Manipulative Bilder – heute: die Online-Krone und das Christbaumkomplott

Dass man mit Bildern manipulieren kann, ist hinlänglich bekannt. Ein ungünstiges Porträt („Meuchelfoto“) kann eine Person Achtung und Sympathie kosten;  Bilder direkt zu bearbeiten und „Unpersonen“ verschwinden zu lassen war eine lang geübte Praxis der stalinistischen Bürokraten; Tierfotos Menschenfotos gegenüber zu stellen war ein Instrument der nationalsozialistischen Bildsprache, um „Untermenschen“ zu Ent-Menschlichen und ihre Vernichtung vorzubereiten.

Eine besondere Form der Manipulation mit Bildern zeigt die heutige Online-Ausgabe der Kronen-Zeitung (krone.at). Dort finden wir folgenden Artikel:

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Screenshot vom 8. 11. 2016, 12.25 Uhr

Jeder Wienerin, jedem Wiener ist sofort klar: Hier sehen wir den traditionellen Weihnachtsbaum vor dem Wiener Rathaus.

Die Quelle des „Symbolbildes“ ist der lizenzfreie Fotodienst thinkstockphotos.de, das Bild stammt von Gettys. Sucht man auf der Webseite des Anbieters nach „Weihnachtsbaum“, kommt man auf etwa 6.000 Fotos. Wenn man nach „weihnachtsbaum rathaus wien“ sucht, kommt man auf eine handvoll Bilder. Das von der krone.at verwendete Bild ist ein Detailausschnitt aus folgendem Foto:

http://www.thinkstockphotos.de/image/stock-foto-vienna-s-city-hall/136183264/popup?sq=weihnachtsbaum%20rathaus%20wien/f=CPIHVX/s=DynamicRank

Die inkriminierte Geschichte (auf die wir näher eingehen werden) spielt sich aber in Düsseldorf ab. Würde man auf thinkstockphotos.de nach „weihnachtsbaum rathaus düsseldorf“ suchen, fände man allerhand:

http://www.thinkstockphotos.de/search/#weihnachtsbaum rathaus düsseldorf/f=CPIHVX/s=DynamicRank

Welchen Schluss kann man aus der Bildauswahl ziehen?

Aber offenbar kommt es bei der Auswahl des Bildes weniger auf den realen Meldungsinhalt an, sondern auf die Herstellung eines unmittelbaren Gedankenzusammenhanges bei den Personen, die auf die krone.at-Seite klicken: Das Blatt, das sich ja generell wie das nicht deklarierte Zentralorgan der „sozialen Heimatpartei“ liest, versucht durch ihre Bildsprache den ersten Eindruck zu verwenden: „Grüne wollen aus finsteren Beweggründen Weihnachtstanne in Wien loswerden“.

Im Vorspann wird Düsseldorf genannt – scrollt man im Artikel weiter hinunter, findet man ein Video:

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Screenshot vom 8. 11., 12.25

Wieder wird mit der Bildsprache operiert: Man sieht den Transport der Weihnachtstanne in Wien – „ein echter Wiener“, ein weiteres Reizwort…

Wenn man die Story auf ihren realen Hintergrund abklopft, ist sie bei weitem weniger reißerisch:

weihnachtsbaum3

Worum geht es eigentlich? „Nach dem Pfingstorkan Ela möchten wir, dass ein Umdenken stattfindet. Wir können Bäume nicht mehr so behandeln wie beliebige Wegwerfartikel“, sagt Andrea Vogelgesang von der Baumschutzgruppe. Deshalb haben die Umweltschützer den Antrag gestellt. „Es geht uns aber nicht darum, den Düsseldorfern die Vorweihnachtsfreude zu nehmen“, sagt Andrea Vogelgesang. „Wir möchten vielmehr, dass an mehreren Stellen der Stadt Tannen gepflanzt und dann jährlich zu Weihnachten geschmückt werden.“ Die Baumschützer nehmen die Tanne auf dem Staufenplatz als Vorbild. Und schlagen neben dem Rathausvorplatz etwa den Brehmplatz vor, wo Ela auch für einen deutlich Kahlschlag gesorgt hat.

Düsseldorfer Weihnachtsbaum kommt aus Norwegen
Bisher schickt die norwegische Stadt Lillehammer jedes Jahr den Weihnachtsbaum nach Düsseldorf. Dass dafür eine 30 bis 40 Jahre alte Tanne gefällt und nach vier adventsseligen Wochen in Düsseldorf schnöde entsorgt wird, halten die Umweltfreunde für nicht mehr zeitgemäß.

Kein Weihnachtsbaum vor dem Rathaus in Düsseldorf? | NRZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/nrz/staedte/duesseldorf/hick-hack-um-den-weihnachtsbaum-id9971367.html#plx63419040

Die NRZ gehört übrigens zur WAZ-Medien-Gruppe.

Wenn man sich dann der undankbaren Aufgabe unterzieht, zu den Leserkommentaren hinunter zu scrollen wird klar: „Mission complete“:weihnachtsbaum4

 

Dass natürlich die üblichen Gewaltphantasien (Christbaum mit daran hängenden Grünen und Gutmenschen…) ebenso wenig fehlen dürfen wie die Angst vor dem Muezzin vor dem (Wiener) Rathaus ist klar.

Ob die geballte Ladung Hass, die uns hier entgegenquillt, auch bei Verwendung eines anderen Aufmacherfotos (z. B. einem vom Rathaus in Düsseldorf?) so ergiebig geflossen wäre? Das kann ich nicht verifizieren, nur vermuten.  Jedenfalls sollte man gerade auch im Internet einen kritischen Blick für die Macht des manipulativen Bildes haben.

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