Caturday

Eines der großen Menschheitsrätsel wird wohl immer bleiben, warum das Internet, speziell die sozialen Medien, von Katzenfotos überquellen. Aus dem „saturday“ wurde der „caturday„, der Tag, an dem zigtausende „lol-cats“ in den Cyperspace geschossen werden. lol-cats – also mehr oder minder lustige Katzenfotos.

Eher wir jetzt in den Klagechor über den allgemeinen Geschmacksverfall durch neue Technologien einstimmen, müssen wir die Ehre der Blogger, Poster und Nerds aber nun wirklich verteidigen. Denn man kann mit Fug und Recht sagen: Die Katze als Ikone ist fast so alt wie die Fotografie selbst. OK, ganz in der Frühzeit ging das mit den Katzenfotos noch nicht so gut. Die Belichtungszeit war lang, und die Katze als „Objekt der fotografischen Begierde“ unberechenbar.

pointerpetsAber dann tritt um 1870 in England, genauer in Brighton, der Fotograf Harry Pointer (1822 – 1889) auf den Plan – und, sozusagen, in den Katzenkorb.

Welcher Teufel – oder welche ägyptische Gottheit – den verschmitzt dreinblickenden Briten auch immer geritten haben mag: Er hatte die brillante Idee, Katzen zu fotografieren, zunächst eher „natürlich“, dann in immer artifizielleren Arrangements, und die kleinen Fotos mit Grüßen oder witzigen Sprüchen zu versehen. Es war die Zeit, in der aus Frankreich die „Visitkartenfotografie“ auf das Inselkönigreich überschwappte, und die Katzenfotos Pointers fanden reißenden Absatz. Bis 1884 soll Pointer an die 200 Fotos in der Brighton Cats-Serie angefertigt haben.

Was macht den Erfolg der Katzenfotos aus?

Vermutlich liegt es daran, dass Katzen als besonders nützliche Haustiere dem Menschen vertraut sind und über eine ausgeprägte pointercat03Körpersprache und Mimik verfügen. Und da Menschen nun einmal dazu neigen, ihnen liebgewordenen tierischen Mitbewohnern auch menschliche Angewohnheiten zuzuschreiben, ist im arrangierten Katzenfoto wohl auch ein bisschen an Wiedererkennung  angelegt. Vielleicht ist es auch die Eigenwilligkeit der Katze (im Vergleich zum zweiten Lieblingshaustier, dem Hund), die sie bildnerisch so attraktiv macht. Erstens ist es nicht leicht, eine Katze in eine bestimmte Pose zu bringen, und wenn sie nicht mag, kann sie jede Bildkomposition in Null komma Nichts zerstören.

Und zweitens können die Katzen auf jedem Bild, vor allem durch den Blick, so viele Emotionen ausdrücken, die Menschen selbst empfinden können: Abscheu, Ekel, Zärtlichkeit, Überraschung, Staunen – Hund hingegen blicken „treu“, „ergeben“, irgendwie immer ein bisschen devot. Was auf Dauer einfach zu bieder und langweilig ist…

Behauptet zumindest Monsieur Noir, jener Kater, der mich adoptiert hat. Er meint, es kann gar nicht genug Katzenfotos im Internet geben, aber sie sollen gefälligst nicht so bemüht komisch sein. Er ist sich seiner Sache jedenfalls sicher, und diese Gewissheit garantiert ihm einen ruhigen Schlaf.

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Monsieur Noir, schlafend

 

 

 

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