Der irische Osteraufstand 1916 und die Fotografie

Für die Erinnerungskultur sind Gedenktage, die an bewegliche Feste gebunden sind immer etwas problematisch. Das gilt beispielsweise für den irischen Osteraufstand von 1916.

Das GPO (General Post Office), Sitz der Republikanischen Regierung während des Aufstandes, nach dem britischen Bombardement von der Küste her

Vom Datum her fand der Aufstand der irischen Republikaner und Sozialisten zwischen dem 24. und 30. April 1916 statt. Brennpunkt der Ereignisse war Dublin, eine der Hochburgen der republikanischen Bewegung. Von der Legendenbildung hier spielt gerade das Datum Ostern aber eine große Rolle.

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Ein Bild, das Geschichte machte, aufgenommen am 1. Februar 1968

Es ist der 1. Februar 1968, Saigon. Seit zwei Tagen wird auch in der Hauptstadt Südvietnams gekämpft. Einheiten der FLN (Nationale Befreiungsfront aka Vietcong) haben mit der Tet-Offensive zum Sturm auf das mit den USA verbündete Regime des Präsidenten Nguyễn Văn Thiệu angesetzt.

Eddie Adams, Fotograf für Associated Press, ist gemeinsam mit dem NBC-Kameramann Vo Su unterwegs in den Stadtteil Cholon, wo heftig gekämpft wurde. Als die beiden Reporter ankommen, haben südvietnamesische Truppen offenbar die Kontrolle über den Stadtteil errungen. Am Ende einer Straße sehen sie eine Gruppe Soldaten die einen Mann eskortieren – er ist barfuß, trägt Shorts und ein kariertes Hemd, die Hände scheinen am Rücken gefesselt zu sein. Eddie Adams sagt später: „Wenn man als Fotograf einen Gefangenen sieht, schaut man, dass man ihn solange begleitet, bis er weggebracht wird. Ein Gefangener ist ein Foto„. 

Eddie Adams, 1969

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Welches Bild wird 2016 prägen?

Es gibt sie, diese „ikonischen Bilder“. Fotos, die so stark sind, so einprägsam, so erschütternd, so emotionalisierend, manchmal auch so lächerlich, dass sie im kollektiven Gedächtnis verankert werden. Wer das Bild sieht weiß, zumindest ungefähr, was es damit auf sich hat. Der unbekannte einsame junge Mann, der mit voller Kraftanspannung 1968 in Paris einen Stein gegen die mit Schildern bewehrten Spezialpolizisten der CRS schleudert; die kleine Kim Phuk, die 1972 brennend vor einem Napalmangriff davonläuft;  der „tank man“, der am 5. Juni 1989 alleine, wie ein Standbild, auf der Straße des Himmlischen Friedens in Beijing einer Panzerkolonne den Weg abzusperren versucht.

mai68
Mai 68, Paris

Was wird an ikonischen Bildern von 2016 bleiben?

Das Bild von Omran Daqneesh, dem fünfjährigen Buben aus Aleppo, der nach einem Bombenangriff aus den Trümmern geborgen wurde?

aleppo

Gerade dieses Bild zeigt die Zwiespältigkeit des Umgangs mit erschütternden Bildern. Denn das Bild ist tatsächlich erschreckend – der Blick des unter Schock stehenden, staubbedeckten Kindes geht wohl jedem Betrachter durch und durch.  Aber das alleine reicht offensichtlich nicht, um ein Bild „ikonisch“ zu machen. Denn unmittelbar nach der Veröffentlichung des Fotos (aufgenommen von Mahmoud Raslan) begann ein Medienkrieg um die Authentizität. Der Fotograf berichtete in Interviews davon, wie er die Rettung des kleinen Omran durch die „Weißhelme“ beobachtet und dokumentiert hatte.

Genau hier setzte die Kritik an dem Foto an – nicht zuletzt durch Syriens Diktator Assad selbst, der das Bild in einem Interview mit dem „Independent“ als manipuliert bezeichnete. Tatsächlich werden die Weißhelme in den meisten westlichen Mainstream-Medien als unpolitische Hilfsorganisation dargestellt – andere Beobachter sehen sie als eine Frontorganisation der dschihadistischen al-Nusra-Front, die unter einem humanitären Deckmantel Geld für die Islamisten sammeln und propagandistisch eingesetzt werden.

Ikonisch scheint ein Bild nur dann werden zu können, wenn es „unumstritten“ ist, wenn es mehrheitsfähig eine bestimmte Interpretation der Wirklichkeit gestattet. Niemand, auch Assad nicht, hat angezweifelt, dass dem Kind Schreckliches widerfahren ist. Aber dieses Schreckliche als Sinnbild eines Krieges ohne klare Fronten ist offenbar im 21. Jahrhundert nicht ausreichend, um dieses Bild auf lange Zeit mit den Ereignissen in Syrien zu verschmelzen oder zum „Bild des Jahres 2016“ zu werden.

Mehr Chancen hat da wohl das Bild von der Ermordung des russischen Botschafters Andrej Karlow in Ankara am 19. Dezember 2016:

attentat-karlowDer türkische Fotograf Burhan Ozbilici war bei der Ausstellungseröffnung in unmittelbarer Nähe Karlows, als der 22-jährige Attentäter den russischen Diplomaten niederschoss. Und dann – das Foto. Der Mörder, vor der Leiche des Opfers, die Linke anklagend nach oben gestreckt und gestikulierend, in der rechten Hand die Pistole. Kein bärtiger Fanatiker im Tarnanzug oder mit Sturmmaskem ein adretter junger Mann im Anzug, mit dünner Krawatte, vor weißen Galeriewänden, an denen Fotos aus Moskau hängen. Deutlich am Bild links vom Attentäter eine der historischen Kanonen im Kreml erkennbar.

Vielleicht ist es diese beinahe filmreife „Ästhetik“, die das Bild ikonisch machen wird. Die es einprägsamer macht. Die es „gewohnter“ und damit leichter erträglich macht als andere Bilder, die wir im Jahr 2016 gesehen haben.

Wie das folgende:

fluechtlinge

Das war im Jänner 2016, in der Ägeis, als 30 tote Flüchtlinge angeschwemmt wurden, darunter dieses Kind mit seinen rührend kleinen blauen Söckchen.

Es ist an der Zeit darüber nachzudenken, warum uns das Bild eines fanatischen Mörders stärker fasziniert als das Bild eines ertrunkenen Kindes. Was ist schief gelaufen in unserer visuellen Erziehung?