Statt eines Videosonntags: Internationale Streetphotographers sehen die COVID-19-Krise

Nach wie vor sind die meisten von uns in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die kapitalistische Konsumgesellschaft hat das WEGEN PANDEMIE GESCHLOSSEN-Schild hinausgehängt. Während wir versuchen, einen Lebensrhythmus zu finden, der uns durch weitgehende soziale Isolierung und fehlende Arbeit abhandengekommen ist, füllen sich die Spitäler mit Menschen, die mangels Tests in Angst und Ungewissheit warten, was mit ihnen geschehen wird.

Der schottische Journalist und Fotograf Sergio Burns hat einen sehr berührenden Artikel darüber geschrieben, wie Fotografinnen und Fotografen diese Krise verarbeiten.

Fotografie in den Zeiten von COVID-19

Plötzlich war es aus mit dem lockeren Herumflanieren; mit den abendlichen Treffen zwecks Ausstellungsbesuch. Auf einmal wurden Versammlungen und Demonstrationen verboten (gerade, als sich innerhalb kurzer Zeit in Wien eine neue Demonstrationskultur entwickelt hatte, nicht zuletzt aufgrund des Streiks in der Sozialwirtschaft).

Dann schlossen die Museen, die Galerien, dann sollte man möglichst nicht mehr auf die Straße, bis auf „infrastrukturwichtige“ Betriebe wurde alles dichtgemacht. Dann saß man zu Hause. Im Homeoffice. Oder versuchte sich als Ersatzlehrer für die Kinder, die nicht mehr in die Schule durften. Oder schreckte sich, wenn man zur „Risikogruppe“ gehört. Oder … oder … oder …

Auf Dauer war es wenig belebend, den online Bodycount des COVID-19-Virus zu verfolgen.

Was macht man als Fotograf (natürlich gilt die Unschuldsvermutung: Ich spreche nicht von den Profis!), wenn einem vor der Nase die Tür zu den Motiven verrammelt wird?

Na ja, man kann ja auch einmal den etwas beengten Alltag ablichten.

Wohl dem, der ein Gärtchen zu bestellen hat – das wusste schon Voltaires Candid. Naturfotografie, bis man alle Pflanzen durch hat?

Na ja, gar keine schlechte Idee, um sich einmal mit allen Kameraeinstellungen auseinanderzusetzen (und ich sagte: „allen“!). Das öffnet Möglichkeiten.

Irgendwann hat man aber (auch oder besonders?) im kleinen Garten die Pflanzen, Bäume, Gräser, Unkräuter, die Nützlinge und die Schädlinge satt. Dann müssen die abstrakten Formen her!

Der Ausnahmezustand ist jetzt noch nicht einmal eine ganze Woche alt. Und schon wird man unruhig. Schlimm. Oder gut. Ich hoffe, dass alle, die immer gesagt haben: „Den Häftlingen gehts heutzutage viel zu gut! Haben Zimmer mit Fernseher!“ nach ein paar Wochen „Hausarrest“ kapieren, dass es nicht lustig ist, einen begrenzten Raum nicht verlassen zu können (obwohl man im Gegensatz zu Strafgefangenen im Panikfall hinausrennen könnte).

Ändert aber nichts daran: Was kann man da fotografieren? Na ja, wie heißt es so schön im Kultfilm „Casablanca“? „Uns bleibt immer noch der Kater„.

Kampf um die 35-Stunden-Woche

Gestern haben in Wien über 2.500 Beschäftigte in der Sozialwirtschaft und mit ihnen solidarische Menschen in Wien für die Einführung der 35-Stunden-Woche demonstriert. Das Besondere: Das Gros der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kam aus bestreikten Betrieben. In mehr als 100 sozialwirtschaftlichen Betrieben in Wien hatte das Personal gestern die Arbeit niedergelegt.

Insgesamt sind rund 135.000 Menschen in der Sozialwirtschaft beschäftigt. Dieser Kampf um eine Arbeitszeitverkürzung könnte der Beginn einer weit größeren Bewegung sein. Die Sozial- und Arbeiterfotografie könnte also in nächster Zeit deutlich an Bedeutung gewinnen.

Videosonntag/Buchtipp: Cartier-Bresson, Deutschland 1945

Heute wird es sprachlich noch ausgefallener als sonst bei meinen Videosonntagen: Ein italienischer Trailer für ein in Frankreich erschienenes Buch, das es jetzt auch auf Deutsch gibt: Jean-David Morvan, Sylvain Savoia
Cartier-Bresson, Deutschland 1945, Bahoe-Books, 144 Seiten, 24,-EUR

Ein Glücksfall, wenn vier Große zusammentreffen. Da ist zunächst der 1969 in Reims geborene Grafiker Sylvain Savoia, der gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Freund Jean-David Morvan in der über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten Comic-Buchhandlung BDBulle in die Welt der gezeichneten Geschichten kippt. Während Savoia seine Karriere beim Zygus-Magazin beginnt, heuert sein Freund Morvan, der eigentlich auch Illustrator werden möchte, beim Comic-Verlag Zenda an und stellt fest, dass es ohne brauchbares Szenario nicht klappt. Er wird einer der wichtigsten „Szenaristen“ der Comicszene. Séverine Tréfouël ist die Jüngste im Bunde – auch sie aus Reims, aber erst 1981 geboren. Morvan stößt auf das junge Talent, das seine ersten Schritte in die Welt der erzählenden Bilder als Buchhändlerin in der Comicbuchhandlung Bédérama gemacht hat. Gemeinsam mit Morvan wird sie 2014 drei Bände der Magnum-Serie (in Zusammenarbeit mit der legendären Bildagentur, zu deren Gründern Henri Cartier-Bresson [HCB] und Robert Capa gehörten) entwickeln.
Der bei Bahoe-Books erschienene Band „Cartier-Bresson, Deutschland 1945“ zeigt die Vorgeschichte zur Entstehung der beühmten Fotos HCBs aus Dessau nach der Befreiung des dortigen KZ.
Er ist der „vierte Große“, der eingangs erwähnt wurde.
In einer eigenen Liga spielt der Verfasser des abschließenden Essays, Thomas Tode. Der Kurator, Dokumentarfilmer und Publizist liefert in seinem fundierten Nachwort die Hintergründe zu dieser beeindruckenden Graphic Novel. Angereichert wird der Band durch die thematisch passenden Fotos von HCB – einer der großen Vorteile der Zusammenarbeit mit Magnum. Ein großartiges Buch, gleichermaßen für Freunde der Graphic Novel und der Fotografie.

Und hier der Trailer zur italienischen Ausgabe:

(Der Text dieses Blogbeitrags erscheint auch gedruckt in der Kundenzeitschrift des Literaturbuffets, der BUCHSTABENSUPPE)

Buchtipp: “100 Ideas That Changed Photography” von Mary Warner Marien

Listen erstellen ist ein mühsames Geschäft. Die 100 besten Bücher – wer entscheidet, welche das sind? Die 100 erfolgreichsten Popsongs – sind das die ersten in den Charts, oder die, welche die Jahrzehnte überdauert haben? Schwierig, schwierig, schwierig…

Bei Laurence King ist nun in einer preisgünstigen Neuauflage das Buch “100 Ideas That Changed Photography” erschienen. Die Autorin, Mary Warner Marien, emeritierte Professorin für Kunst- und Musikgeschichte an der Syracuse University, New York, löst die selbst gestellte Aufgabe mit Bravour. Denn natürlich sind diese 100er-Listen immer subjektiv, und dann liegt es in der Verantwortung der Erstellerinnen dieser Wertungen, einen roten Faden herauszuarbeiten.

In der Einleitung argumentiert Marien, dass kaum eine andere Mediengattung (ich vermeide bewusst das Wort “Kunstgattung”) so viele Erfindungen, Neuerungen, Diversifizierungen erlebt hat wie die Fotografie. Dieses Medium ist wunderbar unfertig, es reizt zu immer neuen Experimenten und trotzdem – wir können heute ohne Problem jeden einzelnen Schritt seiner Entwicklung nicht nur nachvollziehen, sondern selbst neu erleben. In den letzten Jahren gab es eine Renaissance der Analogfotografie – oft sehr junge Menschen wandten sich (zumindest kurzfristig) vom Digitalen ab und griffen wieder zum guten alten Rollfilm; genauso kann ich, Zeit, Geld und entsprechende Kenntnisse vorausgesetzt, nach wie vor Daguerrotypien anfertigen; die Solarisation, untrennbar mit den Namen Lee Miller und Man Ray verbunden, können ambitionierte Amateure heute mit speziellen Filtern in besseren Bildbearbeitungsprogrammen problemlos “nachbauen”. 

Mary Warner Mariens “100 Ideas…” sind aber nicht nur ein amüsant zu lesender und mit oft überraschenden Illustrationen versehener Spaziergang durch die “Technikgeschichte”, denn die Fotografie verwandelte sich ebenso durch ihre Nutzung, ihre Rezeption und durch die Theorien über sie; sie änderte sich durch das Aufkommen illustrierter Magazine, die Bedürfnisse einer ganz privaten Erinnerungskultur, sie imitierte klassische Gemälde und wurde dennoch auch vollkommen abstrakt. Sie beeinflusste das öffentliche Leben und vermittelte ein neues Bild unseres Planeten.

Kriege haben die Fotografie ganz gehörig verändert

Die Auswahl aus der Fülle von Ideen, welche die Fotografie verändert haben, ist natürlich subjektiv und deshalb zugleich so reizvoll. Meine ebenso subjektiven Highlights sind etwa: Die Tintype. Diese Technik wurde in den 1850er Jahren in Frankreich entwickelt und ermöglichte es, nicht reproduzierbare Einzelpositive auf dünne Eisenplatten (also nicht Blech) zu bannen. Das Verfahren war kostengünstig und schnell. Die Belichtungszeit betrug nur ein paar Sekunden, und nach der Aufnahme konnte das Bild binnen einiger Minuten entwickelt werden. Oft wurden die Fotos im Medaillenformat entwickelt und wurden auch als Vorläufer der modernen Polit-Buttons verwendet. Abraham Lincoln ließ sich etwa für den Wahlkampf 1860 einige Tintypes als Kampagnenmaterial anfertigen. Kurz danach erlebte die Tintype durch einen blutigen Anlass einen wahren Boom: Während des amerikanischen Bürgerkriegs ließen sich Soldaten beider Lager von “fliegenden” Fotografen mittels Tintypie ablichten, um die Bilder per Feldpost an die Angehörigen zu Hause zu schicken – oft ungewollt ein letzter Gruß. Tintypes waren übrigens spiegelverkehrt – das war auch der Grund für eine seltsame Legendenbildung rund um den Revolverhelden Henry McCarty vulgo “Billy the Kid”: Er wurde (auch im Film) als linkshändiger Meisterschütze dargestellt, weil ihm eine Tintypie mit dem Revolver an der linken Hüfte zeigte. Spiegelverkehrt, was aber lange Zeit niemand beachtete.

Fotos als Beweismittel. „Es ist so gewesen“, sagt Barthes – zu Recht?

Witzig der Beitrag und die Illustrationen zu den Fotoautomaten, die ja vordergründig dem ernsthaften Zweck der schnellen Herstellung von Pass- und Dokumentenfotos dien(t)en, aber ein beliebter Ort für Jux und Tollerei, grimassierende Jugendliche und schräge Experimente mit Verkleidungen aller Art waren (und sind). Die französischen Surrealisten gestalteten mit Automatenfotos gar einmal das Cover ihrer Zeitschrift “Révolution Surrealiste”.

Die Erde von oben – Fotografie erweitert unser Welt-Bild

Das schön gestaltete Buch ist keineswegs eine “Einsteigerlektüre”. Auch Leserinnen und Leser, die sich tiefergehend mit dem Thema Fotografie beschäftigt haben, werden – dank einer oft überraschend neuen Perspektive – die “100 Ideas…” mit Genuss und Gewinn lesen. 

Kurt Lhotzky

Mary Warner Marien

100 Ideas That Changed Photography

Laurence King, 216 Seiten, 24,– EUR

Eine modifizierte Fassung dieses Texts erscheint auch in der BUCHSTABENSUPPE, der Kundenzeitung von Lhotzkys Literaturbuffet!

Dank an Laurence King für die Fotos in diesem Beitrag!

Graffiti und Murales in Valencia (2)

Wie erwähnt, gibt es sehr künstlerische Wandmalereien in Valencia. Hier eine, die zum Nachdenken zwingt. Warum ziehen die Schnecken das Pferd einen Berg hinauf? Bockt das Pferd oder scharrt es freudig mit den Hufen?

Spezialisten für Ikonographie werden herzlich gebeten, ihre Interpretation in den Kommentaren zu veröffentlichen :-).

Graffiti und murales in Valencia (1)

In Valencia finden sich unerhört vielfältige Graffiti und Wandmalereien (murales). Sie sind künstlerisch, agitatorisch, witzig, provokant – so wie die Aktivistinnen und Aktivisten, die sie an die Wände sprühen oder pinseln. Hier als erstes Beispiel einer künstlerisch-politischen Wandmalerei ein Sujet, das im Spanischen Staat einen Nerv trifft: Die starke, kämpferische Frau.

Die Arbeitslosenquote bei erwachsenen Frauen liegt mit 17,1 % (2018) rund 3 % höher als jene der Männer. Die allgemeine Prekarisierung, also Lohnarbeit ohne soziale Absicherung oder Vertrag, trifft die Frauen besonders. Dazu gesellt sich im Alltagsleben der nach wie vor stark ausgeprägte Machismo und der nach wie vor starke reaktionäre Einfluss der katholischen Kirche in Fragen der Empfängnisverhütung und der Stellung der Frau in der Gesellschaft.

Kein Wunder, dass es im vergangenen Jahr in Spanien am Internationalen Frauentag (8. März) Massendemonstrationen und einen Frauenstreik gegeben hat, der von zahlreichen Gewerkschaften und politischen Parteien mit Bezug auf die Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung unterstützt wurde. Gefordert wurden unter anderem gleicher Lohn für gleiche Arbeit und allgemeine sozialpolitische Reformen wie eine deutliche Arbeitszeitverkürzung und Verteilung der Arbeit auf alle.

Videosonntag: Dennis Morris

Der US-Amerikaner Dennis Morris ist der Fotograf der Punk- und Reggeaszene. Im folgenden Video beschreibt er seinen Weg zur Fotografie – vom magischen Moment des Entstehens eines Fotos in der Dunkelkammer zur Begegnung mit Bob Marley, den Doors und des Sex Pistols. Einmal was anderes…