„Gute Kameras“, „gute Fotos“ und die Demokratisierung der Fotografie

Vor ein paar Tagen kam ich aus der Mittagspause in die Buchhandlung zurück, wie immer mit der Lumix in der Hand. Ein Kunde wollte wissen, was ich denn fotografiert hätte. Worauf ich wahrheitsgetreu erwiderte: „Ach, einfach ein paar Straßenszenen. Ich habe die Kamera eigentlich immer bei mir – die schlechtesten Fotos sind bekanntlich die, welche man nicht macht“.

Und schon waren wir in einer gar nicht so untypischen Diskussion. Der Kunde, ein großer Wanderer (und ich meine Wanderer, nicht einen Spaziergänger in den Hügeln wie mich!), klagte, dass es halt so schwer sei, beim Wandern gute Fotos zu machen. Eine Kompaktkamera tauge nichts für gute Fotos, und die „wirklich guten Kameras“ (die er auch hat) wären einfach zu schwer zum Mitschleppen.

Wir konnten das natürlich nicht ausdiskutieren – was mir leid tut. Ich fürchte, mein Kunde bringt sich selbst durch seinen „technischen“ Ansatz um sehr viel Spaß.

Zunächst: Was ist denn (speziell beim Wandern?) ein gutes Foto? Für viele Menschen sind das Naturfotos, die entweder einen hohen Erinnerungswert haben, oder wirklich genau „im richtigen Augenblick“ gemacht wurden und eine besonders beeindruckende Wolkenformation, das Spiel des Lichts über Wäldern oder Bergen, Naturphänomene im weitesten Sinn festhalten; Fotos von Tieren, zu Wasser, zu Lande, in der Luft; oder die Menschen, mit denen man gemeinsam wandert – vom klassischen Gruppenfoto („cheese“) bis zum Glückstreffer einer situationskomischen Szene irgendwo in der Natur.

Ich will immer noch nicht in die Diskussion einsteigen, ob und ab welchem Moment Fotografie „Kunst“ ist. Was ich sagen will: Bei mir hat sich in den letzten Monaten die Erkenntnis festgesetzt, dass es immer noch der Mensch ist, der das Foto macht. Die Kamera, das technische Instrument, bietet Möglichkeiten – Brennweite, Auflösung, Lichtempfindlichkeit des Sensors… – die zwar die Wahl des Motivs, das Bild, das der Mensch machen will, von Haus aus „festlegen“ – was sich „im Rahmen“ des Fotos abspielt, ist aber die Verantwortung der Fotografin, des Fotografen (daher auch der Name dieses Blogs :-)).

Hier im Blog habe ich das schon ein paarmal angeschnitten – die „gute Kamera“ wird für mich immer mehr zum Mythos. Seien wir uns doch bewusst, dass heute selbst das billigste Smartphone mit Kamerafunktion technisch mehr bietet, als ein Robert Capa, eine Lee Miller oder ein Edward Steichen je zur Verfügung hatte.

old_dark_room_BostonCameraClubVieles ist in der „analogen“ Ära in der Dunkelkammer passiert – beim Entwickeln konnte der Fotograf, die Fotografin, oder der Helfer, der im Labor arbeitete, noch in das Bild eingreifen. Heute können wir das mit Bildbearbeitungsprogrammen, derer es unzählige gibt, von kleinen Apps für Android oder iPhone bis hin zu raffinierten proprietären Programmen wie „Lightroom“ oder dem kostenlosen Opensourceprogramm Darktable (nicht für Windows entwickelt, läuft aber unter so gut wie allen Linux Live-Distributionen! Probiert es aus!!!)

Fotografieren ist heute noch „demokratischer“ geworden als in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als nicht zuletzt durch die Leica und die „Arbeiterfotografie“ die Fotografie zum Massenphänomen wurde (wobei gerade die Arbeiterfotografie zeigt, wie eng Demokratie und Finanzkraft zusammenhängen. Viele Arbeiterfotografen sparten sich das Geld für das Fotomaterial vom Mund ab, entwickelt wurde oft im Kollektiv, nicht aus ideologischen Gründen, sondern um die Kosten für die Entwicklerflüssigkeit und die Chemie zu teilen).

Heute haben viele Menschen auf allen Kontinenten Fotoapparate (ja, ich zähle die Smartphones bewusst dazu!). Natürlich gibt es Millionen Fotos von Katzen, Müslis und Sushis in den „sozialen Netzwerken“. Das entwertet die „Demokratisierung der Fotografie“ aber keineswegs. Wir sehen im Internet auch andere Fotos, Bilder, die wir vor einem Viertel Jahrhundert (ja, happy birthday, Internet! Du bist heute 25 Jahre alt geworden!!!) vielleicht nie oder erst Wochen später gesehen hätten. Von schrecklichen Dingen – Katastrophen, Kriegen, menschlicher Not – ebenso wie von wunderbaren Momenten – Menschen, die sich freuen, die Momente des Friedens genießen, die miteinander etwas erreichen, von Landschaften und Lebewesen, von denen wir früher nur vage Vorstellungen hatten.

Die Suche nach der „guten Kamera“, oft ein Synonym für die „teure Kamera“, ist ein klassisches First-World-Problem. Arbeiten wir mit dem, was wir haben, seien wir uns bewusst, dass das gar nicht so wenig ist und hoffen wir, dass es uns in den kommenden Jahren erhalten bleibt. Ja, wir leben in finsteren Zeiten.

Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.

Die Unterdrücker richten sich ein

auf zehntausend Jahre.

Die Gewalt versichert:

So, wie es ist, bleibt es.

Keine Stimme ertönt

außer der Stimme der Herrschenden.

Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut:

Jetzt beginne ich erst.

Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:

Was wir wollen, geht niemals.

Brechts Zeilen sind leider immer noch aktuell. Vielleicht sollten wir uns mehr dem „guten Foto“ zuwenden – das Foto allein wird den Lauf der Geschichte wohl nicht ändern, die Macht der Bilder aber dürfen wir auch nicht unterschätzen.

Susie Linfield on Photography and Violence – The New Yorker

The Exchange: Susie Linfield on Photography and Violence
November 22, 2010

Do photographs provide our most immediate connection to truth, or do they confuse, mislead, or tell outright lies? In “ The Cruel Radiance: Photography and Political Violence ,” out now from the University of Chicago Press, Susie Linfield examines what photographers and the images they capture can tell us about the human catastrophes of the modern age—from the Warsaw Ghetto and Auschwitz, to China during the Cultural Revolution, to more contemporary locations of violence and oppression: Sierra Leone, Sudan, Afghanistan, and Abu Ghraib. Linfield , an associate professor of journalism and director of the Cultural Reporting and Criticism program at New York University (of which, to note, I am a graduate), takes on the questions: “Can photography itself make the world more livable? Can it justify its claims to give a voice to the silent and expose the plight of the powerless?…can it illuminate the dark?”

You write that for many critics “photography is a powerful, duplicitous force to defang rather that an experience to embrace and engage.”

Photographs start becoming a mass form, and start being written about as a mass form, in the Weimar Republic, which of course was the most crisis-ridden moment of modernity—and a prelude to utter catastrophe. For some very good reasons, photographs were seen by some of the Weimar writers—and especially by some of the Frankfurt School critics—as a kind of opiate of the people: as a form that couldn’t really explain the political contradictions, a form that appealed only to sentiment and not to the intellect. Siegfried Kracauer, for instance, warned that “the image-idea drives away the idea.” And Brecht, who I think of as a kind of father-figure, or superego, of the Frankfurt critics, loathed photographs; he regarded them as a form of sentimentality, as a barrier to political knowledge.

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August Sander (1876 – 1964): „Das Wesen der gesamten Photographie ist dokumentarischer Art …“

Wie die geneigter Besucherin, der geneigte Besucher meines Blogs weiß, ist meine Liebe zur und Beschäftigung mit der Fotografie (und ihrer Geschichte) ja neueren Datums. Wenn ich hier immer wieder Fotografinnen oder Fotografen vorstelle, die mich faszinieren, erhebe ich damit keinerlei Anspruch auf besondere Originalität; Kundige werden wenig Neues finden, aber vielleicht kann ich doch hin und wieder ein paar kleine Facetten dazu beitragen, auch Bekanntes neu oder anders zu sehen.

August_Sander
August Sander

Auf August Sander bin ich fast gleichzeitig im Aufsatz von Walter Benjamin „Kleine Geschichte der Fotografie“ (1931) und dem Büchlein „La photographie sociale“ aus der Reihe „Photo Poche“ gestoßen.

Dann begann ich, mehr Fotos von Sander zu suchen, und je mehr seiner Arbeiten in kennen lernte, desto mehr beschäftigte mich Leben und Werk dieses bedeutenden Fotografen, der aus ganz einfachen Verhältnissen stammt. Sein Vater war Zimmermann in einem Bergwerk in Herdorf im Siegerland, er selbst kam als „Haldenjunge“ irgendwann rund um sein 14. Lebensjahr in Kontakt mit einem Fotografen, der für die Bergwerksgesellschaft Dokumentaraufnahmen machte. Mit finanzieller Unterstützung eines Onkels konnte Sander schließlich selbst eine eigene Fotoausrüstung erstehen.

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Zu Kurt Tucholskys Betrachtungen über Fotografie (1930)

deutschlandueberallesKurt Tucholsky (1890 – 1935) war nicht nur Satiriker, Lyriker, Verfasser von Literaturkritiken, er war ein scharfer und geistvoller Analytiker gesellschaftlicher und künstlerischen Tendenzen. Dass die Fotografie für ihn einen besonderen Platz einnahm, zeigte nicht zuletzt sein Buch „Deutschland, Deutschland über alles“, eine scharfe Abrechnung mit Militarismus, Klassenjustiz und allen rückwärts gerichteten Kräften in der Weimarer Republik. Das besondere an diesem Buch war seine Zusammenarbeit mit John Heartfield, dessen Fotomontagen die Texte Tuchloskys nicht nur akzentuierten, sondern eigenständige visuelle Beiträge zum Thema lieferten.

1930 wurde Tucholsky eingeladen, das Vorwort zum Jahrbuch „Das deutsche Lichtbild“ zu verfassen. Dem trug er schon in den ersten Absätzen Rechnung:

Deutschland zerfällt in Fachleute und Laien – jene blicken auf diese voller Verachtung herunter, und da jeder einmal Fachmann, neunundneunzigmal hingegen Laie ist, so ergibt sich ein heftig bewegtes Gesellschaftsspiel, dessen Fruchtbarkeit geringer ist, als seine Veranstalter glauben. Es kommt bei diesem Spiel nicht viel heraus.

Daß in diesem fachwütigen Deutschland der Herausgeber eines Fachbuches den Mut hat, einen ††† Laien damit zu betrauen, das Vorwort zu schreiben, darf dankbar angemerkt werden. Um so mehr, als die meisten Fachleute leicht vergessen, dass sie ja alle für den Laien arbeiten, der sich zwar niemals das Recht anmaßen darf, einen Arzt über die Entstehung eines Infektionsherdes zu belehren, der aber ein Recht, ein einziges, besitzt: zu erklären, er sei gesund geworden oder nicht.

 

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