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Susan Meiselas im Kunsthaus Wien

Zur Zeit gibt es im KunstHaus Wien (bis zum 13. Februar 2022) eine der bedeutenden amerikanischen Fotografin Susan Meiselas gewidmete Personale zu sehen.

Die 1948 geborene Fotografin studierte visuellen Kommunikation in Harvard und unterrichtete anschließend an New Yorker Schulen Film und Fotografie. In dieser Zeit entstanden zwei Projekte: Carnival Strippers (1972–1975) und Prince Street Girls (1975–1992). Drei Sommer lang dokumentierte sie das Leben von Frauen, Frauen, die auf Jahrmärkten als Striptease-Tänzerinnen auftraten. Die Prince Street Girls, ein Langzeitprojekt, entstanden ab 1974, als Meiselas in ein Quartier in Little Italy übersiedelte. Eine Gruppe von Kindern erregte das Interesse der Fotografin, und über mehrere Jahre begleitete Meiselas die Mädchen in ihrer Entwicklung zu jungen Frauen. So entstand eine unerhört lebendige Geschichte über das Erwachsenenwerden in diesem Teil New Yorks.

Susan Meiselas vor einem Foto aus der Prince-Street-Girls Serie

1976 erschien „Carnival Strippers“ in Buchform und ebnete Meiselas den Weg zur Mitgliedschaft in der von Henri Cartier-Bresson und Robert Capa mitbegründeten Fotoagentur Magnum.

1978/79 ging sie nach Nicaragua – nicht als Kriegsreporterin, sondern um selbst zu verstehen, welcher Prozess in dem mittelamerikanischen Land ablief. Das Regime des verhassten Diktators Somoza stand vor dem Zusammenbruch, der Aufstand der (hauptsächlich sehr jungen) Sandinistas wurde von der Diktatur mit US-amerikanischer Hilfe brutal bekämpft. Trotzdem war Somoza nicht zu retten.

In den letzten Tagen vor dem Sturz des Somoza-Clans entstand ein ikonisches Bild, das Susan Meiselas weltberühmt machen sollte: Der berühmte „Molotov-Man“. Man muss sich vergegenwärtigen dass damals Fotos aus Krisengebieten nicht wie im digitalen Zeitalter fast zeitgleich über das Internet an die Agenturen und Redaktionen geschickt werden konnten. Maiselas fotografierte in Schwarzweiß (diese Aufnahmen konnte sie an Ort und Stelle entwickeln) und in Farbe (diese Filme wurden auf teilweise abenteuerliche Weise außer Landes geschmuggelt und dann nach Paris befördert, wo Magnum seinen Sitz hatte). Das heißt, dass die Fotografin selbst nur indirekt, über die schwarz-weißen Kontaktabzüge, auf die Farbfotos verweisen konnte, die sie selbst er später sehen konnte. Das Bild des jungen Sandinisten Pablo „Bareta“ Arauz, der einen aus einer Pepsiflasche gebauten Molotowcocktail auf eines der letzten Regimenter der Nationalgarde Somozas schleuderte wurde auf Dutzenden Broschüren, Flugblättern und Plakaten verwendet, zierte T-Shirts, tauchte als Wandgemälde in- und außerhalb Nicaraguas auf, wurde zu einem Symbolfoto der sandinistischen Revolution.

Susan Meiselas beschäftigte sich in ihren Projekten auch mit anderen mittel- und südamerikanischen Ländern – Salvador und Chile. Einen weiteren Fokus legte sie auf das Schicksal des kurdischen Volkes. 1991, zu Beginn des Irakkrieges, wusste fast niemand in den USA etwas über die Kurden, erinnert sich Susan Meiselas. Für sie war es der Beginn einer fotografischen Archivarbeit. „Kurdistan – im Schatten der Geschichte“ ist eine visuelle Aufarbeitung der Geschichte eines Volkes, das bis heute keinen eigenen Staat gründen konnte.

Full House beim Artists Talk mit Susan Meiselas im KunstHaus Wien

Aber die Fotografin setzte sich auch eindrücklich mit den Schattenseiten der USA selbst auseinander. Anfang der 1990er-Jahre beteiligte sich Meiselas an einer Sensibilisierungskampagne zum Thema häusliche Gewalt in San Francisco. Wie beim Kurdistan-Projekt beschränkte sie sich nicht auf eigene Fotos sondern verwendete auch Polizeiaufnahmen und Zeitungsberichte, die sie zu Collagen zusammenstellte, die im öffentlichen Raum gezeigt wurden. Dieses „Archive of Abuse“ ist ein erschreckender Einblick in eine oft heruntergespielte Welt der Alltagskriminalität.

Eine berührende Ergänzung findet diese Arbeit im Projekt „A room of their own“: In den englischen West Midlands besuchte Meiselas eine Zufluchtsstätte für Frauen (und deren Kinder), die vor häuslicher Gewalt geflüchtet waren. Wieder entstand ein vielschichtiges Dokumentationsprojekt, das tiefe Einblicke in die gesellschaftlichen Ursachen und Folgen der Gewalt gegen Frauen aus der „Unterschicht“ gewährt.

Wer sich für das Lebenswerk der großen Fotografin und Dokumentaristin Susan Meiselas interessiert, wird an der Ausstellung im KunstHaus Wien nicht vorbeikommen.

Kurt Lhotzky

Fotokunst trotz(t) Corona: HANDMADE V in der Anzenbergergallery

Vorweg: Ich trage meinen Mund-Nasen-Schutz freiwillig, meistens auch im öffentlichen Raum (allein im Wald eher nicht); ich halte Absnatnd zu meinen Mitmenschen. Ich wasche meine Hände und desinfiziere sie, wenn ich in Geschäften bin oder war.

Verantwortung gegenüber den Anderen heißt nicht zwangsläufig, Zwangsmaßnahmen gutzuheißen. Und da sind wir bei der sehenswerten Ausstellung HANDMADE V.

Der erzwungene Lockdown und die damit einhergehenden sozialen Probleme und finanziellen Einbußen wären eine ideale Möglichkeit gewesen, der Bevölkerung Kunst und Kultur nahezubringen. Warum, zum Geier, öffnet man nicht Museen, Galerien etc. für die Öffentlichkeit? Warum übernimmt der Staat nicht die Kosten, um freien Zutritt für alle zu Ausstellungen zu gewährleisten? Warum schafft man nicht (zumindest temporäre) Arbeitsplätze, indem man Menschen, die durch Corona ihre Arbeit verloren haben, als Aufseher*innen in Museen oder bei Ausstellungen einsetzt oder sie gar (bei entsprechendem Interesse) zu Ausstellungsführer*innen umzuschulen?

Vermutlich wäre – unter Einhaltung der hygienischen Sicherheitsmaßnahmen – der Aufenthalt in einer Galerie oder einem Museum auch nicht gefährlicher als der Einkauf im Supermarkt.

That being said, möchte ich euch alle auf die bemerkenswerte Ausstellung HANDMADE V – more than photography in der Anzenbergergallery in der Wiener Absberggasse 27, 1100 Wien, hinweisen. Hier der aussagekräftige Informationstext der Veranstalterin:

Die bereits fünfte Ausgabe der Ausstellung HANDMADE zeigt Arbeiten, die Handwerk, analoge Technik und Inszenierung mit Fotografie verbinden und sich somit über die Grenzen konventioneller, zweidimensionaler oder dokumentarischer Fotografie hinwegsetzen. Durch unterschiedliche Methoden werden greifbare, handgearbeitete und fühlbare Werke geschaffen, die einen Gegensatz zur heutigen, virtuellen und digitalen Fotografie bilden.

Die ausgestellten Arbeiten der Künstler*innen Jessa FairbrotherEllen KorthGabriela MorawetzHeather F. Wetzel, Konrad Stania, Larissa CoxLetitia HuckabyMinyo SzertRegina AnzenbergerRoger Ballen, Simone Casetta, Yelena Zhavoronkova sind erstaunlich / faszinierend / inspirierend – wie auch immer.

Besucher*innen sollten es nicht versäumen, die beeindruckende Auswahl an Fotobüchern im bookshop (der in die Galerie integriert ist, oder vice versa) durchzuschauen.

Noch ein Wort zur Inspiration: Gerade jetzt, wo eventuell mehr Zeit zuhause verbracht werden muss ist es durchaus eine Option, die eine oder andere Technik (Kombination verschiedener handwerklicher Tätigkeiten mit Fotografie) im Rahmen der eigenen Möglichkeiten „nachzustellen“. Vielleicht entstehen so auch interessante und individuelle Weihnachtsgeschenke?

Praxistipp: Wer nach Besuch der Ausstellung Lust aufs selber fotografieren bekommen hat, ist in ein paar Minuten im Laaer Wald oder im Böhmischen Prater.

Beginn: Langer Freitag, 6. November 2020 von 12-19.00 Uhr

Ausstellungsdauer: 7. November 2020 bis 5. Februar 2021

Öffnungszeiten: Mi-Sa 12-18 Uhr oder nach Vereinbarung

STREET.LIFE.PHOTOGRAPHY – eine sehenswerte Ausstellung im Kunsthaus Wien

Von 11.09.2019 bis 16.02.2020 kann man in Wien im Kunsthaus eine wahrhaft internationale Ausstellung zur Geschichte der Streetphotography besuchen: STREET.LIFE.PHOTOGRAPHY – Street Photography aus sieben Jahrzehnten.

International ist nicht nur die Auswahl der vertretenen Fotografinnen und Fotografen – von Klassikern wie Robert Frank (CH/USA), Diane Arbus (USA), Martin Parr (GB) zu jungen Künstlerinnen und Künstlern wie Loredana Nemes (ROM/D), Mohamed Bourouissa (ALG/F) oder Lies Maculan AUT).

Die Ausstellung ist auch das Ergebnis einer grenzübergreifenden Zusammenarbeit zwischen dem Haus der Photographie/Deichtorhallen Hamburg und dem Kunsthaus Wien. Nächste Station wird dann Winterthur sein. Kuratiert wird die Schau von Sabine Schnakenberg (Hamburg) und Verena Kaspar-Eisert (Wien).

Die langjährige Zusammenarbeit von Frau Schnakenberg mit F.C. Gundlach (sie ist seit 2001 für die Betreuung der Sammlung des einstigen Modefotografen tätig) hat es wohl erst möglich gemacht, einen qualitativ derartig einzigartigen Querschnitt durch das Genre Streetphotography zu präsentieren. Mehr als 200 Werke zeigen die Vielfalt dieses Bereichs der Fotografie.

Die „Mutter aller Streetphotography“-Ausstellungen, die in Hamburg im Rahmen der Triennale von Juni bis Oktober 2018 gezeigt wurde, konnte schon aus räumlichen Gründen nicht eins zu eins nach Wien transponiert werden. Gab es in Hamburg sieben Themengruppen (Street Life, Crashes, Public Transfer, Urban Space, Lines and Signs, Anonymity und Alienation) fehlen in Wien Urban Space und Lines and Signs als eigene Blöcke. Sabine Schnakenberg trug damit den räumlichen Möglichkeiten im Kunsthaus Wien Rechnung, zumal sie ein sehr klares Ausstellungskonzept verfolgt: Der Ausstellungsraum ist eine Herausforderung, der sich die Kuratorin anpassen muss; sie will keine chronologische, quasi enzyklopädische, sondern eine thematische Schau zeigen, die nicht „hoch ästhetisch“ ist, sondern den konzentrierten Blick auf die ausgestellten Bilder freigibt. Und sie mied bewusst, wie sie sagt, Henri Cartier-Bresson, weil der „ohnehin schon von oben nach unten und von unten nach ober herunter dekliniert wurde“.

Machen wir gemeinsam einen kleinen Rundgang durch STREET.LIFE.PHOTOGRAPHY.

„Street Life“ zeigt uns das ungeschminkte Leben (auf) der Straße, die Passantinnen und Passanten, die Straße als Lebensraum. Wir sehen hier anhand zahlreicher Beispiele, von Lisette Model und ihrer Schülerin Diane Arbus beginnend, wie unterschiedlich Fotografinnen und Fotografen an die „Objekte ihrer Begierde“ herangehen. Der distanzierte Blick Models kontrastiert mit, sagen wir, Bruce Gildens, der seine „Opfer“ in den Straßen New Yorks geradezu anspringt.

Aus der Ausstellung „[SPACE] STREET. LIFE. PHOTOGRAPHY“ Deichtorhallen Hamburg/Haus der Photographie 8. Juni – 21. Oktober 2018

„Crashes“ zeigt Brüche im gewohnten Alltagsbild – Unfälle, echte oder als Filmsetting konstruierte; enttäuschte Erwartungen; Zerstörungen aller Art.

Menschenmenge vor dem Opernhaus, die die Ankunft der Gäste beobachtet. Polizeikordon für Personenschutz im Einsatz.

„Public Transfer“ zeigt die Parallelwelt des öffentlichen Nahverkehrs – spannend hier die Perspektive von Loredana Nemes, die sich meist Nachts die Städte erobert und zeitlose Porträts von Bus- und U-Bahn-Benützerinnen (und Benützen) macht. Beunruhigend in dieser Abteilung die Bilder Michael Wolfs aus der U-Bahn von Tokyo, auf denen die in die Züge gequetschten Menschen wie Leichen in der Prosektur wirken.

„Anonymity“ thematisiert die oft beschworene Vereinsamung des Menschen im urbanen Raum. Diese verlockt auch Fotografinnen und Fotografen, aus der Distanz, anonym Menschen zu beobachten und Augenblicke fremden Lebens festzuhalten. Die Grenzen zum Voyeurismus sind hier mehr als fließend.

„Alienation“ zeigt Ent- und Verfremdung: in den Fotos von Philip-Lorca diCorcia von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern in Las Vegas, in denen die Entfremdung der verkauften Arbeitskraft am offensichtlichsten zutage tritt. Bei Lee Friedlander, dessen Schatten in seinen Fotos auftaucht, ihn zum Teil des Bildes macht. Und in extremer Form bei Doug Rickard, der das Haus gar nicht verlässt, sondern Straßenbilder (auch aus google streetview) vom Computermonitor abfotografiert und dann Menschen hineinmontiert.

Für mich wirft die Ausstellung aber auch einige Fragen auf. Zunächst – kann und soll Streetphotography zur „Ausstellungskunst“ werden? Ohne Zweifel gibt es extrem ästhetische und künstlerische Straßenfotografien. Aber andererseits gibt es gerade im digitalen Zeitalter enorm viele, teilweise ebenso hervorragende, Aufnahmen, die nie das gedruckte Licht der Welt erblicken, weil sie auf sozialen Medien oder in Online-Portfolios gepostet werden. Klar – eine Kuratorin muss auf das vorhandene Material zurückgreifen, das „vorzeigbar“ ist. Trotzdem tut sich hier meiner Meinung nach eine Lücke auf, der man sich bewusst sein sollte.

Die klassische Diskussion „Was ist eigentlich Streetphotography?“ will ich hier nicht neu aufrollen. Meinem Verständnis nach gibt es aber eine Grenze der Inszenierung, die Street von anderen fotografischen Formen trennt. Dazu gehören etwa die erwähnten Arbeiten von Doug Rickards, die für mich mehr ins Composing ressortieren, oder die Fotos des Dänen Peter Funch, der erstaunliche Verfremdungen vornimmt, indem er in das Foto einer bestimmten Straßenecke im Rahmen eines Langzeitprojekts Menschen bei ähnlichen Handlungen geballt zusammenmontiert.

Dass mir als Verfechter der Sozialfotografie zumindest ein Bild von David Goldblatt oder einem anderen Fotografen, der den Straßenalltag des Apartheid-Regimes abgebildet hat, ebenso fehlt wie Bilder vom Mai 68, den „troubles“ in Nordirland, dem englischen Bergarbeiterstreik 1983 oder dem arabischen Frühling 2010 ist natürlich subjektiv. Bloß – hat „die Straße“ da nicht eine ganz besondere Rolle gespielt?

Aber diese Überlegungen ändern nichts daran, dass die Ausstellung STREET.LIFE.PHOTOGRAPHY ein wirklicher Gewinn für alle ist, die sich mit dem Genre beschäftigen. Zum Glück sollte es die lange Laufzeit allen Interessierten möglich machen, ins Kunsthaus Wien zu kommen und sich einen eigenen Einblick zu verschaffen.

Kurt Lhotzky

Spezieller Dank an das Kunsthaus Wien für die Verwendungsgenehmigung der Fotos im Text!

Fotogalerie von der Pressekonferenz: Fotos Kurt Lhotzky, Creative Commons Lizenz 2

Das wird die Foto Wien – Pressekonferenz

von links nach rechts: Gabriele Rothemann, Verena Kaspar-Eisert, Bettina Leidl, Sophie Tappeiner

Im Rahmen des European Month of Photography (EMOP) steht Wien zwischen dem 20. März und dem 20. April 2019 ganz im Zeichen der Fotografie. Bereits die Auftaktpressekonferenz dokumentierte, dass 30 außergewöhnliche und spannende Tage für alle Fotografie Interessierten angebrochen sind.

Das Podium zeigte deutlich, dass im Rahmen der Foto Wien in vielerlei Hinsicht der Rolle von Frauen in der modernen Fotografie Rechnung getragen wird.  Ich habe auf complexityinaframe darüber berichtet, dass es im vergangenen Jahr zu diesem Thema rund um die international wichtigen “Rencontres de la Photographie” in Arles heftige öffentliche Kontroversen gegeben hat. Zu Recht wurde meiner Meinung nach kritisiert,  dass bei diesem renommierten Festival Fotografinnen unterrepräsentiert sind. Das ist bei der Foto Wien nicht der Fall.

Full house bei der Pressekonferenz

Vier Kuratorinnen, DirektorInnen von Galerien oder Museen, Lehrende an Kunsthochschulen  gaben einen Überblick darüber, was in den nächsten vier Wochen an Ausstellungen, Projekten, Vorträgen, Workshops, Spaziergängen… im Rahmen der Foto Wien stattfinden wird.

Die Festivalzentrale im Postsparkassengebäude, das von Otto Wagner gestaltet wurde, bietet einen fulminanten Rahmen für das bisher größte Fotoevent in Wien. Die Direktorin des KUNST HAUS WIEN, Bettina Leidl, leitete die Pressekonferenz mit einem allgemeinen Überblick über das Programm der Foto Wien ein. Gemeinsam mit 130 Programmpartnerinnen und -partnern werden im architektonischen Kleinod am Georg-Coch-Platz Ausstellungen, Portfolio Reviews, eine Fotobuchausstellung, Vorträge und natürlich Ausstellungen stattfinden.

Blick auf den Zugang zur Fotobuchausstellung

Verena Kaspar-Eisert, Kuratorin im KUNST HAUS WIEN, gehört zu den Mitgestalterinnen der Ausstellung „Bodyfiction“. Das Projekt im Rahmen des European Month of Photography thematisiert die Inszenierung, Darstellung und Instrumentalisierung des menschlichen Körpers in der Gegenwartsfotografie. In Wien werden die Arbeiten der fünf Fotografen und Fotografinnen präsentiert, die für den EMOP Arendt Award 2019 nominiert sind: Carina Brandes, Matthieu Gafsou, Weronika Gesicka, Alix Marie und SMITH.

Blick auf „Bodyfiction“

Gabriele Rothemann, verantwortlich für die Klasse Fotografie an der Universität für angewandte Kunst Wien, führte in die von StudentInnen gestaltete Ausstellung „A Fork in the Road“ ein. Das Schöne an dieser “Leistungsschau” der jungen Fotograf_innengeneration ist die Zusammenarbeit mit der Athens School of Fine Arts. Die bemerkenswerten Arbeiten sind, ebenso wie “Bodyfiction”, im euphemistisch “Tiefparterre” genannten Untergrund des Postsparkassengebäudes zu besichtigen.

Sophie Tappeiner sprach stellvertretend für die  zahlreichen Programmpartner_innen über die Besonderheiten des Festivals.

Beim Rundgang durch die bereits fertig gestalteten Ausstellungsräume und jene Bereiche, in denen noch für die offizielle Eröffnung heute Abend gearbeitet wurde, wurde mir deutlich bewusst, dass sogar 30 Tage Laufzeit der Foto Wien nicht ausreichen werden, um auch nur einen globalen Überblick über alle Veranstaltungen zu bekommen. Alleine die Räumlichkeiten in der ehemaligen Postsparkassenzentrale  sind so opulent, dass man vermutlich stundenlang durch die labyrinthartigen Gänge flanieren könnte.

Ausgesprochen originell wurden Ausstellungsbereiche in die Architektur integriert. So kann man etwa hinter den alten hölzernen Kassenschaltern die beeindruckende Fotobuchausstellung bewundern. Apropos – im Rahmen der Foto Wien wird auch ein Fotobuch-Preis ausgelobt.

Soweit also meine ersten Eindrücke und Informationen zur Foto Wien. Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl an dezentralen Ausstellungen und Vorträgen, die am besten im Internet abgefragt werden können. In den nächsten 30 Tagen wird sich complexityinaiframe jedenfalls regelmäßig mit dem Programm der Foto Wien beschäftigen.

Zwischen Kitsch und Ikone

Es gibt erstaunliche kalendarische Erfindungen, die mich jedes Jahr aufs Neue erstaunen. Nein, ich meine nicht die Tage der Sommerzeitumstellung; und ihrer Rückstellung auf die Winterzeit. Das ist ja bald vorbei.

Ich denke an den 14.Februar – Valentinstag, ein wesentliches Element so gut wie jeder amerikanischen Sitcom und mittlerweile zur Freude der Gärtner und Floristen seit Jahren auch in Mitteleuropa „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen. Zur Freude der Chocolatiers, Juweliere, Konditoren und Drogeriemärkte übrigens ebenfalls.

Einen humorvollen und ironischen Beitrag zum „Liebesfeiertag“ aus der Retorte leistet die Pariser Galerie 291. Unter dem Motto „Romance“ sind bis 15. Februar Fotos, quer durch die Jahrzehnte, zu besichtigen, die alle eines gemein haben: Die Romantik zu verklären. Es genügt, auf eines der Bilder auf der Homepage zu klicken, und man sieht die ganze Fotogalerie.

Vielleicht eine Alternative am 14. Februar: Statt Blumen oder Pralinen ein Link nach Paris?

Videosonntag: JR und wie er die Welt beklebt

Im Eropäischen Haus der Fotografie in Paris (Maison Européenne de la Photographie) wird zur Zeit eine große JR-Ausstellung gezeigt. Der junge Fotokünstler, oder besser: Fotoaktivist  hat seine Laufbahn mit 15 als Graffitimaler begonnen. Kein Dach, keine Wand, keine Metro war vor ihm sicher, sein Tag „JR“ prangte über der Stadt. Bis er auf einem Bahnhof eine Kamera fand und begann, seine Freundinnen und Freunde bei der Arbeit zu fotografieren, Der nächste Schritt war bedeutsam: Er vergrößerte mittels Fotokopiergeräten seine Schwarz-Weißfotos und klebte sie an die Wände. Die Hausmauern wurden seine Galerie. Dann entwickelte sich die Idee weiter, und heute ist JR mit seinen teilweise „gigantischen“ Aktionen einer, der Ungleichheit sichtbar macht – von den Favelas in Brasilien über Dörfer in Afrika bis in die indischen Armenviertel.

Der folgende Vortrag von JR ist auf Englisch – lasst euch nicht abschrecken, wenn ihr euch sprachlich nicht fit genug fühlt! Die Foto- und Videoeinspielungen machen JR und sein Werk verständlich. Seht und staunt!

Paris fotografieren

Im Rathaus von Paris ist zur Zeit eine bemerkenswerte Ausstellung zu sehen, in der 16 Fotografinnen und Fotografen neue Blicke auf die Seinetropole werfen.

Es sind Fotos von hauptsächlich jüngeren Menschen, die teilweise aus Paris stammen, teilweise zugezogen sind, oder „nur“ ein Fotoprojekt durchziehen wollten. Entsprechend vielfältig sind die Eindrücke, die in der Ausstellung vermittelt werden.

Kurz zum Schauplatz: Das Rathaus (übrigens in dieser Form erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Neorenaissancestil errichtet) ist mit der Metro bequem erreichbar, und es ist erfreulich, dass eine Ausstellung in einem derartigen historischen Ambiente bei freiem Eintritt zu besichtigen ist. Wie bei nahezu allen größeren Ausstellungen bzw. an frequentierten Plätzen muss man sich einer peniblen Taschen- und Leibesvisitation unterziehen. Es empfiehlt sich daher, ohne allzu kleinteilige Fotoausrüstung unterwegs zu sein – ich habe gestaunt, was ich so alles in meinem Fotorucksack hatte ;-).

Schwer zu sagen, welche Fotos mir am besten gefallen haben. Sehr berührend fand ich die Fotos von Quentin De Briey (der zwischen Barcelona, New York und Paris pendelt) und Porträts von Menschen in Alltagssituationen macht. Oder die Bilder von Lucile Boiron, die seit 2016 die Flüchtlingszeltstädte in Paris aufsucht und das Leben der Menschen dort im Projekt „Young Adventurers Chasing the Horizon“ dokumentiert.

Durchaus inspirierend auch die abstrakten Fotos des Deutschen Peter Tillessen. Hängengeblieben bin ich beim Porträt von Elsa aus der Serie „Belleville“ von Thomas Boivin.

Wohlgemerkt – alle Fotos sind bemerkenswert, ich kann  hier aber nur ein sehr subjektives „Best of“ bieten. Und hier geht es zu den Fotos:

https://photos.app.goo.gl/EHeVA6jAX7GNnbRQ7

Eine spannende Ausstellung im Wiener Ringturm: Fundamente der Demokratie

Zum 20-jährigen Jubiläum der Ausstellungsreihe „Architektur im Ringturm“ wird dort ein weiteres Jubiläum zelebriert: 100 Jahre Republik.

„Fundamente der Demokratie“ ist ein programmatischer Einspruch – und er wird in dieser Schau fulminant eingelöst. Architektur als Spiegelbild des gesellschaftlichen und politischen Wandels; eine Idee, die seit den 20er Jahren von demokratisch und innovativ gesinnten Architekten und Bauherren (Stichwort: Baupolitik im „Roten Wien“) in bis heute wegweisende Bauwerke umgesetzt wurde. Eine spannende Ausstellung im Wiener Ringturm: Fundamente der Demokratie weiterlesen