Die Geduld der Bäume: Zum Tod von Elfie Semotan

Sie war eine, die genau hinsah. Elfie Semotan, die am Samstag in Jennersdorf im Burgenland unerwartet verstarb, hinterlässt ein Werk, das sich jeder einfachen Kategorisierung widersetzt. Sie prägte die österreichische Werbefotografie wie kaum eine andere – und überschritt deren Grenzen zugleich immer wieder.

Semotan, 1941 in Wels geboren, begann ihre Karriere auf der anderen Seite der Kamera. Als Model in Paris stand sie vor den Objektiven renommierter Fotografen, bevor sie 1972 endgültig die Seiten wechselte. Vielleicht war es diese frühe Erfahrung, die ihren späteren Blick so unbestechlich machte. Sie wusste, wie Menschen sich vor der Kamera entwerfen – und wie brüchig diese Entwürfe oft sind. „Jeder, der posiert, zeigt eigentlich das Bild von sich, das er in seinem eigenen Spiegel sieht“, sagte sie einmal. Ihr Ziel war es, „diese Haltung aufzubrechen“.

Legendär sind ihre Kampagnen für Palmers und Römerquelle, ihre Porträts von Naomi Campbell, Brad Pitt oder Elfriede Jelinek. Doch Semotan wäre schlecht charakterisiert, würde man sie auf die Rolle der Starfotografin reduzieren. Sie selbst sah sich als Unterwanderin eines Systems, das sie schöner und intelligenter machen wollte – auch wenn sie später ernüchtert feststellte, dass die Werbebranche ihre Arbeiten am Ende doch vereinnahmte.

Der andere Blick: Bäume als Protagonisten

Weniger bekannt, aber vielleicht noch aufschlussreicher für ihr künstlerisches Denken ist ein anderes Sujet: der Wald. In den letzten Jahren widmete sich Semotan intensiv den Bäumen im südburgenländischen Grieselstein, wo sie seit fünf Jahrzehnten ein Landhaus besaß, das ihr als Rückzugsort und Atelier diente.

Hier entstanden Aufnahmen von einer fast meditativen Dringlichkeit. Transparente Stoffe umschlingen Baumstämme, bekleidete Puppen stehen im Gebüsch, bunte Plastikfolien setzen Akzente. Es sind Arbeiten, die Fragen von Natur, Vergänglichkeit und ökologischer Bedrohung berühren, zugleich aber auch eine Hommage an die Geduld und Würde der Natur darstellen. In ihrer Autobiografie Eine andere Art von Schönheit (2016) und im Dialogband Die Kamera (gemeinsam mit Ferdinand Schmatz) reflektierte sie, wie sehr das Fotografieren ihren Blick auf die Welt veränderte. Die Kamera, schrieb sie, sei nicht nur Werkzeug, sondern ihr Begleiter durch ein ganzes Leben gewesen.

Eine leise Rebellin

Ausstellungen wie Der doppelte Blick in der Landesgalerie Burgenland (2024) machten diese Zweigleisigkeit ihres Schaffens sichtbar: hier die glamourösen Modefotografien, dort die nachdenklichen Stillleben und inszenierten Naturstudien aus dem Privatarchiv. Die Kuratorin Katrin Bucher Trantow sprach von einem „doppelten Blick zwischen abstrahierender Distanz und intimer Nähe“ – eine Formulierung, die Semotans künstlerische Haltung präzise trifft.

Für ihr Lebenswerk wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2024 mit dem Großen Landespreis für Kultur des Landes Oberösterreich. Bereits 2011 erhielt sie das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst – eine Anerkennung, die weit über die Grenzen der Fotografie hinausweist.

Denn Elfie Semotan war mehr als eine Fotografin. Sie war eine Chronistin der Zwischentöne, eine Meisterin des respektvollen Blicks. Ihre Bilder suchen nicht den Effekt, sondern die Wahrhaftigkeit des Augenblicks. Ob Menschen, Dinge oder Bäume – sie begegnete ihren Motiven mit derselben Aufmerksamkeit und Geduld. Die österreichische Kultur verliert mit ihr eine große Persönlichkeit; die Fotografie eine Künstlerin, die das Handwerk meisterhaft beherrschte und doch stets nach jenem „Undefinierbaren“ suchte, „das ein Bild großartig macht“. Ihre Fotografien bleiben. Wie die Bäume, die sie so oft aufsuchte, werden sie noch lange von ihrer Gegenwart erzählen.

Kurt Lhotzky

Credits Beitragsbild: Bernhard Holub, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert