Buchtipp: “100 Ideas That Changed Photography” von Mary Warner Marien

Listen erstellen ist ein mühsames Geschäft. Die 100 besten Bücher – wer entscheidet, welche das sind? Die 100 erfolgreichsten Popsongs – sind das die ersten in den Charts, oder die, welche die Jahrzehnte überdauert haben? Schwierig, schwierig, schwierig…

Bei Laurence King ist nun in einer preisgünstigen Neuauflage das Buch “100 Ideas That Changed Photography” erschienen. Die Autorin, Mary Warner Marien, emeritierte Professorin für Kunst- und Musikgeschichte an der Syracuse University, New York, löst die selbst gestellte Aufgabe mit Bravour. Denn natürlich sind diese 100er-Listen immer subjektiv, und dann liegt es in der Verantwortung der Erstellerinnen dieser Wertungen, einen roten Faden herauszuarbeiten.

In der Einleitung argumentiert Marien, dass kaum eine andere Mediengattung (ich vermeide bewusst das Wort “Kunstgattung”) so viele Erfindungen, Neuerungen, Diversifizierungen erlebt hat wie die Fotografie. Dieses Medium ist wunderbar unfertig, es reizt zu immer neuen Experimenten und trotzdem – wir können heute ohne Problem jeden einzelnen Schritt seiner Entwicklung nicht nur nachvollziehen, sondern selbst neu erleben. In den letzten Jahren gab es eine Renaissance der Analogfotografie – oft sehr junge Menschen wandten sich (zumindest kurzfristig) vom Digitalen ab und griffen wieder zum guten alten Rollfilm; genauso kann ich, Zeit, Geld und entsprechende Kenntnisse vorausgesetzt, nach wie vor Daguerrotypien anfertigen; die Solarisation, untrennbar mit den Namen Lee Miller und Man Ray verbunden, können ambitionierte Amateure heute mit speziellen Filtern in besseren Bildbearbeitungsprogrammen problemlos “nachbauen”. 

Mary Warner Mariens “100 Ideas…” sind aber nicht nur ein amüsant zu lesender und mit oft überraschenden Illustrationen versehener Spaziergang durch die “Technikgeschichte”, denn die Fotografie verwandelte sich ebenso durch ihre Nutzung, ihre Rezeption und durch die Theorien über sie; sie änderte sich durch das Aufkommen illustrierter Magazine, die Bedürfnisse einer ganz privaten Erinnerungskultur, sie imitierte klassische Gemälde und wurde dennoch auch vollkommen abstrakt. Sie beeinflusste das öffentliche Leben und vermittelte ein neues Bild unseres Planeten.

Kriege haben die Fotografie ganz gehörig verändert

Die Auswahl aus der Fülle von Ideen, welche die Fotografie verändert haben, ist natürlich subjektiv und deshalb zugleich so reizvoll. Meine ebenso subjektiven Highlights sind etwa: Die Tintype. Diese Technik wurde in den 1850er Jahren in Frankreich entwickelt und ermöglichte es, nicht reproduzierbare Einzelpositive auf dünne Eisenplatten (also nicht Blech) zu bannen. Das Verfahren war kostengünstig und schnell. Die Belichtungszeit betrug nur ein paar Sekunden, und nach der Aufnahme konnte das Bild binnen einiger Minuten entwickelt werden. Oft wurden die Fotos im Medaillenformat entwickelt und wurden auch als Vorläufer der modernen Polit-Buttons verwendet. Abraham Lincoln ließ sich etwa für den Wahlkampf 1860 einige Tintypes als Kampagnenmaterial anfertigen. Kurz danach erlebte die Tintype durch einen blutigen Anlass einen wahren Boom: Während des amerikanischen Bürgerkriegs ließen sich Soldaten beider Lager von “fliegenden” Fotografen mittels Tintypie ablichten, um die Bilder per Feldpost an die Angehörigen zu Hause zu schicken – oft ungewollt ein letzter Gruß. Tintypes waren übrigens spiegelverkehrt – das war auch der Grund für eine seltsame Legendenbildung rund um den Revolverhelden Henry McCarty vulgo “Billy the Kid”: Er wurde (auch im Film) als linkshändiger Meisterschütze dargestellt, weil ihm eine Tintypie mit dem Revolver an der linken Hüfte zeigte. Spiegelverkehrt, was aber lange Zeit niemand beachtete.

Fotos als Beweismittel. „Es ist so gewesen“, sagt Barthes – zu Recht?

Witzig der Beitrag und die Illustrationen zu den Fotoautomaten, die ja vordergründig dem ernsthaften Zweck der schnellen Herstellung von Pass- und Dokumentenfotos dien(t)en, aber ein beliebter Ort für Jux und Tollerei, grimassierende Jugendliche und schräge Experimente mit Verkleidungen aller Art waren (und sind). Die französischen Surrealisten gestalteten mit Automatenfotos gar einmal das Cover ihrer Zeitschrift “Révolution Surrealiste”.

Die Erde von oben – Fotografie erweitert unser Welt-Bild

Das schön gestaltete Buch ist keineswegs eine “Einsteigerlektüre”. Auch Leserinnen und Leser, die sich tiefergehend mit dem Thema Fotografie beschäftigt haben, werden – dank einer oft überraschend neuen Perspektive – die “100 Ideas…” mit Genuss und Gewinn lesen. 

Kurt Lhotzky

Mary Warner Marien

100 Ideas That Changed Photography

Laurence King, 216 Seiten, 24,– EUR

Eine modifizierte Fassung dieses Texts erscheint auch in der BUCHSTABENSUPPE, der Kundenzeitung von Lhotzkys Literaturbuffet!

Dank an Laurence King für die Fotos in diesem Beitrag!

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