„Daldossi“ von Sabine Gruber: Wenn die Gelassenheitsreserven aufgebraucht sind …

Sabine Grubers jüngster Roman ist … ja, was eigentlich? Ein Roman über „Kriegsfotografen“? Ein Roman über eine langsam verstorbene Liebesbeziehung? Ein Roman über Mitleid, Verantwortung? Über Sprachlosigkeit angesichts der Gräuel der Gegenwart?

Auf jeden Fall ist es ein großartiges Buch. Bruno Daldossi, rund um die 60, ist auf dem Rückzug aus seinem Beruf. Als „war photographer“ hat er die Schauplätze von Straßenkämpfen irgendwo im Irak genauso gesehen wie das Leiden der Zivilbevölkerung in Sarajewo, langsam wahnsinnig werdende tschetschenische Aufständische in ihrem eisigen Unterstand in den Bergen des Kaukasus, verstümmelte Leichen in Afghanistan. Der Südtiroler hat seine „homebase“ in Wien, aber seiner Freundin Marlis, einer Zoologin, die sich der Rettung der Bären verschrieben hat, sind im Laufe ihrer durch ständige Kriegseinsätze ihres Lebenspartners unterbrochenen Beziehung die „Gelassenheitsreserven“ abhanden gekommen, wie sie Bruno sagt. Denn immer sind es die grausigen Bilder, die sich zwischen sie drängen. „Das Leiden anderer betrachten“ ist an Daldossi nicht spurlos vorbeigegangen – wie der (reale) bedeutende Photoreporter James Nachtwey ist er vom „war photographer“ zum „anti-war photographer“ geworden; er ist

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James Nachtwey – der „anti war photographer“

kein Fotograf von „Kriegs-Pornos“ (um noch einmal Susan Sontag zu zitieren) – er will mit seinen schockierenden Fotos (die schockierendsten werden ohnehin nie gezeigt) etwas bewegen. Er zahlt einen hohen Preis: Marlis verlässt ihn, gerade in dem Augenblick, wo er sein Leben neu einrichten will; aber wie soll er das schaffen – er ist Alkoholiker, fällt ständig aus der Realität des Augenblicks in Erinnerungen an andere, furchtbare Augenblicke. Kann es für einen wie Daldossi eine Rückkehr in die Normalität geben?

Er reist nach Venedig, will sich mit Marlis aussprechen, und wacht übel verkatert in einem Hotel auf, in das ihn seine Ex befördert hat: Gegenüber der Wohnung ihres neuen Freundes hat er auf sie gewartet, und sich buchstäblich bis zur Besinnungslosigkeit besoffen. Nicht er findet Marlis, sie findet ihn, und zwar in einem Zustand, der alles bestätigt, was sie zur Trennung mit Bruno bewegt hat.

Johanna, Journalistin und Exfrau eines schreibenden (nicht fotografierenden) Kollegen, soll eine Repoprtage über die Situation auf Lampedusa schreiben. Bruno hat sie vor seiner Abreise nach Venedig in Wien getroffen – nun folgt er ihr. Wer sich jetzt eine seichte Liebesgeschichte erwartet, täuscht sich gewaltig. So einfach macht es Sabine Gruber weder ihren Protagonisten noch den Leserinnen und Lesern.

Sabine Gruber macht uns mit höchst realistischen gebrochenen Charakteren bekannt. Hier wird nicht moralisiert (nichts wäre leichter, als das Klischee vom versoffenen Kriegsreporte à la Ernest Hemingway zu bedienen), der Tod einer Liebesbeziehung ernst und ohne parteiische Seitenhiebe beschrieben, ein zutiefst unglücklicher, weil ethischen Prinzipien folgender, Fotograf porträtiert, ohne ihn auf ein Podest zu stellen.

Ja, hier wird der Leserin, dem Leser allerhand abverlangt. Trotzdem ist „Daldossi oder das Leben des Augenblicks“ kein pessimistisches Buch, es lässt das Publikum nicht ohne Hoffnung zurück.

Sabine Gruber hat die Schicksale vieler großer Fotografinnen und Fotografen in dieses Buch hinein verwoben, es ist auch eine berührende Hommage an diejenigen, die mit ihren Bildern aufrütteln und etwas bewegen wollen. Vielleicht wird man Bruno Daldossi nicht lieben lernen – aber man wird ihn ein bisschen besser verstehen. Und auch Marlis. Und warum ihre Beziehung zerbrochen ist.

 

Sabine Gruber: „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“
C.H.Beck, 316 Seiten

22,60 Euro

„Gute Kameras“, „gute Fotos“ und die Demokratisierung der Fotografie

Vor ein paar Tagen kam ich aus der Mittagspause in die Buchhandlung zurück, wie immer mit der Lumix in der Hand. Ein Kunde wollte wissen, was ich denn fotografiert hätte. Worauf ich wahrheitsgetreu erwiderte: „Ach, einfach ein paar Straßenszenen. Ich habe die Kamera eigentlich immer bei mir – die schlechtesten Fotos sind bekanntlich die, welche man nicht macht“.

Und schon waren wir in einer gar nicht so untypischen Diskussion. Der Kunde, ein großer Wanderer (und ich meine Wanderer, nicht einen Spaziergänger in den Hügeln wie mich!), klagte, dass es halt so schwer sei, beim Wandern gute Fotos zu machen. Eine Kompaktkamera tauge nichts für gute Fotos, und die „wirklich guten Kameras“ (die er auch hat) wären einfach zu schwer zum Mitschleppen.

Wir konnten das natürlich nicht ausdiskutieren – was mir leid tut. Ich fürchte, mein Kunde bringt sich selbst durch seinen „technischen“ Ansatz um sehr viel Spaß.

Zunächst: Was ist denn (speziell beim Wandern?) ein gutes Foto? Für viele Menschen sind das Naturfotos, die entweder einen hohen Erinnerungswert haben, oder wirklich genau „im richtigen Augenblick“ gemacht wurden und eine besonders beeindruckende Wolkenformation, das Spiel des Lichts über Wäldern oder Bergen, Naturphänomene im weitesten Sinn festhalten; Fotos von Tieren, zu Wasser, zu Lande, in der Luft; oder die Menschen, mit denen man gemeinsam wandert – vom klassischen Gruppenfoto („cheese“) bis zum Glückstreffer einer situationskomischen Szene irgendwo in der Natur.

Ich will immer noch nicht in die Diskussion einsteigen, ob und ab welchem Moment Fotografie „Kunst“ ist. Was ich sagen will: Bei mir hat sich in den letzten Monaten die Erkenntnis festgesetzt, dass es immer noch der Mensch ist, der das Foto macht. Die Kamera, das technische Instrument, bietet Möglichkeiten – Brennweite, Auflösung, Lichtempfindlichkeit des Sensors… – die zwar die Wahl des Motivs, das Bild, das der Mensch machen will, von Haus aus „festlegen“ – was sich „im Rahmen“ des Fotos abspielt, ist aber die Verantwortung der Fotografin, des Fotografen (daher auch der Name dieses Blogs :-)).

Hier im Blog habe ich das schon ein paarmal angeschnitten – die „gute Kamera“ wird für mich immer mehr zum Mythos. Seien wir uns doch bewusst, dass heute selbst das billigste Smartphone mit Kamerafunktion technisch mehr bietet, als ein Robert Capa, eine Lee Miller oder ein Edward Steichen je zur Verfügung hatte.

old_dark_room_BostonCameraClubVieles ist in der „analogen“ Ära in der Dunkelkammer passiert – beim Entwickeln konnte der Fotograf, die Fotografin, oder der Helfer, der im Labor arbeitete, noch in das Bild eingreifen. Heute können wir das mit Bildbearbeitungsprogrammen, derer es unzählige gibt, von kleinen Apps für Android oder iPhone bis hin zu raffinierten proprietären Programmen wie „Lightroom“ oder dem kostenlosen Opensourceprogramm Darktable (nicht für Windows entwickelt, läuft aber unter so gut wie allen Linux Live-Distributionen! Probiert es aus!!!)

Fotografieren ist heute noch „demokratischer“ geworden als in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als nicht zuletzt durch die Leica und die „Arbeiterfotografie“ die Fotografie zum Massenphänomen wurde (wobei gerade die Arbeiterfotografie zeigt, wie eng Demokratie und Finanzkraft zusammenhängen. Viele Arbeiterfotografen sparten sich das Geld für das Fotomaterial vom Mund ab, entwickelt wurde oft im Kollektiv, nicht aus ideologischen Gründen, sondern um die Kosten für die Entwicklerflüssigkeit und die Chemie zu teilen).

Heute haben viele Menschen auf allen Kontinenten Fotoapparate (ja, ich zähle die Smartphones bewusst dazu!). Natürlich gibt es Millionen Fotos von Katzen, Müslis und Sushis in den „sozialen Netzwerken“. Das entwertet die „Demokratisierung der Fotografie“ aber keineswegs. Wir sehen im Internet auch andere Fotos, Bilder, die wir vor einem Viertel Jahrhundert (ja, happy birthday, Internet! Du bist heute 25 Jahre alt geworden!!!) vielleicht nie oder erst Wochen später gesehen hätten. Von schrecklichen Dingen – Katastrophen, Kriegen, menschlicher Not – ebenso wie von wunderbaren Momenten – Menschen, die sich freuen, die Momente des Friedens genießen, die miteinander etwas erreichen, von Landschaften und Lebewesen, von denen wir früher nur vage Vorstellungen hatten.

Die Suche nach der „guten Kamera“, oft ein Synonym für die „teure Kamera“, ist ein klassisches First-World-Problem. Arbeiten wir mit dem, was wir haben, seien wir uns bewusst, dass das gar nicht so wenig ist und hoffen wir, dass es uns in den kommenden Jahren erhalten bleibt. Ja, wir leben in finsteren Zeiten.

Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.

Die Unterdrücker richten sich ein

auf zehntausend Jahre.

Die Gewalt versichert:

So, wie es ist, bleibt es.

Keine Stimme ertönt

außer der Stimme der Herrschenden.

Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut:

Jetzt beginne ich erst.

Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:

Was wir wollen, geht niemals.

Brechts Zeilen sind leider immer noch aktuell. Vielleicht sollten wir uns mehr dem „guten Foto“ zuwenden – das Foto allein wird den Lauf der Geschichte wohl nicht ändern, die Macht der Bilder aber dürfen wir auch nicht unterschätzen.

Augen auf: Online im M Magazine blättern

M – The Magazine for Leica M Photography – ist meiner Meinung nach einer der interessantesten Fotozeitschriften.  Um einen banalen Werbespruch abzuwandeln: Man muss keine Leica haben, um Leica zu mögen.

Die qualitativ hochwertige Zeitschrift (in Wien in den Leica Shops erhältlich) kostet in der Printausgabe 14,– EUR, was für Umfang und Themenauswahl erstaunlich günstig ist.

Wer sich lieber [gratis] einen Einblick in die aktuellen und älteren Ausgaben verschaffen will, kann folgendem Link folgen:

M – The Magazine for Leica M Photography

Vorsicht, Fälschung! Wie man (Bild)Quellen checken kann

Während ich diese Zeilen schreibe, herrscht immer noch völlige Unklarheit über den Massenmord im und beim Münchener Olympiaeinkaufszentrum.

Eines ist klar: Die „sozialen Medien“ erweisen sich als Informationsquelle zweifelhaft. Und auch Fotos und Videos, die im Internet auftauchen, haben oft mit den realen, aktuellen Ereignissen, nichts zu tun.

Der SPIEGEL beschäftigt sich auf seiner Homepage damit, wie man ge- oder verfälschte „Beweisfotos“ erkennen kann. Wesentlich breiter gefächert (allerdings auf Englisch) sind die Tipps des Internationalen Konsortiums für investigativen Journalismus. An Hand eines Fallbeispiels wird gezeigt, wie man „Internetquellen“ auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen kann.

Es lohnt sich, diese Artikel zu lesen und gegebenenfalls den einen oder anderen Vorschlag aufzugreifen, ehe man Nachrichten über soziale Netzwerke verbreitet – durchaus im guten Glauben.

Grausame Fotos: Dürfen wir hinschauen? Sollen wir wegschauen?

So, wie es eine Streitfrage ist, ob Fotografie Kunst ist oder nicht; ob Fotografien für sich sprechen können oder einen Text – eine Bildunterschrift, einen Kommentar … – brauchen – genauso umstritten ist es, wie wir mit Bildern vom Grauen umgehen: Kriege, Terror, Hungersnöte, Epidemien.

Gestern habe ich keinen Blogbeitrag veröffentlicht, weil ich erschüttert war von den Fotos, die uns alle aus Nizza erreicht haben; und von Fotos, die viele gar nicht mehr ansehen: Fotos aus dem Irak, vor allem ein Foto, das Angehörige von möglichen Opfern des Autobombenanschlags auf einen Markt in Bagdad zeigt, die versuchen, die sterblichen Überreste (bitte denkt einmal über diesen Begriff nach, in Zusammenhang mit der Wucht eines Bombenattentats) von Toten zu identifizieren.

Wie sollen wir mit solchen Fotos umgehen? Besonders prononziert hat sich ja Susan Sontag in „Über die Fotografie“ gegen die Darstellung von Gewalt, Grausamkeit und Entmenschlichung ausgesprochen – diese würde keine tieferen Einsichten fördern oder zur politischen Aktion führen, sondern eher abstumpfen, „de-sensibilisieren“. Ähnlich hat sich Roland Barthes geäußert.

Demgegenüber steht die mir äußerst sympathische und stringent erscheinende Argumentation von Susie Linfield, die überzeugend zeigt, dass die Sprache der Fotografie durchaus wirkmächtig sein kann und keineswegs der Befriedigung niederer, voyeuristischer, Triebe, diene. Dass Fotografie helfen könne, etwas zu verändern, zeigt sie an den Auswirkungen der schrecklichen Bilder von den belgischen Kolonialgräueln im Kongo: Sie halfen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine breite antikolonialistische Bewegung (mit allen zeitlich bedingten Grenzen!) aufzubauen und den belgischen Terror zumindest abzuschwächen.

Wir leben in einer Welt, in der weltweit Milliarden Menschen – mit Kameras, Tablets, Smartphones – fotografieren. Viele der Fotos, die wir nie zu Gesicht bekommen werden, erzählen grausame Geschichten von Vertreibung, von Elend, von Unterdrückung. Sollen wir diese Bilder bewusst „ausblenden“? Ist es gar moralisch verwerflich, giftig, bösartig, sie zu betrachten? Oder ist es nicht so, dass uns die Opfer, die wir auf diesen Bildern sehen, etwas sagen können? Uns zur Solidarität aufrufen? Uns vielleicht bewusst machen, wie nah Opfer und Täter einander in einer Person sein können?

Susie Linfield hat in ihrem bemerkenswerten Buch „The cruel radiance“ („Der grausame Glanz“) gezeigt, wie unterschiedlich wir auf „grausame Bilder“ reagieren. In einem Interview für den „New Yorker“ verweist sie auf die Fotos von Kindersoldaten in Afrika: Sie sind Opfer. Man hat sie entführt, gefoltert, vergewaltigt, ihnen jede Empathie ausgetrieben, sie zu Killermaschinen geformt. Sie verdienen unser Mitleid. Gleichzeitig blicken sie oft mit eiskalten Augen in die Kamera, stolz auf ihren Status, der es ihnen erlaubt, Menschen zu entführen, zu foltern, zu vergewaltigen. Das stößt den Betrachter ab. Susi Linfield verweist auf das große ethische Dilemma: Was „soll“ man beim Betrachten solcher Bilddokumente spüren?

Ich schließe mich dem Plädoyer von Susie Linfield an: Hinschauen, nicht wegschauen sollte unsere Reaktion auf den „schrecklichen Glanz“ der Wirklichkeit sein. Sie argumentiert meiner Meinung nach völlig richtig, dass wir auch in den grausamsten Bildern den Menschen finden müssen, um zu verstehen, wozu Menschen fähig sind, im Guten wie im Bösen; die starken Gefühle – Mitleid, Entsetzen, Ekel, Abscheu – , die Fotos auslösen können, dürfen allerdings nicht der Endpunkt unseres Bemühens sein, zu verstehen, wie die Welt ist. Sie sollten uns Impulse geben, diese Welt zu verändern, sie im positiven Sinne zu „vermenschlichen“.