Absolut sehenswert: Die Ausstellung „Von Innen – nach Außen | Die Bilderbrücke“ in Wien

Zahlreiche Menschen sind in der Türkei seit Jahren in politischer Gefangenschaft. Im März 2016 waren rund 187.000 Personen in Haft, wobei sich nicht klar sagen lässt, wieviele davon wegen politischer oder gewerkschaftlicher Aktivitäten oder wegen ihrem Eintreten für die Rechte des kurdischen Volkes verhaftet wurden.
Um die Gedanken und Gefühle dieser Menschen an die Öffentlichkeit zu bringen und der Außenwelt von den menschenunwürdigen Bedingungen im Gefängnis zu berichten, gründete der bekannte türkische Schriftsteller Adil Okay die Organisation „GÖRÜLMÜSTÜR“, zu Deutsch „Sichtbar werden“.

Adil Okay bei der Eröffnung

Adil Okay selbst wurde in den 70er Jahren aufgrund seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach seiner Flucht, aus dem Gefängnis floh er zunächst nach Palästina und weiter nach Frankreich. Von dort aus suchte er Kontakt zu Menschenrechtsorganisationen und politischen Verbänden in Mersien (Türkei).

Über deren Netzwerke konnte Okay Kontakt mit politischen Gefangenen in der Türkei aufnehmen.

Okay fasste die Briefe und Texte der Insassen zu einem Buch zusammen und machte sie in Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich.

Für die Ausstellung „Von Innen – nach Außen : Die Bilderbrücke“ haben türkische Fotografinnen und Fotografen die Gedichte und Geschichten der Gefangenen illustriert.
Bis zum 17. September ist die Ausstellung im Catamaran des ÖGB bei freiem Eintritt zu besichtigen, und ich kann den Besuch nur uneingeschränkt empfehlen.
Die Tradition der „echten“ Arbeiterfotografie ist zwar weitgehende gerissen – in Deutschland durch die Nazi-Diktatur, in der UdSSR durch die statistischen Säuberungen, in den USA durch die Verfolgungen während der McCarthy Ära. In den Metropolen setzt sich die moderne sozialdokumentarische Fotografie aber durchaus mit den negativen Seiten des herrschenden Wirtschafts- und Sozialsystems auseinander – Armut, Hunger, verschiedene Formen der Ausgrenzung von Gruppen, die Minderheitenstatus haben; nur dort, wo es aber massive soziale Bewegungen und heftige Klassenauseinandersetzungen gibt, entstehen andere Formen der fotografischen Auseinandersetzung mit der Realität, die wieder an die „klassische“ Arbeiterfotografie anknüpfen. [Mit den verschiedenen Konzeptionen einer „Arbeiterfotografie“ werde ich mich hier demnäschst beschäftigen].
Wer bei Arbeiterfotografie an Agitpropaufnahmen von heroisch dreinblickenden Proletariern denkt, liegt falsch. Die Lebenswelt der arbeitenden (und auch der arbeitslosen) Bevölkerung kann wesentlich vielschichtiger abgebildet werden.
Dieser Exkurs ist insofern notwendig, weil er begründet, warum ich diese Ausstellung in die besten Traditionen der Arbeiterfotografie rücken möchte.
Die unerhört dialektische Herangehensweise „Von Innen – nach Außen“ bildet den Schlüssel zum Verständnis der Ausstellung. Die Idee, Texte von (politischen) Gefangenen in einer frei assoziativen Form von Fotografinnen und Fotografen umsetzen, interpretieren, visualisieren zu lassen alleine ist schon ein entscheidender Ansatz, um die Welten vor und hinter den Mauern zueinander in Bezug zu setzen. Die auf Tischen präsentierten Schnappschüsse der Gefangenen selbst zeigen in ihrer Natürlichkeit und ohne jeden künstlerischen Anspruch die Menschen, um die es hier geht – die man ihrer Freiheit beraubt hat, deren Willen das Regime brechen will. Und die (teilweise gegen Solidaritätsspenden) käuflich erwerbbaren Handarbeiten von Häftlingen und die von ihnen angefertigten Zeichnungen und künstlerisch gestalteten Briefe sind berührende Dokumente die zeigen, mit welchen Mitteln Verfolgte ihre Menschenwürde bewahren können.
Leider sind nur wenige der Gedichte und Texte der politischen Gefangenen ins Deutsche übersetzt. Vielleicht hat der eine oder andere Besucher, die eine oder andere Besucherin, der Ausstellung den Mut, andere Besucher anzusprechen, die vielleicht Türkisch sprechen könnten und um eine Übersetzung zu bitten. Die wird vielleicht nicht unbedingt sehr literarisch ausfallen, aber vermutlich, in Einheit mit den dazu gehörenden Fotos, trotzdem ein Gefühl dafür vermitteln, was die Gefangenen ausdrücken wollten. Und ein kleiner Beitrag dazu sein, Mauern niederzureißen, die zwar nicht so bedrohlich sind wie jene von türkischen Gefängnissen, an denen aber hier bei uns fleißig gebaut wird, um Menschen mit grundlegend gleichen Interessen gegeneinander aufzuhetzen.
Ich wünsche der Ausstellung möglichst viele Besucher . Ein Dank an die Organisatorinnen und Organisatoren der „Bilderbrücke“, die diese bemerkenswerte Ausstellung in Wien ermöglicht haben.
Die Ausstellung ist vom  8. bis 17. September 2017 zwischen 7.00 und  19.00 Uhr im Foyer des ÖGB Catamaran, Johann Böhm Platz 1, 1020 Wien (U2 Station Donaumarina) bei freiem Eintritt zu sehen!

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