig…

Bei Laurence King ist nun in einer preisgünstigen Neuauflage das Buch “100 Ideas That Changed Photography” erschienen. Die Autorin, Mary Warner Marien, emeritierte Professorin für Kunst- und Musikgeschichte an der Syracuse University, New York, löst die selbst gestellte Aufgabe mit Bravour. Denn natürlich sind diese 100er-Listen immer subjektiv, und dann liegt es in der Verantwortung der Erstellerinnen dieser Wertungen, einen roten Faden herauszuarbeiten.

In der Einleitung argumentiert Marien, dass kaum eine andere Mediengattung (ich vermeide bewusst das Wort “Kunstgattung”) so viele Erfindungen, Neuerungen, Diversifizierungen erlebt hat wie die Fotografie. Dieses Medium ist wunderbar unfertig, es reizt zu immer neuen Experimenten und trotzdem – wir können heute ohne Problem jeden einzelnen Schritt seiner Entwicklung nicht nur nachvollziehen, sondern selbst neu erleben. In den letzten Jahren gab es eine Renaissance der Analogfotografie – oft sehr junge Menschen wandten sich (zumindest kurzfristig) vom Digitalen ab und griffen wieder zum guten alten Rollfilm; genauso kann ich, Zeit, Geld und entsprechende Kenntnisse vorausgesetzt, nach wie vor Daguerrotypien anfertigen; die Solarisation, untrennbar mit den Namen Lee Miller und Man Ray verbunden, können ambitionierte Amateure heute mit speziellen Filtern in besseren Bildbearbeitungsprogrammen problemlos “nachbauen”. 

Mary Warner Mariens “100 Ideas…” sind aber nicht nur ein amüsant zu lesender und mit oft überraschenden Illustrationen versehener Spaziergang durch die “Technikgeschichte”, denn die Fotografie verwandelte sich ebenso durch ihre Nutzung, ihre Rezeption und durch die Theorien über sie; sie änderte sich durch das Aufkommen illustrierter Magazine, die Bedürfnisse einer ganz privaten Erinnerungskultur, sie imitierte klassische Gemälde und wurde dennoch auch vollkommen abstrakt. Sie beeinflusste das öffentliche Leben und vermittelte ein neues Bild unseres Planeten.

Kriege haben die Fotografie ganz gehörig verändert

Die Auswahl aus der Fülle von Ideen, welche die Fotografie verändert haben, ist natürlich subjektiv und deshalb zugleich so reizvoll. Meine ebenso subjektiven Highlights sind etwa: Die Tintype. Diese Technik wurde in den 1850er Jahren in Frankreich entwickelt und ermöglichte es, nicht reproduzierbare Einzelpositive auf dünne Eisenplatten (also nicht Blech) zu bannen. Das Verfahren war kostengünstig und schnell. Die Belichtungszeit betrug nur ein paar Sekunden, und nach der Aufnahme konnte das Bild binnen einiger Minuten entwickelt werden. Oft wurden die Fotos im Medaillenformat entwickelt und wurden auch als Vorläufer der modernen Polit-Buttons verwendet. Abraham Lincoln ließ sich etwa für den Wahlkampf 1860 einige Tintypes als Kampagnenmaterial anfertigen. Kurz danach erlebte die Tintype durch einen blutigen Anlass einen wahren Boom: Während des amerikanischen Bürgerkriegs ließen sich Soldaten beider Lager von “fliegenden” Fotografen mittels Tintypie ablichten, um die Bilder per Feldpost an die Angehörigen zu Hause zu schicken – oft ungewollt ein letzter Gruß. Tintypes waren übrigens spiegelverkehrt – das war auch der Grund für eine seltsame Legendenbildung rund um den Revolverhelden Henry McCarty vulgo “Billy the Kid”: Er wurde (auch im Film) als linkshändiger Meisterschütze dargestellt, weil ihm eine Tintypie mit dem Revolver an der linken Hüfte zeigte. Spiegelverkehrt, was aber lange Zeit niemand beachtete.

Fotos als Beweismittel. „Es ist so gewesen“, sagt Barthes – zu Recht?

Witzig der Beitrag und die Illustrationen zu den Fotoautomaten, die ja vordergründig dem ernsthaften Zweck der schnellen Herstellung von Pass- und Dokumentenfotos dien(t)en, aber ein beliebter Ort für Jux und Tollerei, grimassierende Jugendliche und schräge Experimente mit Verkleidungen aller Art waren (und sind). Die französischen Surrealisten gestalteten mit Automatenfotos gar einmal das Cover ihrer Zeitschrift “Révolution Surrealiste”.

Die Erde von oben – Fotografie erweitert unser Welt-Bild

Das schön gestaltete Buch ist keineswegs eine “Einsteigerlektüre”. Auch Leserinnen und Leser, die sich tiefergehend mit dem Thema Fotografie beschäftigt haben, werden – dank einer oft überraschend neuen Perspektive – die “100 Ideas…” mit Genuss und Gewinn lesen. 

Kurt Lhotzky

Mary Warner Marien

100 Ideas That Changed Photography

Laurence King, 216 Seiten, 24,– EUR

Eine modifizierte Fassung dieses Texts erscheint auch in der BUCHSTABENSUPPE, der Kundenzeitung von Lhotzkys Literaturbuffet!

Dank an Laurence King für die Fotos in diesem Beitrag!

Videosonntag: Here comes Billy the Kid

Er ist eine Legende der Wildwest-Geschichte: Henry McCarty oder William H. Bonney  (1859-1881), besser bekannt als Billy the Kid. Der Outlaw mit dem jugendlichen Aussehen regt bis heute die Fantasie – und die Diskussionen – an. Revolverheld und Mörder? Oder doch eher ein Opfer der Umstände, die ihn in den berüchtigten Lincoln-County-Rinderkrieg verstrickten?

Lange Zeit gab es ein einziges beglaubigtes Foto Billys – eine sogenannte Tintype, ein Unikat auf einer Metallplatte. Inzwischen sind zwei weitere Aufnahmen aufgetaucht. Hier ein Bericht darüber. Mehr zum Thema Tintype morgen!