Frankreich:“Die Niederlage der Un-Ordnungskräfte auf Twitter“

André Gunthert (geb. 1961) ist Dozent an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS), wo er den Lehrstuhl für visuelle Geschichte innehat. Seine Doktorarbeit trug (etwas gewagt übersetzt) den Titel: Die Eroberung des Schnappschusses. Archäologie fotografischen Phantasie in Frankreich, 1841-1895.

Auf seinem (wissenschaftlichen) Blog „L’image sociale“ veröffentlichte er jetzt einen spannenden Beitrag, der auch für nicht-französisch Sprechende verständlich ist:

Am Donnerstag, 14. April 2016 um 16:32 Uhr, verfolgt an der Kreuzung  Rue Jean Jaurès und rue Bouret eine Truppe von CRS-Polizisten (Spezialpolizei) eine Gruppe von Studenten. Die Szene wurde auch von BFM TV gefilmt : eine Caféhausbesuchering wird auf der Terrasse des Restaurant, die von den „Sicherheitskräfte“ blockiert wird, mit Tränengas besprüht und stellt empört einen Polizisten zur Rede . Ein CRSler schert aus dem Polizeikordon aus und versetzt der jungen Frau einen heftigen Tritt in den Magen, der sie zu Boden schleudert.

Dieses Bild, gleichermaßen Symbol für die willkürliche Repression gegen die Bewegung gegen die „Arbeitsrechtsreform“ (Loi El Hhomri) wurde über die sozialen Medien massenhaft verbreitet und bald in verschiedenen Varianten „bearbeitet“.

crs
„Die CRS führt das Volk“

Sehenswert!

http://imagesociale.fr/3074

 

SPÖ – gespannte Situation visualisiert (1. 5. 2016)

Das folgende Foto habe ich am 1. Mai in Wien beim traditionellen Mai-Aufmarsch der SPÖ gemacht, kurz, bevor die ersten Marschkolonnen am Rathausplatz eintrafen.

Eine Woche zuvor hatte der Kandidat der FPÖ  im ersten Wahlgang der Bundespräsidentenwahlen 35,1 % der Stimmen erhalten, der von der SPÖ nominierte Rudolf Hundstorfer (ehemaliger Vorsitzender des ÖGB) nur 11,3 %.

Das Wahlerhgebnis hatte die innerparteilich latent schwelende Kritik an Bundeskanzler Werner Faymann angeheizt. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl geriet zusehends in die Rolle des „Integrators“, der Kraft seines Einflusses die Partei zusammenhalten musste. Der Gesichtsausdruck Häupls mag als „Momentaufnahme“ für die damalige Stimmung in der Spitzengremien der SPÖ stehen.

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Fotojournalismus am Beispiel der Überschwemmung von Paris 1910

Fotografie als historische Quelle: natürlich wissen wir nicht erst seit „Stalins Retuschen“ (als immer mehr Führer der revolutionären Bewegung in Russland aus historischen Fotos „verschwanden“), dass ein Bild mitunter mehr sagt als 1.000 Worte, aber mindestens ebenso trügerisch sein kann. Nicht alles, was ich sehe, ist auch zwangsläufig wahr.

An den Fotojournalismus werden daher zu Recht hohe Ansprüche gestellt.

Hier nun zwei Beispiele, wie spannend dieses Genre mehr als „100 Jahre danach“ sein kann. Die Fotos stammen aus dem Jahr 1910 und zeigen die Überschwemmung in Paris – Bilder, wie wir sie ganz ähnlich heute, 2016, zu sehen bekommen. Mit dem Unterschied, dass damals die Fotografen mit ihren großen Plattenfotoapparaten ausrücken mussten. Interessant auch die Rezeption der Fotos: Viele Aufnahmen wurden später zu Souvenirs – man veröffentlichte sie als Ansichtskartensets, zur Erinnerung an die wässrige Katastrophe.

 

Paris, zwei Arrondissements nach den Attentaten vom 13. 11. 2015

Einer meiner Links führt zum französischen Fotomagazin polka. In Nummer 33 der Zeitschrift findet sich unter anderem eine sehr berührende Fotoreportage darüber, wie die Bewohner des 10. und 11. Arrondissements von Paris mit den Folgen der Attentate vom 13. November vergangenen Jahres umgehen.

Bildschirmfoto_2016-05-27_23-18-14Meiner Meinung nach ist der Artikel ein Musterbeispiel für gelungenen Fotojournalismus. Weder ist der Text eine bloße Beschreibung der Bilder, noch sind die Fotos „Fußnoten“ zum Text.

In der gleichen Ausgabe von polka zeigt eine andere Reportage die Militarisierung der Hauptstadt unter dem Ausnahmezustand und den Alltag der 10.000 Soldaten, die in Paris zusammengezogen wurden.