Schlagwort-Archive: leica

Manfred-Baumann-Ausstellung im Leicashop Wien

Der 1968 geborene österreichische Fotograf Manfred Baumann ist vor allem durch seine Porträts von prominenten Künstlern – unter ihnen Bruce Willis oder Roger Moore – international bekannt geworden.

Dass Manfred Baumann aber weit mehr drauf hat, beweist die kleine Ausstellung in der Galerie des Leica-Shops in Wien, Walfischgasse 1, 1010 Wien, die bis 27. September besichtigt werden kann.

Die Auswahl der Bilder zeigt alle Aspekte des fotografischen Schaffens Baumanns, von den erwähnten Porträts (darunter das meiner Meinung nach ganz hervorragende des gealterten Kirk Douglas) über Aktaufnahmen bis hin zu Landschafts- und Streetphotography. Dem Betrachter oder der Betrachterin müssen nicht alle Fotos gleichermaßen „liegen“ – bemerkenswert ist die große Bandbreite der Ausdrucksformen und die Wandlungsfähigkeit Baumanns. Auf jeden Fall: Einen Umweg wert!

Lesetipp: „Warten auf Robert Capa“ von Susana Fortes

Manchmal geht’s im Leben so zu wie im Computerspiele-Klassiker Tetris (kennt das eigentlich noch wer???). Da häufen sich Steinchen an, unterschiedliche Formen fallen irgendwie hinab – und mit etwas Glück und Geschick kann man geschlossene Reihen bilden.
Mir ist es so gegangen, als ich auf den Roman „Warten auf Robert Capa“ von Susana Fortes gestoßen bin. Wie ihr ja aus meinem Blog wisst, ist die Beschäftigung mit der Frage, welche Bilder den Menschen zumutbar sind und welche gesellschaftlich-politische Dimension Fotografie (oder, genauer: Fotojournalismus und Dokumentarfotografie) haben kann irgendwie ein hauchzarter roter Faden, der „complexityinaframe“ durchzieht.
Offensichtlich ist dieses Thema nicht meine alleinige „Obsession“ – immerhin sind im Lauf des Jahres schon vier Romane erschienen, die sich unter verschiedenen Blickwinkeln diesem Thema auch oder hauptsächlich annähern: William Boyds „Die Fotografin“, Owen Sheers „I saw a man“, das Buch von Susana Fortes und jüngst Sabine Grubers „Daldsossi oder das Leben des Augenblicks“. Liegt es an der zunehmenden „Macht der Bilder“? Liegt es daran, dass uns die Konflikte und Kriege immer näher rücken? Liegt es daran, dass die harte Realität unseres Jahrzehnts den schöngeistigen Eskapismus austreibt? Liegt es daran, dass wir den „schrecklichen Bildern“ immer wenige ausweichen können?
Aber zurück zum Roman der spanischen Journalistin Susana Fortes über Gerda Taro (eigentlich Gerta Pohorylles, geboren 1910 in Stuttgart) und Robert Capa (eigentlich Endre Ernö Friedmann, geboren 1913 in Budapest).

Lesetipp: „Warten auf Robert Capa“ von Susana Fortes weiterlesen

‚rein in die Zeitmaschine: LEICA Fotografie 3/1957

Manchmal steigt  man in die Zeitmaschine, ohne es zu merken.

Ein guter Freund – Fotoenthusiast und Esperantist zugleich! – hat mir zwei Ausgaben der Zeitschrift LEICA fotografie geschenkt, die er bei einem Altwarenhändler (Esperanto: brokantisto, Hochdeutsch: Trödler) gefunden hat.

Begierig habe ich mir natürlich das Heft aus meinem Geburtsjahr 1957 geschnappt (womit auch das abgehakt wäre). Schon das Editorial hat mich gerührt: Bei einer Leserumfrage (gegendert wurde damals nicht) sprach sich eine Mehrheit von 70 % für eine Vermehrung der Farbbilder aus und wäre dafür sogar bereit, eine „kleine Preiserhöhung von 30 Pfg. für ein Heft“ in Kauf zu nehmen.

Die Redaktion beruhigt sogleich: „Da und dort war in Zuschriften die Befürchtung zu spüren, wir könnten durch eine Vermehrung der Farbbilder das Schwarz-Weiß-Foto vernachlässigen. Diese Sorge ist ganz unbegründet„. Ab Heft 4 also gab es dann je Heft „zwei oder mehr Farbfotos in technisch bester Druckwiedergabe„.

Wer die gegenwärtigen – erstaunlich preiswerten  Leicazeitschriften wie LFI oder M kennt, findet im Prinzip den gleichen Themenmix: Fotograf(innen)porträts, Fotoreportagen, Artikel zu technischen Innovationen. Erstaunlich umfangreich sind die Buchvorstellungen. Auffallend vor allem eines: Mitten im Kalten Krieg werden völlig gleichberechtigt Bücher aus west- und ostdeutschen Verlagen rezensiert. Nur dann und wann gibt es Hinweise auf fehlende Informationen über „Neuerungen auf fotografischem Gebiet, die in der Bundesrepublik in den letzten Jahren herauskamen„.

Generell hatte ich bei der Lektüre (auch der Fotoreportage über eine Reise durch Jugoslawien) den Eindruck, dass sich Leica-Fotografinnen und -Fotografen wohl als eine Art „internationale Gemeinschaft“ verstanden, die sich über politische Systemgrenzen hinweg problemlos bei der Erörterung technischer und ästhetischer Fragen finden konnten.

Interessant auch die Rubrik „Bildbesprechung“: Einerseits präsentiert der Fotograf sein Bild, andererseits vertieft die Redaktion den Beitrag durch „Fachkommentare“. Im konkreten Fall erklärt W. Lenzen sein Foto „Efeustrukturen„.

Der Clou beim Kommentar der Redaktion liegt darin, dass sich das gesamte Heft (mehr oder minder unausgesprochen) ausschließlich der Fotografie mit dem 50 mm-Normalobjektiv („5-cm-Aufnahmen“ heißt es durchgängig im Heft) widmet.  Und tatsächlich: Von den Fotos Fee Schlappers über die Reportage aus Jugoslawien bis zu den Leserbriefen – überall ist das „5 cm“ Objektiv präsent.

Ich habe es extrem faszinierend gefunden, Fotos zu sehen, die in meinem Geburtsjahr entstanden sind, Veränderungen und Kontinuitäten zu sehen.  Und auf Diskussionen zu stoßen, die auch heute noch geführt werden:

Z. B. habe ich, unmittelbar nachdem ich meine allererste Spiegelreflexkamera bekommen habe, in einem Lehrvideo (von Ben Jaworskyi) den Tipp bekommen, einmal einen Monat lang nur mit der Festbrennweite des Normalobjektivs zu fotografieren und auf Zoom und andere Objektive zu verzichten. Das habe ich gemacht, und viel dabei gelernt (der oben erwähnte Freund hat mir Laien übrigens in diesem Zusammenhang das Geheimnis des Crop-Faktors erklärt! Nachträglich Danke dafür!).

Oder diese quälende Frage: Spiegelreflexkamera? Systemkamera? Bridgekamera? Kompaktkamera? In einem Beitrag „Einführung in das Leica-System“ geht Theo M. Scheerer, der Verfasser des Artikels, auf den Leserbrief eines siebzehnjährigen Lehrlings ein, der durch Lektüre von LEICA International bei einem Freund ins Zweifeln gekommen war, ob es sinnvoll wäre, überhaupt eine Leica zu kaufen (der Bursche sparte schon seit zwei Jahren auf eine Kamera!), weil er sich ohnehin keine anderen Objektive als das „5 cm-Objektiv“ leisten werde können. Scheerer antwortet zwar sehr behäbig-bildungsbürgerlich (er strapaziert sogar Immanuel Kant!), aber pädagogisch durchaus klever:

„Jeder, der anfängt zu fotografieren, muss erst wieder lernen, zu sehen. Es sei denn, er wäre ein Maler oder ein seltenes Naturtalent. Am sichersten aber, ohne Umweg und Enttäuschung, kommt man dann zum Ziel, wenn man sich in der Wahl der Aufnahmemittel beschränkt. Das sicherste Mittel wiederum ist der Umgang mit einem jener Objektive, durch die unsere Kamera die Welt in ähnlicher Weise sieht wie unser eigenes Auge. Bei der Leica mit der ‚Normalbrennweite‘ von 5 cm und dem sich daraus ergebenden natürlichen Bildwinkel von 45°.“

Übrigens: Von Fee Schlapper hatte ich vorher nie gehört. Hier gibt es Infos über sie. Und so habe ich durch die „Zeitmaschine“ gleich noch die spannende Website „fotografenwiki“ kennengelernt.  🙂

 

Bericht von „Meet&Greet: Manfred Baumann“ im Leica-Store Wien

Während die Mannschaften von Österreich und  Ungarn bei der Fußball-EM aufeinander trafen (nein, wer jetzt auf den kalauernden Witz wartet, wartet vergebens!), füllte sich der kleine Leica-Store in der Wiener Walfischgasse zusehends mit Menschen:

publikumKein Wunder, immerhin war ein „meet&greet“ mit Manfred Baumann angesagt. In erster Linie ist der Wiener Fotograf für seine Porträts von internationalen Spitzenstars – Bruce Willis, John Malkovich, Natalie Portman, um nur einige zu nennen – bekannt. In den USA verhalf ihm das letzte Fotoshooting mit Tony Curtis vor dessem Ableben zum endgültigen Durchbruch.

Stark von Helmut Newton geprägt, ist Aktfotografie ein weiteres Feld von Baumanns Schaffen. Baumann, der Reisende, beeindruckt aber genauso mit Landschaftsaufnahmen.

Es wäre aber ungerecht, Manfred Baumann als „mondänen Gesellschaftsfotografen“ abzutun. Spätestens sein 2013 veröffentlichter Bildband „Live“ zeigt eine ganz andere live coverSeite des „ungelernten“ Fotografen (er begann seine Berufslaufbahn bei Meinl am Graben und könnte noch heute lange Vorträge über verschiedene Käsesorten und alle Arten von Kaffee halten): ein Jahr porträtierte er Obdachlose und von der Gesellschaft an den Rand gestellte – Arme und Alte.

Dazu gab es die internationale Wanderausstellung AliVe. Besonders beeindruckend ist die starke Empathie, die aus den ungeschönten Porträts spricht. Hier wird nicht ein pittoreskes Bild einer selbstgewählten „fröhlichen Armut“ geboten – die zerfurchten Gesichter zeigen Menschen, zu denen die Welt nicht gut war, weil die Welt nicht gut ist.

Seit 2013 arbeitet Baumann mit National Geographic zusammen. Eines der Produkte dieser Zusammenarbeit ist der Fotoband End of Line- The last journey of death row inmates to execution. In Texas warten 300 Strafgefangene auf ihre Hinrichtung. Manfred Baumann hat zwei dieser Gefangenen begleitet, die in der Polunsky Unit, voneinander isoliert, ihrer staatlicher Tötung im 50 Kilometer entfernten Huntsville entgegensehen.  Baumann setzt hier einen seiner Grundsätze konsequent um: „Das Unsichtbare sichtbar machen“. Immerhin finden sich in der Polunsky Unit vermutlich ebensoviele – sagen wir einmal vorsichtig: – Justizopfer wie Schwerkriminelle. Der Fotograf war oft glücklich, dicke Stahltüren zwischen sich und etlichen der Insassen zu wissen. Andererseits werfen seine Bilder Fragen auf – wie weit kann, wie weit darf der Rachegedanke der Gesellschaft gehen?

Die Zellen haben keine Fenster, nur kleine Lichtschlitze. Zu zwei der Todeskandidaten konnte Baumann ein enges Verhältnis aufbauen. Ihre Geschichten erzählt er ausführlich, sie lassen erahnen, was es bedeutet, jahrelang auf den letzten Weg zu warten. Und sie beschreiben auch eine der furchtbarsten Seiten der Isolation in ihren Zellen: Die Verweigerung jeglichen Körperkontakts, sogar mit den engsten Angehörigen.

blick in galerie beitragBeim meet&greet ging es natürlich auch um Fragen wie: Kunstlicht versus natürliches Licht, welche Art von Ausrüstung für welches Setting, wie mit Models und Stars umgehen. Bezüglich der Fotoausrüstung erzählte der Fotograf auch eine seiner Lieblingsanekdoten über Helmut Newton, der nach einem hervorragendem Dinner in einem Spitzenrestaurant vom (selbst fotografierenden) Chef de Cuisine angesprochen wurde: „Sie machen so fantastische Aufnahmen – Sie haben sicher eine sehr teure Ausrüstung.“ Newton erwiderte: „Und Ihre Gerichte waren hervorragend! Sie verwenden sicher sehr teure Töpfe“.

Manfred Baumann präsentierte beim meet&greet sein neues Buch  my world of photography 1991–2016. Ein sehenswerter Band – immerhin sichtete der Fotograf gemeinsam mit seiner Frau, die seine Projekte seit Jahren begleitet, 150.000 Fotos…

signier bvw