Rezension: MEISTERKLASSE FOTOGRAFIE / Schauen, verstehen, ausprobieren

Wer das Buch “Meisterklasse Fotografie” erwirbt, ist in der glücklichen Lage, gleich mehrere Bücher zum Preis von einem zu bekommen. Einerseits stellt Autor Paul Lowe, Leiter des Fachbereichs Kommunikation an der University of Arts, London, 100 Bilder führender Fotografinnen und Fotografinnen, quer durch die Geschichte des Mediums, vor; das alleine wäre löblich, würde aber den Markt einschlägiger “best of…”-Bände höchstens um einen weiteren vermehren. Die Interpretation und die Informationen zur Entstehungsgeschichte der einzelnen Aufnahmen sind knapp, gehen aber viel tiefer als traditionelle reine “Bildbeschreibungen”, die wenig Substanzielles zum Verständnis einer Fotografie beitragen. Auch das alleine wäre also schon bemerkenswert.

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Blick ins Buch – das Symbol-Leitsystem

Das wirklich Besondere an diesem Buch sind aber die Symbole bei jedem Eintrag, die technische und kreative Tipps geben, um der Leserin oder dem Leser die Möglichkeit geben, das aus den Bildern “Gelernte” selbst nachzuvollziehen oder nachzustellen. Dieses graphische Leitsystem und die kluge Gliederung des Buches führen direkt dazu, das Gesehene selbst praktisch ausprobieren zu können.

Unter “Kamera” wird erklärt, warum der Fotograf, die Fotografin für eine bestimmte Aufnahme welchen Kameratyp gewählt hat. Nun ist es aber nicht so, dass man, um z. B. ein Bild im Stil Atgets zu machen, unbedingt eine Balgenkamera ausleihen oder gar kaufen wird, um auf 8 mal 10 Zoll Glasplatten zu belichten und dann Albuminabzüge herzustellen. Die Diskussion der Möglichkeiten der im Original verwendeten Kameras und ihren Vor- und Nachteile bietet vielmehr kreative Anregungen, wie man, z. B. mit einer digitalen Spiegelreflexkamera oder sogar mit einer Handycam,  bestimmte Effekte “nachspielen” kann.

Ähnlich fundiert begleiten Symbole für Farbe/Tonwert, Komposition, Digital, Belichtung, Blitzlicht, Objektiv, Beleuchtung, Aufnahmeort, Methode, Entwicklung und Motiv die beispielhaften Fotografien, die Lowe erörtert.

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Der Aufbau des Buches ist übersichtlich: Foto, Erklärung zum Bild, Angaben über Fotograf/Fotografin, Tipps und Detailanalyse

Persönlich sprechen mich besonders die unter “Methode” versammelten Überlegungen und Hintergrundinformationen an. Hier erfährt man eine ganze Menge über die, nennen wir es ruhig philosophischen, Beweggründe, warum Fotografinnen und ihre Fotografen ihre Bilder genauso und nicht anders gestaltet haben, wie wir sie heute vor uns haben. Mit einem Preis von 25,70 EUR bewegt sich das Buch zudem in einem Preissegment, das es auch für Fotobegeisterte mit schmälerer Brieftasche erschwinglich macht – auch als Geschenk ein heißer Tipp!

 

Paul Lowe

Meisterklasse Fotografie

Die Kreativgeheimnisse der großen Fotografen

288 Seiten, 150 farbige, 50 s/w-Abbildungen

Prestel-Verlag

EUR 25,70

Dieser Text erscheint in leicht modifizierter Form im Kundenmagazin von Lhotzkys Literaturbuffet, BUCHSTABENSUPPE

Buchtipp: Einfach gut fotografieren

Im h.f.ullman-Verlag ist die deutsche Ausgabe von The unforgettable Photograph von George Lange und Scott Mowbray erschienen.

George Lange absolvierte die Rhode Island Scholl of Design und war unter anderem Mitarbeiter von Annie Leibovitz und Duabe Michals. Koautor Mowbray ist herausgeber des Magazins Cooking Light und Amateurphotograph.

Der Untertitel des Buches ist vielversprechend: 228 Ideen und Tricks für die besten Fotos deines Lebens. Das Buch kostet übrigens in Österreich 15,40 EUR.

Na das kann schon was sein, bei dem Preis„, höre ich in Gedanken irgendeine nörglerische Stimme. Und ich antworte: „Ja, das kann nicht nur was sein, das ist etwas“. Was mir an diesem hübsch gemachten Buch gefällt (außer einer erstaunlichen Zahl an Druckfehlern, die aber nicht sinnentstellend sind – ist doch auch schon was, oder?) ist der unerhört entspannte Zugang. Hier werden keine „Minimalanforderungen“ an das Material vorangestellt, Lange betont, dass man die vorgestellten Ideen sowohl mit einer Profi-Spiegelreflexkamera wie mit einer Handycam umsetzen kann. 

Ihm geht es um den Spaß am Fotografieren – manche Kapitelüberschriften sind überraschend: „Der Moment ist wichtig – nicht das Motiv„etwa. Folgt man aber den Überlegungen des Autors, wird der Sinn verständlich:

Den Moment, der dir ein unvergessliches Foto beschert, kannst du nicht beeinflussen. Du kannst nicht einmal wirklich beurteilen, was du siehst, wenn sich die Blende fü ein paar Millisekunden öffnet. Oft hast du keinen blassen Schimmer, welches jetzt tatsächlich das beste Bild ist, bist du dir die Serie von Aufnahmen ansiehst.

Dementsprechend illustrieren die Fotos jeweils eine Grundidee: „authentisch bleiben“, „Intimität einfangen“, „Licht wahrnehmen“, und so weiter. Bei jedem Bild gibt es für technisch Interessierte Erklärung der Bilddaten Verschlusszeit, Blende, ISO-Wert und Brennweite. 

Ermutigend: Lange zeigt Fotos von Menschen und Situationen, die tatsächlich „reproduzierbar“ sind. Fotos von Familienangehörigen und Freunden, Szenen aus dem Alltag. Auch ohne (semi)professionelle Models lässt sich’s gut fotografieren, Grundüberlegungen zu Komposition und Bildgestaltung fließen angenehm unaufdringlich ein. Hübsche Anregungen bietet das Schlusskapitel „Spaß haben“: Neben der Anregung zu kleinen Projekten gibt es sehr schöne Anregungen, wie man Fotos präsentieren kann – vom selbstgestalteten Leporello bis zum Foto-Mobile.

Das Lachen und die Kamera

Rolf H. Krauss hat im Kerber-Verlag eine „andere Geschichte“ der Fotografie herausgegeben: „Das Lachen und die Kamera“. Rolf H. Krauss ist nicht irgendein Lustikus, der uns Karikaturen oder Schnurren vorsetzt – er war unter anderem von 1976 bis 1996 Vorsitzender der Sektion Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Fotografie und hat eine Reihe von historischen Arbeiten zu diesem Thema veröffentlicht.

Und wirklich – wenn man in diesen schön gemachten Band „hineinfällt“, schmunzelt, lächelt oder lacht man nicht nur über die Abbildungen (darunter etliche des großen Honoré Daumier, der ja ein spöttischer Chronist seiner Zeit war) – man lernt aus den Begleittexten wirklich eine ganze Menge über die Entwicklung der „8.“ (oder 9.?) Kunst.

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PHOTOGRAPHIE. Neues Verfahren, um ein lockeres und anmutiges Bild zu schaffen (Daumier, 1856)

Am Anfang standen Staunen und Spott – Staunen über den unglaublichen Realismus der „Lichtmalerei“; Spott über die langen Belichtungszeiten.

Unter einer Karikatur aus dem Jahr 1839 findet sich folgender Text:

Jawohl, Madame, mit dem Daguerrotrappe könnten wirden Teufel einfangen! Die Börse … das Innenministerium – sie sind schon festgehalten worden. Wir machen Kunst und brauchen dazu keinen Künstler! … Mit Porträts – das geht wie geschmiert. Eine Dreiviertelstunde ohne mit der Wimper zu zucken … fertig ist’s: Sie sind perfekt festgehalten.

Schon lange vor Walter Benjamins Aufsatz über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit oder diversen theoretischen Essays darüber, was Fotografie denn nun eigentlich sei (Kunst oder ???), kommt hier („Kunst ohne Künstler“) einerseits die Faszination des neuen Mediums zum Vorschein wie die Verachtung gegenüber einer „künstlerfreien“ Ablichtungsform.

Übrigens – eine Dreiviertelstunde brauchte ein erfahrener Daguerrotypist nicht für ein Porträt, 20 Minuten reichten aus.

Nicht zustimmen kann ich dem Verfasser des amüsanten und lesens- und betrachtenswerten Buches, was seine Schlussbemerkung betrifft:

Spätestens mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verstummt das Lachen über die Fotografie. Zu diesem Zeitpunkt hat sie endgültig ihr revolutionäres Potenzial verloren und ist Teil des täglichen Lebens geworden. Das ist bis heute so geblieben. Die Fotografie selbst hat es nicht vermocht, mit ihren Mitteln Lachen zu generieren. Es ist schwierig, über sich selbst zu lachen. Alle Versuche in dieser Richtung, die sich unter dem Begriff „Fotohumor“ zusammenfassen lassen, sind der Beachtung nicht wert.

Im engsten Sinne – Fotos, die sich in humorvoller Art mit der Fotografie selbst auseinandersetzen – würden mir doch einige Aufnahmen der „klassischen Moderne“ einfallen, unter anderem das berühmte Porträt von Henri Cartier-Bresson bei der Arbeit, oder etliche Fotos in LIFE, die Fotografen an der Arbeit zeigen.

Aber vielleicht ist die Definition von Humor auch wirklich zu subjektiv. Wertvoll ist „Das Lachen und die Kamera“ auf jeden Fall.

Rolf H. Krauss
Das Lachen und die Kamera
Eine andere Geschichte der Fotografie
Kerber-Verlag 2015
252 Seiten, 35,90 EUR