Baden wird wieder zur größten Open-Air-Galerie Europas – am 12. Juni 2026 startet das Festival La Gacilly-Baden Photo

Vom 12. Juni bis 11. Oktober 2026 verwandelt sich Baden bei Wien erneut in eine riesige Bilderlandschaft. Das Festival La Gacilly-Baden Photo, mittlerweile die neunte Ausgabe des österreichisch-französischen Fotofestivals, präsentiert auf einer sieben Kilometer langen Route durch Parks, Gärten und die historische Innenstadt rund 1.500 großformatige Fotografien – bei freiem Eintritt und rund um die Uhr zugänglich. Mit mehr als 330.000 Besucher*innen im Vorjahr gilt das Festival heute als das größte Outdoor-Fotofestival Europas.

Das diesjährige Motto lautet „SO BRITISH!“. Nach Australien, Afrika, Lateinamerika oder dem Nahen Osten widmet sich das Festival 2026 der britischen Fotografie und ihrer besonderen Fähigkeit, Gesellschaft zwischen Humor, Ironie, Melancholie und scharfer Beobachtung sichtbar zu machen. Großbritannien erscheint dabei nicht als touristische Postkarte, sondern als vielschichtige Gesellschaft voller Widersprüche, Eigenheiten und sozialer Brüche.

Die großen Namen der britischen Fotografie

Zu den Höhepunkten zählt die Ausstellung von Don McCullin. Der legendäre Kriegs- und Reportagefotograf hat wie kaum ein anderer das Elend von Krieg, Armut und sozialer Ausgrenzung dokumentiert. Seine Bilder gehören zu den eindrucksvollsten fotografischen Arbeiten des 20. Jahrhunderts. Das Festival widmet ihm mit „Das Leben, der Tod und was bleibt“ eine große Retrospektive.

Nicht weniger spannend ist die Präsentation von Martin Parr, dessen satirischer Blick auf Konsumgesellschaft, Tourismus und Alltagskultur die Dokumentarfotografie nachhaltig geprägt hat. Seine Arbeiten verbinden scharfe Gesellschaftsbeobachtung mit einem unverwechselbaren Humor. Das Festival 2026 ist ihm gewidmet.

Einen historischen Blick auf England bietet die Ausstellung von Tony Ray-Jones. Seine Fotografien aus den 1960er Jahren gelten heute als Grundstein der modernen britischen Street Photography. Viele der jüngeren britischen Fotograf*innen stehen bewusst in seiner Tradition.

Wer sich für zeitgenössische Straßenfotografie interessiert, sollte die Arbeiten von Josh Edgoose nicht verpassen. Seine Serie „Swinging London“ zeigt die britische Hauptstadt als pulsierenden, widersprüchlichen Lebensraum zwischen Tradition und Gegenwart. Ebenfalls sehenswert sind die oft bissigen Gesellschaftsporträts von Peter Dench sowie die Fotografien von Mary Turner über das Leben in den Randgebieten Englands.

Musikfans kommen bei der Ausstellung von Terry O’Neill auf ihre Kosten. Seine Bilder von Rock- und Poplegenden gehören längst zur Ikonographie der Popkultur. Ergänzt wird dieser Themenkreis durch eine Beatles-Ausstellung von Christian Skrein sowie grafische Arbeiten des französischen Designers Michel Bouvet.

Der Zustand unseres Planeten

Wie jedes Jahr beschränkt sich das Festival nicht auf einen geografischen Schwerpunkt. Ein zweiter großer Themenblock widmet sich globalen Umwelt- und Naturfragen. Seit seiner Gründung versteht sich La Gacilly-Baden als Festival, das die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt ins Zentrum stellt.

Besonders neugierig macht die Ausstellung von Gina Soden, die verlassene Orte und die Schönheit des Verfalls dokumentiert. Die US-amerikanische Fotografin Cig Harvey zeigt poetische Bildwelten voller Farbe und Sinnlichkeit. Der französische Fotograf François Fontaine präsentiert mit „Eden“ eine Hommage an die Schönheit der Natur.

Während Millionen Reisende jedes Jahr die berühmten Nationalparks Tansanias besuchen, bleibt ein außergewöhnliches Naturgebiet weitgehend unbeachtet: das Udzungwa-Gebirge im Zentrum des Landes. Die dicht bewaldete Bergregion gehört zu den artenreichsten Ökosystemen Afrikas und gilt unter Wissenschaftler*innen als eines der bedeutendsten Schutzgebiete des Kontinents. Hier wurde erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit dem Kipunji eine bis dahin unbekannte Affenart entdeckt. Spektakuläre Wasserfälle wie der 170 Meter hohe Sanje-Fall prägen eine Landschaft, die zugleich Lebensraum für zahlreiche endemische Tier- und Pflanzenarten und wichtige Wasserquelle für die umliegende Region ist.

Der französische Fotojournalist Frédéric Noy hat dieses bedrohte Naturparadies im Auftrag der Fondation Yves Rocher über mehrere Monate hinweg dokumentiert. Seine Arbeiten verbinden eindrucksvolle Naturfotografie mit einer präzisen Auseinandersetzung mit ökologischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Noy gilt seit vielen Jahren als einer der profiliertesten französischen Fotografen zu Umwelt-, Klima- und geopolitischen Themen. Seine Ausstellung verspricht einen seltenen Einblick in eine Region, die selbst vielen Afrika-Kenner*innen kaum bekannt ist. Ein Interviewtermin mit diesem bemerkenswerten Fotografen ist angefragt – ich hoffe also, über Udzungwa und andere spannende Langzeitprojekte Frédéric Noys bald ausführlicher berichten zu können.

Wasser als Lebensgrundlage

Ein weiterer Schwerpunkt beschäftigt sich mit dem Thema Wasser. Hier ragt besonders die Ausstellung von Laurent Ballesta hervor. Der Meeresbiologe und Fotograf zählt zu den bedeutendsten Unterwasserfotografen der Gegenwart. Seine Aufnahmen aus den Tiefen der Ozeane zeigen Welten, die den meisten Menschen verborgen bleiben.

Ebenfalls bemerkenswert sind die Arbeiten von Stéphane Lavoué über das Leben auf dem Meer sowie die eindringliche Reportage des indischen Fotografen Supratim Bhattacharjee über die Folgen des Klimawandels in den Sundarbans.

200 Jahre Fotografie

2026 feiert die Fotografie ihr 200-jähriges Jubiläum. Das Festival greift diesen Anlass mit mehreren historischen Ausstellungen auf. Besonders hervorzuheben ist die Präsentation der Arbeiten von Anna Atkins, die als eine der ersten Fotografinnen der Geschichte gilt. Ebenfalls außergewöhnlich ist die Ausstellung „Stereoscopic Adventures in Hell“, kuratiert von Brian May, der seit Jahrzehnten historische Stereofotografien sammelt.

Dazu kommen Arbeiten von Robert Capa sowie mehrere Projekte österreichischer Fotograf*innen, die zeigen, wie lebendig und vielfältig die heimische Fotoszene heute ist.

Mehr als nur Ausstellungen

Das Festival bietet auch 2026 wieder ein umfangreiches Rahmenprogramm. Geplant sind Artist Talks mit Don McCullin, Cig Harvey und Laurent Ballesta, Portfolio-Reviews sowie regelmäßig stattfindende Führungen durch die wichtigsten Ausstellungen. Wer tiefer in die Hintergründe der Arbeiten eintauchen möchte, sollte diese Termine unbedingt im Auge behalten.

Nichts wie hin!

La Gacilly-Baden hat sich in wenigen Jahren von einem ambitionierten Kulturprojekt zu einem der bedeutendsten Fotofestivals Europas entwickelt. Die Ausgabe 2026 verspricht eine besonders spannende Mischung aus klassischer Reportagefotografie, Street Photography, Umweltjournalismus, Kunstfotografie und fotografischer Geschichte. Wer sich für Fotografie interessiert, findet hier nicht nur spektakuläre Bilder, sondern auch einen seltenen Überblick über die Themen, die unsere Zeit prägen – von sozialen Veränderungen in Großbritannien bis zu den ökologischen Herausforderungen des Planeten.

Für Fotograf*innen ist Baden zwischen Juni und Oktober 2026 damit einmal mehr ein Pflichttermin.

Kurt Lhotzky

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