Grausame Fotos: Dürfen wir hinschauen? Sollen wir wegschauen?

So, wie es eine Streitfrage ist, ob Fotografie Kunst ist oder nicht; ob Fotografien für sich sprechen können oder einen Text – eine Bildunterschrift, einen Kommentar … – brauchen – genauso umstritten ist es, wie wir mit Bildern vom Grauen umgehen: Kriege, Terror, Hungersnöte, Epidemien.

Gestern habe ich keinen Blogbeitrag veröffentlicht, weil ich erschüttert war von den Fotos, die uns alle aus Nizza erreicht haben; und von Fotos, die viele gar nicht mehr ansehen: Fotos aus dem Irak, vor allem ein Foto, das Angehörige von möglichen Opfern des Autobombenanschlags auf einen Markt in Bagdad zeigt, die versuchen, die sterblichen Überreste (bitte denkt einmal über diesen Begriff nach, in Zusammenhang mit der Wucht eines Bombenattentats) von Toten zu identifizieren.

Wie sollen wir mit solchen Fotos umgehen? Besonders prononziert hat sich ja Susan Sontag in „Über die Fotografie“ gegen die Darstellung von Gewalt, Grausamkeit und Entmenschlichung ausgesprochen – diese würde keine tieferen Einsichten fördern oder zur politischen Aktion führen, sondern eher abstumpfen, „de-sensibilisieren“. Ähnlich hat sich Roland Barthes geäußert.

Demgegenüber steht die mir äußerst sympathische und stringent erscheinende Argumentation von Susie Linfield, die überzeugend zeigt, dass die Sprache der Fotografie durchaus wirkmächtig sein kann und keineswegs der Befriedigung niederer, voyeuristischer, Triebe, diene. Dass Fotografie helfen könne, etwas zu verändern, zeigt sie an den Auswirkungen der schrecklichen Bilder von den belgischen Kolonialgräueln im Kongo: Sie halfen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine breite antikolonialistische Bewegung (mit allen zeitlich bedingten Grenzen!) aufzubauen und den belgischen Terror zumindest abzuschwächen.

Wir leben in einer Welt, in der weltweit Milliarden Menschen – mit Kameras, Tablets, Smartphones – fotografieren. Viele der Fotos, die wir nie zu Gesicht bekommen werden, erzählen grausame Geschichten von Vertreibung, von Elend, von Unterdrückung. Sollen wir diese Bilder bewusst „ausblenden“? Ist es gar moralisch verwerflich, giftig, bösartig, sie zu betrachten? Oder ist es nicht so, dass uns die Opfer, die wir auf diesen Bildern sehen, etwas sagen können? Uns zur Solidarität aufrufen? Uns vielleicht bewusst machen, wie nah Opfer und Täter einander in einer Person sein können?

Susie Linfield hat in ihrem bemerkenswerten Buch „The cruel radiance“ („Der grausame Glanz“) gezeigt, wie unterschiedlich wir auf „grausame Bilder“ reagieren. In einem Interview für den „New Yorker“ verweist sie auf die Fotos von Kindersoldaten in Afrika: Sie sind Opfer. Man hat sie entführt, gefoltert, vergewaltigt, ihnen jede Empathie ausgetrieben, sie zu Killermaschinen geformt. Sie verdienen unser Mitleid. Gleichzeitig blicken sie oft mit eiskalten Augen in die Kamera, stolz auf ihren Status, der es ihnen erlaubt, Menschen zu entführen, zu foltern, zu vergewaltigen. Das stößt den Betrachter ab. Susi Linfield verweist auf das große ethische Dilemma: Was „soll“ man beim Betrachten solcher Bilddokumente spüren?

Ich schließe mich dem Plädoyer von Susie Linfield an: Hinschauen, nicht wegschauen sollte unsere Reaktion auf den „schrecklichen Glanz“ der Wirklichkeit sein. Sie argumentiert meiner Meinung nach völlig richtig, dass wir auch in den grausamsten Bildern den Menschen finden müssen, um zu verstehen, wozu Menschen fähig sind, im Guten wie im Bösen; die starken Gefühle – Mitleid, Entsetzen, Ekel, Abscheu – , die Fotos auslösen können, dürfen allerdings nicht der Endpunkt unseres Bemühens sein, zu verstehen, wie die Welt ist. Sie sollten uns Impulse geben, diese Welt zu verändern, sie im positiven Sinne zu „vermenschlichen“.

 

 

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