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Videosonntag: „Gelbwesten“ und Sozialfotografie

Seit November vergangenen Jahres wird die französische Politik durch die Bewegung der „Gelbwesten“ geprägt – einer klassenübergreifenden Protestbewegung gegen staatliche Sparpolitik, Steuererhöhungen, Sozialabbau und die Abgehobenheit der regierenden Kaste des Landes.

Vom ersten Tag an hat die Regierung Macron mit unverhältnismäßigem Gewalteinsatz auf die Proteste reagiert. Am 2. Februar hat der „Acte 12“, also der „12. Akt“ der Proteste stattgefunden, der sich thematisch gegen die Gewaltanwendung durch die Polizei und die wachsende Zahl von teilweise schwer verletzten Demonstranten richtete. Dazu ein kurzer Bericht des Fernsehsender ARTE:

https://youtu.be/T3mOgcApUvU

Wesentlich schärfer wird die Situation vom „Fotograf_innenkollektiv LaMeute“ dargestellt. Auf der Facebookseite des Kollektivs findet sich ein Manifest für eine soziale Fotografie, das extrem spannend ist.

Im ersten Teil wird der Frage nachgegangen, welche Mechanismen dazu führen, dass sogar Betroffene die angeblich „objektive“ Berichterstattung großer Medienkonzerne für bare Münze nehmen – in Frankreich z. B. bezüglich Streikbewegungen – , die gewerkschaftliche Berichterstattung hingegen als „parteiisch“ ablehnen. Ähnliches gilt für andere soziale Themen. Das Kollektiv bringt Beispiele: „Wenn man von Polizeiknüppeln zertrümmerte Schädel sieht, schreibt die Konzernpresse von gewalttätigen Demonstranten. Wenn man die Gewalttätigkeit bei Betriebsschließungen und Räumungen sieht, spricht die Konzernpresse von gewalttätigen Arbeitern und Angestellten, die überholte Privilegien verteidigen“.

Im zweiten Teil des Textes wird dieses Problem der Verbreitung von Fotos analysiert. Auch das „sozialfotografische Bild“, das für den Sozialfotografen das wiedergibt, was ihm wichtig ist (seine sozialen Anliegen, seine „Ideologie“) kann ins Gegenteil verkehrt werden, je nachdem, in welchem Zusammenhang das Foto präsentiert wird. Wenn es als bloße Illustration dient, kann es durch eine Bildunterschrift gewendet werden. „LaMeute“ bezieht sich dazu auf einige Texte von Alan Sekuala, der in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts dieses Thema behandelt hat.

Wesentlich ist für LaMeute die „kollektive“ Produktion und Verteilung der Fotos – die Gruppe lehnt das Bild des „Fotografen-Helden“ ab. Vereinfacht gesagt: ein „großer Name“ kann es erleichtern, bestimmte Inhalte zu verbreiten, er ist aber keineswegs die Voraussetzung dafür. Die Heroisierung des tapferen Fotoreporters ist für „LaMeute“ in der Regel an die Verwertungsbedingungen der Fotos geknüpft. (Kleiner Exkurs: wenn wir von „Verwertung“ sprechen, ist uns oft nicht bewusst, dass der Begriff nichts anderes aussagt, als dass etwas „in einen Wert“, also ver-wertet, wird. Damit sich der „Wert“ materialisieren kann, muss er „auf dem Markt“ durch Verkauf realisiert werden).

Das Kollektiv LaMeute richtet sein Augenmerk also auch auf die „nicht-verwertbare“ Verbreitung der Fotos – in sozialen Medien, auf Flugblättern, in „Alternativmedien“, Gewerkschaftszeitungen, aber auch in der größten Galerie der Welt: Auf der Straße (plakatierte Fotos, Open-Air-Ausstellungen).

Die sieben Punkte, auf denen das Kollektiv beruht, sind eine gute Diskussionsgrundlage für alle, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen (wollen).

So reicht es „LaMeute“ nicht aus, soziale Bewegungen zu dokumentieren – der Sozialfotograf, die Sozialfotografin berichtet nicht über, sondern für die Bewegung. Finanzielle Überlegungen spielen daher keine vordergründige Rolle. Zugleich sind die engagierten Sozialfotograf_innen diejenigen, die das kollektive Gedächtnis, das Archiv, der Bewegung füllen. Ihnen kommt also eine wichtige dokumentarische Verantwortung zu. Dazu gehört aber auch der Respekt vor dem Schutz des Individuums: Die Sicherheit der Akteure geht vor der Sensation des Bildes (dazu hat es hier auf meinem Blog schon einige Beiträge gegeben).

Diskussionsbeiträge und Kommentare zu diesem Thema sind höchst wilkommen!

Videosonntag: Fotografie – Klassenwaffe

Bis 2. Februar 2019 läuft im Pariser Centre Pompidou die Ausstellung „Photographie – arme de classe“.

Der Titel – die „Fotografie als Klassenwaffe“, also wohl für ein deutschsprachiges Publikum besser als „Die Fotografie als Waffe im Klassenkampf“ zu übersetzen – ist einem programmatischen Text des Journalisten Henri Tracol (1909-1997) entnommen, in dem dieser 1932 die Grundlagen der Fotosektion der „Association des écrivains et artistes révolutionnaires“ (Vereinigung der revolutionären Schriftsteller und Künstler) entwickelte.

Ich werden mich in einem ausführlichen Beitrag hier im Blog mit dem Thema der Ausstellung und einigen theoretischen Überlegungen dazu auseiandersetzen. Nur so viel vorab: In der Ausstellung kann man sehr schön verfolgen, wie aus einer „Sozialfotografie“, welche die Lebensumstände der ärmsten und armen Schichten abbildet (etwa die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Fotos von Atget), eine politisch bewusste Darstellung des Lebens der arbeitenden (und arbeitslosen) Klasse wird, die auch klare politisch-ideologische Zielsetzungen hat.

Mehr davon sieht man auch im folgenden, längeren Video, bei dem die Musik evtl. etwas „ungewöhnlich“ ist – man kann sie aber auch einfach wegklicken ;-)!

Jakob Riis (1849-1914) – ein Fotograf kämpft gegen das Elend

Jakob Riis

Im Amsterdamer Muesum FOAM  ist noch bis Mitte April eine bemerkenswerte Ausstellung über Leben und Werk des aus Dänemark stammenden Pioniers der Sozialfotografie Jakob Riis zu sehen.

1870 kam der 21jährige völlig mittellos in New York an und hielt sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. 1873 fand er eine Anstellung als Reporter bei den South Brooklyn News und später als Polizeireporter bei der New York Tribune. Bereits in seinen frühen journalistischen Arbeiten wird der aktivistische, engagierte Immigrant spürbar: Es sind keine voyeuristischen Geschichten über die Außenseiter und Getretenen – er, der die Armut und die unwürdigen Lebensumstände der Menschen in der Lower East Side am eigenen Leib erfahren hat, will aufrütteln, will zeigen, welches Leid in der glitzernden Großstadt mit dem Luxus der Reichen koexistiert. Jakob Riis (1849-1914) – ein Fotograf kämpft gegen das Elend weiterlesen

Fotografische Kommentare zur berittenen Polizei

Bekanntlich ist es der sehnliche Wunsch des österreichischen Innenministers Herbert Kickl, dass endlich wieder die heimische Polizei, beginnend in der ungeliebten „rot-grünen Bundeshauptstadt“ Wien, hoch zu Ross nach Recht und Ordnung sieht.

Dagegen haben sich aus unterschiedlichen Gründen kritische Stimmenerhoben.

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Sonntag ist Video-Tag: Anton Holzer über „Rasende Reporter“

Dieses Video wurde von der Galerie Westlicht online gestellt. Der Fotohistoriker Anton Holzer, unter anderem Herausgeber der Zeitschrift „Fotogeschichte“, hat sich in seinem Buch „Rasende Reporter“ mit der Geschichte des Fotojournalismus auseinandergesetzt. Ein lohnender Vortrag!

Porträt: Warren Richardson, Sieger des World Press Photography Award 2016

Mehr als 80.000 Bilder wurden 2016 für den World Press Photo Award eingereicht. Warren Richardsons Foto entstand im August 2015 an der Grenze zwischen Serbien und Ungarn. Ungefähr 200 syrische Flüchtlinge versteckten sich im serbischen Dorf Horgos auf einer Apfelfarm, um nach Röszke in Ungarn zu kommen. Von der ungarischen Seite her sprühten Polizisten Pfefferspray auf die Menschen und schrien: „Wenn ihr illegal nach Ungarn kommt, verhaften wir euch“.

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World Press Photo 16 Ausstellung in Wien

Am 9. September 2016 wurde in Wien die diesjährige World Press Photo Ausstellung eröffnet. Diese „Leistungsschau“ des Bildjournalismus ist für mich jedes Jahr ein Highlight, weil sie zeigt, was Fotografie heute sein kann.

Wie immer gibt es verschiedene Kategorien, und in jeder wieder Einzelfotos und Fotoserien: Aktuelle Themen, Harte Fakten, Menschen, Reportagen, Alltagsleben, Natur, Sport, Langfristige Projekte.

In vielen Kategorien hat das Thema Flucht, Vertreibung, eine wichtige Rolle gespielt. Das preisgekrönte Einzelfoto des australischen Fotografen Warren Richardson, das im September vorigen Jahres an der serbisch-ungarischen Grenze entstand, wurde (hier mit den Worten des Juryvorsitzenden Francis Kohn) aus einer ganzen Anzahl hervorragender Bilder ausgewählt, weil es dennoch besonders ist: „Wir erkannten, dass die Elemente dieses Schwarz-Weiß-Fotos die ganze Geschichte erzählten: ein nächtlicher Grenzübertritt, Stacheldraht, ein Mann reicht ein Kind einem anderen, der kaum mehr als ein Schatten ist. Dieses Foto erzählt von Angst, von Mühsal – und von Hoffnung“.

Warren Richardson sprach in seiner Eröffnungsrede aber nicht über die Flüchtlingskrise, sondern über sein aktuelles Projekt – eine Dokumentation über das Leben von Drogensüchtigen in Oslo. [Ich werde den 1968 geborenen Fotografen in der kommenden Woche mit einem ausführliches Porträt vorstellen!]

Faszinierende Naturfotografien (wie so oft mit National Geographic als „Auftraggeber) sind aber ebenso zu besichtigen wie das Gewinnerbild des Österreichers Christian Walgram in der Kategorie Sport.