Manchmal begegnet man Fotograf*innen, deren Einfluss weit über die Zahl ihrer Bilder hinausgeht. Tony Ray-Jones gehört zu diesen seltenen Fällen. Sein Werk ist vergleichsweise schmal, seine Karriere dauerte nur wenige Jahre, und doch führt fast jede ernsthafte Auseinandersetzung mit britischer Dokumentarfotografie irgendwann zu seinem Namen zurück.
Beim Fotofestival La Gacilly Baden wird heuer ein Querschnitt seines Schaffens gezeigt. Die Ausstellung ist eine Erinnerung daran, wie modern seine Bilder auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung wirken.
Tony Ray-Jones wurde 1941 in Somerset geboren. Nach seiner Ausbildung am London College of Printing zog er in die USA und studierte unter anderem an der Yale University. Dort begegnete er einer fotografischen Kultur, die sich grundlegend von jener Großbritanniens unterschied. Während die britische Fotografie der Nachkriegszeit oft von sozialdokumentarischen Traditionen geprägt war, experimentierten Fotografen wie Garry Winogrand, Lee Friedlander oder Joel Meyerowitz mit komplexen, vielschichtigen Straßenszenen. Ray-Jones sog diese Einflüsse förmlich auf und streifte mit seiner Kamera durch New York, wo er Meyerowitz persönlich kennenlernte. Seine Jahre in den Vereinigten Staaten sollten sein gesamtes späteres Werk prägen.
Als er Mitte der 1960er Jahre nach England zurückkehrte, richtete er seinen Blick auf das eigene Land. Er fotografierte nicht die glamourösen Seiten des „Swinging London“, die damals die internationale Wahrnehmung Großbritanniens bestimmten. Ihn interessierte etwas anderes: die Eigenheiten des englischen Alltags.
Er fuhr nach Blackpool, Brighton, Margate und in zahllose Kleinstädte. Er besuchte Pferdeschauen, Schönheitswettbewerbe, Gartenfeste, Strandpromenaden, Jahrmärkte und Volksfeste. Dort fand er sein eigentliches Thema: die merkwürdigen Rituale einer Gesellschaft, die zwischen Tradition und Moderne schwankte.
1968 formulierte er sein fotografisches Programm erstaunlich präzise:
„Mein Ziel ist es, etwas vom Geist und der Mentalität der Engländer, ihren Gewohnheiten und ihrer Lebensweise zu vermitteln (…) bevor sie amerikanisiert wird und verschwindet.“
Dieser Satz wird oft zitiert. Er erklärt viel von seiner Arbeit, aber nicht alles.
Denn Ray-Jones war kein nostalgischer Bewahrer einer vermeintlich besseren Vergangenheit. Seine Bilder zeigen England weder als romantische Idylle noch als gesellschaftliche Katastrophe. Stattdessen bewegen sie sich in einem faszinierenden Zwischenraum aus Zuneigung und Ironie.
Man sieht Menschen, die im Nieselregen Picknick machen. Badegäste, die sich an steinigen Stränden in die Sonne legen. Herren mit Melonen, Damen mit Hüten, Würdenträger bei absurden Zeremonien. Die Szenen wirken gleichzeitig vertraut und surreal.
Gerade darin liegt ihre Stärke.
Viele Fotograf*innen dokumentieren Ereignisse. Ray-Jones fotografierte die kleinen Widersprüche, die sich zwischen den Ereignissen abspielen. Seine Bilder erzählen oft mehrere Geschichten gleichzeitig. Im Vordergrund geschieht etwas Komisches, im Hintergrund etwas völlig anderes. Blickrichtungen kreuzen sich, Gesten widersprechen einander, Menschen scheinen ungewollt Teil einer perfekt choreografierten Inszenierung geworden zu sein.
Die britische Fotohistorikerin Liz Jobey beschrieb seine Bilder einmal als komplexe Konstruktionen, in denen sich Kontrolle und Zufall permanent gegenseitig herausfordern. Tatsächlich wirken viele Aufnahmen wie spontane Straßenszenen, sind aber zugleich meisterhaft komponiert.
Vielleicht erklärt das auch, warum seine Fotografien heute noch so frisch erscheinen.
Während viele Dokumentaraufnahmen der 1960er Jahre inzwischen vor allem historischen Wert besitzen, wirken Ray-Jones’ Bilder erstaunlich gegenwärtig. Die Mode hat sich verändert, die Autos sind verschwunden, manche Rituale existieren nicht mehr. Doch die Menschen bleiben erkennbar. Ihre Unsicherheiten, ihre Eitelkeiten, ihre Komik und ihre Würde sprechen unmittelbar zu uns.
Besonders beeindruckend ist dabei die Empathie seines Blicks.
Martin Parr, der wohl berühmteste britische Fotograf der Gegenwart, bezeichnete Tony Ray-Jones als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen. Als Parr dessen Arbeiten als Student entdeckte, wurde ihm plötzlich klar, dass das eigene Land ein fotografisches Thema sein konnte. Später sagte er, Ray-Jones habe ihm gezeigt, was möglich sei, wenn man die eigene Gesellschaft mit Neugier statt mit Ehrfurcht betrachtet.
Der Vergleich zwischen beiden Fotografen ist aufschlussreich. Parr arbeitet oft schärfer, bissiger und gesellschaftskritischer. Ray-Jones hingegen begegnet seinen Motiven mit größerer Zärtlichkeit. Seine Ironie verletzt nie. Man hat stets das Gefühl, dass er Teil derselben Welt ist, die er fotografiert.
Vielleicht deshalb altern seine Bilder so gut.
Sie lachen nicht über die Menschen.
Sie lachen mit ihnen.
Tony Ray-Jones starb 1972 mit nur einunddreißig Jahren an Leukämie. Sein großes Projekt über England blieb unvollendet. Viele seiner Bilder wurden erst nach seinem Tod bekannt. Das Buch „A Day Off: An English Journal“, das auf seinen Arbeiten basiert, erschien erst posthum.
Man kann nur spekulieren, welche Bedeutung er für die Fotografie noch erlangt hätte, wäre ihm mehr Zeit geblieben.
Dennoch hinterließ er etwas Außergewöhnliches: eine visuelle Anthropologie des englischen Alltags. Seine Fotografien zeigen eine Gesellschaft im Übergang, aber sie zeigen noch etwas anderes. Sie erinnern daran, dass gute Street Photography nicht von spektakulären Ereignissen lebt. Sie entsteht dort, wo Menschen versuchen, ihrem Alltag einen Sinn zu geben – oft unbeholfen, manchmal komisch, gelegentlich absurd und gerade deshalb zutiefst menschlich.
Wer heute durch die Ausstellung in Baden geht, sieht deshalb nicht nur ein England der 1960er Jahre.
Man sieht die zeitlose Komödie des menschlichen Zusammenlebens.
Kurt Lhotzky
Das Beitragsfoto ist dem Begleitkatalog zum diesjährigen Fotovestival entnommen!


