Interview & Reportage vom Fotofestival Baden
Beim Fotofestival Baden zeigt Frédéric Noy sein Langzeitprojekt „The Lost World of Udzungwa“ – eine Landschaft, die zugleich Naturraum, Konfliktzone und historische Verdichtung ist.
Die Udzungwa-Berge in Tansania gehören zu den am wenigsten besuchten Nationalparks des Landes. Während die Serengeti Millionen Besucher anzieht, kommen hier nur wenige Tausend Menschen pro Jahr.
Diese Unsichtbarkeit ist Teil des Problems – und Teil des Schutzes.
Zeit, Wald und „Ewigkeit“
Noy beginnt das Gespräch nicht mit Fotografie, sondern mit Zeit.
Der Wald der Udzungwa-Berge sei zwischen 100 und 200 Millionen Jahre alt – ein Relikt einer tiefen geologischen Vergangenheit. Im Vergleich dazu erscheine selbst der Kilimandscharo als jung.
Für ihn verschiebt diese Dimension den Blick: Es geht um die Beziehung zwischen der „Ewigkeit“ der Natur und der Vergänglichkeit menschlicher Lebenszeit.

Naturschutz wird damit nicht nur ökologische Praxis, sondern auch ein Spannungsfeld zwischen Zeitformen – und zwischen Lebensweisen.
Schutzgebiet und Überleben
In Tansania existieren über zwanzig Nationalparks. Einige sind global bekannt und wirtschaftlich stark integriert. Die Udzungwa-Berge hingegen bleiben marginalisiert.
Doch genau hier verdichtet sich ein grundlegender Konflikt:
Naturschutz trifft auf eine stark wachsende Bevölkerung, Binnenmigration und intensive landwirtschaftliche Nutzung – vor allem Zuckerrohr und Reis.
Rund um das Schutzgebiet leben etwa 400.000 Menschen. Holz bleibt zentrale Energiequelle, Land zentrale Lebensgrundlage.
Die Grenze des Nationalparks wird damit zur sozialen und materiellen Grenze.

Eine Landschaft zwischen Infrastruktur und Geschichte
Durch die Region verläuft eine Eisenbahnlinie, in den 1970er Jahren mit chinesischer Unterstützung im Kontext der “afrikanisch-sozialistischen Politik” Julius Nyereres gebaut.
Sie verbindet Tansania mit Sambia – ein Relikt einer Entwicklungsphase, die heute nur noch eingeschränkt funktioniert. Die Bahn fährt, aber unzuverlässig. Gleichzeitig strukturieren Straße, Felder und Plantagen die Landschaft neu.
So entsteht ein Raum, in dem moderne Infrastruktur, historische Projekte und alltägliche Subsistenz nebeneinander existieren – ohne ein stabiles Gleichgewicht zu finden.
Feuer, Wald und Konfliktlinien
Ein besonders eindrückliches Detail sind die Brandgrenzen, die im Rahmen von Aufforstungsprojekten angelegt werden.
Zwischen gepachteten Flächen und privaten Feldern müssen Arbeiter Feuerlinien schneiden, damit sich Brände nicht ausbreiten und neu gepflanzte Bäume zerstören. Die Landschaft wird so zu einem System permanenter Sicherungsarbeit: Schutz entsteht durch Eingriff, Wiederaufforstung durch Kontrolle.
CO₂-Projekt und „grüne“ Ökonomie
Im Zentrum steht ein Aufforstungsprojekt des amerikanischen Unternehmers Carter Coleman (Uganda Carbon Limited).
Mehr als tausend Menschen arbeiten dort – Baumschulen, Pflanzungen, Pflege. Die Löhne liegen deutlich über dem lokalen Durchschnitt, oft bei 60 bis 100 Dollar im Monat. Das Land wird nicht enteignet, sondern gepachtet. Bauern bleiben Eigentümer, erhalten zusätzliche Einnahmen, während auf ihren Flächen Primärwald neu entsteht. Parallel dazu werden CO₂-Zertifikate erzeugt und auf globalen Märkten verkauft – als Kompensation für Emissionen im globalen Norden.
Hier verschränken sich erstmals zwei Logiken:
- ökologische Wiederherstellung von Naturlandschaft
- kapitalisierte Klimabilanzierung

Subsistenz, Markt und Bewegung
Die Region bleibt zugleich tief in einer Subsistenzökonomie verankert.
Reis und Zuckerrohr bilden die wirtschaftliche Basis. Über Zwischenstädte wie Morogoro gelangen die Produkte nach Daressalam.
Doch schlechte Infrastruktur, weite Wege und hohe Transportkosten begrenzen die wirtschaftliche Entwicklung. Viele Bauern entscheiden sich deshalb, Land zu verpachten – besonders wenn es schwer zugänglich ist oder kaum ertragreich bewirtschaftet werden kann.
So entstehen hybride Formen: Bauern werden zugleich Landbesitzer, Pächter und Lohnarbeiter im selben Raum.
Wert der Natur, Wert durch Natur
Ein wiederkehrendes Motiv im Gespräch ist die Frage nach dem Wert von Natur.
Die Serengeti ist geschützt, weil sie sichtbar, bekannt und ökonomisch integriert ist. Die Udzungwa-Berge hingegen bleiben randständig.
Ein langfristiges Ziel ist daher, durch sanften Tourismus und Forschung auch hier einen ökonomischen und symbolischen Wert zu erzeugen – ähnlich den Projekten von Jane Goodall in anderen Regionen.
Schutz wird so an Sichtbarkeit gekoppelt.
Fotografie als langsame Beobachtung
Frédéric Noy selbst kommt nicht aus der klassischen Fotoschule. Er begann seine Arbeit in Tansania nach einem Aufenthalt als stellvertretender Kulturattaché der französischen Botschaft in den späten 1980er Jahren.
Nach Ende seines Dienstes blieb er im Land und begann zu fotografieren.
Sein Ansatz ist bewusst langsam: lange Aufenthalte, ethnografische Nähe, narrative Projekte statt Einzelbilder.
Er versteht sich nicht primär als Fotojournalist, sondern als Dokumentarfotograf – mit einem Interesse an sozialen und ökologischen Zusammenhängen über Zeit hinweg.
Die Udzungwa-Berge erscheinen in diesem Projekt nicht als „unberührte Natur“, sondern als verdichteter Raum globaler Widersprüche.
Zwischen Naturschutz und Landwirtschaft, globalem Klimamarkt und lokaler Subsistenz, Infrastrukturgeschichte und gegenwärtigem Überleben entsteht ein fragiles Gleichgewicht.
Bis zum 11. Oktober 2026 können die beeindruckenden Fotos von Frédéric Noy in Baden besichtigt wrden.
Text und Fotos: Kurt Lhotzky


