Das war das Fotobuchfrühstück im WestLicht

Die Wiener Fotogalerie WestLicht war am Samstag, 13. April Schauplatz des Fotobuchfrühstücks von Reflektor und Eyes on. Reflektor, das ist eine in Wien beheimatete Plattform, die Fotografinnen und Fotografen die Möglichkeit bietet, selbst publizierte Fotobücher unter einen gemeinsamen „Schirm“ zu stellen. Es handelt sich also um keinen Verlag und keine Vertriebsplattform, sondern wie es in der Selbstdarstellung der Gruppe heißt: „Reflektor ist eine Plattform, die die gemeinsame Freude am Fotobuch ins Zentrum stellt. Reflektor bürgt mit seinem Namen für Qualität“.

Die Zusammenarbeit mit WestLicht er gab sich unter anderem daraus, dass die derzeit laufende Ausstellung mit Fotos des deutsch-französischen Fotografen Edouard Baldus (1813-1889) enge Beziehungen zum Fotobuch aufweist. Der Fotopionier Baldus hat mit einer in einem Album veröffentlichten Sammlung von Arbeiten “Chemin de fer de Paris à Lyon et à la Mediterranée” („Die Eisenbahn[strecke] von Paris nach Lyon und ans Mittelmeer„) im Jahr 1863  eine unerhört modern wirkende Bestandsaufnahme der architektonischen Highlights in Frankreich entlang der neuen Eisenbahnstrecke geschaffen.

WestLicht fungierte als  perfekter Gastgeber: Kurator Fabian Knierim  leitete den „offiziellen Teil“ mit einer Präsentation der Bilder von Baldus und der gleichzeitig stattfindenden Werkschau von Katharina Gaenssler ein.

Die 1974 geborene Fotografin hat sich darauf spezialisiert, Räume fotografisch zu dokumentieren. Mit tausenden Aufnahmen “scannt” sie gleichermaßen Interieurs und baut diese bei Ausstellungen als Installation nach.  Auch bei Gaenssler gibt es eine starke Affinität zum Fotobuch. In oft mehreren tausend Seiten starken Büchern dokumentiert sie ihre Arbeit.

Vreni Hockenjos und Rainer Riedler präsentierten anschließend REFLEKTOR.

Elodie Grethen stellte dann ihr Buch “Tokyo Stories” vor, das 2017 zu den “schönsten Büchern Österreichs” gehörte. Die Fotografin war während eines mehrmonatigen Aufenthalts in Japan mit einem völlig neuen Set von Regeln und Moralvorstellungen konfrontiert. Das wurde Ausgangspunkt eines Projektes, das sich mit der Frage Intimität und Möglichkeiten der Begegnung in Tokio auseinandersetzte.

Allesandra d’Intino präsentierte anschließend ihr Buch “Der Marsspion”, die ironische fotografische Umsetzung einer klassischen deutschen Zukunftsnovelle von Carl Grunert (1865-1918). Sie parodiert damit die gängige Reiseführerliteratur, indem sie einen Guide zum Roten Planeten vorlegt.

Mit etwas mehr als 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war das Fotobuchfrühstück eine wirklich gelungene Initiative, die sich hervorragend ins Programm der Foto Wien einfügte.

Die folgende kleine Fotogalerie  soll einen kleinen Einblick in die Atmosphäre vermitteln.

Videosonntag: Vreni Hockenjos über Fotobücher und Fotomagazine

Vergangene Woche habe ich einen Mitschnitt eines Talks im Rahmen der Foto Wien über Fotobücher und Fotomagazine online gestellt. Leider hat aufgrund der schlechten Akustik der Anfang des Gesprächs gefehlt.

Dr. Vreni Hockenjos war so freundlich, mir ein separates Interview für complexityinaframe zu ermöglichen, damit meine Leserinnen und Leser die Chance haben, ihren konzisen Überblick über die Geschichte des Fotobuchs doch noch zu hören.

Money makes the world go round

Im Rahmen der Foto Wien kann man in der Milaneum Vintage Photography Galerie in der Westbahnstraße 40 Fotos zum Thema “Geld in der Fotografie 1860 bis 1960” sehen.

Das Interessante ist zunächst einmal die Location. Die Galerie ist neu, sie trägt dazu bei, dass die Westbahnstraße ihrem Ruf als die Wiener Fotomeile wieder einmal gerecht wird.

Wie der Name bereits andeutet, steckt Mila Palm hinter dem Konzept der Vintage Galerie. Seit 2010 ist Palm unter anderem als Kuratorin tätig. Die begeisterte Sammlerin hat beispielsweise 2015 die Ausstellung “Gerahmtes Gedächtnis” kuratiert, die gezeigt hat, wie sehr die Rahmung und Präsentation von privaten Erinnerungsfotos den jeweiligen Zeitgeist widerspiegelt, mit all seinen kitschigen Untiefen.

„Geld und Fotografie“ ist ein Forschungsschwerpunkt von Mila Palm. Dementsprechend kann sie beeindruckende Dokumente präsentieren, von Reportagefotos  aus Gelddruckereien, Porträts von Menschen mit und ohne Geld, und Bilder von Einbruchswerkzeugen  diejenigen, die zu Geld kommen wollten. Ausführliche Beschreibungen spare ich mir, folgt einfach dem Link zur Seite des Milaneums.

Leider gab es noch keine Beschriftung der Fotos, als ich die Ausstellung besuchte. Das wurde aber durch die hoch informativen Kommentare des „Wächters der Sammlung“ allemal wettgemacht. Humorvoll  und voller Begeisterung für die Exponate wird man durch die kleine Ausstellung geleitet.

In der Vintage Gallery kann man alle Arten von alten Fotos und Drucken erwerben, zu durchaus moderaten Preisen. Die hellen Räume sind einladend und vielleicht ist es auch ganz gut, wenn man einmal in einem kleineren Rahmen Fotos intensiv betrachten kann, ohne von einer wuchtigen Bilderflut überrollt zu werden.

Ein Hinweis für alle, die in Wien zu Hause sind oder zur Foto Wien kommen: am 17. April stellt Mila Palm im Rahmen der Bildbesprechungen um 18 Uhr ein Foto des Tages vor.

Videosonntag: Ein Fotograf gegen Monsanto

Im Rahmen der Foto Wien ist die beeindruckende und aufrüttelnde Reportage des französischen Fotografen Mathieu Asselin über die (Un)Taten des berüchtigten Monsanto-Konzerns zu sehen. Hingehen, anschauen, reagieren!

Übrigens: Monsanto gehört heute zu BAYER…

Videosonntag: Mit complexityinaframe bei der Foto Wien (1. Teil)

Mit der Foto Wien bietet die Bundeshauptstadt ein Festival, das internationale Vergleiche nicht zu scheuen braucht. Mit einem vergleichsweise geringen Budget von 270.000 Euro haben die Organisatorinnen ein fulminantes Projekt in Szene gesetzt. Natürlich ist die Foto Wien ein „großes Thema“ für complexityinaframe. Hier als Teaser ein erster Blick auf das Festival.

Das wird die Foto Wien – Pressekonferenz

von links nach rechts: Gabriele Rothemann, Verena Kaspar-Eisert, Bettina Leidl, Sophie Tappeiner

Im Rahmen des European Month of Photography (EMOP) steht Wien zwischen dem 20. März und dem 20. April 2019 ganz im Zeichen der Fotografie. Bereits die Auftaktpressekonferenz dokumentierte, dass 30 außergewöhnliche und spannende Tage für alle Fotografie Interessierten angebrochen sind.

Das Podium zeigte deutlich, dass im Rahmen der Foto Wien in vielerlei Hinsicht der Rolle von Frauen in der modernen Fotografie Rechnung getragen wird.  Ich habe auf complexityinaframe darüber berichtet, dass es im vergangenen Jahr zu diesem Thema rund um die international wichtigen “Rencontres de la Photographie” in Arles heftige öffentliche Kontroversen gegeben hat. Zu Recht wurde meiner Meinung nach kritisiert,  dass bei diesem renommierten Festival Fotografinnen unterrepräsentiert sind. Das ist bei der Foto Wien nicht der Fall.

Full house bei der Pressekonferenz

Vier Kuratorinnen, DirektorInnen von Galerien oder Museen, Lehrende an Kunsthochschulen  gaben einen Überblick darüber, was in den nächsten vier Wochen an Ausstellungen, Projekten, Vorträgen, Workshops, Spaziergängen… im Rahmen der Foto Wien stattfinden wird.

Die Festivalzentrale im Postsparkassengebäude, das von Otto Wagner gestaltet wurde, bietet einen fulminanten Rahmen für das bisher größte Fotoevent in Wien. Die Direktorin des KUNST HAUS WIEN, Bettina Leidl, leitete die Pressekonferenz mit einem allgemeinen Überblick über das Programm der Foto Wien ein. Gemeinsam mit 130 Programmpartnerinnen und -partnern werden im architektonischen Kleinod am Georg-Coch-Platz Ausstellungen, Portfolio Reviews, eine Fotobuchausstellung, Vorträge und natürlich Ausstellungen stattfinden.

Blick auf den Zugang zur Fotobuchausstellung

Verena Kaspar-Eisert, Kuratorin im KUNST HAUS WIEN, gehört zu den Mitgestalterinnen der Ausstellung „Bodyfiction“. Das Projekt im Rahmen des European Month of Photography thematisiert die Inszenierung, Darstellung und Instrumentalisierung des menschlichen Körpers in der Gegenwartsfotografie. In Wien werden die Arbeiten der fünf Fotografen und Fotografinnen präsentiert, die für den EMOP Arendt Award 2019 nominiert sind: Carina Brandes, Matthieu Gafsou, Weronika Gesicka, Alix Marie und SMITH.

Blick auf „Bodyfiction“

Gabriele Rothemann, verantwortlich für die Klasse Fotografie an der Universität für angewandte Kunst Wien, führte in die von StudentInnen gestaltete Ausstellung „A Fork in the Road“ ein. Das Schöne an dieser “Leistungsschau” der jungen Fotograf_innengeneration ist die Zusammenarbeit mit der Athens School of Fine Arts. Die bemerkenswerten Arbeiten sind, ebenso wie “Bodyfiction”, im euphemistisch “Tiefparterre” genannten Untergrund des Postsparkassengebäudes zu besichtigen.

Sophie Tappeiner sprach stellvertretend für die  zahlreichen Programmpartner_innen über die Besonderheiten des Festivals.

Beim Rundgang durch die bereits fertig gestalteten Ausstellungsräume und jene Bereiche, in denen noch für die offizielle Eröffnung heute Abend gearbeitet wurde, wurde mir deutlich bewusst, dass sogar 30 Tage Laufzeit der Foto Wien nicht ausreichen werden, um auch nur einen globalen Überblick über alle Veranstaltungen zu bekommen. Alleine die Räumlichkeiten in der ehemaligen Postsparkassenzentrale  sind so opulent, dass man vermutlich stundenlang durch die labyrinthartigen Gänge flanieren könnte.

Ausgesprochen originell wurden Ausstellungsbereiche in die Architektur integriert. So kann man etwa hinter den alten hölzernen Kassenschaltern die beeindruckende Fotobuchausstellung bewundern. Apropos – im Rahmen der Foto Wien wird auch ein Fotobuch-Preis ausgelobt.

Soweit also meine ersten Eindrücke und Informationen zur Foto Wien. Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl an dezentralen Ausstellungen und Vorträgen, die am besten im Internet abgefragt werden können. In den nächsten 30 Tagen wird sich complexityinaiframe jedenfalls regelmäßig mit dem Programm der Foto Wien beschäftigen.

Videosonntag: Den Kreis der Erkenntnis erweitern

In diesem bereits neun Jahre alten Video spricht Susan Meiselas darüber, wie engagierte Fotografie verändern kann, indem sie den Horizont der Erkenntnis der Betrachterinnen und Betrachter erweitert. Susan Meiselas Fotoreportagen über den Volksaufstand gegen das Somoza-Regime in Nicaragua 1979/80 haben Fotogeschichte gemacht.

Ein Spiel zum Sehen lernen

Ich gestehe, dass mich Fotobücher sehr leicht begeistern können. Ein Spiel hat es aber geschafft, meine Begeisterung zu neuen Höhen zu treiben. “My Photography Toolbox” von bispublishers ist ein faszinierendes, unterhaltsames und im wahrsten Sinn des Wortes Augen öffnendes Spiel für alle, die gerne fotografieren, ihre fotografischen Fähigkeiten erweitern oder einen neuen Zugang zu Bildbetrachtung und Bildanalyse finden wollen.

Das Spiel besteht aus 72 Karten, die in fünf Kategorien unterteilt sind: Genre, Komposition, Grundlagen, Prinzipien und Haltung (Attitude). Für jedes Genre gibt es Karten mit Beispielfotos. Jede Karte führt in die Geheimnisse der visuellen Sprache ein und hilft damit, die eigen Kreativität steigern. Die Toolbox zeigt 30 visuelle Prinzipien und ermöglicht es, mit Tools zu spielen, die von der “Hardware” (Smartphones oder Digitalkameras) nicht zur Verfügung gestellt werden können, wie z. B. der Psychologie von Formen und Farben.

Zwei Spielvarianten werden von den Entwicklern vorgeschlagen:

1. BE A MASTER: Ein Bild, basierend auf einem Fotografie-Genre und vier vorgegebenen Regeln. erstellen. Bei dieser Variante sollten Kamera oder Fotohandy berei liegen, denn innerhalb von 20 Minuten sollte ein beeindruckendes Foto entstehen.

2. VERFEINERN SIE IHR AUGE: entdecke die Regeln in vorhandenen Fotos. Eine Schule des fotografischen Sehens.

Man kann “My Photo Toolbox” alleine spielen, besser noch jedoch mit anderen Fotografiebegeisterten. Meiner Meinung nach könnte das geniale Spiel auch eine wertvolle Bereicherung für die künstlerische Erziehung im Unterricht sein.


Hier die Musterkarten aus dem Stapel „principles“

Wenn man das Spiel mit mehreren Personen spielt, ist die einfachste Regel, die Karten jeder  Kategorie aufgedeckt auf den Tisch zu legen. Anschließend hat jeder Spieler oder jede Spielerin die Möglichkeit, innerhalb von 20 Sekunden eine Konzeptkarte einem Foto zuzuordnen. Das Schöne dabei: es gibt keine Sieger und keine Verlierer. Denn natürlich kommt es sehr auf die Interpretation der Betrachter an, welches Prinzip sie in den einzelnen Fotos wiedererkennen. Das ist also ein idealer Ausgangspunkt für Diskussionen darüber, wie unterschiedlich Menschen Bilder sehen können.

Wie beim Fotografieren sind bei diesem Spiel der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Die Entwickler laden dazu ein, ihnen eigene Spielideen oder Spielvarianten mitzuteilen. Das Spiel ist auch auf Instagram zu finden und sollte meiner Meinung nach eine möglichst große Verbreitung finden.

My Photograpy Toolbox

Bispublishers, EUR 15,–

Eine Kurzversion dieses Artikels erscheint in der BUCHSTABENSUPPE 3/2019 des Literaturbuffets.