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Videosonntag: Kriegsfotografen Michael Kamber und Louie Palu

In meinem letzten Sonntagsbeitrag spielt Michael Kamber indirekt eine prominente Rolle. Ein Kriegsfotograf, der in einem der ärmsten Stadtteile von New York ein Fotoprojekt aufzieht? Welch interessante Geschichte mag da dahinter stecken? Vielleicht gibt das folgende Video anlässlich einer Ausstellung von Kamber und Louie Palu ein paar Antworten …

Was wir aus Kriegsfotos lernen können und was nicht (5. Teil/Schluss)

Im folgenden endlich der letzte Teil meines Essays zur Kriegsfotografie. Der Text ist trotz seiner Länge im Prinzip nichts anderes als ein Exposé – viele Gedanken müssten wesentlich ausführlicher entwickelt werden. Wer weiß, vielleicht finde ich einmal die Zeit dazu!

k.l.

Am 7. März 1895 hielt der Führer der französischen Sozialisten, Jean Jaurés, vor der Nationalversammlung in Paris eine Rede zum Thema “Die demokratische Armee”, in der er unter anderem erklärte:

“Immer trägt eure gewaltsame und chaotische Gesellschaft, sogar wenn sie den Frieden will … den Krieg in sich, wie eine schlafende Wolke das Gewitter in sich trägt. Meine Herren, es gibt nur ein Mittel, den Krieg unter den Völkern abzuschaffen, das ist den wirtschaftlichen Krieg abzuschaffen, die Unordnung der gegenwärtigen Gesellschaft … logischerweise, zutiefst begründet, ist die Sozialistische Partei in der Welt heute die einzige Friedenspartei.”1Internetquelle: zitiert nach Yann Cezard, Sozialismus und Republik, Armee und Krieg, http://www.emanzipation.org/articles/em_4-1/e_4-1_cezard.pdf, abgefragt: 8.7.2019

In nahezu maoistischer Form verkürzt, ist das Zitat heute noch geläufig. Es sei dem Schlusskapitel vorangestellt, weil es unmöglich ist, von Kriegsfotografie zu sprechen, ohne vom Krieg zu sprechen. (Und vom Kapitalismus, möchte ich hinzufügen).

Was also können wir von der Kriegsfotografie lernen? Kann die Kriegs- oder Antikriegsfotografie die Welt “besser” machen? 

Die Antwort auf diese Fragen fällt ganz unterschiedlich aus, je nachdem, von welchem Blickpunkt wir selbst ausgehen. Wenn wir (im philosophischen Sinne) idealistisch an die Geschichte herangehen, wenn wir also glauben, dass es die Ideen der Menschen sind, welche die Geschichte bestimmen, könnten wir zu einer klassisch aufklärerischen Position kommen: Wenn wir durch starke Bilder die Menschen vom Schrecken des Krieges überzeugen können, werden die Menschen, der Vernunft folgend, auf den Krieg als Mittel der Politik verzichten.

1924 versuchte der deutsche Antimilitarist Ernst Friedrich mit seinem erschütternden Buch “Krieg dem Kriege! Guerre à la Guerre! War against War! Oorlog aan den Oorlog!”2Das Buch erlebte (nach seiner Verbrennung durch die Nazis) nach 1945 etliche Neuauflagen. Zur Zeit ist eine epub-Version im Verlag Ch. Links verfügbar. dieses Ziel zu erreichen. Die schrecklichen Fotos von Kriegsversehrten hätten diesen Effekt wohl haben müssen. “Die Fotografien der Schlachtfelder, dieser Abdeckereien des Krieges, die Fotografien der Kriegsverstümmelten gehören zu den fürchterlichsten Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind. Es gibt kein kriminalistisches Werk, keine Publikation, die etwas Ähnliches an Grausamkeit, an letzter Wahrhaftigkeit, an Belehrung böte”. 3Kurt Tucholsky, Waffe gegen den Krieg, Werke Bd. 10, S. 359, Reinbek bei Hamburg 1975Wir wissen, dass auch dieses von Tucholsky so empfohlene Buch den Militarismus (nicht nur in Deutschland) nicht aufhalten konnte.

Wenn wir, wieder im philosophischen Sinn des Wortes, materialistisch an den Krieg herangehen, werden wir ihn als Folge der ökonomischen und sozialen Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft sehen. “Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.” 4Karl Marx, Der 18.Brumaire des Louis Bonaparte, in MEW Bd. 8, S. 115, Berlin 1972
Wichtig bei diesem Hinweis von Marx ist wohl die Erkenntnis, dass Menschen ihre Geschichte “nicht aus freien Stücken” machen. Was, verengt auf das Thema Krieg bedeutet: Kriege sind durchaus möglich, auch wenn Menschen diesen Krieg nicht wollen. Was aber in weiterer Folge nicht bedeutet, dass Menschen nichts gegen den Krieg unternehmen können – ganz im Gegenteil, wie das einleitende Zitat von Jaurés zeigt.

Wenn man von der Existenz sozialer Klassen ausgeht, wenn man, um wieder Marx zu zitieren, die Geschichte als eine Geschichte von Klassenkämpfen sieht, wird auch verständlich, wie es zu kriegerischen Konflikten kommt. 

Auf den (marxistischen) Punkt gebracht hat das im Sommer des ersten Kriegsjahres 1915 die russische Sozialdemokratie:

“Die Sozialisten haben die Kriege unter den Völkern stets als eine barbarische und bestialische Sache verurteilt. Aber unsere Stellung zum Krieg ist eine grundsätzlich andere als die der bürgerlichen Pazifisten (der Friedensfreunde und Friedensprediger) und der Anarchisten. Von den ersteren unterscheiden wir uns durch unsere Einsicht in den unabänderlichen Zusammenhang der Kriege mit dem Kampf der Klassen im Innern eines Landes, durch die Erkenntnis der Unmöglichkeit die Kriege abzuschaffen, ohne die Klassen abzuschaffen und den Sozialismus aufzubauen, ferner auch dadurch, daß wir die Berechtigung, Fortschrittlichkeit und Notwendigkeit von Bürgerkriegen voll und ganz anerkennen, d.h. von Kriegen der unterdrückten Klasse gegen die unterdrückende Klasse, der Sklaven gegen die Sklavenhalter, der leibeigenen Bauern gegen die Gutsbesitzer, der Lohnarbeiter gegen die Bourgeoisie. Von den Pazifisten wie von den Anarchisten unterscheiden wir Marxisten uns weiter dadurch, daß wir es für notwendig halten, einen jeden Krieg in seiner Besonderheit historisch (vom Standpunkt des Marxschen dialektischen Materialismus) zu analysieren. Es hat in der Geschichte manche Kriege gegeben, die trotz aller Greuel, Bestialitäten, Leiden und Qualen, die mit jedem Krieg unvermeidlich verknüpft sind, fortschrittlich waren, d.h. der Entwicklung der Menschheit Nutzen brachten, da sie halfen, besonders schädliche und reaktionäre Einrichtungen (z.B. den Absolutismus oder die Leibeigenschaft) und die barbarischsten Despotien Europas (die türkische und die russische) zu untergraben. Wir müssen daher die historischen Besonderheiten eben des jetzigen Krieges untersuchen.”
5W.I. Lenin, Sozialismus und Krieg (Die Stellung der SDAPR zum Krieg), Werke Bd. 21, S.299, Berlin 1960

Dreh- und Angelpunkt dieser Argumentation ist also, dass die Klassen abgeschafft werden müssen, um dem Krieg die Basis zu entziehen. 

Heißt das, mit Antikriegspropaganda bis zu einem “Tag X” zu warten? Keineswegs. Gerade die Protestbewegung in den USA gegen den Vietnamkrieg ist ein oft angeführtes Beispiel dafür, wie anfangs kleine und lokal beschränkte Proteste eine breite Zustimmung in der Bevölkerung finden können (wobei ich jetzt außer Acht lassen will, dass diese Bewegung eng mit der Bürgerrechtsbewegung der 50er und frühen 6oer Jahre und der Studentenbewegung verschränkt war).

Die Macht der Bilder zeigt sich gerade am Beispiel des Vietnamkrieges sehr deutlich: Das berühmte Foto von Eddie Adams (1. Februar 1968) das zeigt, wie der Polizeichef von Saigon, Loan, den Vietcong Nguyen Van Lem in den Kopf schießt; Ron Haeberles Fotodokumentation des Massakers von My Lai vom 16. März 1968, die allerdings erst am 5. Dezember 1969 veröffentlicht wurden;  Don Mccullins berühmte Aufnahme von dem irgendwo ins Nichts starrenden GI vom Februar 1968; das Foto der brennenden neunjährigen Kim Phúc (1972 von Nick Ut aufgenommen)…

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang sind wohl Haeberles My Lai-Fotos, weil der Fotograf ein offizieller Dokumentarist der US-Army war. Seine Bilder sollten eigentlich dazu dienen, die Zahl der getöteten Feind (body count) zu bestimmen. 

Bilder, die nicht zwangsläufig parteiisch sein sollten, wurden zu scharfen Waffen der Antikriegsbewegung.

Dass die Absicht, mit der Fotos gemacht werden, ihrer Wirkung diametral entgegenstehen, zeigen am besten die ab dem 29. April 2004 veröffentlichten Fotos aus dem von US-Truppen kontrollierten Gefängnis von Abu Ghraib im Irak. Neben Fotos, die ein potenzieller “Whistleblower” aufgenommen hat, wurden auch Fotos von Soldaten veröffentlicht, die Vergewaltigungen, Folterungen, die Erniedrigung von gefangenen “Feinden” – oder, ganz einfach, Verbrechen gegen die Menschlichkeit – als Souvenirs an den Kriegseinsatz abbildeten.

Unwillkürlich drängen sich hier Erinnerungen an Fotos aus dem 1. Weltkrieg auf – lachende Soldaten und Zivilisten neben aufgehängten angeblichen Spionen; Bilder von weißen Lynchmobs, die in den 10er und 20er Jahren in den amerikanischen Südstaaten neben den Leichen von ihnen ermordeten Schwarzen posierten; oder die Privatfotos deutscher Wehrmachtssoldaten, die die Ermordung von Juden, Widerstandskämpfern oder ganz einfach verhassten Nicht-Deutschen dokumentierten – und Soldaten,die grinsend dabei standen.

Letzten Endes liegt es in der durch das eigene Bewusstsein geprägten persönlichen Verantwortung, was mit Kriegsfotos geschehen und bewirkt werden kann. Selbst aggressive, inhumane, kriegstreiberische Fotos können gegen ihre Auftraggeber gewendet werden, wenn man sie entsprechend kommentiert, mit kontradiktorischen Bildunterschriften versieht, in einen anderen Kontext stellt, verfremdet, mit Montagetechniken ihres Charakters entkleidet.

Das war eine der Stärken der Arbeiterfotografiebewegung in der Zwischenkriegszeit und der mit ihr verbundenen Künstlerinnen und Künstler. Verwiesen sei hier auf John Heartfield, mit dem ich mich hier mehrmals auseinandergesetzt habe.

Was bedeutet das für uns? Statt darauf zu warten, dass ein “ethisch einwandfreier” Berichterstatter entlarvende Fotos von Kriegsschauplätzen liefert, die wir aus ganzem Herzen verbreiten können, sollten und können wir so gut wie jedes Bild, und sei es noch so apologetisch kriegstreiberisch, mithilfe der “Waffe der Kritik” untersuchen, erläutern und gegen jene wenden, die sich mit solchen, meist heroischen, Auftragsarbeiten Massenloyalität für ihre Kriege schaffen wollen. Ist das nicht eine Sisyphusarbeit? Ja und nein. Ja, wenn wir sie einzeln und isoliert betreiben. Nein, wenn wir Mitstreiterinnen und Mitstreiter für diese Aufgabe gewinnen, und selbst aktiv werden. Denn das bloße Interpretieren hat bekanntlich noch nie etwas bewirkt – es kommt wohl nach wie vor darauf an, die Welt zu verändern.

Was wir aus Kriegsfotos lernen können – und was nicht (4. Teil)

Aus persönlichen Gründen hatte ich in den letzten Wochen nicht ausreichend Muße, diesen Essay weiterzuschreiben. Jetzt geht es aber weiter – hier der vorletzte Teil meines Aufsatzes. Wie immer bedauere ich, dass ich aus Copyright-Gründen auf illustrative Fotobeispiele verzichten muss.

Die “Demokratisierung der Fotografie” ist ein Faktum, das eine Reihe neuer Probleme für die berufsmäßigen Fotograf_innen, egal in welcher Sparte, aufgeworfen hat. Täglich werden Millionen Digitalfotos in soziale Medien gepostet; auch in kolonialen und halbkolonialen Ländern haben – wenn auch durch die materiellen Bedingungen stark eingeschränkt – immer mehr Menschen die Möglichkeit, digital zu fotografieren (Stichwort: Handycam). In den “reichen” Ländern machen sich Bildredakteure großer Medienkonzerne diese Entwicklung zunutze, indem sie die Leser_innen auffordern, als “Leserreporter” Fotos zu mailen, die dann um einen Bruchteil dessen, was das Bild von Berufsfotograf_innen kosten würde, angekauft und veröffentlicht werden.

Auch bei der Kriegs- und Krisenfotografie sollte damit die Verbreitung von “anderen” Bildern möglich sein. Allerdings: in „konventionellen” Kriegen werden in der Regel Fotos, die von einfachen Soldaten gemacht werden, einer Zensur oder zumindest Kontrolle unterworfen; außerdem ist es gerade in Kriegs- und Konfliktgebieten, vor allem in Afrika und Asien, nicht unbedingt gesichert, dass überhaupt eine Internetverbindung zur Übertragung von Bildern vorhanden ist. Und dann gibt es natürlich noch den Filter am Ende der Pipeline: bei den Massenmedien, die Bilder veröffentlichen.

Die Arbeit professioneller Fotoreporter_innen unterliegt bestimmten Regeln. Dazu gehört etwa, dass Bilder nicht “manipuliert” sein dürfen. Dahinter steckt der “Objektivitätsanspruch” der bürgerlichen Medienwelt. “Manipuliert” – das bedeutet  nicht nur, dass keine Retuschen vorgenommen werden dürfen, es heißt auch, dass die abgebildeten Ereignisse nicht inszeniert worden sein dürfen.

Weiter oben habe ich anhand eines Beispiels aus dem Irakkrieg gezeigt, wie sehr eingebettete Reporter dadurch manipuliert werden können und dadurch selber zu Manipulatoren werden, weil man sie in bestimmte Kriegssituationen versetzt, die für sie real sind, in Wirklichkeit aber im gesamten Gefüge der Kämpfe eine untergeordnete Rolle spielen können. Oder, brutal ausgedrückt: Was ist, wenn nicht der Fotograf, sondern eine der beteiligten Parteien die Situation inszeniert, die dann als objektive Realität abgelichtet wird?

Fotos können dann als der materielle Beweis für die offiziellen Rechtfertigungsargumente des Krieges durch eine Seite dienen.  Die Kriege im Irak, in Afghanistan, in Libyen und Syrien sind geradezu Lehrbeispiele dafür, wie durch gut gewählte Bildausschnitte und manipulative Bildunterschriften ein völlig undurchschaubarer Informationswirrwarr entstehen kann, der mehr verschleiert als erklärt (siehe die berühmten Fotos vom Sturz des Saddam-Hussein-Denkmals in Bagdad nach dem Einmarsch der US-Truppen).

Einen anderen Zugang eröffnen die Fotos deklariert parteiischer Fotografinnen und Fotografen. Ein Musterbeispiel dafür sind die Aufnahmen von Gerda Taro und Robert Capa aus der spanischen Revolution. Als politische Menschen, die in ihren eigenen Herkunftsländern Ungarn und Deutschland den Aufstieg des Faschismus erlebten und vor der braunen Flut nach Frankreich flüchteten, sahen sie ihre Aufgabe darin, mit ihren Fotos international den Kampf der spanischen Werktätigen gegen den Generalsputsch propagandistisch zu unterstützen. Wenn man die Fotos dieser beiden stellvertretend für andere, auch anonyme, Reportagen über die republikanische Seite, betrachtet, sieht man sehr unterschiedliche Stilmittel, mit denen sie dieses propagandistische Ziel erreichen wollten. Da gibt es die “traditionellen” Kriegsberichtsfotos, die sich aber dadurch von anderen Fotos aus Kriegssituationen unterscheiden, weil sie Kombattanten zeigen, die bei nicht bereits politisierten Betrachterinnen und Betrachtern Fragen aufwerfen: Was sind das für seltsame Truppen, die keine einheitlichen Uniformen haben? (Weil es sich um oft spontan entstandene Milizen handelt). Wieso sieht man so viele bewaffnete Frauen? (Weil das halt revolutionäre Truppen sind, in denen Frauen und Männer gleichberechtigt kämpfen)1siehe speziell dazu das Kapitel “Miliciennes à l’entraînement” in Bernard Lebrun & Michel Lefebvre, Robert Capa Traces d’une légende (Paris, 2011)(S. 90).

Speziell von Gerda Taro gibt es zahlreiche Fotos von Frauen in der Revolution – als Kämpferinnen, als Bäuerinnen, Arbeiterinnen, aber auch als Opfer des faschistischen Terrors – auf der Flucht, verwundet …

George Orwell beschreibt in “Mein Katalonien” sehr gut, was ihn (und andere Reporter) dazu bewogen hat, im Spanischen Bürgerkrieg Partei zu ergreifen. Berichterstatter machen sich damit natürlich angreifbar. Sie werden als einseitige Propagandisten von jenen abgelehnt, die ebenfalls einseitig sind – nur eben auf der anderen Seite.

Was hat es mit der angeblichen Objektivität der Fotoreporter auf sich? Waren die Fotos von Lee Miller, die sie nach der Befreiung Dachaus fotografiert hat, “objektiv”? Konnten sie “objektiv” sein? Das gleiche trifft auf die Reportagen von Margaret Bourke-White zu. 2Margaret Bourke-White, Deutschland, April 1945 (München, 1979)
Ich behaupte, dass eine “objektive” Kriegsfotografie nicht möglich ist. Bewusst oder unbewusst ergreift jeder Fotograf, jede Fotografin Partei. Es liegt am Betrachter, an der Betrachterin, ob sie imstande ist, diese Parteilichkeit zu lesen, zu verstehen, in das eigene Weltbild einzupassen.

Parteilichkeit führt oft, aber nicht immer, zu einer eigenen Ästhetik. Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann veröffentlichte 1933 seinen Bildband Der Triumph des Willens – Kampf und Aufstieg Adolf Hitlers und seiner Bewegung, der eine Glorifizierung des Aufstiegs der NSDAP war. Wenn man seine Bilder von Aufmärschen der SA in der “Kampfzeit” mit zeitgenössischen Pressefotos vergleicht, zeigt sich schnell, was gemeint ist. Das “Heldische”, das sich in einer bestimmten Bildsprache ausdrückt (Gesichter leicht von unten aus der Schräge aufgenommen, die Augen der Porträtierten starr nach vorne oben, im Visier ein unsichtbares Ziel) ist die visuelle Fortführung einer Ästhetik, die wir auf Kriegerdenkmälern des 19. Jahrhunderts und besonders aus der Zeit des 1, Weltkrieges kennen. Die Fotos von Wahlkampfaktionen der SA und Straßenschlachten mit proletarischen Gegners zeigen stattdessen die Gesichter wütender gewaltbereiter Kleinbürger und Lumpenproletarier.

Der letzte Teil dieses Aufsatzes wird sich mit der Verantwortung des kritischen Medienkonsumenten beschäftigen.

Was wir aus Kriegsfotos lernen können – und was nicht (2. Teil)

Die Methode des embedding war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die amerikanische Armee durch die Berichterstattung, auch in den amerikanischen Medien, über den Vietnamkrieg traumatisiert war. Es ist natürlich überzogen, wenn amerikanische Politiker und Militärs behaupten, die USA hätten den Krieg dort durch Fotos und Reportagen verloren. Sicher ist aber, dass der propagandistische Anspruch der Verteidigung der “freien Welt” irgendwo in Südostasien durch Bilder von brennenden Kindern oder Massakern an der Zivilbevölkerung leiden musste.

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Videosonntag: Porträt der Pulitzer-Preisträgerin Anja Niedringhaus

Vor ziemlich genau 5 Jahren wurde die weltbekannte Fotografin Anja Niedringhaus in Afghanistan ermordet. Oft wurde sie als „Kriegsfotografin“ bezeichnet, was ich deswegen ungern tue, weil das nur ein Aspekt ihrer fotografischen Arbeit war (man könnte sie genauso als „Sportfotografin“ oder „Menschenfotografin“ charakterisieren).

Ein problematischer beruflicher Aspekt wird in der Doku von Katja Deiß angesprochen: Die Rolle der „embedded journalists“. Dazu wird es demnächst einen eigenen Beitrag hier auf complexityinaframe geben.