Frankreich:“Die Niederlage der Un-Ordnungskräfte auf Twitter“

André Gunthert (geb. 1961) ist Dozent an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS), wo er den Lehrstuhl für visuelle Geschichte innehat. Seine Doktorarbeit trug (etwas gewagt übersetzt) den Titel: Die Eroberung des Schnappschusses. Archäologie fotografischen Phantasie in Frankreich, 1841-1895.

Auf seinem (wissenschaftlichen) Blog „L’image sociale“ veröffentlichte er jetzt einen spannenden Beitrag, der auch für nicht-französisch Sprechende verständlich ist:

Am Donnerstag, 14. April 2016 um 16:32 Uhr, verfolgt an der Kreuzung  Rue Jean Jaurès und rue Bouret eine Truppe von CRS-Polizisten (Spezialpolizei) eine Gruppe von Studenten. Die Szene wurde auch von BFM TV gefilmt : eine Caféhausbesuchering wird auf der Terrasse des Restaurant, die von den „Sicherheitskräfte“ blockiert wird, mit Tränengas besprüht und stellt empört einen Polizisten zur Rede . Ein CRSler schert aus dem Polizeikordon aus und versetzt der jungen Frau einen heftigen Tritt in den Magen, der sie zu Boden schleudert.

Dieses Bild, gleichermaßen Symbol für die willkürliche Repression gegen die Bewegung gegen die „Arbeitsrechtsreform“ (Loi El Hhomri) wurde über die sozialen Medien massenhaft verbreitet und bald in verschiedenen Varianten „bearbeitet“.

crs
„Die CRS führt das Volk“

Sehenswert!

http://imagesociale.fr/3074

 

INSPIRATION FOTOGRAFIE Von Makart bis Klimt

Im Unteren Belvedere in Wien ist noch bis 30. Oktober 2016 die Ausstellung „Inspiration Fotografie – von Makart bis Klimt“ zu sehen.

Sie beschäftigt sich mit dem keineswegs reibungsfreien Verhältnis zwischen Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. Immerhin – der Neologismus „Fotografie“ bedeutet ja „zeichnen, schreiben, malen mit Licht“. Und damit waren seit den ersten Daguerrotypien (1839) die Spannungen zwischen den Anhängern der neuen „Technik“ und den Malern vorprogrammiert. Zwar hatte unter anderem schon Leonardo da Vinci (1452 –  1519) die Camera Obscura als „Abbild des Auges“ verwendet – zahlreiche Maler und Grafikkünstler nutzten dieses Hilfsmittel, um ihren Gemälden und Stichen noch mehr Realismus einzuhauchen. Berühmt ist Vermeers (1632 – 1675) Ansicht von Delft, deren erstaunliche Details ohne Hilfe einer Camera Obscura kaum möglich gewesen wären.

In einer der ersten „journalistischen“ Darstellungen der Daguerrotypie im deutschen Sprachraum sprechen die Verfasser Schorn und Koloff konsequent von den „Zeichnungen des Herrn Daguerre“ – denn der gewaltige Unterschied zur Camera Obscura war die Möglichkeit, das Bild zu „fixieren“. Es bedurfte einiger Erkenntnisschritte, bis das „Malen mit Licht“ als etwas Anderes, Eigenständiges erkannt wurde.

https://www.belvedere.at/inspiration-fotografie

Sobald ich die Ausstellung besucht habe, werde ich hier darüber berichten.

Der Text von Schorn und Roloff findet sich im empfehlenswerten preiswerten Reclam-Band „Texte zur Theorie der Fotografie“, Stuttgart 2010.

SPÖ – gespannte Situation visualisiert (1. 5. 2016)

Das folgende Foto habe ich am 1. Mai in Wien beim traditionellen Mai-Aufmarsch der SPÖ gemacht, kurz, bevor die ersten Marschkolonnen am Rathausplatz eintrafen.

Eine Woche zuvor hatte der Kandidat der FPÖ  im ersten Wahlgang der Bundespräsidentenwahlen 35,1 % der Stimmen erhalten, der von der SPÖ nominierte Rudolf Hundstorfer (ehemaliger Vorsitzender des ÖGB) nur 11,3 %.

Das Wahlerhgebnis hatte die innerparteilich latent schwelende Kritik an Bundeskanzler Werner Faymann angeheizt. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl geriet zusehends in die Rolle des „Integrators“, der Kraft seines Einflusses die Partei zusammenhalten musste. Der Gesichtsausdruck Häupls mag als „Momentaufnahme“ für die damalige Stimmung in der Spitzengremien der SPÖ stehen.

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Bericht von „Meet&Greet: Manfred Baumann“ im Leica-Store Wien

Während die Mannschaften von Österreich und  Ungarn bei der Fußball-EM aufeinander trafen (nein, wer jetzt auf den kalauernden Witz wartet, wartet vergebens!), füllte sich der kleine Leica-Store in der Wiener Walfischgasse zusehends mit Menschen:

publikumKein Wunder, immerhin war ein „meet&greet“ mit Manfred Baumann angesagt. In erster Linie ist der Wiener Fotograf für seine Porträts von internationalen Spitzenstars – Bruce Willis, John Malkovich, Natalie Portman, um nur einige zu nennen – bekannt. In den USA verhalf ihm das letzte Fotoshooting mit Tony Curtis vor dessem Ableben zum endgültigen Durchbruch.

Stark von Helmut Newton geprägt, ist Aktfotografie ein weiteres Feld von Baumanns Schaffen. Baumann, der Reisende, beeindruckt aber genauso mit Landschaftsaufnahmen.

Es wäre aber ungerecht, Manfred Baumann als „mondänen Gesellschaftsfotografen“ abzutun. Spätestens sein 2013 veröffentlichter Bildband „Live“ zeigt eine ganz andere live coverSeite des „ungelernten“ Fotografen (er begann seine Berufslaufbahn bei Meinl am Graben und könnte noch heute lange Vorträge über verschiedene Käsesorten und alle Arten von Kaffee halten): ein Jahr porträtierte er Obdachlose und von der Gesellschaft an den Rand gestellte – Arme und Alte.

Dazu gab es die internationale Wanderausstellung AliVe. Besonders beeindruckend ist die starke Empathie, die aus den ungeschönten Porträts spricht. Hier wird nicht ein pittoreskes Bild einer selbstgewählten „fröhlichen Armut“ geboten – die zerfurchten Gesichter zeigen Menschen, zu denen die Welt nicht gut war, weil die Welt nicht gut ist.

Seit 2013 arbeitet Baumann mit National Geographic zusammen. Eines der Produkte dieser Zusammenarbeit ist der Fotoband End of Line- The last journey of death row inmates to execution. In Texas warten 300 Strafgefangene auf ihre Hinrichtung. Manfred Baumann hat zwei dieser Gefangenen begleitet, die in der Polunsky Unit, voneinander isoliert, ihrer staatlicher Tötung im 50 Kilometer entfernten Huntsville entgegensehen.  Baumann setzt hier einen seiner Grundsätze konsequent um: „Das Unsichtbare sichtbar machen“. Immerhin finden sich in der Polunsky Unit vermutlich ebensoviele – sagen wir einmal vorsichtig: – Justizopfer wie Schwerkriminelle. Der Fotograf war oft glücklich, dicke Stahltüren zwischen sich und etlichen der Insassen zu wissen. Andererseits werfen seine Bilder Fragen auf – wie weit kann, wie weit darf der Rachegedanke der Gesellschaft gehen?

Die Zellen haben keine Fenster, nur kleine Lichtschlitze. Zu zwei der Todeskandidaten konnte Baumann ein enges Verhältnis aufbauen. Ihre Geschichten erzählt er ausführlich, sie lassen erahnen, was es bedeutet, jahrelang auf den letzten Weg zu warten. Und sie beschreiben auch eine der furchtbarsten Seiten der Isolation in ihren Zellen: Die Verweigerung jeglichen Körperkontakts, sogar mit den engsten Angehörigen.

blick in galerie beitragBeim meet&greet ging es natürlich auch um Fragen wie: Kunstlicht versus natürliches Licht, welche Art von Ausrüstung für welches Setting, wie mit Models und Stars umgehen. Bezüglich der Fotoausrüstung erzählte der Fotograf auch eine seiner Lieblingsanekdoten über Helmut Newton, der nach einem hervorragendem Dinner in einem Spitzenrestaurant vom (selbst fotografierenden) Chef de Cuisine angesprochen wurde: „Sie machen so fantastische Aufnahmen – Sie haben sicher eine sehr teure Ausrüstung.“ Newton erwiderte: „Und Ihre Gerichte waren hervorragend! Sie verwenden sicher sehr teure Töpfe“.

Manfred Baumann präsentierte beim meet&greet sein neues Buch  my world of photography 1991–2016. Ein sehenswerter Band – immerhin sichtete der Fotograf gemeinsam mit seiner Frau, die seine Projekte seit Jahren begleitet, 150.000 Fotos…

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