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Zeitschriftenschau: Photonews 2/18

Wie ihr euch unschwer ausmalen könnt, lese ich natürlich auch einige Fotozeitschriften mehr oder minder regelmäßig. Es gibt ja auch im deutschsprachigen Raum eine ganze Menge einschlägiger Magazine. Zugegebenermaßen reizen mich die bunten Hochglanzzeitschriften, in denen in erster Linie neue Kameras oder sonstiges Zubehör beschrieben oder miteinander verglichen wird, weniger. Natürlich möchte ich auf dem Laufenden bleiben, was technische Innovation betrifft. Mehr interessieren mich aber Beiträge über „Fotografie“ im abstrakteren Sinn – über Ausstellungen, Stile, Kontroversen, Fototheorie, den Kunstmarkt. Zeitschriftenschau: Photonews 2/18 weiterlesen

Augen auf: Online im M Magazine blättern

M – The Magazine for Leica M Photography – ist meiner Meinung nach einer der interessantesten Fotozeitschriften.  Um einen banalen Werbespruch abzuwandeln: Man muss keine Leica haben, um Leica zu mögen.

Die qualitativ hochwertige Zeitschrift (in Wien in den Leica Shops erhältlich) kostet in der Printausgabe 14,– EUR, was für Umfang und Themenauswahl erstaunlich günstig ist.

Wer sich lieber [gratis] einen Einblick in die aktuellen und älteren Ausgaben verschaffen will, kann folgendem Link folgen:

M – The Magazine for Leica M Photography

‚rein in die Zeitmaschine: LEICA Fotografie 3/1957

Manchmal steigt  man in die Zeitmaschine, ohne es zu merken.

Ein guter Freund – Fotoenthusiast und Esperantist zugleich! – hat mir zwei Ausgaben der Zeitschrift LEICA fotografie geschenkt, die er bei einem Altwarenhändler (Esperanto: brokantisto, Hochdeutsch: Trödler) gefunden hat.

Begierig habe ich mir natürlich das Heft aus meinem Geburtsjahr 1957 geschnappt (womit auch das abgehakt wäre). Schon das Editorial hat mich gerührt: Bei einer Leserumfrage (gegendert wurde damals nicht) sprach sich eine Mehrheit von 70 % für eine Vermehrung der Farbbilder aus und wäre dafür sogar bereit, eine „kleine Preiserhöhung von 30 Pfg. für ein Heft“ in Kauf zu nehmen.

Die Redaktion beruhigt sogleich: „Da und dort war in Zuschriften die Befürchtung zu spüren, wir könnten durch eine Vermehrung der Farbbilder das Schwarz-Weiß-Foto vernachlässigen. Diese Sorge ist ganz unbegründet„. Ab Heft 4 also gab es dann je Heft „zwei oder mehr Farbfotos in technisch bester Druckwiedergabe„.

Wer die gegenwärtigen – erstaunlich preiswerten  Leicazeitschriften wie LFI oder M kennt, findet im Prinzip den gleichen Themenmix: Fotograf(innen)porträts, Fotoreportagen, Artikel zu technischen Innovationen. Erstaunlich umfangreich sind die Buchvorstellungen. Auffallend vor allem eines: Mitten im Kalten Krieg werden völlig gleichberechtigt Bücher aus west- und ostdeutschen Verlagen rezensiert. Nur dann und wann gibt es Hinweise auf fehlende Informationen über „Neuerungen auf fotografischem Gebiet, die in der Bundesrepublik in den letzten Jahren herauskamen„.

Generell hatte ich bei der Lektüre (auch der Fotoreportage über eine Reise durch Jugoslawien) den Eindruck, dass sich Leica-Fotografinnen und -Fotografen wohl als eine Art „internationale Gemeinschaft“ verstanden, die sich über politische Systemgrenzen hinweg problemlos bei der Erörterung technischer und ästhetischer Fragen finden konnten.

Interessant auch die Rubrik „Bildbesprechung“: Einerseits präsentiert der Fotograf sein Bild, andererseits vertieft die Redaktion den Beitrag durch „Fachkommentare“. Im konkreten Fall erklärt W. Lenzen sein Foto „Efeustrukturen„.

Der Clou beim Kommentar der Redaktion liegt darin, dass sich das gesamte Heft (mehr oder minder unausgesprochen) ausschließlich der Fotografie mit dem 50 mm-Normalobjektiv („5-cm-Aufnahmen“ heißt es durchgängig im Heft) widmet.  Und tatsächlich: Von den Fotos Fee Schlappers über die Reportage aus Jugoslawien bis zu den Leserbriefen – überall ist das „5 cm“ Objektiv präsent.

Ich habe es extrem faszinierend gefunden, Fotos zu sehen, die in meinem Geburtsjahr entstanden sind, Veränderungen und Kontinuitäten zu sehen.  Und auf Diskussionen zu stoßen, die auch heute noch geführt werden:

Z. B. habe ich, unmittelbar nachdem ich meine allererste Spiegelreflexkamera bekommen habe, in einem Lehrvideo (von Ben Jaworskyi) den Tipp bekommen, einmal einen Monat lang nur mit der Festbrennweite des Normalobjektivs zu fotografieren und auf Zoom und andere Objektive zu verzichten. Das habe ich gemacht, und viel dabei gelernt (der oben erwähnte Freund hat mir Laien übrigens in diesem Zusammenhang das Geheimnis des Crop-Faktors erklärt! Nachträglich Danke dafür!).

Oder diese quälende Frage: Spiegelreflexkamera? Systemkamera? Bridgekamera? Kompaktkamera? In einem Beitrag „Einführung in das Leica-System“ geht Theo M. Scheerer, der Verfasser des Artikels, auf den Leserbrief eines siebzehnjährigen Lehrlings ein, der durch Lektüre von LEICA International bei einem Freund ins Zweifeln gekommen war, ob es sinnvoll wäre, überhaupt eine Leica zu kaufen (der Bursche sparte schon seit zwei Jahren auf eine Kamera!), weil er sich ohnehin keine anderen Objektive als das „5 cm-Objektiv“ leisten werde können. Scheerer antwortet zwar sehr behäbig-bildungsbürgerlich (er strapaziert sogar Immanuel Kant!), aber pädagogisch durchaus klever:

„Jeder, der anfängt zu fotografieren, muss erst wieder lernen, zu sehen. Es sei denn, er wäre ein Maler oder ein seltenes Naturtalent. Am sichersten aber, ohne Umweg und Enttäuschung, kommt man dann zum Ziel, wenn man sich in der Wahl der Aufnahmemittel beschränkt. Das sicherste Mittel wiederum ist der Umgang mit einem jener Objektive, durch die unsere Kamera die Welt in ähnlicher Weise sieht wie unser eigenes Auge. Bei der Leica mit der ‚Normalbrennweite‘ von 5 cm und dem sich daraus ergebenden natürlichen Bildwinkel von 45°.“

Übrigens: Von Fee Schlapper hatte ich vorher nie gehört. Hier gibt es Infos über sie. Und so habe ich durch die „Zeitmaschine“ gleich noch die spannende Website „fotografenwiki“ kennengelernt.  🙂

 

Lesetipp: FOTOGESCHICHTE Heft 126

In Wien sitzt die Redaktion der vorzüglichen Zeitschrift FOTOGESCHICHTE | Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie. Herausgeber ist Dr. Anton Holzer, der Verlag ist in Marburg zu Hause.

Der Großteil der Hefte hat Schwerpunktthemen (z. B. Kriegsfotografinnen, Nordische Fotografie, Abstrakte Fotografie …), einige Hefte sind “gemischt”. Ich habe jetzt Heft 126 “in Arbeit”, ein Schwerpunktheft über “Susan Sontag und die Fotografie”. Erschienen ist das Heft schon 2012 – das stört (mich) aber nicht, weil Susan Sontag und ihr Essayband “Über Fotografie” eh immer aktuell sind.

Im ersten Beitrag setzen sich Jörn Glasenapp und Claudia Lillge kritisch mit Sontags Verhältnis zur Fotografie auseinander, und sie zeigen meiner Meinung nach schlüssig, das sie hier “(K)eine Liebegeschichte” erzählen. Auch mich hat bei der Lektüre von Sontags Texten ein leichtes Unbehagen und ein zwiespältiges Gefühl erfasst. Einerseits habe ich für mich viele Anregungen zur Auseinandersetzung mit großen Fotografinnen und Fotografen aus Sontags Essays gezogen, andererseits hat mich ihre teilweise apodiktische Verdammung der “Bildsprache” abgestoßen. Überhaupt nicht folgen konnte ich ihrer Polemik gegen Diane Arbus. Zu diesen Themen habe ich in diesem Artikel in der FOTOGESCHICHTE für mich wirklich erhellende Ideen gefunden.

Ich will hier nicht alle Beiträge resümieren. Immerhin können ja Leserinnen und Leser dieses Blogs auch selbst in der FOTOGESCHICHTE blättern…

Begeistert hat mich der Text von Reinhard Matz “Das Lachen hat mit der Fotografie zugenommen. Susan Sontag und das digitale Zeltalter der Fotografie”. In “Über Fotografie”erwähnt Sontag ja das “digitale Zeitalter” nur in einem Halbsatz. Matz geht mit einer herrlich undogmatischen Sichtweise an die Digitalfotografie heran:

“Ich gehe nicht davon aus, dass wir es mit einer substanziell neuen Kulturtechnik zu tun haben, für die wir einen neuen Begriff benötigen. Dem Licht ist es egal, ob es sich auf Film oder einem Chip einzeichnet, und dies ist schließlich die definitorische Übersetzung des Wortes Fotografie.”

Matz zeigt, wie sehr die “Vermassung” der Fotografie auch unsere Herangehensweise an fotografische Darstellungen verändert hat – und wieviel Spaß es jetzt mit Fotografie gibt.

“Befreit von Vergangenheitsdruck und Zukunftsentwürfen, gelingt es uns aber immer häufiger, Spaß mit der Fotografie zu haben, für und über Fotografien zu lachen. Natürlich kann man diese Entwicklung auch als Infantiisierung begreifen. Aber ist das Leben dank aller Apparate und Maschinen nicht auch wirklich leichter geworden”?

sontag