European Month of Photography Bratislava 2025 – Ein Rundgang

Bratislava, Ende November 2025: trotz Temperaturen nur kanpp über dem Nullpunkt ist es sonnig, die Kaffeehäuser voll Einheimischer und Tourist*innen, die von den kulinarisch bemerkenswerten Weihnachtsmärkten angelockt werden. Mittendrin – ein Fotofestival, das sich seit 1991 erstaunlich beharrlich gegen die kulturellen Großmächte Wien, Budapest und Prag behauptet. Das 35. Month of Photography zeigt auch 2025 wieder, warum diese Stadt ein unterschätztes Zentrum der europäischen Fotokultur ist – eigenwillig, politisch, provokant, manchmal sperrig, aber immer gut für Überraschungen.

Das Central European House of Photography (Haus der zentraleuropäischen Fotografie) ist ein guter Startpunkt für einen lohnenswerten Rundgang. Derzeit sieht man dort unter anderem Carl De Keyzers – Putin’s Dream. In der Ausstellung (vom 6. November 2025 – 11. Januar 2026) zeigt er eine ästhetisch verführerische, zugleich groteske Vision eines wiedererstarkten Sowjet-/Russland-Imperiums: komplett „inszeniert“ via KI — perfekt arrangierte Paraden, dekadente Szenarien, symbolgeladene Architektur, glänzende Eliten.

Der Clou: Diese Bilder sind fiktional — aber realistisch — und fordern damit unsere Vorstellung von „Wahrheit“, Authentizität und Propaganda heraus. De Keyzer adressiert nicht nur die politische Realität eines imperialistischen Russlands, sondern auch die Mechanismen der Bilderproduktion im Zeitalter algorithmischer Bildwelten. Für uns als (historisch materialistische) Betrachter*innen ergibt sich daraus: Fotografie ist nicht länger nur Spiegel der Realität, sondern aktuell Mittel der Ideologie- und Machtproduktion. Mit „Putin’s Dream“ wird sichtbar, wie Kunst, Technik und (geo-)politische Imagination verschmelzen — und wie visuelle Kultur zu einem Schlachtfeld politischer Deutung wird.

Dann ein Sprung in die Geschichte der Region:
Laco Bielik – August 68. Laco Bielik (1939–1984) ist eine Schlüsselfigur der dokumentarischen Fotografie in der Tschechoslowakei:

Seine Bilder vom Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen im August 1968 gehören zu den ikonischen visuellen Zeugnissen der Niederschlagung des „Prager Frühlings“.

In „August 68 v pohybe“ werden diese historischen Fotografien „zum Leben erweckt“ — nicht durch eine Verklärung oder pathetische Kommentare, sondern durch digitale Mittel (KI), durch die Ergänzung von Tonaufnahmen und durch eine mediale Neuinszenierung. Die Kombination aus Bild, Ton und Bewegung erzeugt einen eindringlichen Realismus, der das Publikum direkt mit der Gewalt und dem Schrecken jenes historischen Moments konfrontiert.

Für einen politisch reflektierten Blick ist dieses Projekt besonders relevant: Hier manifestiert sich Erinnerung als soziale und historische Kraft — nicht als nostalgische Verklärung, sondern als Widerstand gegen kollektives Vergessen. Im Kontext der heutigen (europäischen) Krisen — Kriege, neue imperialistische Abenteuer, autoritäre Tendenzen — gewinnt eine solche visuelle Rekonstruktion historischer Klassen- und Machtkonflikte an Aktualität und Wichtigkeit.

Ein angenehmer Kontrast, aber voller Tiefenschichten: Die Lola-Garrido-Sammlung, ein konzentrierter Parcours durch die Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts.

Garrido sammelt nicht „Star-Fotografie“ um ihrer selbst willen, sondern Bilder, die gesellschaftliche Umbrüche sichtbar machen. Man begegnet Meistern wie Helmut Newton, Nan Goldin, Man Ray, Mapplethorpe oder Elliott Erwitt – aber in einer Zusammenstellung, die die scharfen Brüche zeigt: Körperpolitik, Sexualität, urbane Einsamkeit, Popkultur, das Aufbegehren gegen Normen. Eine Sammlung, die sich nicht in Chic und Vintage erschöpft, sondern Geschichte atmet.

Staunend können Besucher*innen hier den Größen der Fotogeschichte begegnen. Frühe Arbeiten von Edward Steichen finden sich neben den selten gezeigten Fotografien von Alexander Michailowitsch Rodtschenko.

Elina Brotherus – 12 ans après: Portraits over Time hat ein bisschen was von einer „sentimental journey“ in die Vergangenheit der finnischen Fotografing an sich. In 12 ans après erzählt sie von Wiederkehr, Veränderung und Vergänglichkeit. Zwölf Jahre, bevor die als „Suite françaises“ zusammengefassten Fotos erschienen, kam die Fotografin als Kunststipendiatin nach Chalon-sur-Saône in Frankreich. Ihre wichtigsten Utensilien: ihre Kamera und ein Stapel Haftnotizen, auf denen sie die französischen Begriffe einzelner Gegenstände schrieb, um die Sprache zu lernen. Ein Dutzend Jahre später kehrte sie zurück, mittlerweil perfekt in der neuen Sprache. Die Serie arbeitet mit Wiederholungen: Orte tauchen wieder auf, Posen, Körperhaltungen, Rituale des Alltags. Brotherus spielt mit der Fotografie als „Gedächtnis, das sich selbst beobachtet“. Die Bilder wirken nüchtern, aber sie tragen diesen typischen Brotherus-Unterton von leiser Melancholie und fast verschmitzter Selbstreflexion. Ein gelungener Ruhepol im Festival – und ein Leckerbissen für alle, die Porträtfotografie nicht als Repräsentation, sondern als Prozess begreifen.

Still Life – Still Alive? Wer meint, das Stillleben sei seit dem 17. Jahrhundert ein erledigtes Genre, bekommt hier einen frischen Denkzettel. Das gilt natürlich in erster Linie einmal für mich, der mit dieser Gattung der bildenden Kunst wenig anfangen kann.

Die Ausstellung untersucht, wie Fotografie das klassische „Vanitas“-Motiv der Malerei nicht nur beerbt, sondern weiterentwickelt und in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet hat: Lebensmittelverschwendung, Konsumästhetik, das Leben der Dinge, künstliche Materialien, die länger überdauern als jede menschliche Biografie. Einige Positionen arbeiten mit hyperpräziser Produktfotografie, andere mit absurden Objektarrangements, immer wieder erinnern auch ganz moderne Arbeiten an die klassische expressionistsche Fotografie der 20er Jahre. Für mich eine willkommene Anregung, mich mehr mit Stillleben zu beschäftigen und vorhandene Aversionen abzubauen. Was kann ich mehr von einer Ausstellung erwarten?

Eine extrem spannende Schau ist 35 Jahre Kreative Fotografie: Jubiläumsschau des ITF Opava. Das 1990 gegründete Institute of Creative Photography (ITF) in Opava zählt zu den traditionsreichsten und zugleich progressivsten Ausbildungsstätten für künstlerische und dokumentarische Fotografie in Mitteleuropa. Dieses Jahr feiert das Institut sein 35-jähriges Bestehen – und zum Jubiläum wurde eine große Ausstellung auf die Beine gestellt, die aktuelle Arbeiten von Studierenden und Absolvent*innen der letzten fünf Jahre versammelt.

Zu sehen sind reportagestarke Dokumentarfotografien ebenso wie experimentelle Serien, konzeptuelle Arbeiten und vielschichtige Portrait- und Interieurprojekte. Die Bandbreite reicht von sehr persönlichen Reflexionen über Identität und Erinnerung bis zu politisch und gesellschaftlich engagierten Themen: Migration, urbane Transformation, Kriegs- und Krisenerfahrungen, Klima und soziale Umbrüche.

Besonders markant: Die Schau gibt nicht nur Sinnlichkeit und Ästhetik Raum, sondern auch Theorie — auf mehreren Tischen sind studentische Abschlussarbeiten, Fotobücher und theoretische Essays präsentiert, was die Funktion des ITF als Ort nicht nur der praktischen Ausbildung, sondern der fotografischen Reflexion und Kritik bestätigt.

Die Ausstellung zeigt exemplarisch, wie institutionalisierte Fotograf*innenbildung im Kontext Mitteleuropas funktioniert — mit internationaler Austauschwirkung, kritischem Anspruch und künstlerischer Vielfalt. Und es weist zugleich auf die Rolle von Schulen und Instituten als Produzent*innen kollektiver Erinnerung, künstlerischer Innovation und dokumentarischer Wahrheit hin.

Am Ende eines langen Rundgangs durch Ausstellungen, Innenhöfe, Galerien und improvisierte Räume bleibt der Eindruck, dass dieses Festival genau das tut, was ein Fotofestival tun soll:
Es zeigt Widersprüche. Es zeigt Brüche. Und es zeigt Bilder, die man nicht so schnell wieder vergisst. Auch in diesem Jahr hat die Zusammenarbeit mit dem Fotofestival La Gacilly Baden die Ausstellungsstadt Bratislava um eine ganze Reihe internationaler Positionen – dieses Jahr Schwerpunkt Australien -bereichert. Diese Zusammenarbeit über Grenzen hinweg ist sicherlich ein Schlüssel zum Erfolg des European Month of Photography.

Bratislava wirkt wie eine große Werkstatt des Sehens – eine Stadt, die die Fotografie nicht als Dekoration betrachtet, sondern als Werkzeug, um die Gegenwart zu verstehen.

Einige Ausstellungen werde ich in eigenen Beiträgen gesondert vorstellen, um auf Aspekte einzugehen, die ich interessant finde. Bleibt also dran!

Kurt Lhotzky (Text und Fotos)

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert