Frédéric Noy und „Ekifire“ – Fotografische Zeugnisse queerer Lebensrealitäten in Ostafrika

Als ich Frédéric Noy in Baden treffe, spricht er ruhig und präzise über seine Arbeit. Wer seine Bilder kennt, weiß, dass sie selten spektakulär sein wollen. Noy sucht nicht den Schock. Er sucht Nähe. Das gilt für seine Langzeitprojekte über den Alltag in Ostafrika ebenso wie für „Ekifire“, seine über acht Jahre entstandene fotografische Arbeit über LGBT-Personen in Uganda, Ruanda und Burundi.

Der Titel verweist auf das Luganda-Wort für Feuer. Und tatsächlich handelt das Projekt von Menschen, die ständig Gefahr laufen, verbrannt zu werden – nicht buchstäblich, aber sozial, familiär und politisch.

Im Vorwort zum Buch erinnert sich Noy an einen Satz eines ruandischen LGBT-Aktivisten: „Wenn du schwul bist, bist du für die Gesellschaft nichts wert, du bist verflucht.“

Was für europäische Leser*innen oft selbstverständlich erscheint – das Recht, die eigene sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität offen zu leben –, ist in weiten Teilen Ostafrikas bis heute umkämpft. Noy dokumentierte Menschen, deren Existenz von politischen Parteien, religiösen Autoritäten und Teilen der Gesellschaft als Bedrohung dargestellt wird. Nicht ihre Handlungen gelten als Verbrechen, sondern ihr bloßes Sein.

Blick in das bei Neus erschienene Buch

Dabei verweigert sich Noy bewusst einer mitleidigen Darstellung. Die Menschen, die er fotografiert, erscheinen nicht als Opfer, sondern als Kämpfer*innen. Sie brauchen, schreibt er, weniger Mitleid als Respekt und Mittel zum Überleben.

Besonders eindringlich sind seine Schilderungen aus Uganda. Dort erlebte er über Jahre hinweg, wie sexuelle Minderheiten zu Sündenböcken politischer Krisen gemacht wurden. Im Vorwort verweist er darauf, dass vor den Präsidentschaftswahlen 2021 erneut LGBT-Personen als Feindbild instrumentalisiert wurden, um von sozialen und politischen Problemen abzulenken.

Doch Noys Buch erzählt nicht nur eine afrikanische Geschichte. Es erzählt auch eine Geschichte des Exports von Reaktion.

Ein verbreiteter Mythos besagt, Homophobie sei ein authentisch afrikanisches Phänomen und LGBT-Rechte seien ein westlicher Import. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Viele der Gesetze gegen Homosexualität stammen ursprünglich aus der Kolonialzeit und wurden von den europäischen Mächten eingeführt. In Uganda spielte darüber hinaus in den letzten zwanzig Jahren ein Netzwerk konservativer evangelikaler Organisationen aus den USA eine bedeutende Rolle bei der Verschärfung der Verfolgung sexueller Minderheiten.

Besonders bekannt wurde der amerikanische Evangelikale Scott Lively. Er reiste wiederholt nach Uganda und trat dort gemeinsam mit lokalen religiösen Führern auf. Seine Vorträge über eine angebliche „homosexuelle Agenda“ beeinflussten nach Einschätzung zahlreicher Beobachter*innen und Menschenrechtsorganisationen maßgeblich das politische Klima, aus dem später die berüchtigten Anti-Homosexualitätsgesetze hervorgingen.

Damit verweist Noys Arbeit auf einen oft übersehenen Zusammenhang: Die Verfolgung sexueller Minderheiten in Afrika ist keineswegs nur ein Produkt lokaler Traditionen. Sie wird ebenso von internationalen religiösen Netzwerken befördert, die über erhebliche finanzielle Mittel und politischen Einfluss verfügen. Noch 2024 berichteten Menschenrechtsorganisationen und Medien über den Einfluss US-amerikanischer evangelikaler Gruppen auf anti-LGBT-Kampagnen in Uganda und anderen afrikanischen Staaten.

Noy interessiert sich jedoch weniger für die Mächtigen als für deren Opfer. Seine Fotografien zeigen Menschen in Wohnungen, Hinterhöfen, Bars und Schutzräumen. Sie zeigen Freundschaften, Liebesbeziehungen, Angst und Hoffnung. Immer wieder stellt sich der Fotograf die Frage, ob er diesen Menschen gerecht werden kann.

Eine besonders bewegende Passage beschreibt den Besuch bei einer trans Frau, die nach einem Angriff ihr Haus kaum noch verlässt. Die Familie hatte ihr eine Falle gestellt, nachdem sie auf einem Foto mit ihrem Partner erkannt worden war. „In Uganda“, schreibt Noy, „wird man niemals härter bestraft als durch die eigenen Angehörigen, wenn es um Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung geht.“

Gerade in solchen Momenten wird deutlich, weshalb „Ekifire“ mehr ist als ein fotografisches Projekt. Es ist ein Versuch, Menschen sichtbar zu machen, die von Staat, Kirchen und Gesellschaft unsichtbar gemacht werden sollen.

Am Ende bleibt Noy skeptisch gegenüber seiner eigenen Rolle. Kann Fotografie das Leben der Menschen verbessern? Kann sie Verfolgung verhindern? Oder dokumentiert sie lediglich das Scheitern der Gesellschaft?

Eine endgültige Antwort gibt er nicht. Aber vielleicht liegt die Stärke von „Ekifire“ gerade darin. Das Buch behauptet nicht, die Welt zu verändern. Es besteht darauf, hinzusehen.

Und manchmal ist schon das ein politischer Akt.

Kurt Lhotzky

Als Frédéric Noy das Vorwort zu Ekifire Ende 2019 schrieb, befürchtete er, dass sexuelle Minderheiten in Uganda erneut als Sündenböcke politischer Krisen missbraucht werden könnten. Diese Sorge erwies sich als berechtigt.

Im Mai 2023 verabschiedete das ugandische Parlament eines der weltweit schärfsten Gesetze gegen sexuelle Minderheiten. Das sogenannte Anti-Homosexuality Act sieht für bestimmte Formen gleichgeschlechtlicher Beziehungen und für den Vorwurf der „schweren Homosexualität“ drastische Strafen bis hin zur Todesstrafe vor. Bereits die Unterstützung von LGBT-Personen oder die Arbeit entsprechender Organisationen kann kriminalisiert werden.

Menschenrechtsorganisationen berichten seitdem von einer Zunahme von Verhaftungen, Übergriffen, Vertreibungen und Erpressungen. Viele Aktivist*innen mussten untertauchen oder das Land verlassen. Zahlreiche Schutzräume und Beratungsangebote wurden geschlossen.

Bemerkenswert ist dabei, dass die Verschärfung der Verfolgung nicht allein auf lokale politische Entwicklungen zurückzuführen ist. Seit den 2000er Jahren haben konservative evangelikale Gruppen aus den USA erheblichen Einfluss auf Teile der ugandischen Religions- und Politikelite ausgeübt. Evangelikale Prediger und Organisationen verbreiteten die Vorstellung, Homosexualität sei eine Bedrohung für Familie, Nation und Religion. Diese Kampagnen fanden bei Teilen der politischen Führung und der etablierten Kirchen fruchtbaren Boden.

Gleichzeitig ist die weitverbreitete Behauptung, Homosexualität sei „unafrikanisch“, historisch kaum haltbar. Viele Strafgesetze gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen wurden während der britischen Kolonialherrschaft eingeführt. Die heutige Verfolgung sexueller Minderheiten ist daher nicht einfach Ausdruck „afrikanischer Tradition“, sondern auch Ergebnis kolonialer Hinterlassenschaften und moderner religiöser Einflussnahme.

Gerade deshalb wirkt Ekifire heute aktueller denn je. Die Menschen, die Frédéric Noy über Jahre begleitet hat, kämpfen nicht nur gegen Vorurteile in ihrem unmittelbaren Umfeld. Sie stehen im Zentrum eines politischen Konflikts, in dem Religion, Nationalismus, staatliche Repression und grundlegende Menschenrechte aufeinanderprallen.

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