Ein Bild, das Geschichte machte, aufgenommen am 1. Februar 1968

Es ist der 1. Februar 1968, Saigon. Seit zwei Tagen wird auch in der Hauptstadt Südvietnams gekämpft. Einheiten der FLN (Nationale Befreiungsfront aka Vietcong) haben mit der Tet-Offensive zum Sturm auf das mit den USA verbündete Regime des Präsidenten Nguyễn Văn Thiệu angesetzt.

Eddie Adams, Fotograf für Associated Press, ist gemeinsam mit dem NBC-Kameramann Vo Su unterwegs in den Stadtteil Cholon, wo heftig gekämpft wurde. Als die beiden Reporter ankommen, haben südvietnamesische Truppen offenbar die Kontrolle über den Stadtteil errungen. Am Ende einer Straße sehen sie eine Gruppe Soldaten die einen Mann eskortieren – er ist barfuß, trägt Shorts und ein kariertes Hemd, die Hände scheinen am Rücken gefesselt zu sein. Eddie Adams sagt später: „Wenn man als Fotograf einen Gefangenen sieht, schaut man, dass man ihn solange begleitet, bis er weggebracht wird. Ein Gefangener ist ein Foto„. 

Eddie Adams, 1969

Adams und Su machen sich an die Arbeit, filmen, machen Fotos. Von links nähert sich ein Mann der Gruppe. Die beiden machen weiter Aufnahmen.  Der Mann, der eine Militärweste mit zahlreichen Taschen, aber keine Uniform trägt,  schiebt die Soldaten entschlossen zur Seite. Plötzlich zieht der Mann, der etwa zwei Meter von den Reportern ist, eine Pistole und richtet sie auf den Kopf des Gefangenen. Adams und Su glauben, dass der Neunkömmling den Gefangenen bedrohen will, um Informationen von ihm zu bekommen. Aber der Mann schießt – nahezu im gleichen Moment drückt Adams den Auslöser und schießt eines der folgenreichsten Bilder des 20. Jahrhunderts.

Der Schütze dreht sich, die Waffe auf sie gerichtet, zu den Reportern und erklärt, der Mann, den er erschossen hat, habe „viele Menschen getötet“, Vietnamesen und Amerikaner.

Das Bild erregt weltweit Aufsehen und Empörung – die kaltblütige Erschießung eines Gefangenen vor den Augen der Presse befeuert die Ablehnung des Kriegs der USA und die Unterstützung für das Regime Thieus. Erst recht, nachdem der Schütze als General Nguyễn Ngọc Loan identifiziert wird – der Polizeichef von Saigon.

Im Nachruf der New York Times auf Loan heißt es:  „Und als der Film im Fernsehen gezeigt wurde und das Bild auf den Titelseiten von Zeitungen auf der ganzen Welt erschien, erzeugten die Bilder sofortigen Abscheu vor einem scheinbar überflüssigen Akt der Barbarei, der weithin als Sinnbild für einen scheinbar überflüssigen Krieg galt“.

Eddie Adams erhielt für sein Foto eine Reihe von Auszeichnungen, darunter den Pulitzer Preis. Aber Jahre später distanzierte sich Adams von der Interpretation seines Fotos durch die Öffentlichkeit, bereute, es gemacht zu haben, weil er damit auch das Leben von General Loan zerstört habe.

Warum? Loan hatte erklärt, der von ihm ermordete Nguyễn Văn Lém habe zahlreiche Zivilisten, darunter einen persönlichen Freund und dessen Familie, getötet. Da sei er ausgerastet. Tatsächlich war Loan bei der ausländischen Presse für seine Wutausbrüche bekannt. Eine Tat im Affekt also, für die man zumindest Verständnis haben sollte, wie Adams später argumentierte?

Vielleicht sollte man berücksichtigen, dass der Kriegsreporter Eddie Adams 1951 dem Marinekorps der USA beigetreten war und seine Karriere als Kriegsfotograf der amerikanischen Armee begonnen hatte. Ich glaube, dass diese Vergangenheit sicherlich Auswirkungen auf die Sicht des Vietnamkriegs durch Adams gezeigt hat.

Adams entwickelte sich zum Fürsprecher Loans, der wie zahlreiche andere  südkoreanische Kollaborateure der US-Militärmaschinerie 1975 aus Saigon ausgeflogen wurde – schwer gezeichnet, weil ihm nach einer Kriegsverletzung ein Bein amputiert werden musste. In der neuen Heimat USA musste Loan, wie viele seiner Schicksalsgefährten, die bittere Erfahrung machen, dass sie nicht als Helden gefeiert wurden, sondern lästige Souvenirs an einen verlorenen Krieg waren, asiatisch aussehend noch dazu – keine gute Voraussetzung für ein Leben im (erhofften) Wohlstand. In Virginia eröffnete Loan unter falschem Namen eine Pizzeria – als 1991 seine wahre Identität bekannt wurde, blieben die Kunden weg, man überlegte gar, ihn wegen Mordes anzuklagen. Ein Gericht entschied aber, dass er wegen einer Tat in Südvietnam nicht in den USA bestraft werden könne. 1998 starb er an Krebs.

Das ikonische Bild hat ein Eigenleben entwickelt, gegen den Willen des Mannes, der es gemacht hat. Es war eines der Fotos, das die Antikriegsbewegung in den USA und weltweit maßgeblich angefacht hat.

Nach dem Tod Loans überreichte Adams den Familienangehörigen des Ex-Generals Blumen und erklärte: „Der Bursche war ein Held. Amerika müsste über seinen Tod weinen„.

Tatsächlich wirft das Foto bis heute Fragen auf:

  • was zeigt ein Foto, was interpretieren Menschen in ein Foto hinein, wieviele Lesarten sind möglich?
  • Kann der Fotograf beeinflussen, wie sein Bild „gelesen“ wird? Ist die Interpretation des Fotografen zwangsläufig die richtige, weil er ja „dabei war“?

Diese Blogbeitrag stützt sich auf einen Artikel im Polka Magazine, Wikipedia-Beiträge, den Beitrag von BBC über das Foto und seine Geschichte und einen sehr informativen Text in der Japan Times mit einem interessanten Zitat von Prof. Steve Greenwood. [k.l.]

 

 

 

 

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