Edith Tudor-Hart und die Arbeiterfotografie

Edith Tudor-Hart, 1908 in Wien als Edith Suschitzky geboren, war eine lange Jahrzehnte vergessene (oder vedrängte) großartige Fotografin. Einen längeren Text über sie und ihr abenteuerliches Leben könnt ihr hier als PDF herunterladen.

In weiterer Folge werden immer wieder ausführliche Texte auf diesem Weg hier auf meinem Blog zu finden sein!

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Ausstellung Nobuyoshi Araki im Leica-Shop Wien

In der Wiener Walfischgasse ist zur Zeit eine Ausstellung von Arbeiten des japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki zu sehen.

Araki (1940 in Tokio geboren)  gilt als einer der provokantesten Fotografen Japans. Seine Darstellung nackter Frauenkörper war im höchst konservativen Nachkriegsjapan ein Tabubruch. Im englischen „Guardian“ hat sich Alex Moshakis vor drei Jahren in einem ausführlichen Essay mit der Frage beschäftigt, ob Arakis fotografische Arbeiten Kunst oder Pornographie seien. Er verweist dabei auf die glatte Oberfläche der japanischen Alltagskultur und verweist auf die darunter verborgenen Schichten einer verdrängten und vielfach verstörenden Formen einer aggressiven Sexualität.

Auf jeden Fall – sehenswert, auch wenn die Bilder (zumindest für mich) mehr Fragen aufwerfen als Antworten.

 

Noch bis 10. Juni: Die Ausstellung zur Photoauktion im Juni 2016

Riesig ist sie nicht, die Ausstellung der Fotos für die Auktion am 10. Juni 2016. Umso besser können sich die Besucherinnen und Besucher auf die ausgestellten fotografischen Leckerbissen konzentrieren.

Vertreten sind unter anderem Arbeiten der großen LIFE-Fotografen. Von Alfred Eisenstaedt etwa wird das berühmte Foto von der ersten Begegnung zwischen Hitler und Mussolini (1934) gezeigt. Oder das ebenso berühmte Porträt Churchills mit dem Victory-Zeichen:

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Natürlich darf auch Margaret Bourke-White nicht fehlen. Während des 2. Weltkriegs war sie die einzige Frau in der männlich dominierten LIFE-Redaktion. Vielleicht war das eine Triebfeder für ihre riskanten Einsätze: Unter anderem war sie an vorderster Front dabei, als General Pattons 3. Armee Richtung Berlin vorstieß. Neben Lee Miller war sie eine der Journalistinnen, die in erschütternden Bildern von der Befreiung der Konzentrationslager berichtete.

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Was wären die großen Fotojournalisten und Dokumentaristen ohne Henri Cartier-Bresson? Besonders gefallen hat mir die komplette Fotoserie von Hans Sabens, der „HCB“ bei seiner Deutschlandreise 1953 portätierte. Die Serie zeigt CartierBresson mit seiner Leica III und einem seltenen 5cm-Spiegelsucher. Für mich ist das eine Fußnote zum Beitrag über Humor in der Fotografie. Wenn diese vier Bilder nicht einen warmherzigen Humor ausstrahlen, weiß ich nicht… Damit scheint mir das Axiom, seit 1914 gäbe es keinen Humor über Fotografie in der Fotografie widerlegt zu sein:

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Natürlich sind das jetzt nur ein paar Highlights, die meinem Geschmack entsprechen. Neben fantastischen Porträts von Marilyn Monroe, James Dean, Louis Armstrong, Friedensreich Hundertwasser finden sich Stilleben und frühe Reisefotografen.

Die tschechische Fotografie ist unter anderem durch die anmutigen Aktfotografien Frantisek Drtikols vertreten.

Die Ausstellung kann – bei freiem Eintritt! – noch bis zum 10. Juni besichtigt werden. Es lohnt sich!

 

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Fotojournalismus am Beispiel der Überschwemmung von Paris 1910

Fotografie als historische Quelle: natürlich wissen wir nicht erst seit „Stalins Retuschen“ (als immer mehr Führer der revolutionären Bewegung in Russland aus historischen Fotos „verschwanden“), dass ein Bild mitunter mehr sagt als 1.000 Worte, aber mindestens ebenso trügerisch sein kann. Nicht alles, was ich sehe, ist auch zwangsläufig wahr.

An den Fotojournalismus werden daher zu Recht hohe Ansprüche gestellt.

Hier nun zwei Beispiele, wie spannend dieses Genre mehr als „100 Jahre danach“ sein kann. Die Fotos stammen aus dem Jahr 1910 und zeigen die Überschwemmung in Paris – Bilder, wie wir sie ganz ähnlich heute, 2016, zu sehen bekommen. Mit dem Unterschied, dass damals die Fotografen mit ihren großen Plattenfotoapparaten ausrücken mussten. Interessant auch die Rezeption der Fotos: Viele Aufnahmen wurden später zu Souvenirs – man veröffentlichte sie als Ansichtskartensets, zur Erinnerung an die wässrige Katastrophe.

 

Das Lachen und die Kamera

Rolf H. Krauss hat im Kerber-Verlag eine „andere Geschichte“ der Fotografie herausgegeben: „Das Lachen und die Kamera“. Rolf H. Krauss ist nicht irgendein Lustikus, der uns Karikaturen oder Schnurren vorsetzt – er war unter anderem von 1976 bis 1996 Vorsitzender der Sektion Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Fotografie und hat eine Reihe von historischen Arbeiten zu diesem Thema veröffentlicht.

Und wirklich – wenn man in diesen schön gemachten Band „hineinfällt“, schmunzelt, lächelt oder lacht man nicht nur über die Abbildungen (darunter etliche des großen Honoré Daumier, der ja ein spöttischer Chronist seiner Zeit war) – man lernt aus den Begleittexten wirklich eine ganze Menge über die Entwicklung der „8.“ (oder 9.?) Kunst.

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PHOTOGRAPHIE. Neues Verfahren, um ein lockeres und anmutiges Bild zu schaffen (Daumier, 1856)

Am Anfang standen Staunen und Spott – Staunen über den unglaublichen Realismus der „Lichtmalerei“; Spott über die langen Belichtungszeiten.

Unter einer Karikatur aus dem Jahr 1839 findet sich folgender Text:

Jawohl, Madame, mit dem Daguerrotrappe könnten wirden Teufel einfangen! Die Börse … das Innenministerium – sie sind schon festgehalten worden. Wir machen Kunst und brauchen dazu keinen Künstler! … Mit Porträts – das geht wie geschmiert. Eine Dreiviertelstunde ohne mit der Wimper zu zucken … fertig ist’s: Sie sind perfekt festgehalten.

Schon lange vor Walter Benjamins Aufsatz über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit oder diversen theoretischen Essays darüber, was Fotografie denn nun eigentlich sei (Kunst oder ???), kommt hier („Kunst ohne Künstler“) einerseits die Faszination des neuen Mediums zum Vorschein wie die Verachtung gegenüber einer „künstlerfreien“ Ablichtungsform.

Übrigens – eine Dreiviertelstunde brauchte ein erfahrener Daguerrotypist nicht für ein Porträt, 20 Minuten reichten aus.

Nicht zustimmen kann ich dem Verfasser des amüsanten und lesens- und betrachtenswerten Buches, was seine Schlussbemerkung betrifft:

Spätestens mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verstummt das Lachen über die Fotografie. Zu diesem Zeitpunkt hat sie endgültig ihr revolutionäres Potenzial verloren und ist Teil des täglichen Lebens geworden. Das ist bis heute so geblieben. Die Fotografie selbst hat es nicht vermocht, mit ihren Mitteln Lachen zu generieren. Es ist schwierig, über sich selbst zu lachen. Alle Versuche in dieser Richtung, die sich unter dem Begriff „Fotohumor“ zusammenfassen lassen, sind der Beachtung nicht wert.

Im engsten Sinne – Fotos, die sich in humorvoller Art mit der Fotografie selbst auseinandersetzen – würden mir doch einige Aufnahmen der „klassischen Moderne“ einfallen, unter anderem das berühmte Porträt von Henri Cartier-Bresson bei der Arbeit, oder etliche Fotos in LIFE, die Fotografen an der Arbeit zeigen.

Aber vielleicht ist die Definition von Humor auch wirklich zu subjektiv. Wertvoll ist „Das Lachen und die Kamera“ auf jeden Fall.

Rolf H. Krauss
Das Lachen und die Kamera
Eine andere Geschichte der Fotografie
Kerber-Verlag 2015
252 Seiten, 35,90 EUR

PREVIEW DER FOTO-AUKTION IM WESTLICHT

PREVIEW DER FOTO-AUKTION

14. WestLicht Foto-Auktion: Fr, 10. Juni 2016, 17 h

Jubiläums-Panorama der Fotogeschichte und des Weltgeschehens

Große Namen vor und hinter der Kamera, historische Schätze, Ereignisse im Weltgeschehen des 20. Jahrhunderts, die längst zu Ikonen der Fotogeschichte wurden, Fotografie-Klassiker der Moderne und gesuchte Fotobücher! Vor 15 Jahren wurde WestLicht eröffnet. Das wird mit den 211 Losen der ersten Foto-Auktion des Jubiläumsjahres entsprechend gefeiert.
Mit einem faszinierenden, einzigartigen Panorama der Fotohistorie von der Frühzeit bis heute.
„PREVIEW DER FOTO-AUKTION IM WESTLICHT“ weiterlesen