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Zum Tod von Dave Heath (1931 – 2016

Dave Heath, einer der großen amerikanischen Fotografen, der in keine der gängigen Schubladen passt, starb an seinem 85. Geburtstag in Toronto.

Hier ein sehr feinfühliger Nachruf aus der „New York Times“ mit einigen beeindruckenden Fotos aus dem Werk von Dave Heath.

http://www.nytimes.com/2016/07/02/arts/dave-heath-photographer-of-isolation-dies-at-85.html?_r=0

Die Geburt des Fotojournalismus aus dem Geist der Barrikaden

Seit ich mich intensiver mit Fotografie beschäftige, verfüge ich über eine wachsende Bibliothek einschlägiger Bücher: Handbücher zu meinen Kameras, Literatur über Bildaufbau, Bildbearbeitung, Geschichte der Fotografie, Theorie der Fotografie … Dann natürlich Bücher über bedeutende Fotografinnen und Fotografen – Cartier-Bresson, Miller, Abus…

Selbstverständlich gibt’s auch ein paar Werke über Geschichte des Fotojournalismus. Wie andernorts auf diesem Blog erwähnt: Ich habe mich erst sehr spät mit diesem Thema auseinander zu setzen  begonnen, Dinge, die andere vermutlich längst kennen, sind für mich neu und überraschend.

Genauso ging es mir, als ich zum erstenmal auf Herrn M. Thibault gestoßen bin. Eigentlich hätte er mir in einem der neu erworbenen Bücher über Fotojournalismus entgegen springen müssen, denn ich sehe in ihm den „Vater“ des modernen Bildjournalismus. Vielleicht sind meine Bücher aber auch alle zu früh erschienen, denn die beiden Daguerreotypien vom Juni 1848 in Paris, genauer von der Rue St. Maur-Paupincourt, gelangten erst 2002 bei einer Versteigerung in die Hände der Musées Nationaux und befinden sich heute im Musée d’Orsay in Paris.

Beide Daguerreotypien zeigen vom gleichen Standort der Kamera aus die Barrikade. Am 25. Juni ist die Straße menschenleer. Nichts regt sich über der Rue St. Maur. Ist das die Ruhe vor dem Sturm? Oder waren da doch Menschen, die zwischen Barrikaden und Häusern hin- und herhuschten, aber zu flink waren, um von der Kamera mit ihrer langen Belichtungszeit festgehalten werden zu können?Barricades_rue_Saint-Maur._Avant_l'attaque,_25_juin_1848._Après_l’attaque,_26_juin_1848

Am 26. Juni ist die Straße belebt – siegreiche Nationalgardisten, welche die rebellische Straße genommen haben, und ihr schweres Kriegsgerät sind zu erkennen. General Lamrocière, der sich schon in Algerien durch seine Grausamkeit einen blutigen Namen gemacht hatte, machte nun den aufständischen Arbeiterinnen und Arbeiter in Paris den Garaus (5.000 Proletarierinnen und Proletarier kamen damals um’s Leben, 1.500 exekutiert, ohne Gericht).

Ich weiß nicht, wer M. Thibault war. Olivier Ihl, ein französischer Historiker, scheint nun etwas Licht auf diesen Fotografen geworfen zu haben, und ich werde mich bemühen, seinen Aufsatz zu ergattern und mehr über ihn berichten.

Denn die Zeitung L’Illustration veröffentlichte Anfang Juli 1818 beide Daguerreotypien als Holzschnitte, penibel vermerkt: Nach einer Daguerreotypie, um den Wahrheitsgehalt zu unterstreichen.

War das die Geburtstunde des Fotojournalismus?

August Sander (1876 – 1964): „Das Wesen der gesamten Photographie ist dokumentarischer Art …“

Wie die geneigter Besucherin, der geneigte Besucher meines Blogs weiß, ist meine Liebe zur und Beschäftigung mit der Fotografie (und ihrer Geschichte) ja neueren Datums. Wenn ich hier immer wieder Fotografinnen oder Fotografen vorstelle, die mich faszinieren, erhebe ich damit keinerlei Anspruch auf besondere Originalität; Kundige werden wenig Neues finden, aber vielleicht kann ich doch hin und wieder ein paar kleine Facetten dazu beitragen, auch Bekanntes neu oder anders zu sehen.

August_Sander
August Sander

Auf August Sander bin ich fast gleichzeitig im Aufsatz von Walter Benjamin „Kleine Geschichte der Fotografie“ (1931) und dem Büchlein „La photographie sociale“ aus der Reihe „Photo Poche“ gestoßen.

Dann begann ich, mehr Fotos von Sander zu suchen, und je mehr seiner Arbeiten in kennen lernte, desto mehr beschäftigte mich Leben und Werk dieses bedeutenden Fotografen, der aus ganz einfachen Verhältnissen stammt. Sein Vater war Zimmermann in einem Bergwerk in Herdorf im Siegerland, er selbst kam als „Haldenjunge“ irgendwann rund um sein 14. Lebensjahr in Kontakt mit einem Fotografen, der für die Bergwerksgesellschaft Dokumentaraufnahmen machte. Mit finanzieller Unterstützung eines Onkels konnte Sander schließlich selbst eine eigene Fotoausrüstung erstehen.

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David Octavius Hill und Robert Adamson: Zwei Schotten und die Fotografie

David Octavius Hill (1802 – 1870) gehört gemeinsam mit Robert Adamson (1821 – 1848) zu den Pionieren der Fotografie. Hill, der eigentlich einer der großen schottischen Landschaftsmaler war, wollte 1843 die Gründungsversammlung der Schottischen Freikirche malen. Allerdings nahmen an diesem Ereignis 470 Personen Teil – zuviele für ein Porträt. Also schlug einer der Teilnehmer der Versammlung, David Brester, Hill vor, mit dem jungen Chemiker und Fotografen Robert Adamson zusammenzuarbeiten. Gemeinsam bannten sie die Teilnehmer des Freikirchenkonzils auf Fotoplatten, entwickelten aber darüber hinaus eine enge Zusammenarbeit, bei der das technische Wissen vom jungen Adamson und die Komposition von Hill stammten. Einige dieser frühen Fotografien können mit Fug und Recht als die ersten Beispiele für sozialdokumentarische Fotografie gewertet werden. Nach dem frühen Tod Adamsons wandte sich Hill wieder der Malerei zu.

Hier ein kleines Video über diese beiden schottischen Pioniere der Fotografie.

 

 

Frankreich:“Die Niederlage der Un-Ordnungskräfte auf Twitter“

André Gunthert (geb. 1961) ist Dozent an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS), wo er den Lehrstuhl für visuelle Geschichte innehat. Seine Doktorarbeit trug (etwas gewagt übersetzt) den Titel: Die Eroberung des Schnappschusses. Archäologie fotografischen Phantasie in Frankreich, 1841-1895.

Auf seinem (wissenschaftlichen) Blog „L’image sociale“ veröffentlichte er jetzt einen spannenden Beitrag, der auch für nicht-französisch Sprechende verständlich ist:

Am Donnerstag, 14. April 2016 um 16:32 Uhr, verfolgt an der Kreuzung  Rue Jean Jaurès und rue Bouret eine Truppe von CRS-Polizisten (Spezialpolizei) eine Gruppe von Studenten. Die Szene wurde auch von BFM TV gefilmt : eine Caféhausbesuchering wird auf der Terrasse des Restaurant, die von den „Sicherheitskräfte“ blockiert wird, mit Tränengas besprüht und stellt empört einen Polizisten zur Rede . Ein CRSler schert aus dem Polizeikordon aus und versetzt der jungen Frau einen heftigen Tritt in den Magen, der sie zu Boden schleudert.

Dieses Bild, gleichermaßen Symbol für die willkürliche Repression gegen die Bewegung gegen die „Arbeitsrechtsreform“ (Loi El Hhomri) wurde über die sozialen Medien massenhaft verbreitet und bald in verschiedenen Varianten „bearbeitet“.

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„Die CRS führt das Volk“

Sehenswert!

Les forces du désordre en déroute sur Twitter

 

SPÖ – gespannte Situation visualisiert (1. 5. 2016)

Das folgende Foto habe ich am 1. Mai in Wien beim traditionellen Mai-Aufmarsch der SPÖ gemacht, kurz, bevor die ersten Marschkolonnen am Rathausplatz eintrafen.

Eine Woche zuvor hatte der Kandidat der FPÖ  im ersten Wahlgang der Bundespräsidentenwahlen 35,1 % der Stimmen erhalten, der von der SPÖ nominierte Rudolf Hundstorfer (ehemaliger Vorsitzender des ÖGB) nur 11,3 %.

Das Wahlerhgebnis hatte die innerparteilich latent schwelende Kritik an Bundeskanzler Werner Faymann angeheizt. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl geriet zusehends in die Rolle des „Integrators“, der Kraft seines Einflusses die Partei zusammenhalten musste. Der Gesichtsausdruck Häupls mag als „Momentaufnahme“ für die damalige Stimmung in der Spitzengremien der SPÖ stehen.

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Bericht von „Meet&Greet: Manfred Baumann“ im Leica-Store Wien

Während die Mannschaften von Österreich und  Ungarn bei der Fußball-EM aufeinander trafen (nein, wer jetzt auf den kalauernden Witz wartet, wartet vergebens!), füllte sich der kleine Leica-Store in der Wiener Walfischgasse zusehends mit Menschen:

publikumKein Wunder, immerhin war ein „meet&greet“ mit Manfred Baumann angesagt. In erster Linie ist der Wiener Fotograf für seine Porträts von internationalen Spitzenstars – Bruce Willis, John Malkovich, Natalie Portman, um nur einige zu nennen – bekannt. In den USA verhalf ihm das letzte Fotoshooting mit Tony Curtis vor dessem Ableben zum endgültigen Durchbruch.

Stark von Helmut Newton geprägt, ist Aktfotografie ein weiteres Feld von Baumanns Schaffen. Baumann, der Reisende, beeindruckt aber genauso mit Landschaftsaufnahmen.

Es wäre aber ungerecht, Manfred Baumann als „mondänen Gesellschaftsfotografen“ abzutun. Spätestens sein 2013 veröffentlichter Bildband „Live“ zeigt eine ganz andere live coverSeite des „ungelernten“ Fotografen (er begann seine Berufslaufbahn bei Meinl am Graben und könnte noch heute lange Vorträge über verschiedene Käsesorten und alle Arten von Kaffee halten): ein Jahr porträtierte er Obdachlose und von der Gesellschaft an den Rand gestellte – Arme und Alte.

Dazu gab es die internationale Wanderausstellung AliVe. Besonders beeindruckend ist die starke Empathie, die aus den ungeschönten Porträts spricht. Hier wird nicht ein pittoreskes Bild einer selbstgewählten „fröhlichen Armut“ geboten – die zerfurchten Gesichter zeigen Menschen, zu denen die Welt nicht gut war, weil die Welt nicht gut ist.

Seit 2013 arbeitet Baumann mit National Geographic zusammen. Eines der Produkte dieser Zusammenarbeit ist der Fotoband End of Line- The last journey of death row inmates to execution. In Texas warten 300 Strafgefangene auf ihre Hinrichtung. Manfred Baumann hat zwei dieser Gefangenen begleitet, die in der Polunsky Unit, voneinander isoliert, ihrer staatlicher Tötung im 50 Kilometer entfernten Huntsville entgegensehen.  Baumann setzt hier einen seiner Grundsätze konsequent um: „Das Unsichtbare sichtbar machen“. Immerhin finden sich in der Polunsky Unit vermutlich ebensoviele – sagen wir einmal vorsichtig: – Justizopfer wie Schwerkriminelle. Der Fotograf war oft glücklich, dicke Stahltüren zwischen sich und etlichen der Insassen zu wissen. Andererseits werfen seine Bilder Fragen auf – wie weit kann, wie weit darf der Rachegedanke der Gesellschaft gehen?

Die Zellen haben keine Fenster, nur kleine Lichtschlitze. Zu zwei der Todeskandidaten konnte Baumann ein enges Verhältnis aufbauen. Ihre Geschichten erzählt er ausführlich, sie lassen erahnen, was es bedeutet, jahrelang auf den letzten Weg zu warten. Und sie beschreiben auch eine der furchtbarsten Seiten der Isolation in ihren Zellen: Die Verweigerung jeglichen Körperkontakts, sogar mit den engsten Angehörigen.

blick in galerie beitragBeim meet&greet ging es natürlich auch um Fragen wie: Kunstlicht versus natürliches Licht, welche Art von Ausrüstung für welches Setting, wie mit Models und Stars umgehen. Bezüglich der Fotoausrüstung erzählte der Fotograf auch eine seiner Lieblingsanekdoten über Helmut Newton, der nach einem hervorragendem Dinner in einem Spitzenrestaurant vom (selbst fotografierenden) Chef de Cuisine angesprochen wurde: „Sie machen so fantastische Aufnahmen – Sie haben sicher eine sehr teure Ausrüstung.“ Newton erwiderte: „Und Ihre Gerichte waren hervorragend! Sie verwenden sicher sehr teure Töpfe“.

Manfred Baumann präsentierte beim meet&greet sein neues Buch  my world of photography 1991–2016. Ein sehenswerter Band – immerhin sichtete der Fotograf gemeinsam mit seiner Frau, die seine Projekte seit Jahren begleitet, 150.000 Fotos…

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