Zeitschriftenschau: Photonews 2/18

Wie ihr euch unschwer ausmalen könnt, lese ich natürlich auch einige Fotozeitschriften mehr oder minder regelmäßig. Es gibt ja auch im deutschsprachigen Raum eine ganze Menge einschlägiger Magazine. Zugegebenermaßen reizen mich die bunten Hochglanzzeitschriften, in denen in erster Linie neue Kameras oder sonstiges Zubehör beschrieben oder miteinander verglichen wird, weniger. Natürlich möchte ich auf dem Laufenden bleiben, was technische Innovation betrifft. Mehr interessieren mich aber Beiträge über „Fotografie“ im abstrakteren Sinn – über Ausstellungen, Stile, Kontroversen, Fototheorie, den Kunstmarkt. „Zeitschriftenschau: Photonews 2/18“ weiterlesen

Rückblick: Paris Photo, 8. bis 12. November 2017

Vom 8. bis 11. November fand im Grand Palais Paris zum 21. Mal die internationale Fotomesse Paris Photo statt. 189 Aussteller aus 30 Ländern präsentierten Einzel- und Gruppenausstellungen. Vertreterinnen und Vertreter wichtiger internationaler Sammlungen und Institutionen nahmen an der Paris Photo als Fachbesucher teil, darunter Repräsentantinnen des Guggenheim Museums (New York), des MoMA (New York), des  Museum of contemporary Photography (Kolumbien), des YUZ Museums Shanghai, der Londoner Tate Gallery, und und und …

Blick ins Grand Palais

Aus Wien waren die Galerie CRONE und Johannes Faber unter den Ausstellern. „Rückblick: Paris Photo, 8. bis 12. November 2017“ weiterlesen

Rezension: SUBJECTIVE OBJECTIVE – sozialdokumentarische Fotografie vom Feinsten

SUBJECTIVE OBJECTIVE

A Century of Social Photography

Bei Hirmer ist (in englischer Sprache) der Katalog zur Ausstellung “Subjective Objective” im Zimmerli Art Museum der Rutger Univerity (New Jersey) erschienen. Trotz der großartigen sozialdokumentarischen Fotografien im Umfeld der Farm Security Administration (Stichwort: Dorothea Lange, Walker Evans….)  und der New York Photo League ist es hierzulande noch nicht in’s Bewusstsein gedrungen, wie international und polyglott die amerikanische Fotoszene auch im wissenschaftlichen Bereich ist.

Ein hrerlicher Ausstellungskatalog

Die Ausstellung im Zimmerli Art Museum zeigt, wie tiefgehend an manchen amerikanischen Einrichtungen die Beschäftigung mit dem Thema Fotografie geht. Bereits die kurze Einleitung von Donna Gustafson und  Andrés Mario Zervigón zeigt, dass hier nicht Bekanntes wiederaufbereitet wird, sondern versucht wird, einen großen Bogen in der Darstellung zu schlagen. Dass es etliche Arbeiten von  Bill Owens und einen kurzen Essay über ihn gibt mag weniger erstaunen. Der 1938 geborene Fotograf hat in den 70er Jahren mit seinen Schwarzweiß-Fotos im Zyklus “Suburbia” die sozialen Veränderungen in den USA brillant dokumentiert – den amerikanischen Traum vom Einfamilienhaus mit Auto davor zu eher kargen Stadträndern und Vororten mit Tendenz zur Verarmung. „Rezension: SUBJECTIVE OBJECTIVE – sozialdokumentarische Fotografie vom Feinsten“ weiterlesen

„Magnum manifesto“ – ein Fotobuch der Extraklasse

2017 feiert die legendäre Fotoagentur Magnum ihren 70. Geburtstag.  Die Großausstellung “magnum manifesto” zieht eine außergewöhnliche Bilanz dieser sieben Jahrzehnte, in denen Magnum die zeitgenössische Fotografie wesentlich mitgeprägt hat.

Es ist ein großes Glück, dass sich die Ausstellung und der hervorragende gleichnamige Katalog auf eine ebenso bemerkenswerte Dissertation von Clara Bouveresse über Magnum stützen kann. Die Doktorarbeit der jungen französischen Fotohistorikerin  ist unter dem Titel “Histoire de l’agence Magnum – L’art d’être photographe” beim renommierten Flammarion-Verlag in Paris erschienen.

Bouveresse stützt sich auf lange ignoriertes Archivmaterial und kann dadurch einige Mythen widerlegen, die Magnum von seiner Geburtsstunde an begleitet haben. Sie tut dies auf eine ausgesprochen liebenswürdige Art.  Sie will niemanden entlarven, und indem sie die Fakten korrekt präsentiert, zerstört sie die Mythen nicht, sondern situiert sie in einem breiteren und komplexen Kontext, der ihre Entstehung verstehen lässt.

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David Seyomours Reportage über Omaha-Beach (Normandie) zwei Jahre nach der alliierten Landung

Natürlich hat es Stil, wenn der Legende nach Robert Capa, William Vandivert, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David Seymour im Frühjahr 1947 bei einem Mittagessen in der Cafeteria des  MoMA (Museum of Modern Art) in New York eine Magnumflasche Champagner köpften und dabei eine ganz besondere Fotografen-Kooperative gründeten, um den Fotografen endlich zu ihrem Recht auf ihre Werke zu verhelfen. Und natürlich stand die Magnum-Flasche Champagner bei der Namensgebung der kooperativen Agentur Pate. Nicht in der Anekdote erwähnt werden die beiden weiblichen Gründungsmitglieder Maria Eisner und Rita Vandivert, die immerhin die erste Magnum-Präsidentin war.

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Die erste Seite des Eintrags von Magnum im New Yorker Handelsregister, 22. Mai 1947

Gerade im Zusammenhang mit Robert Capa wäre es aber falsch, jedes seiner Worte über die Gründung der Agentur auf die Waagschale zu legen. So wie die anderen Gründer von Magnum hatte sich Capa seit dem Spanischen Bürgerkrieg einen Namen gemacht. Das sogar wortwörtlich. Aus dem ungarischen Fotografen Endre Friedmann hatte sich der international berühmte Robert Capa gehäutet. Er gilt als einer der großen Neueren des Fotojournalismus. Henri Cartier-Bresson wiederum wird als Fotokünstler und Meister des Goldenen Schnitts verehrt (auch wenn seine Fotoreportagen Maßstäbe gesetzt haben).  Der gebürtige Pole  David Seymour hatte sich ebenfalls auf den Schlachtfeldern Spaniens als Fotoreporter hervorgetan. William Vandivert und George Rodger hatten als Kriegsreporter den Kampf der Alliierten gegen Nazideutschland begleitet und dann die Situation in Nackriegseuropa dokumentiert.

Da wäre es doch wirklich viel zu prosaisch, die Gründung der Agentur an der Hinterlegung einer Satzung beim New Yorker Handelsgericht festzumachen, oder nicht? Genau diese Satzung aber zeigt, wie viel Denkarbeit hinter der Schaffung einer Agentur steckte, die völlig verschiedene Fotografinnen und Fotografen zusammenführen und deren Interessen vertreten wollte, ohne einen Einheitsstil vorzuschreiben.

Vereinfacht ausgedrückt waren die Fotografinnen und Fotografen vor Magnum billige Lohnsklaven der Magazinherausgeber. Einmal veröffentlicht, verloren sie jedes Recht am Negativ. Sie hatten keinen Einfluss, welche Bildunterschriften unter ihren Fotos abgedruckt wurden, sie konnten nicht beeinflussen, in welchem Kontext ihre Fotos erschienen.

Das wurde mit Magnum anders. Als Pool hervorragender und selbstbewusster Fotografen  begann Magnum, die Bedingungen für den Abdruck der Fotos der Mitglieder der Kooperative zu diktieren. Verwertungsrechte und Negative blieben jetzt bei den Fotografen, und damit eröffnete sich ein völlig neuer Weg, um Ausstellungen oder Fotobücher zusammenzustellen. Kein Wunder, das mit Magnum auch die Glanzzeit des Fotobuchs begann.

Zugleich formulierte die Magnum-Charta hohe ethische Ansprüche. Im weitesten Sinn lässt sich die Geschichte Magnums in die Geschichte der Schule der humanistischen Fotografie einreihen.

“Magnum manifesto” beschönigt die Konflikte innerhalb der Magnum-Gesellschafter nicht. Die Agentur war natürlich einem Wachstumsprozess unterworfen. Schon früh wurde etwa die aus Österreich gebürtige Fotografin Inge Morath in die Kooperative aufgenommen. Der Tod Capas 1954 in Vietnam durch eine Landmine und die Erschießung Seymours in Ägypten 1956 änderten natürlich auch das Klima im Kollektiv. Die ausgeklügelte und langwierige Prozedur der Aufnahme neuer Mitglieder barg immer wieder Zündstoff in sich.

Der Aufbau des bei Schirmer Mosel auf Deutsch erschienenen, 416 Seiten starken und daher buchstäblich gewichtigen Katalogs ist elegant, übersichtlich und wohldurchdacht: Die Einleitung von Clément Chéroux umreißt nicht nur kurz die Geschichte der Agentur, sie weist auf Problemfelder hin, die sich aus dem ambitionierten Konzept der “Gründerväter” (und der verschwiegenen Mütter) ergeben haben.

Näher ausgeführt wird das im schönen Beitrag von Clara Bouveresse “Nichts als Champagner” (ein Zitat von Rita Vandivert, die dem Fotografen George Rodger zum ersten Geburtstag Magnums “nichts als Champagner” versprach).

Der I. Teil umspannt die Jahre 1947 – 1968: “Menschenrechte und menschliches Unrecht” (im englischen Katalog gibt es hier das Wortspiel “human rights and wrongs”). Die Fotoauswahl in allen Teilen des Katalogs lässt so gut wie alle Magnum-Fotografinnen und Fotografen zu Wort kommen, aber ohne einen künstlichen Anspruch auf Parität. Es geht darum, den für jede Phase der Magnum-Geschichte typischen Geist wiederzugeben. Der I. Teil zeigt, wie unterschiedlich der humanistische Anspruch der Charta umgesetzt wurde – sei es Erich Hartmanns Essays über das “täglich Brot” oder die Beiträge zur “Generation X”, dem ambitionierten Versuch, die Weltjugend darzustellen. Ein Exkurs “Amerika in der Krise” leitet zu Teil II über – “Ein Inventar der Differenzen”.

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The Train – Magnum-Fotograf Joseph Roddy dokumentierte die Reaktion der Menschen am Weg des Zuges, der den Leichnam des ermordeten Robert Kennedy von New York nach Washington brachte

Randgruppen, Randerscheinungen, von der Gesellschaft versteckte oder weggesperrte stehen hier im Zentrum. Bilder aus psychiatrischen Anstalten ebenso wie die legendäre Studie von Josef Koudelka, “Gypsies”, oder Susan Meiselas “Carnival Strippers”. Der Zeitraum des II Kapitels geht von 1969 – 1989 – hier setzt Teil III ein: “Endzeitgeschichten”.

Natürlich beginnt alles mit dem Fall der Berliner Mauer und der Zersetzung der Sowjetunion.  Hier finden wir Bilder aus dem berühmten Fotoessay von Thomas Dworzak über die Taliban ebenso wie Donovan Wylies Besuch im damals schon stillgelegten nordirischen Hochsicherheitsgefängnis Maze.

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Jérôme Sessini, Der Tod von Hugo Chávez

Der Epilog, “Magnum ist…” enthält nicht, wie es verlockend gewesen wäre, Bonmots und kurze Sentenzen über die Agentur – hier werden Briefe und schriftliche Diskussionsbeiträge von Mitgliedern der Kooperative abgedruckt, die zeigen, wie lebendig, intellektuell und empathisch die Idee Magnum in diesem 70 Jahren diskutiert wurde.

Hoffen wir, dass die Magnum-Ausstellung auch in Österreich zu sehen sein wird. Einstweilen können wir uns aber an diesem wirklich bemerkenswert schönen Buch erfreuen.

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Magnum Manifesto

Herausgegeben von Clément Chéroux. In Zusammenarbeit mit Clara Bouveresse.

Aus dem Englischen von Saskia Bontjes van Beek.

416 Seiten, über 450 Bilder, davon 190 in Farbe.

Format: 24,5 x 29,5 cm, gebunden. Deutsche Ausgabe.

Schirmer/Mosel, EUR 49,80 (Deutschland), 51,20 (Österreich)

Pixel, tödlich wie Kugeln / Charlotte Klonk über Bilder des Terrors

Die deutsche Kunsthistorikerin Charlotte Klonk nimmt sich in ihrem Buch “Terror – Wenn Bilder zu Waffen werden” eines brisanten Themas an: Der bildlichen Darstellung von Terror – den Aktionen, den Tätern, den Opfern, der Selbstinszenierung von Menschen, die Terror verbreiten, und deren Gegenspielern.

Spätestens seit dem 11. September 2001 wissen Medienkonsumenten weltweit, wie einprägsam Bilder des Terrors sind: ein Flugzeug, das sich in einer Anflugskurve dem noch nicht qualmenden WTC-Turm in New York nähert. Die brennenden, fallenden Twin-Towers. Das Bild der “Dust Lady” – einer geschockten

Dust Lady

jungen Frau, die komplett mit Staub bedeckt den Schauplatz des Anschlags verlässt und aussieht wie eine lebende Skulptur; der “Falling Man”, eines der umstrittensten Bilder, das einen der über hundert verzweifelten Menschen zeigt, der – aus welchem Grund auch immer – aus dem einstürzenden und brennenden Rest eines der Türme in die Tiefe springt. Dann das Bild der Feuerwehrleute, die am ground zero die amerikanische Fahne aufziehen – ein in’s 21. Jahrhundert transponierte Zitat des ikonischen Bildes von der Hissung der US-Fahne auf Iwojima.

Und – wie viele Bilder haben Sie vor Augen gehabt, als Sie diese Auflistung gelesen haben? Das ist der Fluch des “Zeitalters der Bilder” – bestimmte Abbildungen prägen sich in unser visuelles Gedächtnis ein, begleiten uns, auch wenn wir keinen “Bildtext” mehr damit assoziieren.

Christine Klonks Ansatz ist insofern bemerkenswert, als sie in der Einleitung begründet, warum sie den Begriff “Terrorismus” weitgehend meidet. Wer dem einen ein Terrorist ist, ist dem anderen ein Freiheitskämpfer, ein Guerilla, ein Soldat der gerechten Sache. Terror hingegen beschreibt ziemlich präzise einen Akt, der in der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreiten soll. Sie scheut sich nicht darauf hinzuweisen, dass im Kampf gegen “Terroristen” Regierungen unterschiedlichster Art immer wieder Methoden einsetzen, die “selbst zumindest in die Nähe von Terrorhandlungen” kommen (S. 19).

Was den “modernen” Terror vom Terror, sagen wir, in der Antike, unterscheidet, ist seine bildliche Darstellung. Die Verbreitung von Angst ist im Zeitalter der “technischen Reproduzierbarkeit” der Bilder wesentlich einfacher und wirkungsvoller zu bewerkstelligen als in den Jahrhunderten davor.

Klonk beginnt ihre Studie mit dem Attentat auf Zar Alexander I. durch die bäuerlich-anarchistische Bewegung des “Volkswillens” im Jahr 1881. Es war die Zeit vor der großräumigen Verwendung von Fotos – Stiche und Zeichnungen in den Zeitungen brachten den Lesern das schaurige Ereignis in die Stube. Bestimmte Merkmale, die sich bei der Abbildung des Terrors bis heute erkennen lassen,

Scheinbare Authentizität durch blutige Details

tauchen hier schon auf: Die Darstellung des Anschlags selbst, zwischen eher nüchtern, bis hin zu scheinbar ultrarealistisch, mit Explosionsblitzen und zerfetzten Gliedmaßen; dann, in der nächsten Phase, die Darstellung des ermordeten Zaren – würdevoll aufgebahrt. Später dann – die Bilder der verhafteten “Zarenmörder” und ihre Hinrichtung.

Das Attentat auf Alexander I. war insofern eine Wende in der Geschichte des Terrors, als sich jenen, die diese Kampfmethode anwenden wollten, erstmals darüber bewusst wurden, wie schnell sich angsteinflößende Bilder weltweit verbreiteten. Es wurde verlockend, Terror nicht mehr zur Erreichung eines Zieles, sondern zur Generierung eines bestimmten Bildes einzusetzen.

Andererseits erkannten Regierungen, wie gut sich mit der Darstellung von ermittelnden Polizeieinheiten, Bergungsarbeiten nach Anschlägen, möglichst demütigenden Abbildungen von verhafteten “Terroristen” und gar deren Bestrafung bis hin zur Exekution das staatliche Gewaltmonopol zur Beruhigung der Bevölkerung wiederherstellen und legitimieren ließ.

Bilder vom Terror waren und sind aber immer zweischneidig: Sind sie für die eine Seite erschütternde Dokumente des Verbrechens und der Unmenschlichkeit, können sie für die andere Dokumente des Heldenmuts, der Aufopferung, des Sieges über den ein Feind sein.

Zurück zu 9/11 – das erste Fahndungsfoto, das die amerikanischen Behörden von Osama bin Laden veröffentlichten, war im Prinzip ein Flopp. Da lächelte ein gütiger arabischer Papa Schlumpf vom Steckbrief – der sollte hinter diesem Massaker stecken? Schon ein paar Tage später prangte genau dieses Foto auf zigtausenden T-Shirts in Asien und Afrika, Ausdruck der Bewunderung für den “Widerstandskämpfer”, der es den amerikanischen Imperialisten auf ihrem eigenen Territorium heimgezahlt hatte.

Oberschurke, aber eher undämonisch: Das erste Fahndungsfoto von bin Laden
ARCHIV: Ein Steckbrief von Osama Bin Laden auf den Seiten des FBI im Internet, informiert darueber, dass der Terrorist zu den zehn meist gesuchten Personen in den USA gehoert (Foto undatiert). Fast zehn Jahre nach den Anschlaegen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington ist der Al-Kaida-Terrorist Osama in der Naehe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad getoetet worden. Dies teilte der US-amerikanische Praesident Barack Obama am Sonntag (01.05.11) mit. (zu dapd-Text)
Foto: dapd/dapd

Erst im Dezember 2011 fanden die amerikanischen Medien eine adäquate Bildsprache im von George Bush proklamierten “Krieg gegen den Terror”. Ein unscharfes, kontrastarmes Profilbild bin Ladens, das seinen Bart deutlich hervortreten ließ und die bedrohliche Ausstrahlung à la expressionisischer Gruselbilder hatte.

Sehr spannend und erhellend sind Klonks Betrachtungen über die RAF, ihre Aktionen und die Bilder von und über ihre Aktionen.

Einen wichtige Stellenwert, aber keineswegs einen redundanten, räumt die Kunsthistorikerin den Gewalt- und Tötungsfotos und -Videos von Daesh ein. Hier konstatiert sie eine neue Qualität im Einsatz der Bilder als Waffe: Die Bilder dokumentieren nicht mehr die Gewalt, die Gewalt bis hin zum grausamen Morde wird praktiziert, um Bilder zu erzeugen.

Das letzte Kapitel, “Bildethik” beschäftigt sich mit dem Umgang mit Terrobildern. Einige Rezensenten (z. B. im SPIEGEL) kritisieren hier sachte, dass die Autorin keine befriedigenden Antworten anbietet. Ehe ich mich damit auseinandersetze, kurz zu Klonks Position. Sie mahnt – und das scheint mir wichtig zu sein – im Zeitalter der “sozialen Medien”, in denen durch Fotohandys mehr Kameras als jemals zuvor in Umlauf sind, auch von “Privatpersonen” ähnliche ethische Standards ein, wie sie für Berufsfotografen gelten.

Genau das aber ist die Krux der Sache, derentwegen kein verbindlicher Umgang mit Fotos vom Terror angeraten werden kann. Klonks Warnung, dem Terror nicht in die Hände zu spielen, indem man seine Selbstinszenierung, bewusst oder unbewusst, verbreitet, ist sicher gerechtfertigt. Rigide Forderungen nach Veröffentlichungsverboten für bestimmte Bilder treten aber nicht nur zu kurz, sie sind ein Einfallstor für Zensur und staatliche Medienkontrolle. Klonk erhebt diese Forderungen nicht, sie bietet aber jedem, der über ein visuelles Aufnahmegerät verfügt, reichlich Stoff zur (Selbst)Reflektion. Das macht ihr sehr flüssig geschriebenes Buch zu einer Lektüre für Stunden, in denen man sich die Zeit nimmt, über seine eigene Reaktion auf “Bilder des Terrors” nachzudenken.

Charlotte Klonk

Terror

Wenn Bilder zu Waffen werden

S.Fischer, 313 Seiten, 25,70

Rezension: MEISTERKLASSE FOTOGRAFIE / Schauen, verstehen, ausprobieren

Wer das Buch “Meisterklasse Fotografie” erwirbt, ist in der glücklichen Lage, gleich mehrere Bücher zum Preis von einem zu bekommen. Einerseits stellt Autor Paul Lowe, Leiter des Fachbereichs Kommunikation an der University of Arts, London, 100 Bilder führender Fotografinnen und Fotografinnen, quer durch die Geschichte des Mediums, vor; das alleine wäre löblich, würde aber den Markt einschlägiger “best of…”-Bände höchstens um einen weiteren vermehren. Die Interpretation und die Informationen zur Entstehungsgeschichte der einzelnen Aufnahmen sind knapp, gehen aber viel tiefer als traditionelle reine “Bildbeschreibungen”, die wenig Substanzielles zum Verständnis einer Fotografie beitragen. Auch das alleine wäre also schon bemerkenswert.

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Blick ins Buch – das Symbol-Leitsystem

Das wirklich Besondere an diesem Buch sind aber die Symbole bei jedem Eintrag, die technische und kreative Tipps geben, um der Leserin oder dem Leser die Möglichkeit geben, das aus den Bildern “Gelernte” selbst nachzuvollziehen oder nachzustellen. Dieses graphische Leitsystem und die kluge Gliederung des Buches führen direkt dazu, das Gesehene selbst praktisch ausprobieren zu können.

Unter “Kamera” wird erklärt, warum der Fotograf, die Fotografin für eine bestimmte Aufnahme welchen Kameratyp gewählt hat. Nun ist es aber nicht so, dass man, um z. B. ein Bild im Stil Atgets zu machen, unbedingt eine Balgenkamera ausleihen oder gar kaufen wird, um auf 8 mal 10 Zoll Glasplatten zu belichten und dann Albuminabzüge herzustellen. Die Diskussion der Möglichkeiten der im Original verwendeten Kameras und ihren Vor- und Nachteile bietet vielmehr kreative Anregungen, wie man, z. B. mit einer digitalen Spiegelreflexkamera oder sogar mit einer Handycam,  bestimmte Effekte “nachspielen” kann.

Ähnlich fundiert begleiten Symbole für Farbe/Tonwert, Komposition, Digital, Belichtung, Blitzlicht, Objektiv, Beleuchtung, Aufnahmeort, Methode, Entwicklung und Motiv die beispielhaften Fotografien, die Lowe erörtert.

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Der Aufbau des Buches ist übersichtlich: Foto, Erklärung zum Bild, Angaben über Fotograf/Fotografin, Tipps und Detailanalyse

Persönlich sprechen mich besonders die unter “Methode” versammelten Überlegungen und Hintergrundinformationen an. Hier erfährt man eine ganze Menge über die, nennen wir es ruhig philosophischen, Beweggründe, warum Fotografinnen und ihre Fotografen ihre Bilder genauso und nicht anders gestaltet haben, wie wir sie heute vor uns haben. Mit einem Preis von 25,70 EUR bewegt sich das Buch zudem in einem Preissegment, das es auch für Fotobegeisterte mit schmälerer Brieftasche erschwinglich macht – auch als Geschenk ein heißer Tipp!

 

Paul Lowe

Meisterklasse Fotografie

Die Kreativgeheimnisse der großen Fotografen

288 Seiten, 150 farbige, 50 s/w-Abbildungen

Prestel-Verlag

EUR 25,70

Dieser Text erscheint in leicht modifizierter Form im Kundenmagazin von Lhotzkys Literaturbuffet, BUCHSTABENSUPPE

Robert-Haas-Ausstellung: Streetphotography, made in Vienna

Noch bis zum 26. Februar kann man im Wien Museum am Karlsplatz die Ausstellung „Robert Haas – der Blick auf zwei Welten“ besichtigen.

Der 1898 in Wien geborene Robert Haas ist über lange Jahre hindurch als Fotograf in Vergessenheit geraten. Von seiner Ausbildung her Techniker, interessierte er sich schon sehr früh für Typographie und Drucktechnik. Aber auch Fotografie reizte ihn und so richtete er sich eine kleine Dunkelkammer ein.

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Gedränge an der Kassa im Wien Museum. Allerdings läuft parallel dazu (in der letzten Woche) mit „Sex in Wien“ die erfolgreichste Ausstellung des Hauses. 😉

In Wien gründete er mit Carry Hauser und Fritz Siegel im 3. Bezirk 1925 die „Officina Vindobonensis“, ein Atelier für künstlerischen Plakat- und Buchdruck.  Durch seine Tätigkeit als Grafiker kam er mit den Künstlerkreisen der 20er und 30er Jahre in engen Kontakt. Bei der bekannten Atelierfotografin Trude Fleischmann absolvierte er eine Ausbildung – es war zugleich der Beginn einer lebenslangen Freundschaft zwischen den beiden, die sich auch in der Emigration fortsetzte.

„Robert-Haas-Ausstellung: Streetphotography, made in Vienna“ weiterlesen

Die Lust an der “Orwellness” und die Allgegenwart des Visual Man in Raum und Zeit

Nein, es ist nicht selbstverständlich, dass man heutzutage ein Buch in die Hände bekommt, das so ziemlich alles an sich hat, was ein Buch “schön” macht: Aufwändige Gestaltung, lesefreundliche Typographie, übersichtliches Layout und einen Schreibstil, der anschaulich ist und kompetent Wissen vermittelt. Und dann dieses Wunderbuch noch zu einem Preis, der absolut nicht überzogen ist.

Sind Sie jetzt gespannt? Dann greifen Sie zu “Das visuelle Zeitalter / Punkt und Pixel” von Gerhard Paul, erschienen im Wallstein-Verlag zum Preis von 41,10 Euro. Paul, Professor für Geschichte und Didaktik an der Europa-Universität Flensburg, entwickelt auf 758 Seiten die Geschichte des “Visual Man”. Der “Typographical Man” war der Mensch des “Gutenberg-Universums” – irgendwann zwischen 1870 und 1890 beginnt der Prozess, der den “Augenmenschen” (© Fritz Lang) hervorbringt.

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Alle Abbildungen zeigen Doppelseiten des rezensierten Buchs!

Die Verbesserung der grafischen (Re)Produktionstechnologien, die Entstehung neuer Bilderwelten, die häufiger werdende Begegnung mit bildlichen (fotografischen) Darstellungen verdrängt die “klassisch bürgerliche Praktik” der Schriftlichkeit. Paul sieht im “Visual Man” den Bewohner des globalen Zeitalters: die neuen visuellen Medien (erst illustrierte Zeitungen, dann “echte” Illustrierte, dann die Medien Film und Television) machen die Welt für die Menschen [in den Teilen der Welt, wo aufgrund der ökonomischen und sozialen Entwicklungen ein Zugang zu diesen Medien besteht] “allgegenwärtig” und buchstäblich anschaulich.

Im Prozess der Entwicklung des “Visual Man” mussten die Menschen umlernen – sie mussten bildliche Darstellungen verstehen, interpretieren, entschlüsseln; Paul erläutert das sehr lebendig an einem Beispiel, das jeder von uns kennt und zeigt, wie der Mensch blitzschnell ein grafisches Zeichen erkennen und in eine Handlung umsetzen muss: beim Rot einer Ampel hat man stehenzubleiben, beim “rot umrandeten, mit der Spitze nach unten weisenden Dreieck in Achtungstellung zu gehen”. (S.742)

wp-1478510450570.jpegGerhard Paul weist überzeugend nach, wie schwierig der Lernprozess war und ist, Bilder nicht grundsätzlich als “wahr” anzunehmen. Das wird dadurch erschwert, dass die Welt der Bilder nicht nur zu einer Aufhebung räumlicher Distanzen führt – dank Bildreportagen, TV-Dokumentationen, aber auch durch Spielfilme sind wir heute in den Regenwäldern des Amazonas visuell ebenso zuhause wie in den Ruinen von Aleppo oder den durchgestylten Anwaltsbüros in Washington, D.C.; auch zeitliche Grenzen verschwinden – was war, was ist – Vergangenheit und Gegenwart schmelzen zusammen, zur Bekräftigung der Wahrnehmung sagt der Visual Man nicht selten “Das war wie im Film”.

Gleichzeitig ist der Visual Man “Subjekt wie Objekt” der Überwachung. Die Lust an der Sichtbarmachung des Selbst, eine Art visueller Exhibtionismus, erleichterte von Haus aus Überwachung und Kontrolle. Bilder waren einfach da, und die Menschen hatten nicht gelernt, Distanz zu ihnen zu wahren oder Strategien zu entwickeln, wie man zwischen Authentizität und Fiktion unterscheiden könne. Die “Orwellness” prägt so unsere Gegenwart,

Paul nimmt die Leserin, den Leser auf eine extrem spannende und unterhaltende Reise durch die Welt der Bilder mit. An die tausend Bildbeispiele werden analysiert. Wir lernen Bilder kennen – als Mittel der Bildung (Schautafeln im Unterricht zum Beispiel), der Wissenschaft (bildgebende Techniken in der Medizin), der Propaganda (exemplarisch aufgearbeitet an einer Untersuchung der Bildsprache des Nationalsozialismus), der Information (Bildjournalismus), der Kriegsführung und der polizeilichen Arbeit …

wp-1478510450575.jpegJa – leider, die Rezension ist “trockener” als das Buch. Aber keine Sorge – die lebendige Aufbereitung des Themas macht Sie auch Trivial-Pursuit-tauglich. Oder haben Sie jemals darüber nachgedacht, seit wann es die heute noch hauptsächlich bei Kindern heißgeliebten Sammelbildchen gibt? Und dass die Firma Stollwerck um 1900 jährlich 600 verschiedene Serien mit über 50 Millionen Bildchen herausbrachte?

“Das visuelle Zeitalter” ist, so seltsam das klingen mag, ein wissenschaftliches Buch, das sich auch hervorragend als “Buch für die ganze Familie” eignet. Der “Visual man” sollte auch einmal einen Schritt zurücktreten, um aus der Distanz einen neuen, kritischen Blick auf “seine” Bilderwelt zu werfen. Der lebendige Stil, mit dem ein “sperriges” Thema behandelt wird, macht dieses Werk auch für Jugendliche bestens geeignet. 

Gerhard Paul
Das visuelle Zeitalter / Punkt und Pixel
Wallstein-Verlag, 758 Seiten, 41,10 EUR

Es ist soweit: Das elektronische Magazin zum Blog ist da!

Etliche Beiträge auf meinem Blog sind ziemlich lang geraten, und das sollte man ja vermeiden (meinen Experten für social media 😉 ). Also habe ich mich entschlossen, als „flankierende Maßnahme“ ein Online-Magazin mit dem originelle Namen „COMPEXITYINAFRAME“ zu editieren.

Ich wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre und freue mich über Feedback!