August Sander (1876 – 1964): „Das Wesen der gesamten Photographie ist dokumentarischer Art …“

Wie die geneigter Besucherin, der geneigte Besucher meines Blogs weiß, ist meine Liebe zur und Beschäftigung mit der Fotografie (und ihrer Geschichte) ja neueren Datums. Wenn ich hier immer wieder Fotografinnen oder Fotografen vorstelle, die mich faszinieren, erhebe ich damit keinerlei Anspruch auf besondere Originalität; Kundige werden wenig Neues finden, aber vielleicht kann ich doch hin und wieder ein paar kleine Facetten dazu beitragen, auch Bekanntes neu oder anders zu sehen.

August_Sander
August Sander

Auf August Sander bin ich fast gleichzeitig im Aufsatz von Walter Benjamin „Kleine Geschichte der Fotografie“ (1931) und dem Büchlein „La photographie sociale“ aus der Reihe „Photo Poche“ gestoßen.

Dann begann ich, mehr Fotos von Sander zu suchen, und je mehr seiner Arbeiten in kennen lernte, desto mehr beschäftigte mich Leben und Werk dieses bedeutenden Fotografen, der aus ganz einfachen Verhältnissen stammt. Sein Vater war Zimmermann in einem Bergwerk in Herdorf im Siegerland, er selbst kam als „Haldenjunge“ irgendwann rund um sein 14. Lebensjahr in Kontakt mit einem Fotografen, der für die Bergwerksgesellschaft Dokumentaraufnahmen machte. Mit finanzieller Unterstützung eines Onkels konnte Sander schließlich selbst eine eigene Fotoausrüstung erstehen.

Zwischen 1897 und 1909 leistete August Sander seinen Militärdienst ab, absolviert eine Fotografenlehre in Trier und beginnt seine „Wanderjahre“, die ihn 1902 nach Linz führen, wo er in der Photographischen Kunstanstalt Greif zunächst beschäftigt wird und die er dann mit einem Kompagnon übernimmt. Er bietet „photographische Arbeiten aller Art“. Er heiratet Anna Seitenmacher, mit der er zwei Söhne hat: Erich (1903) und Gunther (1907).

1910 übersiedelt die Familie nach Köln – von dort aus beginnt seine fotografische Arbeit im Westerwald. Die Zwillinge Sigrid und Helmut werden 1911 geboren, Helmut stirbt jedoch bald nach der Geburt. Die produktive Kölner Phase und das familiäre Glück werden durch den Kriegsausbruch 1914 jäh unterbrochen – August wird eingezogen und kehrt erst 1918 von der Front zurück, seine Frau Anna führt mittlerweile die Geschäfte.

Die unruhigen Gründerjahre der deutschen Republik bringen Sander, der sich mittlerweile einen Ruf erarbeitet hat, mit zahlreichen bildenden Künstlern zusammen (er selbst hat sich auch praktisch mit Malerei beschäftigt).

In der Gruppe der Kölner Progressive um die Maler Franz Wilhelm Seiwert, Heinrich Hoerle und die Schriftsteller Ludwig Mathar, Dettmar Heinrich Sarnetzki und Otto Brües ist er an der Entwicklung des Konzepts einer Kunst beteiligt, die den Menschen, eingebettet in seine Sozialstrukturen, abbilden soll.

Das deckt sich mit seinem epochalen Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts„: 600 Porträts sollen in sieben Kategorien alle „gesellschaftlichen Klassen und Schichten“ darstellen.

  • Der Bauer,
  • Der Handwerker,
  • Die Frau,
  • Die Stände,
  • Die Künstler,
  • Die Großstadt,
  • Die letzten Menschen

1929 erscheint als Vorschau auf das Gesamtwerk der Band „Antlitz der Zeit“. Kurt Tucholsky rezensierte das Werk 1930 in der Weltbühne und schrieb unter anderem:

August Sander, ›Antlitz der Zeit‹

 

Das kann man in einem der schönsten und merkwürdigsten Werke ersehen, die mir je untergekommen sind. August Sander, ›Antlitz der Zeit‹ (erschienen im Transmare-Verlag, Kurt Wolff, München). Hier ist die fotografierte Kulturgeschichte unseres Landes.

Sander hat keine Menschen sondern Typen fotografiert, Menschen, die so sehr ihre Klasse, ihren Stand, ihre Kaste repräsentieren, dass das Individuum für die Gruppe genommen werden darf. Döblin weist in der Einleitung sehr treffend darauf hin, wie der Tod und die Gesellschaft die Gesichter verflachen; wie sie einander angeähnelt werden, immer mehr, immer mehr … wie schwer es ist, noch ein Bauernmädchen von einer Proletarierfrau zu unterscheiden. Was Sander da gegeben hat, ist allerbeste Arbeit.

Das Werk enthält sechzig Fotos, eine Auswahl aus dem Lebenswerk des Fotografen, das in fünfundvierzig Mappen zu je zwölf Bildern erscheinen soll. (Wer Näheres wissen will, schreibe unverbindlich an den Transmare-Verlag, München, Luisenstraße 31.) Fast auf allen Bildern erscheint der Typus; so sehr haben Stand, Beruf, Wohnort, Klasse und Kaste den Menschen imprägniert und durchtränkt. Mancher von uns wird manchmal eine Spur anders empfinden: der Herr Wachtmeister muß nicht immer so einen martialischen Schnurrbart tragen, das ist der puffende Wachtmeister, nicht der schießende Wachtmeister; Poelzig ist nicht ›der Architekt‹, sondern ein einmaliges Original … aber das sind nur kleine, winzige Nebenempfindungen. Auf den sechzig Seiten ist nur ein einziges Mal die Grenze der Objektivität überschritten: das ist auf dem Bilde des Demokraten, der seinen Regenschirm aufgepflanzt hat. Ich habe sehr gelacht, und treffen tuts auch, aber das ist zu deutlich. Der Satiriker darf dergleichen, und wenn noch so viel auf die Hühneraugen Getretene darüber schreien – der Sittenschilderer darf es nicht. Und in diesem Werk kann Grosz sehen, wie die Bankiers und die Industriellen aussehen: er hat in diesem Bande zum Beispiel gleich zwei Typen: den Viereckigen und den Schmalen, beides Prachtexemplare ihrer Gattung, völlig rein im Gattungsbegriff, die Gesichter durch ihren Beruf zu Ende ausgebildet. Und selbstverständlich durch Karikatur angreifbar und wert, angegriffen zu werden. Es ist ein ganz herrliches Buch – schade, dass es nicht achtzehnfach so dick ist.

1931 kann August Sander in einer sechsteiligen Hörfunkreihe im Westdeutschen Rundfunk über „Wesen und Werden der Photographie“ referieren – nicht nur ein Zeichen für die Wertschätzung, die ihm in Kulturkreisen entgegen gebracht wird, sondern auch ein Indiz dafür, wie sehr die immer noch junge und innovative Form der Fotografie die Massen begeistern konnte.

Der theoretische Ansatz Sanders stößt fast naturgemäß bei den zur Macht drängenden Nazis auf Ablehnung, obwohl sie sich (siehe weiter unten) durchaus mit seiner „Ästhetik“ anfreunden können. Zudem ist sein Sohn Erich in der linkssozialistischen SAPD aktiv (1934 wird er deswegen zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt). Nach der Machtergreifung der NSDAP werden die Druckstöcke von „Antlitz der Zeit“ zerstört, und Sander muss sich „unverfänglicheren“ Themen wie Architektur- und Landschaftsfotografie zuwenden und Werbeaufträge annehmen. Auch botanische Themen faszinieren ihn.

Der Kriegsverlauf führt 1942 zur Übersiedlung, weg aus Köln. Bei Bombenangriffen werden Teile des Studios und des Archivs Sanders zerstört, den Großteil der Bestände kann er aber in den neuen Wohnort Kuchhausen retten.

1944 ist ein Unglücksjahr für die Sanders: Sohn Erich stirbt an einem akuten Blinddarmdurchbruch. Nach Kriegsende versucht August Sander, die losen Kontakte nach Köln neu zu knüpfen. 1946 muss er einen weiteren Schicksalsschlag hinnehmen: Bei einem Brand werden 25.000 – 30.000 Negative vernichtet.

Aber jetzt setzt auch die lang verdiente Anerkennung ein: 1951 werden Arbeiten Sanders auf der 2. photokina ausgestellt. 1952 besucht ihn der damalige Leiter der Photographischen Abteilung des New Yorker Museum of Modern Art, Edwar Steichen – er nimmt Sanders Arbeiten auch in die vonm ihm kuratierte Wanderausstellung „The family of man“ auf.

1957 stirbt seine Frau Anna. Bis zu seinem Tod 1964 erhält Sander eine ganze Reihe von Auszeichnungen, darunter das Deutsche Bundesverdienstkreuz erster Klasse.

Sanders Arbeiten sind bahnbrechend, aber auch durchaus problematisch. Der Ansatz, dass man den Menschen an seinem Aussehen erkennen könne, findet in rassehygienischen Werken der Nazis eine Entsprechung. Die Kategorie der „letzten Menschen“ (bei Sander „Idioten, Kranke, Irre„) lässt uns heute zurückschrecken.

Im Eingangs erwähnten Aufsatz von Walter Benjamin finden sich schon Hinweise auf das Zwiespältige im Werk Sanders:

Der Autor ist an diese ungeheure Aufgabe (Antlitz der Zeit – k.l.) nicht als Gelehrter herangetreten, nicht von Rassetheoretikern oder Sozialforschern beraten, sondern, wie der Verlag sagt, ‚aus der unmittelbaren Beobachtung‘. (…) Über Nacht könnte Werken wie dem von Sander eine unvermutete Aktualität zuwachsen. Machtverschiebungen, wie sie bei uns fällig geworden sind, pflegen die Ausbildung, Schärfung der physiognomischen Auffassung zur vitalen Notwendigkeit werden zu lassen. Man mag von rechts kommen oder von links – man wird sich daran gewöhnen müssen, darauf angesehen zu werden, woher man kommt. Man wird es, seinerseits, den anderen anzusehen haben“. (In: Texte zur Theorie der Fotografie, Reclam, Stuttgart 2010, S. 263f)

Auch in der Fotografie gilt: Die Nazis haben in eklektischer Manier alles zusammengestohlen, was ihnen in den Kram passte. Die formale Ähnlichkeit zwischen den Fotos der faschistischen Rassentheoretiker oder Eugeniker mit dem Werk Sanders machen ihn nicht zu deren Mentor. Sein Anspruch – ein grafisches Abbild der deutschen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zu schaffen – scheitert meiner Meinung letzten Endes daran, dass Sander kein klares Konzept von der Beschaffenheit der Gesellschaft hatte. Das schmälert aber nicht die Qualität der bis heute unglaublich beeindruckenden Porträts, die uns August Sander hinterlassen hat.

Damit werde ich mich in einem späteren Beitrag beschäftigen.

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