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Zu entdecken: David Brodsky

Das Internet ist ein herrliches Instrument, um über Grenzen und Meere hinweg mit Menschen in Kontakt zu kommen. Ich hatte dieses Glück, weil der in den USA lebende Grafikdesigner und Fotograf David Brodsky auf complexityinaframe gestoßen ist und mir ein Mail geschickt hat, das mich neugierig gemacht hat. Neugierig auf seine grafischen Arbeiten, neugierig auf seine Fotos (vor allem Street!), und natürlich neugierig auf den Menschen hinter diesen kreativen Arbeiten.

David Brodsky

Hier der Link zu seiner  Website

David Brodsky, 1953 in Kiew (Ukraine, damals Sowjetunion) geboren, schloss 1974 seine Ausbildung am Kiewer Institut für dekorative und angewandte Kunst ab und war anschließend in der Sowjetunion, in Italien und den USA als Graphic Designer und Creative Director tätig. 1990 emigrierte David mit seiner Familie in die USA und kam dank der Unterstützung durch die Springfield Jewish Federation nach Springfield (Illinois). 2019 übersiedelte er nach Chicago.

Beispiel für den Graphic Designer Brodsky – Aufruf zum gemeinsamen Handelns gegen COVID

Seit Beginn des neuen Jahrtausends rückte die Fotografie immer stärker in Davids Fokus:

“Ich benutze die Fotografie als künstlerisches Medium um mich auszudrücken und die Welt um mich herum zu interpretieren”, heißt es in einem Ausstellungstext von ihm. “Indem ich gewöhnliche Momente einfange, versuche ich Geschichten zu enthüllen – nicht auf den ersten Blick offensichtlich, aber mit genug Emotionen oder Geheimnissen erfüllt, um sie über das Gewöhnliche zu erheben”.

Ein Blick auf die Galerien (Menschen, Plätze, Dinge) auf seiner Homepage zeigen, wie dieses Konzept zu verstehen ist. Ein Teil der Fotos von Menschen aus Italien, Frankreich, England, Portugal. den USA … ist schwarz weiß. Meine erste Assoziation: Diese Fotos stehen in der besten Tradition der “humanistischen Fotografie”.

Family Talk (Lecce, Italien 2017)

Die Menschen, die uns David Brodsky zeigt, könnten uns überall begegnen; der Blick des Fotografen hebt sie aber aus dem Alltag heraus. Wir sehen in Brodskys Bilder viele Emotionen – es sind Porträts, die berühren. 

Das gilt natürlich auch für die Farbporträts – aber da kommt durch die Farbe manchmal eine liebenswürdige Komik in die Bilder hinein. “Serious Talk” oder “Old Boys” sind köstliche Studien von Alltagsszenen. Im Gegensatz zu anderen Fotografen (ich denke da vor allem an Martin Parr) sind seine Bilder niemals “entlarvend”, auch wenn sie sehr intime Augenblicke festhalten (z. B. “Curiosity”).

Old Boys (Italien, 2017)

Auch die Landschaftsfotografie Brodskys fasziniert. Übrigens: Ein Foto, das in Österreich aufgenommen wurde, ist auch dabei ;-). Sehr geglückt ist meiner Meinung nach der minimalistische Einsatz von Farbe wie in “Blue Shatters” oder “Narrow Window”.

Blue Shatters (Lacoste, Frankreich, 2014)

Bei den “Dingen” sind Aufnahmen aus einem offenbar längerfristigen Projekt zu sehen: “Forgotten Toys”. Das “Forgotten” ist hier durchaus mehrdeutig – aber schaut selbst in diese Galerie hinein.

Friendly Barbies (Portugal, 2018)

Ich habe David Brodsky natürlich zurückgeschrieben und hoffe, dass wir bald ein Videogespräch führen und aufzeichnen werden. Fragen und Themen für ein Porträt dieses bemerkenswerten Künstlers hätte ich genug.

Kurt Lhotzky

Alle Fotos (c) David Brodsky, mit Genehmigung des Fotografen

Cyril Abads Projekt „In God We Trust“

In den letzten 20, 25 Jahren hat sich in der europäischen Öffentlichkeit ein zunehmend kritischer Blick auf die US-amerikanische Gesellschaft entwickelt. Die Bewunderung für den „amerikanischen Traum“ ist langsam geschwunden, die Schattenseiten der amerikanischen Zivilisation wurden schärfer wahrgenommen.

DRIVE-IN CHRISTIAN CHURCH. Daytona Beach, Florida. Le pain est d’une taille peu commune pour être bien visible durant la Sainte Cène. The Bread is of unusual size to be clearly visible during the Holy supper.
Copyright: Cyril Abad

Seit dem Aufkommen der Tea Party und Donald Trumps ersten Schritten auf der politische Bühne ist auch die spezifisch amerikanische Form von Religiosität in den Blickpunkt geraten. Konnte man als Kabel-TV- oder Satellitenzuschauer über „Praise the Lord-TV“ noch schmunzeln, ist vielen seither das Lachen vergangen. Evangelikale Kleinkirchen mit stockreaktionären Ansagen verschmelzen mit weißen Überlegenheitsfanatikern und deren Milizen. Ein Präsident lässt sich die Straße freiknüppeln, um dem Weißen Haus gegenüber die Bibel zu schwenken.

Der freischaffende Fotograf Cyril Abad hat in einem bemerkenswerten fotografischen Projekt versucht, diese „christliche“ Gegenkultur auszuloten. Herausgekommen sind teilweise urkomische Fotos aus einer Drive-In-Kirche oder einer evangelikalen Gemeinde von und für Nudisten. 52% der US-amerikanischen Bevölkerung sind offiziell in evangelikalen Kirchen organisiert, aber trotzdem gehen die Besucherzahlen von Gottesdiensten und Festen ständig zurück, Abad zeigt, wie Prediger mit modernen PR-Methoden versuchen, ihre Schäfchen zurück in die Kirchen und ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Auch wenn Abad die komischen Aspekte des religiösen Sektenwesens zeigt – seine Reportagen wecken zugleich ein Verständnis für die Menschen, die dem Ruf der Freikirchen folgen. Es wäre zu einfach, sie als religiöse Spinner oder Außenseiter abzutun. Sie sind auf eine ganz spezielle Weise in der „Mitte der Gesellschaft“ angesiedelt, obwohl ihnen diese Gesellschaft im Prinzip nichts anzubieten hat.

Cyril Abad, der von der Streetphotography kommt, steht für mich in der Tradition der „humanistischen Fotografie“ der 50er und 60er Jahre. Schaut euch auf seiner Homepage die Fotoserien zum Projekt „In God we trust“ an.

In den Fußstapfen der Geflüchteten: Michael Bunel

Seit mehr als sechs Jahren beschäftigt sich der französische Fotograf Michael Bunel mit einem Thema, in das er als Pressefotograf beinahe „hineingestolpert“ ist: Im Frühjahr 2013 wurde er an der türkisch-syrischen Grenze festgesetzt, als er sich zur Front bei Aleppo durchschlagen wollte. Dort begegnete er erstmals syrische Zivilisten, die vor den Kämpfen flüchteten, teilte eine Zeitlang ihr Leben und wurde zum ersten Mal mit der Realität der Flüchtlingslager in Syrien konfrontiert.

Seit Tagen warten die Flüchtlinge unter dem Schnee auf einen Platz im Humanitären Zentrum an der Porte de La Chapelle. Paris, Frankreich. Februar 2018.

Das Thema ließ Bunel nicht los. Er dokumentierte die Fluchtrouten nach Westeuropa und die Geschichten derer, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Nun ist das Buch „Exil“ erschienen, das den weiten Weg von Syrien auf die Straßen der europäischen Hauptstädte verfolgt. Die Fotos bilden die Zusammenfassung dreier Projekte:

„Au bout de vos rêves“ („Am Ziel eurer Träume“) folgt Geflüchteten auf den europäischen Migrationsrouten;

„Un an dans la Jungle“ („Ein Jahr im Dschungel“) zeigt den Alltag in den Slums von Calais

„Au pays des droits de l’Homme“ („Im Land der Menschenrechte“) gibt einen Überblick über die Aufnahmebedingungen von Geflüchteten in Frankreich.

Michael Bunel hat Konfliktherde in aller Welt gecovert und seine großartigen Schwarz-Weiß-Fotos sollte man jenen Politikern um die Ohren knallen, die kaltschnäuzig erklären, die Menschen müssten sich an schreckliche Bilder gewöhnen. Nein, müssen sie nicht, dürfen sie nicht.

Bilder können die Welt nicht verändern – sie können aber eine starke Triebfeder dafür sein, dass Menschen diese Veränderung in Angriff nehmen.

New York: Preise und Stipendien für humanistische Fotografie vergeben

Am 17. Oktober fand im Theater der New Yorker School of Visual Arts in der 23rd Street West die seit vier Jahren organisierte Feier des W. Eugene Smith Fonds für humanistische Fotografie statt.

W. Eugene Smith (1918-1978)

Der Fonds würdigt das Vermächtnis des großen Foto-Essayisten W. Eugene Smith, indem er talentierte Dokumentarfotografen finanziell unterstützt, die Hilfe bei der Durchführung eines langfristigen Projekts benötigen. www.smithfund.org

Einer der Höhepunkte des Abends war ein Video des mit 40.000 Dollar geförderten mexikanischen Stipendiaten Yael Martinez zu seinem Projekt „Das Haus, das blutet„. Er erzählt seine eigene Geschichte – zwei Mitglieder seiner Familie waren ermordet worden. Bewegend zeigt Martinez, was der tägliche Terror für die Familien der Opfer bedeutet.

Im Rahmen der Gala wurden die 12 Finalisten bekannt gegeben und ihre Arbeiten in Videos präsentiert. Bemerkenswert sind die 5.000 Dollar Stipendien für Matt Eich und Nadia Shira Cohen. aber die Projekte der Finalisten Pierre Faure „France Periferal“, Debi Cornwall „Necessary Fiction“ und Lalo de Almeida „Amazonian Dystopias“ waren besonders stark.

Ein Höhepunkt des Abends war die Weltpremiere des im Jahr 2020 erscheinenden Films „Minamata“ – ein Spielfilm über Eugene Smith und seinen Fotobericht über Quecksilbervergiftungen in Japan in den 1970er Jahren. Johnny Depp als Smith beeindruckte das Publikum. Der Film ist genau und wahrheitsgetreu recherchiert. Die Kernaussage des Films (und des Lebenswerks von Smith) ist eindeutig: In einer Zeit, in der Konzerne, korrupte Politiker und mafiose Strukturen miteinander mehr und mehr verschmelzen, ist es die Pflicht des humanistischen (Foto)Journalismus, die Menschen aufzurütteln und zum Handeln zu bewegen.

Ein weiterer Höhepunkt war die Rede von Susan Zirinsky, Präsidentin und Chief Executive Producer von CBS News. Sie sprach über ihre Karriere und erklärte, wie die Kraft einer Fotografie  die Aufmerksamkeit aller wecken und öffentliche Debatten anstoßen kann. 

Der vor zwei Jahren ins Leben gerufene Preis für Studenten ging an Fawaz Oyedji aus Nigeria für sein Projekt „Yours in Arms“. Er zeigt darin die Auswirkungen einer paramilitärischen Erziehung in den Universitäten des Landes auf Bewusstsein und Leben der Studierenden.

Jan Grarup: And then there was silence

Der dänische Fotograf Jan Grarup dokumentiert seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts Konfliktherde – und er war teilweise jahrelang in Ländern wie Sudan (sechs Jahre) oder Somalia (vier Jahre).  Seine beeindruckenden und oft erschütternden Fotos sind nur deswegen möglich geworden, weil er die humanitären Katastrophen nicht mit den Augen eines vorbeiziehenden Chronisten sieht, sondern mit dem geschärften Blick eines Menschen, der sich  selbst Gefahren und Leid aussetzt und damit das Vertrauen der Personen, die er fotografiert, gewinnt.

Jan Grarups neues Buch

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