Videosonntag: Besuch bei La Gacilly Baden

Auch dieses Jahr – COVID hin oder her – gibt’s in Baden bei Wien wieder das großartige La Gacilly-Fotofestival. Schwerpunkt diesmal_ Im Osten viel Neues.

Das folgende Video soll euch zum Besuch dieses in Europa einzigartigen Fotofestivals anregen. Der Besuch lohnt sich – OpenAir ist in Zeiten des Maskenzwangs ein zusätzlicher Vorteil!!!

Von John Heartfield lernen…

… heißt entlarven lernen“, könnte man ein berüchtigtes Zitat abwandeln.

Ich habe auf diesem Blog zu wiederholten Malen auf das Erbe John Heartfields (1891-1968) hingewiesen. Seine Fotomontagen und Collagen waren scharfe Waffen in den Händen der deutschen Arbeiterbewegung.

Die „Zuspitzung der Bilder“, das Zusammenbringen widersprüchlicher grafischer Aussagen auf einem Bild schafft oft mehr Transparenz als der klügste Leitartikel. In diesem Sinne hier eine kleine Fotomontage (und im Anhang eine kleine Erklärung für die Besucherinnen und Besucher dieses Blogs, die nicht mit der österreichischen Innenpolitik vertraut sind.

Am 13. Mai 2020 hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz dem Kleinen Walsertal einen Besuch abgestattet. Zu diesem Zeitpunkt herrschte auf Grund eines Regierungsbeschlussses ein Mund-Nasen-Schutz-Zwang (MNS-Zwang). In einer Pressekonferenz hatte Kurz‘ Parteifreund, Innenminister Karl Nehammer, diejenigen, die keinen MNS trügen, als „Lebensgefährder“ bezeichnet. Im Kleinen Walsertal nahm der Bundeskanzler unmaskiert ein Bad in einer weitgehend unmaskierten Menge.

Cyril Abads Projekt „In God We Trust“

In den letzten 20, 25 Jahren hat sich in der europäischen Öffentlichkeit ein zunehmend kritischer Blick auf die US-amerikanische Gesellschaft entwickelt. Die Bewunderung für den „amerikanischen Traum“ ist langsam geschwunden, die Schattenseiten der amerikanischen Zivilisation wurden schärfer wahrgenommen.

DRIVE-IN CHRISTIAN CHURCH. Daytona Beach, Florida. Le pain est d’une taille peu commune pour être bien visible durant la Sainte Cène. The Bread is of unusual size to be clearly visible during the Holy supper.
Copyright: Cyril Abad

Seit dem Aufkommen der Tea Party und Donald Trumps ersten Schritten auf der politische Bühne ist auch die spezifisch amerikanische Form von Religiosität in den Blickpunkt geraten. Konnte man als Kabel-TV- oder Satellitenzuschauer über „Praise the Lord-TV“ noch schmunzeln, ist vielen seither das Lachen vergangen. Evangelikale Kleinkirchen mit stockreaktionären Ansagen verschmelzen mit weißen Überlegenheitsfanatikern und deren Milizen. Ein Präsident lässt sich die Straße freiknüppeln, um dem Weißen Haus gegenüber die Bibel zu schwenken.

Der freischaffende Fotograf Cyril Abad hat in einem bemerkenswerten fotografischen Projekt versucht, diese „christliche“ Gegenkultur auszuloten. Herausgekommen sind teilweise urkomische Fotos aus einer Drive-In-Kirche oder einer evangelikalen Gemeinde von und für Nudisten. 52% der US-amerikanischen Bevölkerung sind offiziell in evangelikalen Kirchen organisiert, aber trotzdem gehen die Besucherzahlen von Gottesdiensten und Festen ständig zurück, Abad zeigt, wie Prediger mit modernen PR-Methoden versuchen, ihre Schäfchen zurück in die Kirchen und ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Auch wenn Abad die komischen Aspekte des religiösen Sektenwesens zeigt – seine Reportagen wecken zugleich ein Verständnis für die Menschen, die dem Ruf der Freikirchen folgen. Es wäre zu einfach, sie als religiöse Spinner oder Außenseiter abzutun. Sie sind auf eine ganz spezielle Weise in der „Mitte der Gesellschaft“ angesiedelt, obwohl ihnen diese Gesellschaft im Prinzip nichts anzubieten hat.

Cyril Abad, der von der Streetphotography kommt, steht für mich in der Tradition der „humanistischen Fotografie“ der 50er und 60er Jahre. Schaut euch auf seiner Homepage die Fotoserien zum Projekt „In God we trust“ an.

Videosonntag: Wie „relevant“ ist Kultur? Am Beispiel der Fotografie

Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten. Ein typisches Merkmal solcher Zeiten war und ist immer die Geringschätzung der Kultur. Kultur – das ist mehr als Museen, klassische Konzerte, patinierte Kunstrituale. Ausnahmsweise einmal ein Zitat aus Wikipedia: Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbstgestaltend hervorbringt – im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.

Hartwig Moosmann hat sich darüber aus aktuellem Anlass Gedanken gemacht. Vermutlich trage ich jetzt Eulen nach Athen, denn die meisten von euch kennen vermutlich seinen Videokanal „Akigrafie live“. Trotzdem. Manche Dinge können nicht oft genug und nicht eindringlich genug gesagt werden.

Sagt da wer „Sozialschmarotzer“?

Wer „Rückkehr nach Reims“ verschlungen oder das „Ende von Eddy“ gelesen hat, wird „Die Wurzeln des Zorns“ ganz besonders zu schätzen wissen. Wem die ersten beiden Bücher zu kopflastig oder zu thematisch zu speziell waren, sollte das bemerkenswerte Buch von Vincent Jarousseau als gute Alternative zur Hand nehmen. Es ist eine Mischung aus Sozial- und Fotoreportage und Graphic Novel

Am Beispiel der nordfranzösischen Industriestadt Denain zeigt der Autor, was die Absiedlung eine Industrie für eine Gemeinde bedeutet, in der die Menschen seit Generationen mit dieser verflochten waren. Es ist zugleich ein brillanter Einblick in das Leben derjenigen, die vom derzeitigen französischen Staatspräsidenten Macron als Faulenzer und Minderleister abgekanzelt werden.

Als 1978 der Generaldirektor von Usinor die Einstellung der Eisen- und Stahlherstellung in Denan verkündet, bedeutet das mit einem Schlag den Verlust von mehr als 5.000 der vorhandenen 6.790 Arbeitsplätze. Trotz Protesten, Großdemonstrationen von anderen Stahlarbeitern aus ganz Frankreich und nationaler Gewerkschaftsmobilisierungen lässt sich die Schließung nicht verhindern.

Usinor und seine Vorläuferunternehmen hatten nicht nur Werkswohnungen, sondern einen Versammlungssaal, Kinos und sogar eine Kirche errichtet. Denain war eine typische „Fabriksstadt“, wie man sie sonst eher aus den USA kennt. Diese Infrastruktur brach binnen kurzem zusammen.

Hatten die Stahlarbeiter und ihre Familien vorher voll Stolz erzählen können, dass sie Denain niemals verlassen mussten, weil es ja „bei ihnen“ alles gäbe, waren sie jetzt plötzlich isoliert. Eine schlechte Verkehrsanbindung mit öffentlichen Transportmitteln an die nächstgelegenen größeren Orte machte das Auspendeln schwierig. Immer mehr junge Leute aus Denainl konnten aufgrund der prekären Existenz ihre Eltern, die auf „Arbeitslosengeld“ oder freiwillige Sozialunterstützungen angewiesen waren, keinen Führerschein mehr machen, nicht in andere Städte gehen, um dort Schuhen oder Lehrstellen zu suchen – eine soziale Katastrophe.

Vincent Jarousseau war für eine Reportage nach Denain gekommen – geblieben ist er zwei Jahren, gewohnt hat er bei Einheimischen. Berührende Einzelporträtsd lassen das Schicksal von Menschen lebendig werden, deren Existenzen dem Profit eines Großkonzerns geopfert wurden. Und die jetzt auch noch vom Staat und seinen Repräsentanten verhöhnt werden. Das ist ein idealer Nährboden für die Sozialdemagogie des Rassemblement Nationale (Ex-FN). Kein Wunder auch, dass etliche Denainois an den Gelbwestenprotesten teilgenommen haben.

Trotz alledem aber ist der Mut vieler Junger ungebrochen – sie versuchen zu härtesten Bedingungen etwas aus ihrem Leben zu machen. Ein Buch, das man jenen unter die Nase reiben sollte, die von „Sozialschmarotzertum“ (egal wo) schwafeln.

Kurt Lhotzky

Vincent Jarousseau

Die Wurzeln des Zorns

Blessing, 166 Seiten, 20,60 EUR

Wenn Dein Foto nicht gelungen ist, warst Du nicht nahe genug dran

Drei Fotografinnen und Fotografen haben in den 30er Jahren eine Revolution im Bildjournalismus eingeleitet: die Deutsche Gerta Pohorylle, der Ungar Endre Friedmann und der Pole David Roman Szymin. Berühmt wurden sie unter ihren selbstgewählten Pseudonymen: Gerda Taro, Robert Capa und „Chim“ Seymour.

Ihre Reportagen aus dem revolutionären Spanien und über den Kampf gegen den faschistischen Putsch vom Juli 1936 bis zur bitteren Niederlage der Republik 1939 haben nicht nur den Blick der Welt auf den südeuropäischen Kriegsschauplatz verändert – die Kriegsberichterstattung war mit ihnen in eine neue Zeitrechung eingetreten.

Schon der Krimkrieg (1853-1856), der amerikanischen Bürgerkrieg (1860-1865) oder der 1. Weltkrieg (1914-1918) wurden fotografisch dokumentiert. Statisch dokumentiert: Geschützstellungen mit posierenden Artilleristen (Krim); Schlachtfelder mit arrangierten Gefallenen (amerikanischer Bürgerkrieg); auf den Sieg anstoßende Offiziere in Feldquartieren weit vom Schuss (1. Weltkrieg).

Revolution des Bildjournalismus

So wie sich die Kriege waffentechnisch veränderten, veränderte sich der Fotojournalismus durch die Entwicklung der Kameratechnik. Pohorylle (1910-1937), Friedmann (1913-1954) und Szymin (1911-1956) waren die bekanntesten, aber keineswegs die einzigen, Vorreiter einer neuen Zeit, die mit dem Namen einer Kamera verbunden ist: der Leica. Die kleine Rollfilmkamera revolutionierte die Fotografie, weil man keine riesigen Plattenkameras mehr herumschleppen musste. Der „schnelle Schuss“ war möglich geworden – man konnte den historischen Augenblick festhalten, weil man mit der Kamera mitten im Geschehen stand.

Was war nun das Besondere an den drei Fotografinnen und Fotografen, die sich Anfang der 30er Jahre im Pariser Exil kennenlernten – arm, aber unverzagt? Was hatten sie gemein? Alle drei stammten aus (unterschiedlich gut oder schlecht situierten) jüdischen Familien; alle waren aus ihren Geburtsländern vertrieben worden – von Faschismus, fanatischem Nationalismus, Antisemitismus. Ihre Herzen schlugen links.

Friedmann hatte das Glück gehabt, 1932 als Fotoassistent beim Deutschen Photodienst eine Serie von Bildern zu schießen, die es auf die Titelseite des „Weltspiegels“ und später anderer internationaler Zeitungen schafften: er war der einzige, der Leo Trotzki bei dessen „Kopenhagener Rede“ auf einer Massenveranstaltung der dortigen sozialistischen Studenten fotografiert hatte.

Als er, der schon vor dem Horthy-Regime aus Ungarn geflüchtet war, nach Paris ging, um den Nazis zu entgehen, half ihm dieser Ruhm freilich wenig. Hunderte Emigranten versuchten, in der französischen Metropole als Fotografen Fuß zu fassen.

Zu ihnen gehörte Gerta Pohorylle aber nicht, die 1933 mit ihrer Jugendfreundin Ruth Cerf nach Paris flüchten musste, nachdem sie wegen illegalen Tätigkeit für die Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) von der Gestapo verhaftet worden, aber durch ihre Kaltblütigkeit wieder frei gekommen war. Die hoch intelligente, selbstbewusste und hübsche junge Frau, die der Sprache ihres Exillands mächtig war, arbeitete als „Tippmamsell“ und teilte sich mit ihrer Kameradin Ruth ein billiges Zimmer. Wenn die beiden ein bisschen Geld verdienen konnten, bewegten sie sich in den Kreisen der politischen Emigranten, besuchten Cafés oder leisteten sich dann und wann den Luxus eines Kinobesuchs.

David Robert Szymin hatte in Leipzig Kunst und Fotografie studiert und war schon 1931 nach Paris gekommen, um an der Sorbonne seine Studien zu beenden. Auch er gehörte zur „Kirchenmaus-Fraktion“, lebte mehr schlecht als Recht in den Banlieues und fotografierte Alltagsszenen. Auch er sympathisierte mit der Linken und das öffnete ihm die Türe zur Redaktion von Regards, einer der KPF nahestehenden, grafisch Maßstäbe setzenden sozialkritischen Illustrierten.

In der kleinen Welt der Exilierten, Antifaschisten und Künstler lief jeder jedem und jeder zwangsläufig über den Weg. Als Endre Friedmann Ruth Cerf im Herbst 1934 um ein Portraitphotoshooting bat, nahm diese ihre selbstbewusste Zimmergenossin Gerta Pohorylle als „Anstandsdame“ mit. Ob es Liebe auf den ersten Blick war oder nicht – beide wurden ein berufliches und privates Paar. Gerta war es auch, welche die brillante Idee gebar, aus dem schlecht bezahlten ungarischen Fotografen Endre Friedmann den reichen amerikanischen Müßiggänger, Weltenbummer und Fotografen Robert Capa zu machen – und sieh an: der „Amerikaner“ akquirierte mit Hilfe seiner Assistentin, die sich nun, anklingend an Greta Garbo, Gerda Taro nannte, lukrative Aufträge. Und Gerda, die bald mit der eigenen Leica unterwegs war, blieb nicht lange Capas Schülerin – ihr Talent und ihr Blick für den „richtigen Augenblick“ machte sie zur ebenbürtigen Partnerin.

In den Cafés trafen sie auf Henri Cartier-Bresson – und Szymin, der großartige Sozialreportagen über die Streiks und antifaschistischen Massendemonstrationen des Jahres 34 fotografiert hatte.

Drei, verbunden im Leben und im Tod

Als im Sommer 1936 drei Generäle der spanischen Armee, gestützt auf die faschistische Falange, gegen die Republik revoltierten und vollmundig erklärten, innerhalb von ein paar Wochen in Madrid ihren Kaffee trinken zu wollen, war für die Pariser Emigrantinnen und Emigranten klar: In Spanien ging es ums Ganze. Dort bestand die reelle Chance, die faschistische Flut zu brechen, die drohend in ganz Europa anschwoll und bereits Ungarn, Italien, Österreich und Deutschland überfschwemmt hatte. Wer konnte, kämpfte – für die Republik, für die Revolution, die einen mit dem Gewehr, die anderen mit der Kamera.

Capa, Taro und Chim Seymour, wie sich Szymin nannte („Meinen Namen kann keiner aussprechen“) gingen nach Spanien, Capa und Taro arbeiteten oft gemeinsam. Und dort zeigten sie der Welt, was Kriegsreportage sein kann: gemeinsam mit republikanischen Milizionären stürmten sie gegen die Stellungen der Putschisten vor, fotografierten unter dem Feuer der feindlichen Maschinengewehre die angespannten Gesichter ihrer camaradas, teilten das Leben der Soldaten, mischten sich unter die Trecks der vor den Faschisten flüchtenden Zivilbevölkerung, besuchten Feldlazarette und zeigten das ungeschminkte Gesicht des Krieges. Sie waren nicht „objektiv“, sie waren nicht „unparteiisch“. Ihre Fotos waren Statements: für die Republik, gegen den Faschismus.

Jede und jeder der drei hatte seinen eigenen Stil. Robert Capas Stärke war die Fotografie der Offensive, das Alltagsleben in den republikanischen Stellungen. Sein Ausspruch: „Wenn Dein Foto nicht gelungen ist, warst Du nicht nahe genug dran“ spiegelt sein Verständnis seiner Arbeit wider. Gerda Taro fotografierte häufig Frauen – Frauen in Waffen, Arbeiterinnen beim militärischen Training, Pflegerinnen in den Lazaretten. Auch sie war an der Front – die „ pequeña rubia“ genoss ob ihrer Tapferkeit die Hochachtung der Soldaten, die sich anfangs über die kleine Deutsche lustig gemacht hatten. Chim konzentrierte sich auf Leben und Leiden der Zivilbevölkerung, vor allem der Kinder (ein Thema, dem er sich nach 1945 im Auftrag der UNESCO neuerlich annahm).

Am 25. Juli 1937 wurde Taro beim Rückzug der republikanischen Truppen von der Brunete-Front von einem Panzer überrollt, als sie vom Trittbrett eines LKW, der sie mitgenommen hatte, abrutschte. Sie starb einen Tag später als erste Kriegsreporterin, die im Einsatz gefallen war.

Der Leichnam Gerda Taros wurde nach Paris überführt, ihre Beisetzung am 1. August (ihrem 27. Geburtstag) wurde zu einer antifaschistischen Massendemonstration. Zehntausende folgten dem Sarg. Unter den Trauergästen befanden sich neben Capa Ruth Cerf, Henri Cartier-Bresson, Pablo Neruda und Louis Aragon.

Robert Capa starb 1954 in Vietnam durch eine Landmine. Chim Seymour wurde 1956 am Suezkanal von einem ägyptischen Scharfschützen getötet.

Zwei Romane – unterschiedlich, aber großartig

Soeben sind zwei sehr unterschiedliche Romane über Gerda Taro und Robert und Chim erschienen.

Helena Janeczek, die in Deutschland als Tochter polnisch-jüdischer Überlebender der Nazizeit geboren wurde und seit vielen Jahren in Italien lebt, hat mit „Das Mädchen mit der Leica“ Gerta Pohorylle ein schönes und differenziertes literarisches Denkmal gesetzt. Aus der Sicht dreier Weggefährtinnen und Freunde entwickelt sie das Bild einer unerhört lebendigen, unerschrockenen und selbstbewussten Frau, welche sie wohl mit Recht in einem Interview als „betörend“ bezeichnet hat. Da ist einmal Willy Chardack, der in Deutschland und Paris zum engsten Freundeskreis Gertas gehört hatte und unglücklich in die junge Frau verliebt war. Chardack konnte Europa gerade noch rechtzeitig verlassen und in die USA emigrieren, wo ihn seine linke Vergangenheit immer wieder ins Visier der antkommunistischen Geheimdienste brachte. Wir begleiten den Miterfinder des Herzschrittmachers auf einem Spaziergang, auf dem ihm Erinnerungsfetzen an Gerda durch den Kopf gehen. Georg Kuritzkes, in den 20er und 3er Jahren Aktivist des Kommunistischen Jugendverbandes und dann der SAP arbeitet für die Welternährungsorganisation der UNO in Rom. Er war eine Zeit lang der Glückliche, der Gertas Leben teilen durfte – bis der „ungarische Fotograf“ in ihr Leben einbrach. Beide, Willy und Georg, lässt die Erinnerung an die faszinierende junge Frau nicht los. Ruth Cerfs Erinnerungen sind wohl die differenziertesten. Als Zimmergenossin in Paris hat sie die Kehrseite einiger Eigenschaften Gertas erlebt, die sie zugleich auch wieder liebenswert machten: Ihre rasche Entflammbarkeit für neue Menschen, ihr manchmal bis an die Grenze des Egoismus gehendes Selbstbewusstsein, aber auch ihre emotionale Zerbrechrlichkeit, die sie nie nach außen kehrte.

Helena Janeczek ist ein wunderbares Buch geglückt, das Gerda Taro lebendig in ihrer Zeit porträtiert. Was mich zusätzlich für diesen Roman einnimmt, ist die intelligente Fotoauswahl, insbesondere das Coverfoto, das meiner Meinung nach das gelungenste Porträt Gerda Taros ist. „Das Mädchen mit der Leica“ wurde übrigens mit dem Premio Strega, dem bedeutendsten Literaturpreis Italiens, ausgezeichnet.

Die junge französische Journalistin Isabelle Mayault hat mit „Eine lange mexikanische Nacht“ einen sprachlich bezaubernden, witzigen und berührenden Roman über das „Nachleben“ der drei Fotografinnen und Fotografen geschrieben.

Im Jahr 2007 war es dem Bruder Capas, Cornell Capa, nach jahrzehntelangem Suchen geglückt, in Mexiko Stadt den berühmten „mexikanischen Koffer“ ausfindig zu machen. 1939 hatte Chim drei Schachteln mit insgesamt 4.500 Negativen und einigen Abzügen einem Freund anvertraut, damit dieser sie vor den vorrückenden Nazis in Sicherheit brachte. Es handelte sich um unveröffentlichte Fotos von Bob, Gerda und Chim. Auf Umwegen gelangten diese Kartons (die zwar in einem Koffer transportiert wurden, aber Schachteln waren und blieben) ins Haus eines obskuren mexikanischen Generals. Ein Filmemacher „erbte“ die Negative und übergab sie 2007 unentgeltlich dem von Cornell Capa gegründenten „International Center of Photography“ in New York.

Mayault zeichnet den Weg des „mexikanischen Koffers“ nach. Die Achse des Romans sind die Lebensgeschichten jener starken und pfiffigen Frauen, die das Geheimnis des Nachlasses von Taro, Capa und Seymour bewahrt haben. Durch die Handlung führt der mäßig erfolgreiche Filmemacher Luca, genannt Jamon, der sensibel und sarkastisch zugleich erzählt, warum er sich letzten Endes von diesem „Gral“ der zeitgenössischen Fotografie trennt.

Auch dieser Roman wurde zu Recht mit einem Preis bedacht – dem Prix Ulysse du Premier Roman 2019. Ein atmosphärisch schönes Buch.

Kurt Lhotzky

Isabelle Mayault

Übersetzt von Jan Schönherr

Eine lange mexikanische Nacht

Rowohlt | 240 Seiten | 22,70 EUR

Helena Janeczek

Übersetzt von Verena von Koskull

Das Mädchen mit der Leica

Berlin Verlag | 352 Seiten | 22,70 EUR

Die sowjetische Gräberanlage in Groß-Enzersdorf

Zwischen dem 16. März und dem 15. April tobten im Wienerwald und rund um Wien erbitterte Kämpfe zwischen sowjetischen Truppen und Verbänden der Nazi-Wehrmacht, die nach dem Scheitern der Offensive am ungarischen Plattensee Richtung Wien zurückwichen.

Am 16. März 1945 begannen die 4. und 9. Gardearmee der Roten Armee als Angriffsspitze die Gegenoffensive. Den beiden Eliteeinheiten folgten bald motorisierte Verbände. Insgesamt marschierten 400.000 Soldaten, unterstützt von 7.000 Sturmgeschützen und schwerer Artillerie und 400 Panzern zur Befreiung Wiens auf. Ihnen gegenüber standen SS-Panzerverbände und Truppen der Wehrmacht.

Am 11. April nahm das 23. Panzerkorps unter Generalleutnant Achmanow Deutsch-Wagram, am 13. April das 18. Garde-Schützenkorps Groß-Enzersdorf.

Die gesamte „Wiener Operation“ kostete 168.000 sowjetischen Soldaten das Leben.

In Groß-Enzersdorf erinnert am Ortsfriedhof eine sowjetische Gräberanlage an die hier Gefallenen. Eine Gedenktafel trägt die Inschrift:

Ewiger Ruhm den sowjetischen Kriegern,
die im Kampf mit den deutschfaschistischen Usurpatoren für die
Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas gefallen sind.


Ein Obelisk, gekrönt von einem Roten Stern, trägt die russische Inschrift:


Helden des Krieges. Die Völker bewahren für ewig die gute Erinnerung an Euch, die Ihr die Ehre mit russischen Waffen hochgehalten habt.

Statt eines Videosonntags: Internationale Streetphotographers sehen die COVID-19-Krise

Nach wie vor sind die meisten von uns in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die kapitalistische Konsumgesellschaft hat das WEGEN PANDEMIE GESCHLOSSEN-Schild hinausgehängt. Während wir versuchen, einen Lebensrhythmus zu finden, der uns durch weitgehende soziale Isolierung und fehlende Arbeit abhandengekommen ist, füllen sich die Spitäler mit Menschen, die mangels Tests in Angst und Ungewissheit warten, was mit ihnen geschehen wird.

Der schottische Journalist und Fotograf Sergio Burns hat einen sehr berührenden Artikel darüber geschrieben, wie Fotografinnen und Fotografen diese Krise verarbeiten.

Fotografie in den Zeiten von COVID-19

Plötzlich war es aus mit dem lockeren Herumflanieren; mit den abendlichen Treffen zwecks Ausstellungsbesuch. Auf einmal wurden Versammlungen und Demonstrationen verboten (gerade, als sich innerhalb kurzer Zeit in Wien eine neue Demonstrationskultur entwickelt hatte, nicht zuletzt aufgrund des Streiks in der Sozialwirtschaft).

Dann schlossen die Museen, die Galerien, dann sollte man möglichst nicht mehr auf die Straße, bis auf „infrastrukturwichtige“ Betriebe wurde alles dichtgemacht. Dann saß man zu Hause. Im Homeoffice. Oder versuchte sich als Ersatzlehrer für die Kinder, die nicht mehr in die Schule durften. Oder schreckte sich, wenn man zur „Risikogruppe“ gehört. Oder … oder … oder …

Auf Dauer war es wenig belebend, den online Bodycount des COVID-19-Virus zu verfolgen.

Was macht man als Fotograf (natürlich gilt die Unschuldsvermutung: Ich spreche nicht von den Profis!), wenn einem vor der Nase die Tür zu den Motiven verrammelt wird?

Na ja, man kann ja auch einmal den etwas beengten Alltag ablichten.

Wohl dem, der ein Gärtchen zu bestellen hat – das wusste schon Voltaires Candid. Naturfotografie, bis man alle Pflanzen durch hat?

Na ja, gar keine schlechte Idee, um sich einmal mit allen Kameraeinstellungen auseinanderzusetzen (und ich sagte: „allen“!). Das öffnet Möglichkeiten.

Irgendwann hat man aber (auch oder besonders?) im kleinen Garten die Pflanzen, Bäume, Gräser, Unkräuter, die Nützlinge und die Schädlinge satt. Dann müssen die abstrakten Formen her!

Der Ausnahmezustand ist jetzt noch nicht einmal eine ganze Woche alt. Und schon wird man unruhig. Schlimm. Oder gut. Ich hoffe, dass alle, die immer gesagt haben: „Den Häftlingen gehts heutzutage viel zu gut! Haben Zimmer mit Fernseher!“ nach ein paar Wochen „Hausarrest“ kapieren, dass es nicht lustig ist, einen begrenzten Raum nicht verlassen zu können (obwohl man im Gegensatz zu Strafgefangenen im Panikfall hinausrennen könnte).

Ändert aber nichts daran: Was kann man da fotografieren? Na ja, wie heißt es so schön im Kultfilm „Casablanca“? „Uns bleibt immer noch der Kater„.

Kampf um die 35-Stunden-Woche

Gestern haben in Wien über 2.500 Beschäftigte in der Sozialwirtschaft und mit ihnen solidarische Menschen in Wien für die Einführung der 35-Stunden-Woche demonstriert. Das Besondere: Das Gros der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kam aus bestreikten Betrieben. In mehr als 100 sozialwirtschaftlichen Betrieben in Wien hatte das Personal gestern die Arbeit niedergelegt.

Insgesamt sind rund 135.000 Menschen in der Sozialwirtschaft beschäftigt. Dieser Kampf um eine Arbeitszeitverkürzung könnte der Beginn einer weit größeren Bewegung sein. Die Sozial- und Arbeiterfotografie könnte also in nächster Zeit deutlich an Bedeutung gewinnen.