Der Mann, der seinen eigenen Tod fotografierte

Hippolyte Bayard wurde 1801 geboren, als Frankreich noch unter dem Eindruck der Revolution stand. Napoleon war Erster Konsul, die politischen Verhältnisse wechselten rasch, doch eines blieb konstant: Die neue bürgerliche Gesellschaft verlangte nach Technik, Wissenschaft und Innovation.
Bayard arbeitete als Beamter im französischen Finanzministerium. Seine Leidenschaft galt jedoch nicht den Akten, sondern der Chemie. Wie viele Gelehrte seiner Zeit experimentierte er mit lichtempfindlichen Stoffen. Fast im Verborgenen entwickelte er ein eigenes fotografisches Verfahren, das direkte Positive auf Papier erzeugte – eine völlig andere Lösung als die später berühmt gewordene Daguerreotypie.
Im Frühjahr 1839 konnte Bayard seine Bilder bereits vorzeigen. Sie waren bemerkenswert: weich, detailreich und unmittelbar. Doch während er noch auf offizielle Unterstützung hoffte, entschied sich die französische Regierung, ihre gesamte politische und finanzielle Aufmerksamkeit auf Louis Daguerre zu konzentrieren. Der Staat erkannte in dessen Verfahren eine nationale Errungenschaft von internationalem Prestige. Bayard geriet ins Abseits.
Es war nicht mangelnde wissenschaftliche Qualität, die ihn scheitern ließ. Es waren Machtverhältnisse. François Arago, einer der einflussreichsten Wissenschaftler Frankreichs, förderte Daguerres Verfahren mit großem Nachdruck. Bayard wurde gedrängt, seine Arbeiten zunächst nicht öffentlich vorzustellen. Als er dies schließlich tat, war der historische Augenblick bereits vorbei.
Aus dieser Enttäuschung entstand eines der außergewöhnlichsten Bilder der Fotogeschichte.
1840 fotografierte sich Bayard selbst als Wasserleiche. Mit geschlossenen Augen sitzt er regungslos vor der Kamera. Auf der Rückseite des Bildes verfasste er einen bitter-ironischen Text: Die Regierung habe den Erfinder so lange vernachlässigt, bis dieser sich aus Verzweiflung das Leben genommen habe. Niemand interessiere sich für seinen Leichnam.

Die Aufnahme wird häufig als eine der frühesten bewusst inszenierten Fotografien der Geschichte bezeichnet – vielleicht sogar als eines der ersten fotografischen Selbstporträts mit einer erzählten Handlung. Bayard machte aus seiner Niederlage ein Kunstwerk. Er bewies, dass Fotografie nicht nur dokumentieren, sondern erzählen, kritisieren und provozieren konnte.
Und damit stellte er, vielleicht ohne es selbst in dieser theoretischen Form zu formulieren, eine Frage, die die Fotografie bis heute begleitet: Was genau sehen wir eigentlich, wenn wir ein fotografisches Bild betrachten?
In den folgenden Jahrzehnten blieb Bayard der Fotografie treu. Er fotografierte Landschaften, Architektur und Paris im Wandel der Zeit. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Société française de photographie und genoss unter Fachleuten hohes Ansehen. Dennoch blieb sein Name im Schatten Daguerres.
Seine Geschichte erzählt mehr als das Schicksal eines einzelnen Erfinders. Sie zeigt, dass wissenschaftlicher Fortschritt nie allein von der Qualität einer Entdeckung abhängt. Anerkennung entsteht auch durch politische Entscheidungen, ökonomische Interessen und gesellschaftliche Macht. Die Geschichte der Fotografie wurde nicht nur im Labor geschrieben, sondern ebenso in Ministerien, Akademien und Zeitungsredaktionen.
Vielleicht berührt Bayard deshalb bis heute. Er war kein tragischer Held im klassischen Sinn. Er war ein außergewöhnlich begabter Erfinder, der erleben musste, wie eine andere Erfindung zur offiziellen Geschichte erklärt wurde. Seine Antwort bestand nicht in Verbitterung, sondern in einem Bild.
Mit seiner fingierten Wasserleiche schuf er nicht nur eine ironische Anklage gegen das Vergessen. Er eröffnete zugleich eine neue Möglichkeit der Fotografie: das Bild als Erzählung, als Inszenierung und als gesellschaftlichen Kommentar.
Mary Warner Marien meint in Photography: A Cultural History, 5th ed., über den weiteren Weg Bayards als Fotograf:
“But a teasing sense continued to inform his work: what the eye sees, and what the photography records, may not be trustworthy.”
„Doch auch seine späteren Arbeiten blieben von einem spielerisch-ironischen Zweifel geprägt: Was das Auge sieht, und was die Fotografie aufzeichnet, muss nicht unbedingt vertrauenswürdig sein.“
Man könnte sagen: Während Niépce das Licht einfing und Daguerre die Technik popularisierte, entdeckte Bayard, dass Fotografien auch Gedanken ausdrücken können. Und er warf in der Praxis eine Frage auf, die bis zum heutigen Tag alle Medientheoretiker*innen umtreibt: Wie vertrauenswürdig ist das Bild? Ist es „Abbild“? Kann es „lügen“? Lügen Bilder „aus sich selbst heraus“ – oder wird ihnen die Lüge von außen, vom Fotografen, vom (auch digitalen) Dunkelkammerarbeiter implantiert?
Gerade Bayards Wasserleiche macht diese Frage so anschaulich. Wir sehen einen toten Mann. Aber natürlich ist Bayard nicht tot. Das Bild dokumentiert also einen Zustand, der niemals stattgefunden hat – und tut dies mit den Mitteln einer Technik, der wir gerade wegen ihres scheinbaren Realismus besondere Glaubwürdigkeit zuschreiben.
Hier wird das Gelände philosophisch – und ziemlich schnell auch abschüssig. Was ist Walter Benjamins „Aura“, was Roland Barthes’ „Punctum“? Kommt die Faszination am Bild aus dem Bild – oder aus dem Betrachter?
Keine Sorge, wir biegen noch nicht in diesen Seitenweg ab. Wir folgen weiter dem breiten Weg der Fotografie, werden aber weiterhin eine Zeitlang unseren Blick auf jene werfen, die am Wegesrand der Geschichte etwas im Schatten stehen.

DIE RÜCKSEITE DER FOTOGRAFIE
Hippolyte Bayard, 18. Oktober 1840
Le cadavre du Monsieur que vous voyez ci-derrière est celui de M. Bayard, inventeur du procédé dont vous venez de voir, ou dont vous allez voir les merveilleux résultats.
À ma connaissance, il y a à peu près trois ans que cet ingénieux et infatigable chercheur s’occupait de perfectionner son invention.
L’Académie, le Roi et tous ceux qui ont vu ses dessins, que lui trouvait imparfaits, les ont admirés comme vous les admirez en ce moment.
Cela a fait beaucoup d’honneur et ne lui a pas valu un liard.
Le gouvernement, qui avait beaucoup trop donné à M. Daguerre, a dit ne pouvoir rien faire pour M. Bayard et le malheureux s’est noyé !
Oh ! humaine inconséquence !
Pendant longtemps les artistes, les savants, les journaux se sont occupés de lui, et aujourd’hui qu’il y a plusieurs jours qu’il est exposé à la Morgue, personne ne l’a encore reconnu ni réclamé.
Messieurs et Dames, passons à d’autres, de crainte que votre odorat ne soit affecté, car la figure du Monsieur et ses mains commencent à pourrir, comme vous pouvez le remarquer.
H. B. 18 octobre 1840.
Der Leichnam des Herrn, den Sie hier sehen, ist der von Herrn Bayard, dem Erfinder des Verfahrens, dessen wunderbare Ergebnisse Sie gerade gesehen haben oder gleich sehen werden.
Soweit ich weiß, beschäftigt sich dieser erfinderische und unermüdliche Forscher seit ungefähr drei Jahren mit der Vervollkommnung seiner Erfindung. Die Akademie, der König und alle, die seine Bilder gesehen haben – die er selbst für unvollkommen hielt –, bewunderten sie ebenso wie Sie in diesem Augenblick.
Das hat ihm viel Ehre, aber keinen Sou eingebracht. Die Regierung, die Herrn Daguerre schon viel zu viel gegeben hatte, erklärte, sie könne für Herrn Bayard nichts tun, und der Unglückliche ertränkte sich!
Oh, menschliche Unbeständigkeit!
Lange Zeit beschäftigten sich Künstler, Wissenschaftler und Zeitungen mit ihm. Und nun, da er schon seit mehreren Tagen in der Morgue liegt, hat ihn noch niemand erkannt oder seine Leiche beansprucht.
Meine Damen und Herren, wenden wir uns anderen Dingen zu, damit Ihr Geruchssinn nicht beeinträchtigt wird; denn, wie Sie vermutlich bemerkt haben, beginnen Gesicht und Hände bereits zu verwesen.
H. B., 18. Oktober 1840
Die Illustrationen wurden freundlicherweise von der Collection Société française de photographie (coll. SFP) zur Verfügung gestellt. Die genaue Angabe zu den Bildern lautet: Hippolyte BAYARD – Autoportrait en noyé, 18 octobre 1840. Positif direct sur papier, format de l’image : 18,8 x 19,2 cm / format du montage : 33 x 23,9 cm (recto/verso). Collection Société française de photographie (coll. SFP). frSFP_0024im_POD_0269
Beitragsbild: Hippolyte Bayard 1863, Public domain, via Wikimedia Commons


