Lesetipp: Eine kleine Geschichte der Fotografie – mit großen Vorzügen

Ian Haydn Smith, Herausgeber des Curzon- und BFO-Filmmakers Magazins hat ein intelligentes und extrem nützliches Buch über Fotografie verfasst: “The short story of photography”.

“Oh nein, nicht schon wieder eine Geschichte der Fotografie!”, höre ich die Schreckensrufe mancher Leserinnen und Leser dieses Blogs. Geduld! Zunächst: Ich habe in den letzten zwei Jahren geschätzt fünf bis acht Überblicksgeschichten der Fotografie gelesen – und in jedem Buch etwas Neues entdeckt. Neue Perspektiven, Anregungen, Gedanken, die mich zum Widerspruch herausgefordert haben – langweilig war das nie. „Lesetipp: Eine kleine Geschichte der Fotografie – mit großen Vorzügen“ weiterlesen

„Daldossi“ von Sabine Gruber: Wenn die Gelassenheitsreserven aufgebraucht sind …

Sabine Grubers jüngster Roman ist … ja, was eigentlich? Ein Roman über „Kriegsfotografen“? Ein Roman über eine langsam verstorbene Liebesbeziehung? Ein Roman über Mitleid, Verantwortung? Über Sprachlosigkeit angesichts der Gräuel der Gegenwart?

Auf jeden Fall ist es ein großartiges Buch. Bruno Daldossi, rund um die 60, ist auf dem Rückzug aus seinem Beruf. Als „war photographer“ hat er die Schauplätze von Straßenkämpfen irgendwo im Irak genauso gesehen wie das Leiden der Zivilbevölkerung in Sarajewo, langsam wahnsinnig werdende tschetschenische Aufständische in ihrem eisigen Unterstand in den Bergen des Kaukasus, verstümmelte Leichen in Afghanistan. Der Südtiroler hat seine „homebase“ in Wien, aber seiner Freundin Marlis, einer Zoologin, die sich der Rettung der Bären verschrieben hat, sind im Laufe ihrer durch ständige Kriegseinsätze ihres Lebenspartners unterbrochenen Beziehung die „Gelassenheitsreserven“ abhanden gekommen, wie sie Bruno sagt. Denn immer sind es die grausigen Bilder, die sich zwischen sie drängen. „Das Leiden anderer betrachten“ ist an Daldossi nicht spurlos vorbeigegangen – wie der (reale) bedeutende Photoreporter James Nachtwey ist er vom „war photographer“ zum „anti-war photographer“ geworden; er ist

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James Nachtwey – der „anti war photographer“

kein Fotograf von „Kriegs-Pornos“ (um noch einmal Susan Sontag zu zitieren) – er will mit seinen schockierenden Fotos (die schockierendsten werden ohnehin nie gezeigt) etwas bewegen. Er zahlt einen hohen Preis: Marlis verlässt ihn, gerade in dem Augenblick, wo er sein Leben neu einrichten will; aber wie soll er das schaffen – er ist Alkoholiker, fällt ständig aus der Realität des Augenblicks in Erinnerungen an andere, furchtbare Augenblicke. Kann es für einen wie Daldossi eine Rückkehr in die Normalität geben?

Er reist nach Venedig, will sich mit Marlis aussprechen, und wacht übel verkatert in einem Hotel auf, in das ihn seine Ex befördert hat: Gegenüber der Wohnung ihres neuen Freundes hat er auf sie gewartet, und sich buchstäblich bis zur Besinnungslosigkeit besoffen. Nicht er findet Marlis, sie findet ihn, und zwar in einem Zustand, der alles bestätigt, was sie zur Trennung mit Bruno bewegt hat.

Johanna, Journalistin und Exfrau eines schreibenden (nicht fotografierenden) Kollegen, soll eine Repoprtage über die Situation auf Lampedusa schreiben. Bruno hat sie vor seiner Abreise nach Venedig in Wien getroffen – nun folgt er ihr. Wer sich jetzt eine seichte Liebesgeschichte erwartet, täuscht sich gewaltig. So einfach macht es Sabine Gruber weder ihren Protagonisten noch den Leserinnen und Lesern.

Sabine Gruber macht uns mit höchst realistischen gebrochenen Charakteren bekannt. Hier wird nicht moralisiert (nichts wäre leichter, als das Klischee vom versoffenen Kriegsreporte à la Ernest Hemingway zu bedienen), der Tod einer Liebesbeziehung ernst und ohne parteiische Seitenhiebe beschrieben, ein zutiefst unglücklicher, weil ethischen Prinzipien folgender, Fotograf porträtiert, ohne ihn auf ein Podest zu stellen.

Ja, hier wird der Leserin, dem Leser allerhand abverlangt. Trotzdem ist „Daldossi oder das Leben des Augenblicks“ kein pessimistisches Buch, es lässt das Publikum nicht ohne Hoffnung zurück.

Sabine Gruber hat die Schicksale vieler großer Fotografinnen und Fotografen in dieses Buch hinein verwoben, es ist auch eine berührende Hommage an diejenigen, die mit ihren Bildern aufrütteln und etwas bewegen wollen. Vielleicht wird man Bruno Daldossi nicht lieben lernen – aber man wird ihn ein bisschen besser verstehen. Und auch Marlis. Und warum ihre Beziehung zerbrochen ist.

 

Sabine Gruber: „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“
C.H.Beck, 316 Seiten

22,60 Euro

Lesetipp: „Warten auf Robert Capa“ von Susana Fortes

Manchmal geht’s im Leben so zu wie im Computerspiele-Klassiker Tetris (kennt das eigentlich noch wer???). Da häufen sich Steinchen an, unterschiedliche Formen fallen irgendwie hinab – und mit etwas Glück und Geschick kann man geschlossene Reihen bilden.
Mir ist es so gegangen, als ich auf den Roman „Warten auf Robert Capa“ von Susana Fortes gestoßen bin. Wie ihr ja aus meinem Blog wisst, ist die Beschäftigung mit der Frage, welche Bilder den Menschen zumutbar sind und welche gesellschaftlich-politische Dimension Fotografie (oder, genauer: Fotojournalismus und Dokumentarfotografie) haben kann irgendwie ein hauchzarter roter Faden, der „complexityinaframe“ durchzieht.
Offensichtlich ist dieses Thema nicht meine alleinige „Obsession“ – immerhin sind im Lauf des Jahres schon vier Romane erschienen, die sich unter verschiedenen Blickwinkeln diesem Thema auch oder hauptsächlich annähern: William Boyds „Die Fotografin“, Owen Sheers „I saw a man“, das Buch von Susana Fortes und jüngst Sabine Grubers „Daldsossi oder das Leben des Augenblicks“. Liegt es an der zunehmenden „Macht der Bilder“? Liegt es daran, dass uns die Konflikte und Kriege immer näher rücken? Liegt es daran, dass die harte Realität unseres Jahrzehnts den schöngeistigen Eskapismus austreibt? Liegt es daran, dass wir den „schrecklichen Bildern“ immer wenige ausweichen können?
Aber zurück zum Roman der spanischen Journalistin Susana Fortes über Gerda Taro (eigentlich Gerta Pohorylles, geboren 1910 in Stuttgart) und Robert Capa (eigentlich Endre Ernö Friedmann, geboren 1913 in Budapest).

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Lesetipp: FOTOGESCHICHTE Heft 126

In Wien sitzt die Redaktion der vorzüglichen Zeitschrift FOTOGESCHICHTE | Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie. Herausgeber ist Dr. Anton Holzer, der Verlag ist in Marburg zu Hause.

Der Großteil der Hefte hat Schwerpunktthemen (z. B. Kriegsfotografinnen, Nordische Fotografie, Abstrakte Fotografie …), einige Hefte sind “gemischt”. Ich habe jetzt Heft 126 “in Arbeit”, ein Schwerpunktheft über “Susan Sontag und die Fotografie”. Erschienen ist das Heft schon 2012 – das stört (mich) aber nicht, weil Susan Sontag und ihr Essayband “Über Fotografie” eh immer aktuell sind.

Im ersten Beitrag setzen sich Jörn Glasenapp und Claudia Lillge kritisch mit Sontags Verhältnis zur Fotografie auseinander, und sie zeigen meiner Meinung nach schlüssig, das sie hier “(K)eine Liebegeschichte” erzählen. Auch mich hat bei der Lektüre von Sontags Texten ein leichtes Unbehagen und ein zwiespältiges Gefühl erfasst. Einerseits habe ich für mich viele Anregungen zur Auseinandersetzung mit großen Fotografinnen und Fotografen aus Sontags Essays gezogen, andererseits hat mich ihre teilweise apodiktische Verdammung der “Bildsprache” abgestoßen. Überhaupt nicht folgen konnte ich ihrer Polemik gegen Diane Arbus. Zu diesen Themen habe ich in diesem Artikel in der FOTOGESCHICHTE für mich wirklich erhellende Ideen gefunden.

Ich will hier nicht alle Beiträge resümieren. Immerhin können ja Leserinnen und Leser dieses Blogs auch selbst in der FOTOGESCHICHTE blättern…

Begeistert hat mich der Text von Reinhard Matz “Das Lachen hat mit der Fotografie zugenommen. Susan Sontag und das digitale Zeltalter der Fotografie”. In “Über Fotografie”erwähnt Sontag ja das “digitale Zeitalter” nur in einem Halbsatz. Matz geht mit einer herrlich undogmatischen Sichtweise an die Digitalfotografie heran:

“Ich gehe nicht davon aus, dass wir es mit einer substanziell neuen Kulturtechnik zu tun haben, für die wir einen neuen Begriff benötigen. Dem Licht ist es egal, ob es sich auf Film oder einem Chip einzeichnet, und dies ist schließlich die definitorische Übersetzung des Wortes Fotografie.”

Matz zeigt, wie sehr die “Vermassung” der Fotografie auch unsere Herangehensweise an fotografische Darstellungen verändert hat – und wieviel Spaß es jetzt mit Fotografie gibt.

“Befreit von Vergangenheitsdruck und Zukunftsentwürfen, gelingt es uns aber immer häufiger, Spaß mit der Fotografie zu haben, für und über Fotografien zu lachen. Natürlich kann man diese Entwicklung auch als Infantiisierung begreifen. Aber ist das Leben dank aller Apparate und Maschinen nicht auch wirklich leichter geworden”?

sontag