Ein neuer Ort für Bilder: Das Centro della Fotografia in Rom

Jahrhunderte von Malerei, Monumentalität und Inszenierung haben das Bild Roms geprägt, lange bevor die Fotografie überhaupt existierte. Dass es ausgerechnet hier bis ins Jahr 2026 gedauert hat, bis ein öffentliches Zentrum ausschließlich der Fotografie gewidmet wurde, wirkt daher fast paradox.

Mit dem Centro della Fotografia hat sich diese Leerstelle nun geschlossen. Ende Januar 2026 eröffnet, versteht sich die Institution nicht nur als Ausstellungsort, sondern als infrastrukturelle Setzung: ein dauerhafter Ort für Produktion, Forschung und Vermittlung fotografischer Praxis.

Untergebracht ist das Zentrum im Mattatoio di Testaccio, einem jener ehemaligen Industrieareale, die in vielen europäischen Städten seit Jahrzehnten in kulturelle Räume umgewandelt werden. In Rom wird dieses Projekt unter dem programmatischen Begriff einer „Città delle Arti“ geführt – eine Verdichtung von kulturellen Funktionen auf dem Gelände eines früheren Schlachthofs aus dem 19. Jahrhundert.

Der Ort ist dabei alles andere als neutral. Wo früher Tiere industriell verarbeitet wurden, wird heute visuelle Produktion organisiert – eine Transformation, die sich auch als Verschiebung von materieller zu symbolischer Produktion lesen lässt. In diesem Sinne fügt sich das Zentrum nahtlos in eine Entwicklung ein, die man in vielen Metropolen beobachten kann: die Umnutzung ehemaliger Arbeitsorte in kulturelle Räume, häufig begleitet von Aufwertung und Neuordnung urbaner Räume.

Das neue Zentrum ist kein kleines Haus. Rund 1.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf zwei Ebenen, dazu eine spezialisierte Bibliothek und ein auf Fotografie fokussierter, eher dürftig ausgefallener, Buchladen bilden die materielle Grundlage. Es geht also nicht nur um Präsentation, sondern auch um Archivierung und Wissensproduktion – eine klassische institutionelle Dreiteilung, wie man sie von etablierten Fotoinstitutionen etwa in Paris oder London kennt.

Schon die Eröffnungsausstellungen markieren diesen Anspruch auf Internationalität. Im Zentrum steht eine große Retrospektive des amerikanischen Fotografen Irving Penn, deren Werke aus der Pariser Maison Européenne de la Photographie stammen. Ergänzt wird dies durch eine Ausstellung der italienischen Fotografin Silvia Camporesi sowie ein zeitgenössisches Projektformat unter dem Titel „Campo visivo“, das sich explizit der Gegenwart und ihren Bildpolitiken widmet.

Diese Kombination ist nicht zufällig. Sie stellt eine Art institutionelles Programm dar: Kanonisierung (Penn), nationale Verankerung (Camporesi) und experimentelle Gegenwart (Campo visivo). Damit positioniert sich das Zentrum von Beginn an im Spannungsfeld zwischen historischer Legitimation und aktueller Produktion.

Klarerweise ist ein kleiner Bereich Penns Wirken in Italien gewidmet. Suchbildrätsel: Wer findet Orson Welles?

Interessant ist auch der kulturpolitische Kontext der Eröffnung. Dass das Zentrum am 29. Januar 2026 – exakt zum 70. Jahrestag der Städtepartnerschaft zwischen Rom und Paris – eingeweiht wurde, ist mehr als eine symbolische Geste. Es verweist auf die Orientierung an bereits etablierten europäischen Modellen der Institutionalisierung von Fotografie. Rom tritt hier gewissermaßen verspätet, aber bewusst in einen internationalen Dialog ein.

Gleichzeitig bleibt die Frage, für wen dieser neue Ort eigentlich produziert wird. Offiziell ist von einem „öffentlichen“ Zentrum die Rede, getragen von der Stadt und kulturellen Institutionen. Doch wie so oft bei solchen Projekten wird sich erst im Alltag zeigen, ob daraus tatsächlich ein zugänglicher Raum für breite Schichten wird – oder ob es sich eher um ein weiteres Element in der kulturellen Aufwertung eines Stadtteils handelt.

Für einen Fotoblog bietet das Centro della Fotografia jedenfalls einen dankbaren Ausgangspunkt. Nicht nur wegen der Ausstellungen selbst, sondern auch wegen des Ortes, der Wege dorthin, der Übergänge zwischen Außenraum und Institution. Gerade in Testaccio, wo sich Geschichte, Alltag und kulturelle Neuproduktion so eng überlagern, entsteht eine interessante Spannung zwischen dokumentarischem Blick und institutioneller Rahmung.

Vielleicht ist genau das der produktivste Zugang: das Zentrum nicht nur als Ort der Bilder zu begreifen, sondern selbst als Bild – als Ausdruck eines bestimmten historischen Moments, in dem Fotografie, Stadtentwicklung und Kulturpolitik ineinandergreifen.

Silvia Camporesi

Die italienische Fotografin Silvia Camporesi gehört zu jener Generation, die Fotografie längst nicht mehr als rein dokumentarisches Medium begreift, sondern als ein Feld, in dem Erinnerung, Inszenierung und Recherche ineinander greifen. Geboren 1973 in Forlì, hat sie ursprünglich Malerei studiert – ein Hintergrund, der in ihrer fotografischen Arbeit bis heute spürbar bleibt, etwa in der sorgfältigen Komposition und im oft beinahe tableauhaften Aufbau ihrer Bilder.

Bilder aus einem verlassenen Dorf

Bekannt wurde sie vor allem mit Langzeitprojekten, die sich mit Landschaften, Archiven und Formen des Verschwindens beschäftigen. In Serien wie Atlas Italiae oder Mirabilia richtet sie den Blick auf Orte, die am Rand der Wahrnehmung liegen: verlassene Dörfer, vergessene Museen, unscheinbare Sammlungen. Dabei geht es weniger um spektakuläre Motive als um die Frage, wie Geschichte sedimentiert – und wie sie sich in Bildern überhaupt noch fassen lässt.

Formal bewegt sich Camporesi oft zwischen strenger Dokumentation und subtiler Inszenierung. Ihre Fotografien wirken auf den ersten Blick nüchtern, fast archivisch, entfalten aber bei näherem Hinsehen eine eigentümliche poetische Spannung. In einem Interview formulierte sie einmal sinngemäß, dass sie weniger daran interessiert sei, „zu zeigen, was ist“, als vielmehr daran, „Spuren dessen sichtbar zu machen, was gewesen ist“ – ein Ansatz, der ihre Nähe zu einer fast archäologischen Auffassung von Fotografie erkennen lässt.

Camporesi setzt sich intensiv mit Venedig und dem derzeitigen Bild von der Stadt auseinander und verfremdet es gehörig

Gerade im Kontext des neuen Centro della Fotografia wirkt ihre Präsenz deshalb folgerichtig. Während ein „Weltstar“ wie Irving Penn für die Kanonisierung des Mediums steht, öffnet Camporesi den Blick auf eine andere Dimension: Fotografie als Mittel der historischen Befragung, als Versuch, in den scheinbar unspektakulären Räumen der Gegenwart die Bruchstellen der Vergangenheit freizulegen.

Campo Visivo

Der Bereich „Campo visivo“ ist im neuen Zentrum explizit als Raum für Gegenwart und Experiment angelegt. Anders als die großen, eher kanonischen Ausstellungen fungiert er gewissermaßen als Labor: ein Ort, an dem fotografische Praxis nicht abgeschlossen präsentiert, sondern im Werden gezeigt wird. Offiziell ist er „den zeitgenössischen Sprachen, der Forschung und der Experimentation gewidmet“ .

Die erste Ausstellung – Corpi reali e corpi immaginari – gibt die Richtung ziemlich klar vor. Es geht um den Körper, aber nicht im klassischen, repräsentativen Sinn, sondern als instabiles Feld: zwischen Sichtbarkeit und Projektion, zwischen Dokument und Konstruktion. Arbeiten von Künstler*innen wie Forough Alaei, Kensuke Koike oder Alix Marie verbinden Archivmaterial, dokumentarische Bilder und spielerische Eingriffe . Das ist keine Fotografie mehr im engen Sinn, sondern ein hybrides Bildfeld, in dem sich verschiedene visuelle Regime überlagern.

Fotografie goes 3D – ganz ohne KI

Gerade diese Hybridität scheint programmatisch. Während klassische Fotoinstitutionen oft noch zwischen „Dokumentarfotografie“ und „künstlerischer Fotografie“ unterscheiden, hebt „Campo visivo“ diese Trennung eher auf. Die Fotografie erscheint hier weniger als Medium mit klaren Grenzen, sondern als Knotenpunkt – zwischen Performance, Archiv, digitaler Manipulation und Installation.

Man könnte sagen: Wenn Irving Penn für die Stabilität eines fotografischen Kanons steht und Silvia Camporesi für eine reflektierte, historisch arbeitende Gegenwart, dann markiert „Campo visivo“ den Punkt, an dem diese Ordnung selbst fraglich wird.

Interessant ist dabei auch der Titel. „Campo visivo“ – das Gesichtsfeld – bezeichnet eigentlich die Grenze dessen, was überhaupt gesehen werden kann. Übertragen auf die Ausstellung wird daraus fast ein programmatischer Anspruch: nicht nur Bilder zu zeigen, sondern die Bedingungen des Sehens selbst zu verschieben. Oder etwas zugespitzt: nicht die Welt abzubilden, sondern sichtbar zu machen, wie Bilder Welt überhaupt erst herstellen.

Während man durch die Penn-Ausstellung geht und weiß, was man sieht, und bei Camporesi langsam entdeckt, was sich im Bild verbirgt, gerät man im „Campo visivo“ eher in eine Situation, in der man sich fragt, was hier eigentlich noch als Fotografie gilt.

Und genau dort wird es spannend.

Kurt Lhotzky

Copyright aller Bilder: Kurt Lhotzky

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