Anna Atkins und das erste fotografisch illustrierte Buch der Geschichte
Man stelle sich vor: England, 1843. Die Fotografie ist gerade einmal vier Jahre alt. Noch experimentiert man mit lichtempfindlichen Papieren und Platten, die Verfahren sind kompliziert, die Belichtungszeiten lang. Und die Vorstellung davon, was ein fotografisch illustriertes Buch sein könnte, existiert praktisch noch nicht.
Bücher werden gedruckt. Bilder werden gezeichnet oder gestochen.
Bis eine 44-jährige Frau aus Kent beschließt, dass sich wissenschaftliche Abbildungen von Algen auch anders herstellen lassen – mit Licht, Chemie und Papier.
Ihr Name ist Anna Atkins.
Atkins war Botanikerin, wissenschaftliche Zeichnerin und eine der ersten Personen, die Fotografie konsequent als wissenschaftliches Werkzeug einsetzten. Geboren 1799, wuchs sie in einem ungewöhnlich gebildeten naturwissenschaftlichen Umfeld auf. Ihre Mutter, Hester Anna Holwell, starb innerhalb des ersten Lebensjahres ihrer Tochter. Anna wurde als einziges Kind von ihrem Vater, dem Naturforscher John George Children, aufgezogen. Children war Mitglied der Royal Society und arbeitete später als Kurator der naturhistorischen Sammlungen des British Museum.
Über ihren Vater erhielt Anna Zugang zu einer Welt, die Frauen im frühen 19. Jahrhundert keineswegs selbstverständlich offenstand: zur praktischen Beschäftigung mit Naturgeschichte, wissenschaftlicher Illustration und den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.
Zu den Wissenschaftlern aus dem Umfeld der Familie gehörten auch William Henry Fox Talbot und John Herschel, zwei zentrale Figuren in der Frühgeschichte der Fotografie.
Anna Atkins war allerdings nicht nur Beobachterin. Schon vor ihrem fotografischen Werk hatte sie sich als wissenschaftliche Zeichnerin einen Namen gemacht. Für die englische Ausgabe eines Werkes über Muscheln, das ihr Vater übersetzte, fertigte sie wissenschaftlich genaue Zeichnungen der Exemplare an. Gleichzeitig sammelte und konservierte sie selbst Pflanzen und Algen.
Und gerade Algen waren für wissenschaftliche Illustrationen ein schwieriges Material.
Sie sind fein verzweigt, häufig durchsichtig und ausgesprochen fragil. Beim Trocknen verändern sie ihre Form; viele Details sind mit bloßem Auge schwer zu erfassen. Eine Zeichnung konnte immer nur so genau sein wie die Hand und das Auge der Zeichnerin.
Atkins suchte nach einer besseren Möglichkeit.
Die entscheidende technische Voraussetzung hatte ihr Freund Sir John Herschel geschaffen.
Herschel entwickelte 1842 das Verfahren, das er Cyanotypie nannte. Dabei wird Papier mit lichtempfindlichen Eisensalzen beschichtet. Ein Gegenstand wird unmittelbar auf das sensibilisierte Papier gelegt und – häufig unter einer Glasscheibe – dem Licht ausgesetzt. Anschließend wird das Papier mit Wasser gewaschen. Die belichteten Bereiche färben sich intensiv blau; die vom Gegenstand abgeschirmten Bereiche bleiben hell.
Das Ergebnis ist ein Fotogramm: eine fotografische Abbildung ohne Kamera und Objektiv.

Für Atkins war das Verfahren geradezu ideal.
Sie konnte die Algen direkt auf das lichtempfindliche Papier legen und dadurch ihre charakteristischen Formen abbilden. Die Pflanze musste nicht mehr durch die Hand einer Zeichnerin interpretiert werden. Das Licht selbst erzeugte die Abbildung.
Atkins erkannte diese Möglichkeit sofort.
In der Einleitung zu ihrem Werk schrieb sie:
„The difficulty of making accurate drawings of objects so minute as many of the Algae and Confervae, has induced me to avail myself of Sir John Herschel’s beautiful process of Cyanotype, to obtain impressions of the plants themselves.“
“Die Schwierigkeit, genaue Zeichnungen von so winzigen Objekten wie vielen Algen und Confervae anzufertigen, hat mich dazu veranlasst, Sir John Herschels wunderschönes Cyanotypie-Verfahren zu nutzen, um Abzüge der Pflanzen selbst zu erhalten.“

Das war keine bloße technische Spielerei. Atkins wollte mit ihrem Werk einen konkreten wissenschaftlichen Zweck erfüllen: Sie schuf eine bildliche Ergänzung zu William Henry Harveys A Manual of the British Algae von 1841, das ohne solche Illustrationen erschienen war. Ihre Beschriftungen und die Systematik der Tafeln orientierten sich an Harveys Nomenklatur.
1843 begann Atkins mit der Veröffentlichung von Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions. Wie sie an die Arbeit ging, ist eine Geschichte für sich und die Geschichte der Buchkunst.
Das Werk erschien nicht als gewöhnliches Buch aus einer Druckerei. Atkins stellte die einzelnen Tafeln selbst her und gab sie in Teilen an botanische und wissenschaftliche Bekannte und Institutionen weiter. Die einzelnen Lieferungen konnten anschließend zu Bänden gebunden werden. Deshalb unterscheiden sich die heute erhaltenen Exemplare teilweise erheblich voneinander.

Die Arbeit erstreckte sich über ein Jahrzehnt. Zwischen 1843 und 1853 entstanden schließlich drei Bände mit mehreren hundert Cyanotypien. Die Royal Society besitzt eine besonders wichtige Fassung: Ihre drei Bände enthalten 425 Tafeln; hinzu kommen sieben weitere Tafeln, die offenbar als Ersatzstücke geliefert wurden und nicht in die Bände aufgenommen wurden.
Für die Royal Society begann die Geschichte im Oktober 1843. Damals traf dort ein Paket mit Cyanotypien ein – nicht von Herschel oder Talbot, sondern von einer bis dahin außerhalb des großen wissenschaftlichen Betriebs arbeitenden Frau: Mrs Atkins of Halstead, Kent. Insgesamt übermittelte Atkins der Royal Society bis 1853 fünfzehn Teillieferungen. Die Gesellschaft band die Tafeln schließlich nach Atkins’ Anweisungen zu drei Bänden.
Das Entscheidende aber ist: Atkins hatte damit das erste bekannte Buch geschaffen, das mit fotografischen Bildern illustriert wurde.
Die Royal Society bezeichnet Photographs of British Algae ausdrücklich als das erste mit fotografischen Bildern illustrierte Buch. Das Metropolitan Museum of Art spricht ebenfalls vom ersten fotografisch gedruckten und illustrierten Buch; das V&A bezeichnet Atkins als erste Frau, die ein fotografisch illustriertes Buch produzierte. Auch Getty führt sie als die erste Person, die ein fotografisch gedrucktes und illustriertes Buch veröffentlichte.
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: Atkins’ Werk war privat beziehungsweise im Eigenverlag verbreitet. Es war kein kommerzielles Massenprodukt.
Das erste kommerziell veröffentlichte fotografisch illustrierte Buch war William Henry Fox Talbots The Pencil of Nature, dessen erste Lieferungen 1844 erschienen – also nach Atkins’ British Algae.
Die Bilder selbst sind bis heute verblüffend. Das tiefe Blau des Papiers bildet einen geradezu unwirklichen Hintergrund. Darauf erscheinen die Algen in Weiß: manchmal wie Flussdeltas, manchmal wie Nervengeflechte, manchmal wie fremdartige Organismen. Manche Tafeln wirken fast abstrakt. Andere erinnern an Röntgenaufnahmen, mikroskopische Präparate oder Zeichnungen aus einem naturwissenschaftlichen Atlas.
Gerade darin liegt die besondere Wirkung von Atkins’ Arbeit: Wissenschaftliche Präzision und ästhetische Gestaltung fallen hier zusammen.
Atkins ordnete ihre Exemplare nicht wahllos auf dem Papier an. Sie war sich der visuellen Wirkung ihrer Pflanzen durchaus bewusst. Das Metropolitan Museum beschreibt ihre Kompositionen als zugleich wissenschaftlich und ästhetisch; ihre Arbeit verbindet botanische Dokumentation mit einer bemerkenswerten Sensibilität für Form und Fläche.
Selbst die Buchgestaltung wurde Teil dieses Experiments. Die Beschriftungen und Textseiten entstanden in ihrer eigenen Handschrift, teilweise als Cyanotypien. Auf einzelnen Seiten werden Buchstaben aus den Formen der Pflanzen selbst gebildet. Hier beginnt etwas, das weit über die bloße Illustration eines botanischen Handbuchs hinausweist. Denn Atkins verwendete ein neues fotografisches Verfahren nicht lediglich dazu, alte Illustrationsmethoden zu ersetzen. Sie entwickelte damit eine neue Form der Verbindung von Wissenschaft, Fotografie und Buchgestaltung.
Und dann geriet sie weitgehend in Vergessenheit.
Atkins starb 1871. Ihre Cyanotypien blieben zwar in den Sammlungen wissenschaftlicher Institutionen erhalten, doch ihre Bedeutung für die Geschichte der Fotografie wurde erst sehr viel später wiederentdeckt.
Auch die Cyanotypie selbst hatte zunächst nicht den Nimbus der „großen“ fotografischen Verfahren. Sie arbeitete ohne Kamera und ohne Objektiv und wurde später vor allem als einfaches und praktisches Kopierverfahren bekannt. Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde sie insbesondere für technische Zeichnungen eingesetzt – die berühmten blauen Blueprints gehen auf diese Anwendung zurück.
Hinzu kam, dass Atkins außerhalb der großen wissenschaftlichen Institutionen arbeitete und ihr Werk in einer Form verbreitete, die sich nur schwer in die üblichen Kategorien von „Buch“, „Fotografie“ und „wissenschaftlicher Publikation“ einordnen ließ.
Heute ist ihre Stellung dagegen eindeutig – Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions gehört zu den Schlüsselwerken der frühen Fotografie und gilt als das erste fotografisch illustrierte Buch. Kein Wunder also, dass einige ihrer fragilen Illustrationen in diesem Jahr beim Fotofestival Baden La Gacilly Baden ausgestellt werden. Sie passen doppelt zu den Schwerpunkten des Festivals – “So British” und 200 Jahre Fotografie.
Von den ursprünglich hergestellten Exemplaren der Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions sind heute nur wenige erhalten. Die genaue Zahl hängt davon ab, was als erhaltenes Exemplar gezählt wird und wie vollständig es ist. Institutionen nennen unterschiedliche Zahlen; das Natural History Museum spricht derzeit von etwa 20 bekannten Exemplaren, andere Sammlungen von 17 oder 18. Viele sind unvollständig, und kaum zwei sind identisch. Jedes erhaltene Exemplar ist deshalb gewissermaßen eine eigene historische Spur.
Anna Atkins wollte ursprünglich ein sehr konkretes wissenschaftliches Problem lösen: Wie lassen sich die feinen Formen von Algen zuverlässig darstellen? Ihre Antwort war ein neues fotografisches Verfahren. Und aus diesem Versuch entstand etwas, das die Geschichte des Buches und der Fotografie bis heute überdauert.
Sie wollte die Algen selbst sprechen lassen.
Dafür brauchte sie keine Kamera.
Nur Papier, Chemie, Sonnenlicht – und sehr viel Geduld.
Kurt Lhotzky
Dieser Text ist Teil der Serie “200 Jahre Fotografie”


