Es gibt Veranstaltungen, die ihren Zweck erfüllen. Und es gibt Veranstaltungen, die das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute mitreißen. Die Eröffnung des Festivals La Gacilly-Baden Photo 2026 auf der Bühne Baden gehörte zweifellos zur zweiten Kategorie.
Schon der Auftakt setzte den Ton für einen außergewöhnlichen Abend. Engel Mayr interpretierte „God Save the King“ in jener Fassung, die durch einen Auftritt von Brian May am Dach des Buckingham Palace am 3. Juni 2002 anlässlich eines königlichen Jubiläums weltweite Bekanntheit erlangt hatte. Wer es bis dahin nicht wusste, bekam esdeutlich zu hören: Großbritannien ist das diesjähriges Schwerpunktland im Zentrum des Festivals.

Im anschließenden Gesprächsteil begrüßten Lois und Silvia Lammerhuber gemeinsam mit den politischen und diplomatischen Gästen die Besucher*innen. Besonders eindrucksvoll war dabei die Festrede von Lois Lammerhuber. Sein Rückblick auf zwei Jahrhunderte Fotografie war weit mehr als eine historische Betrachtung. Mit großer Sachkenntnis bei gleichzeitiger rhetorischer Verständlichkeit zeichnete er nach, wie sich die Fotografie von einer technischen Innovation zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt hat, die heute unseren Blick auf die Welt prägt wie kaum ein anderes Medium. Klarerweise durfte auch die Erfolgsbilanz der jetzt schon neun Badner Festivals nicht fehlen. 336.288 Fotobegeisterte haben im vorigen Jahr die sieben Kilometer lange Ausstellungsstrecke besucht – ein Beweis, dass Fotografie im öffentlichen Raum eine gewaltige Strahlkraft entfaltet.

Bürgermeisterin Carmen Jeitler-Cincelli unterstrich die Bedeutung des Festivals für die Stadt. Ihr Bekenntnis zu der erfolgericvhen Kulturinitiative ist ein wichtiges Zeichen in einer Zeit, in der gerade bei der Kunst gerne, beinahe lustvoll, der Rotstift angesetzt wird.
Für zahlreiche Lacher sorgte die britische Botschafterin Lindsay Skoll. Mit trockenem britischem Humor würdigte sie den Beitrag ihres Landes zur Geschichte der Fotografie und bewies dabei jenes feine Gespür für Ironie und Selbstironie, das man mit der britischen Insel verbindet. Ihr Auftritt verlieh dem offiziellen Teil eine angenehme Leichtigkeit.
Der französische Botschafter Matthieu Peyraud erinnerte seinerseits an die lange kulturelle Verbundenheit zwischen Frankreich und Österreich und verwies auf ein Jahrhundert intensiver kultureller Zusammenarbeit. Ganz unwidersprochen blieben die Worte seiner Vorrednerin aber nicht – William Talbot Fox hin oder her. Klarerweise musste die Ehre von JosephNicéphore Niépce gerettet werden, wenn es um 200 Jahre Fotografie geht. Insgesamt wurde einmal mehr deutlich, dass das Festival nicht nur ein Ort der Fotografie, sondern auch ein Ort der internationalen Begegnung inklusive kleiner Kabbeleien ist.
Zu den bewegendsten Momenten des Abends gehörte zweifellos der Auftritt von Sir Don McCullin. Die britische Fotografie-Legende schilderte, wie er als Kind einer armen Londoner Familie zur Fotografie fand. Seine Erinnerungen machten deutlich, dass große fotografische Karrieren oft nicht aus privilegierten Verhältnissen entstehen, sondern aus Neugier, Beharrlichkeit und dem Wunsch, die Welt zu verstehen. Der langanhaltende Applaus galt wohl nicht nur dem 91jährigen Fotografen und Zeitzeugen, er war auch ein Tribut an das “Schreiben mit Licht” in seiner ganzen Bandbreite.

Auch die beiden Keynotes überzeugten auf ganzer Linie. Der österreichische Dokumentarfilmer und Fotograf Richard Ladkani sprach eindrucksvoll über seine Zusammenarbeit mit Jane Goodall und die gemeinsamen Projekte zum Schutz von Natur und Tierwelt. Seine Ausführungen machten deutlich, welche Rolle Fotografie und Film im Kampf gegen Umweltzerstörung und Artensterben spielen können. Wir können uns heute schon auf den im kommendes Jahr herauskommenden Film über Jane Goodall freuen – erste Fotos durften wir im Laufe des Abends vorab kennen lernen.

Nicht minder beeindruckend war der Vortrag von Helmut Habersack, UNESCO World Water Chair. Er widmete sich den Herausforderungen von Wasserknappheit, Klimawandel und den globalen Folgen einer sich verschärfenden ökologischen Krise. Seine Ausführungen zeigten, wie eng Umweltfragen, gesellschaftliche Entwicklungen und die Arbeit vieler Fotograf*innen des Festivals miteinander verbunden sind.

Der Höhepunkt des Abends folgte jedoch mit dem Bilderkonzert. Großformatige Projektionen von Fotografien der diesjährigen Ausstellungen wurden von einem Medley berühmter Songs der Beatles und von Queen begleitet. Die Verbindung von Musik und Fotografie erwies sich als außergewöhnlich gelungen. Bild und Klang verschmolzen zu einer Gesamtinszenierung, die das Publikum förmlich auf den Klängen des vom Orchester Baden unter dem Dirigat von Michael Zehetner interpretierten Arrangements von Pavel Singer durch die unterschiedlichen Stationen des Festivals gleiten ließ.

Dass die Begeisterung im Saal echt war, zeigte sich spätestens bei der Zugabe. Als die ersten Töne von „Hey Jude“ erklangen, gab es kein Halten mehr. Das Publikum klatschte mit, sang mit und verwandelte den Konzertsaal für einige Minuten in einen einzigen großen Chor. Selten erlebt man bei einer Festivaleröffnung eine derart unmittelbare Verbindung zwischen Bühne und Publikum.

Nach diesem Abend bleibt vor allem ein Eindruck: Das Festival La Gacilly-Baden Photo ist weit mehr als eine Ausstellung im öffentlichen Raum. Es ist ein kulturelles Gesamtereignis, das Fotografie, Musik, Wissenschaft, Umweltfragen und internationale Begegnung miteinander verbindet. Die Eröffnung 2026 hat dafür ein eindrucksvolles Beispiel geliefert.
Auch wenn Vergleiche schwierig und oft ungerecht sind – aber die diesjährige Eröffnung des Festivals war ein absolutes Highlight. Und ab morgen geht es dann hier zur Sache: Dann folgen Berichte über die einzuelnen Stationen des Festivals!
KONTEXT:
Don McCullin – Die Kamera als Zeugnis der Geschichte
Sir Don McCullin (*1935) zählt zu den bedeutendsten Fotografen des 20. und 21. Jahrhunderts. Weltbekannt wurde der Brite durch seine eindringlichen Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten. Seit den 1960er Jahren dokumentierte er unter anderem die Konflikte in Vietnam, Biafra, Kambodscha, Nordirland, im Libanon und auf Zypern.
McCullins Fotografien zeichnen sich durch ihre außergewöhnliche Nähe zu den Menschen aus. Statt militärischer Strategien oder politischer Machtspiele stehen bei ihm die Opfer von Krieg, Hunger und Vertreibung im Mittelpunkt. Seine Bilder zeigen Verwundete, Flüchtlinge, trauernde Angehörige und jene, die in den Schlagzeilen oft namenlos bleiben.
Neben seiner Arbeit als Kriegsfotograf dokumentierte McCullin auch das Leben der britischen Arbeiter*innenklasse. Seine Aufnahmen aus den Armenvierteln Londons gehören heute zu den wichtigsten sozialdokumentarischen Fotografien Großbritanniens.
Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen. 2017 wurde er von Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagen und darf seither den Titel „Sir“ führen.
Bis heute gilt Don McCullin als einer der großen Humanisten der Fotografie. Seine Bilder erinnern daran, dass Fotografie nicht nur Kunst sein kann, sondern auch Zeugnis, Anklage und historisches Gedächtnis.


