Mit René Groebli ist am 5. Mai 2026 einer der eigenständigsten Fotografen der Nachkriegszeit im Alter von 98 Jahren verstorben.
Sein Werk entzieht sich einfachen Kategorisierungen: Es oszilliert zwischen dokumentarischer Präzision, subjektiver Bildpoesie und technischer Experimentierfreude – und bleibt gerade deshalb bis heute bemerkenswert lebendig.
Geboren 1927 in Zürich, begann Groebli früh seinen Weg in die Fotografie, zunächst über eine Lehre und anschließend an der Kunstgewerbeschule Zürich.
Schon in seinen frühen Arbeiten zeigte sich ein entscheidendes Moment seines Schaffens: die Abkehr von statischer Objektivität zugunsten von Bewegung, Atmosphäre und subjektivem Ausdruck. Seine berühmte Serie Magie der Schiene (1949) fing die Dynamik des Dampfzeitalters in verschwommenen, vibrierenden Bildern ein – Fotografien, die weniger dokumentieren als vielmehr das Gefühl von Geschwindigkeit und Moderne vermitteln.
Internationale Aufmerksamkeit erlangte Groebli mit dem Fotobuch Das Auge der Liebe (1954), einer intimen, teilweise kontrovers aufgenommenen Bildfolge aus den Flitterwochen mit seiner Frau Rita.
Diese Arbeit sprengte die damaligen Konventionen: Sie verband dokumentarische Intimität mit einer offenen, sinnlichen Bildsprache und stellte damit nicht nur Sehgewohnheiten, sondern auch moralische Grenzen infrage.
Neben seiner künstlerischen Arbeit war Groebli auch ein innovativer Techniker. In der Werbe- und Industriefotografie entwickelte er eine besondere Meisterschaft im Farbverfahren des Dye-Transfer-Drucks und trug maßgeblich zur Weiterentwicklung der Farbfotografie bei.
Sein Werk zeigt exemplarisch, dass künstlerischer Ausdruck und technische Präzision kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig hervorbringen können.
Nach seinem Rückzug aus der kommerziellen Fotografie in den späten 1970er Jahren wandte sich Groebli erneut stärker persönlichen Projekten zu. Serien wie Fantasies oder New York Melancholia belegen eine ungebrochene Neugier und den Willen, das Medium immer wieder neu zu befragen.
Für viele blieb Groebli ein „Fotograf der Bewegung“ – nicht nur im technischen Sinn, sondern auch im historischen: Sein Werk steht an der Schwelle zwischen klassischer Reportage und subjektiver Autorenfotografie, zwischen Nachkriegsmoderne und experimenteller Bildsprache.
Dass diese Arbeiten bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren haben, zeigt sich auch in ihrer Präsenz in Ausstellungen. Umso bedeutender ist es, dass auch hierzulande die Möglichkeit bestand, seinem Werk unmittelbar zu begegnen: ich hatte 2024 das Glück, Fotografien von René Groebli im Wiener WestLicht sehen zu können – ein Eindruck, der die Kraft und Zeitlosigkeit seiner Bilder eindrücklich bestätigte. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vor dieser Ausstellung mit den Namen Groebli üerhaupt keine “Bilder im Kopf” verknüpfen konnte. Umso faszinierender war es danach, sich mit seinem Werk auseinander zu setzen
Mit René Groebli verliert die Fotografie keinen Vertreter einer abgeschlossenen Epoche, sondern einen Künstler, dessen Arbeiten weiterhin Fragen stellen: nach dem Verhältnis von Realität und Darstellung, von Technik und Gefühl, von Intimität und Öffentlichkeit.
Sein Werk bleibt.
Kurt Lhotzky


