Die Lust an der “Orwellness” und die Allgegenwart des Visual Man in Raum und Zeit

Nein, es ist nicht selbstverständlich, dass man heutzutage ein Buch in die Hände bekommt, das so ziemlich alles an sich hat, was ein Buch “schön” macht: Aufwändige Gestaltung, lesefreundliche Typographie, übersichtliches Layout und einen Schreibstil, der anschaulich ist und kompetent Wissen vermittelt. Und dann dieses Wunderbuch noch zu einem Preis, der absolut nicht überzogen ist.

Sind Sie jetzt gespannt? Dann greifen Sie zu “Das visuelle Zeitalter / Punkt und Pixel” von Gerhard Paul, erschienen im Wallstein-Verlag zum Preis von 41,10 Euro. Paul, Professor für Geschichte und Didaktik an der Europa-Universität Flensburg, entwickelt auf 758 Seiten die Geschichte des “Visual Man”. Der “Typographical Man” war der Mensch des “Gutenberg-Universums” – irgendwann zwischen 1870 und 1890 beginnt der Prozess, der den “Augenmenschen” (© Fritz Lang) hervorbringt.

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Alle Abbildungen zeigen Doppelseiten des rezensierten Buchs!

Die Verbesserung der grafischen (Re)Produktionstechnologien, die Entstehung neuer Bilderwelten, die häufiger werdende Begegnung mit bildlichen (fotografischen) Darstellungen verdrängt die “klassisch bürgerliche Praktik” der Schriftlichkeit. Paul sieht im “Visual Man” den Bewohner des globalen Zeitalters: die neuen visuellen Medien (erst illustrierte Zeitungen, dann “echte” Illustrierte, dann die Medien Film und Television) machen die Welt für die Menschen [in den Teilen der Welt, wo aufgrund der ökonomischen und sozialen Entwicklungen ein Zugang zu diesen Medien besteht] “allgegenwärtig” und buchstäblich anschaulich.

Im Prozess der Entwicklung des “Visual Man” mussten die Menschen umlernen – sie mussten bildliche Darstellungen verstehen, interpretieren, entschlüsseln; Paul erläutert das sehr lebendig an einem Beispiel, das jeder von uns kennt und zeigt, wie der Mensch blitzschnell ein grafisches Zeichen erkennen und in eine Handlung umsetzen muss: beim Rot einer Ampel hat man stehenzubleiben, beim “rot umrandeten, mit der Spitze nach unten weisenden Dreieck in Achtungstellung zu gehen”. (S.742)

wp-1478510450570.jpegGerhard Paul weist überzeugend nach, wie schwierig der Lernprozess war und ist, Bilder nicht grundsätzlich als “wahr” anzunehmen. Das wird dadurch erschwert, dass die Welt der Bilder nicht nur zu einer Aufhebung räumlicher Distanzen führt – dank Bildreportagen, TV-Dokumentationen, aber auch durch Spielfilme sind wir heute in den Regenwäldern des Amazonas visuell ebenso zuhause wie in den Ruinen von Aleppo oder den durchgestylten Anwaltsbüros in Washington, D.C.; auch zeitliche Grenzen verschwinden – was war, was ist – Vergangenheit und Gegenwart schmelzen zusammen, zur Bekräftigung der Wahrnehmung sagt der Visual Man nicht selten “Das war wie im Film”.

Gleichzeitig ist der Visual Man “Subjekt wie Objekt” der Überwachung. Die Lust an der Sichtbarmachung des Selbst, eine Art visueller Exhibtionismus, erleichterte von Haus aus Überwachung und Kontrolle. Bilder waren einfach da, und die Menschen hatten nicht gelernt, Distanz zu ihnen zu wahren oder Strategien zu entwickeln, wie man zwischen Authentizität und Fiktion unterscheiden könne. Die “Orwellness” prägt so unsere Gegenwart,

Paul nimmt die Leserin, den Leser auf eine extrem spannende und unterhaltende Reise durch die Welt der Bilder mit. An die tausend Bildbeispiele werden analysiert. Wir lernen Bilder kennen – als Mittel der Bildung (Schautafeln im Unterricht zum Beispiel), der Wissenschaft (bildgebende Techniken in der Medizin), der Propaganda (exemplarisch aufgearbeitet an einer Untersuchung der Bildsprache des Nationalsozialismus), der Information (Bildjournalismus), der Kriegsführung und der polizeilichen Arbeit …

wp-1478510450575.jpegJa – leider, die Rezension ist “trockener” als das Buch. Aber keine Sorge – die lebendige Aufbereitung des Themas macht Sie auch Trivial-Pursuit-tauglich. Oder haben Sie jemals darüber nachgedacht, seit wann es die heute noch hauptsächlich bei Kindern heißgeliebten Sammelbildchen gibt? Und dass die Firma Stollwerck um 1900 jährlich 600 verschiedene Serien mit über 50 Millionen Bildchen herausbrachte?

“Das visuelle Zeitalter” ist, so seltsam das klingen mag, ein wissenschaftliches Buch, das sich auch hervorragend als “Buch für die ganze Familie” eignet. Der “Visual man” sollte auch einmal einen Schritt zurücktreten, um aus der Distanz einen neuen, kritischen Blick auf “seine” Bilderwelt zu werfen. Der lebendige Stil, mit dem ein “sperriges” Thema behandelt wird, macht dieses Werk auch für Jugendliche bestens geeignet. 

Gerhard Paul
Das visuelle Zeitalter / Punkt und Pixel
Wallstein-Verlag, 758 Seiten, 41,10 EUR

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