Arbeiterfotografie und Naturfotografie – ein Widerspruch?

Vorbemerkung

In der Arbeiterfotografiebewegung hat die Beschäftigung mit der Naturfotografie in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu interessanten Kontroversen geführt. Da in Österreich diese Diskussion meines Wissens nach nicht vergleichbar geführt wurde, greife ich hier vor allem auf die Publikation der Vereinigung deutscher Arbeiterfotografen, “Der Arbeiterfotograf”, zurück. 

Ich möchte mich mit dieser Frage vor dem Hintergrund des bevorstehenden 200. Geburtstages von Friedrich Engels (28.11.1820 bis 5.8.1895) beschäftigen. Es gehört hier zu den verbreiteten Vorurteilen, dass speziell die marxistische Arbeiterbewegung einem Industrialisierungs-und Fabrikschlotmythos gehuldigt habe.

Friedrich Engels

Im Zentrum dieser Artikelserie steht natürlich die Fotografie mit all ihren ästhetischen und sozialen Komponenten. Trotzdem werde ich am Anfang um eine kurze Skizze der Positionen der ArbeiterInnenbewegung zur Natur nicht umhin können, da wir ein theoretisches Fundament für die Diskussionen innerhalb der Arbeiterfotografiebewegung brauchen. 

In den 20er Jahren hat die Spaltung der ArbeiterInnenbewegung in sozialdemokratische und kommunistische Parteien in zahlreiche Lebensbereiche der internationalen Arbeiterinnenklasse massiv eingeschnitten.  Denn beide Strömungen erwachsen aus gemeinsamen Wurzeln und entwickeln sich nach dem Ersten Weltkrieg teilweise unversöhnlich auseinander.

Naturzerstörung als Begleiterscheinung der Entwicklung des Kapitalismus

Bereits lange vor seiner Hinwendung zum Kommunismus hat der junge Friedrich Engels aus eigener Anschauung den Zusammenhang zwischen Naturzerstörung und moderner industrieller Produktion in seiner eigenen Heimatstadt Elberfeld-Barmen im Wuppertal kennengelernt. Von seinem Vater, einem Textilfabrikanten, nach Bremen zur Ausbildung geschickt, schrieb der Junge  Engels 1839 in der  oppositionellen Presse der damaligen Zeit unter einem Pseudonym in seinen “Briefen aus dem Wuppertal” folgende Zeilen: 

Bekanntlich begreift man unter diesem bei den Freunden des Lichtes sehr verrufenen Namen die beiden Städte Elberfeld und Barmen, die das Tal in einer Länge von fast drei Stunden einnehmen. Der schmale Fluß ergießt bald rasch, bald stockend seine purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garnbedeckten Bleichen hindurch; aber seine hochrote Farbe rührt nicht von einer blutigen Schlacht her, denn hier streiten nur theologische Federn und wortreiche alte Weiber gewöhnlich um des Kaisers Bart; auch nicht von Scham über das Treiben der Menschen, obwohl dazu wahrlich Grund genug vorhanden ist, sondern einzig und allein von den vielen Türkischrot-Färbereien. Kommt man von Düsseldorf her, so tritt man bei Sonnborn in das heilige Gebiet; die Wupper kriecht träg und verschlammt vorbei und spannt durch ihre jämmerliche Erscheinung, dem eben verlassenen Rheine gegenüber, die Erwartungen bedeutend herab. Die Gegend ist ziemlich anmutig; die nicht sehr hohen, bald sanft steigenden, bald schroffen Berge, über und über waldig, treten keck in die grünen Wiesen hinein, und bei schönem Wetter läßt der blaue, in der Wupper sich spiegelnde Himmel ihre rote Farbe ganz verschwinden”. (MEW 1, S. 413)

In seinem 1845 erschienenen Frühwerk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschäftigt sich Englisch mit dem Verhältnis Mensch und Natur zumindest indirekt in der Beschreibung der Lebensverhältnisse des städtischen Proletariats.

Arbeiterviertel in Manchester in den 1840er Jahren

Generell finden sich in den Schriften von Marx und Engels ausreichend Darstellungen darüber, wie die Entwicklung der Produktivkräfte – heute würde man sagen  – zur Urbanisierung führt, als durchgehend positiv wird diese Tendenz aber nicht erkannt.

Die Beschäftigung mit diesem Thema war aber keineswegs ein persönlicher Spleen der Väter des wissenschaftlichen Sozialismus. August Bebel  (1840 bis 1913)  und beschäftigt sich 1873 in seinem bis heute wirkmächtigen Buch “Die Frau und der Sozialismus” recht ausführlich mit diesem Thema.

Um 1876 herum verfasste Englisch einen Text, der erst posthum unter dem Titel ”Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen” veröffentlicht wurde.  Der  Aufsatz ist  Teil einer geplanten größeren Arbeit, die unter dem Titel “Dialektik der Natur” erstmals im Jahr 1925 (in Moskau) veröffentlicht wurde. 

Hier finden sich bemerkenswerte Überlegungen zum Thema “Naturbeherrschung” die angesichts der gegenwärtigen, hauptsächlich vo” jungen Menschen getragenen, Protestbewegungen gegen Klimawandel und Naturzerstörung unerhört aktuell sind.

Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Die Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, daß sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, daß sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene ergießen könnten. Die Verbreiter der Kartoffel in Europa wußten nicht, daß sie mit den mehligen Knollen zugleich die Skrofelkrankheit verbreiteten. Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.

Und in der Tat lernen wir mit jedem Tag ihre Gesetze richtiger verstehn und die näheren und entfernteren Nachwirkungen unsrer Eingriffe in den herkömmlichen Gang der Natur erkennen. Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen. Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen, sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Altertums in Europa aufgekommen und im Christentum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.”

Zu glauben, dass die sozialistische Bewegung Anhängerin eines naiven Fortschrittsglaubens gewesen sei, welcher dem Wachstum der Produktivkräfte alle natürlichen Ressourcen der Menschheit  zu opfern bereit gewesen wäre ist grundfalsch.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine erstaunlich wenig beachtete Rede von Karl Liebknecht im preußischen Abgeordnetenhaus vom 11. Dezember 1912 verweisen:

Es wäre uns erwünschter gewesen, wenn die Kommission einen etwas energischeren Beschluss gefasst hätte; denn die Tendenz, von der der Antrag ausgeht, den die Kommission sich nur in etwas verwässerter Form zu eigen gemacht hat, ist so sympathisch und billigenswert, dass wir unsere Zustimmung dazu nur mit voller Emphase aussprechen können. Es ist tatsächlich eine außerordentlich wichtige Sache, dass wir immer mehr erkennen, welchen unersetzlichen Wert die Natur in ihrer Schönheit hat, und dass ihre einmal zerstörten Herrlichkeiten gar nicht wieder ersetzt werden können. Da haben wir leider alle Veranlassung, gerade auch der Regierung ins Gedächtnis zu rufen, um ihr das Gewissen zu schärfen: Es ist leicht, einen Wald auszuroden, einen See trockenzulegen, es ist leicht, eine Landschaft zu verwüsten und – wie zum Beispiel das Löcknitztal – zu verschandeln; aber es ist ungemein schwer, das wiedergutzumachen. Wenn wir bedenken, welche jahrhundertelange, jahrtausendelange Arbeit die Natur nötig gehabt hat, um die Naturdenkmäler zu schaffen, an denen sich Generationen erfreut haben, so lässt sich ohne Weiteres ermessen, dass es auch allen Mitteln der modernen Technik schlechterdings versagt sein muss, Zerstörungen, die vollbracht sind, aus der Welt zu schaffen. Wir können nicht – und wollten wir nach Goethes Wort Hebel und Schrauben ansetzen – die Natur zwingen, uns das wiederzugeben, was eine törichte Zerstörungslust, ein gefährlicher Egoismus mit kurzsichtiger Gewinnsucht in unserer Zeit ihr entrissen haben.

Wir sehen, wie ein Verständnis für den Wert der Naturschätze erst in der neueren Zeit wieder in weiteren Kreisen eingetreten ist – nach der wilden Periode der Entwicklung unserer Industrie, unseres Verkehrs, in der alle anderen Interessen zurückgesetzt worden sind hinter dem einen Interesse des: Bereichert euch! Enrichissez vous!, wo man gehöhnt hat über diejenigen, die die ästhetischen Werte zu schätzen und zu schützen suchten, als über Narren, die noch nicht genügend den Geist der Zeit verstanden hätten. Jetzt hat nach und nach eine gewisse Einkehr eingesetzt, wesentlich deshalb, weil die unermessliche Bedeutung der Natur und ihrer Schätze für die Gesundheit der Bevölkerung in moralischer und geistiger, aber auch körperlicher Beziehung immer mehr erkannt worden ist. Wenn wir betrachten, wie die Landschaften aussehen, durch die wir mit der Eisenbahn fahren, besonders in der Nähe der großen Städte, da wird man oftmals geradezu von einem Ingrimm erfüllt über die Rücksichtslosigkeit, mit der die schönsten Landschaften dem Reklamebedürfnis unserer kapitalistischen Kreise zum Opfer gebracht sind. Das ist eine Brutalität ohne Grenzen, und alle Versuche, in der Richtung einschränkend zu wirken, haben bisher nichts genützt. Das lehrt uns der einfache Augenschein: Ob wir von Berlin hinausfahren nach Osten, Westen, Norden oder Süden, überall sehen wir diese widerwärtigen Reklameschilder, die die Landschaft in der abscheulichsten Weise verunstalten.

Es ist zweifellos richtig, dass die Bevölkerung selbst vielfach nicht die nötige Rücksicht gegenüber den Naturschätzen obwalten lässt. Wenn der Herr Vorredner darauf hingewiesen hat, dass in der Schule und durch die Presse in der Richtung in erhöhtem Maße gewirkt werden möge, so können wir dem nur beistimmen. Man muss aber auch folgendes erwägen: Unsere großstädtische Bevölkerung repräsentiert im Verhältnis zu der Bevölkerung zum Beispiel einer kleinen Landgemeinde, einer kleinen Stadt eine so viel größere Fülle von Bedürfnis, sich mit der Natur in enge Beziehung zu setzen, dass, wenn die gesamte großstädtische Bevölkerung auch nur annähernd in der Weise rücksichtslos gegen die Natur vorginge, wie es in jedem Dorfe, in jeder Landgemeinde üblich und selbstverständlich ist, dann eine vollkommene Devastierung der Natur die notwendige Folge wäre. Die Schäden in Bezug auf die Zerstörung von Naturschätzen in der Nähe der großen Städte sind also nicht etwa zurückzuführen auf irgendeinen verrohenden Einfluss der Großstadt, sondern sie sind einfach eine Wirkung der ungeheuren Anhäufung von Menschenmassen, denen im Verhältnis nur ein viel geringeres Rayon von Natur zur Verfügung steht als der ländlichen Bevölkerung, ein Rayon, auf das natürlich verhältnismäßig viel mehr Menschen kommen als in Dörfern und kleinen Städten. Man hat also alle Veranlassung, die Vorwürfe gegen die großstädtische Bevölkerung zurückzuweisen. Die Gefahr, die unseren Naturschätzen von großen Städten droht, ist vielmehr einfach eine der Folgewirkungen der gesamten ungesunden Anhäufung von Menschen in den großen Steinwüsten, genannt Großstädte.” (Liebknecht Werke V, 479f)

Karl Liebknecht

Die Naturfreunde und ihre Fotosektion

Ende März 1895 erschienen in der Wiener Arbeiterzeitung drei Tage in Folge  Inserate, in denen für die Gründung einer „touristischen Gruppe“ geworben wurde. Schon am 28. März fand im heutigen neunten Wiener Gemeindebezirk die Konstituierung der Naturfreunde als touristischer Gruppe der Sozialdemokraten statt.

Hintergrund dieser Initiative war die geradezu natürliche Reaktion von aktiven Sozialdemokraten auf die Ablehnung proletarische Mitglieder in unterschiedlichsten Kultur-  und Freizeitverbänden der damaligen Zeit.  Den Sozialdemokraten haftete nach wie vor das Odium der vaterlandslosen Gesellen und der “Petroleure” an.   Für viele bürgerliche oder kleinbürgerliche Träne war es in Zeiten des Zensuswahlrecht unvorstellbar, sich mit dem  “Pöbel” auf eine Stufe zu stellen. Also war es nur folgerichtig, Freizeitaktivitäten unter Genossen, also unter seinesgleichen, zu unternehmen.

Das Symbol der Bewegung wurde übrigens von Karl Renner, damals Student in Wien, entworfen: Ein Handschlag vor Berggipfeln und drei roten Bergrosen, dazu das Motto “Hand in Hand durch Berg und Land”.

Das Symbol der Naturfreunde

Die Idee der Naturfreundebewegung stand in einem klaren Zusammenhang mit der generellen Ausrichtung der [pinzipiell immer noch revolutionären] Sozialdemokratie. Im Organ der Naturfreunde zum zehnten Jahrestag (1905) der Organisationsgründung heißt es im Leitartikel:

“Zur Stunde, wo diese Zeilen hinauseilen in die Welt, feiert die Zentrale unseres Vereins das Fest ihres 10 jährigen Bestandes. Als die Herbststürme des Jahres 1895 durchs Land tobten, tagte im Saale «zum  goldenen Luchsen» im XVI. Bezirk Wiens die gründende Versammlung, reifte die Saat, welche unsere  zwei Gründer im Lenz gesät. Wenn wir nun dieses Fest mit heller Freude feiern, so haben wir dazu  guten Grund. Wir haben die Aufgabe, die wir uns gestellt, erfüllt. Tausende arbeitender Menschen haben  wir mit den Schönheiten unserer Bergwelt, mit der Erhabenheit und ewigen Pracht der Natur bekannt  gemacht. Ihnen allen haben wir gezeigt, wie wertvoll es ist, wenn nach der Woche harter Fron sich  gleichgesinnte Menschen finden, um hinauszustreben in den taufrischen Morgen, in die prächtige Bergwelt,  um sich der wenigen freien Stunden zu freuen im Sonnenglanz. Dort auf freiragender Höh’, wo ungehemmt der Blick schweift, wo in blauender Ferne Gipfel an Gipfel sich reiht, dort fühlt der Mensch  sich groß und frei. — Dort muß der Gedanke ihm durchs Gehirn blitzen, daß all die Fesseln und Ketten, all die Schranken und Plagen, welche dort unten im Tale Menschen geschaffen und Menschen ersonnen, um aus dem Wirken ihrer Mitmenschen schnöden Nutzen zu ziehen, daß alle diese Fesseln fallen müssen,  soll ein kommendes Geschlecht sich frei und ungehindert der Pracht der Natur, der Wonne des Lebens freuen”. (Der Naturfreund, IX. Jahrgang, Nr. 10, S. 1)

In einer Zeit, in der die Sechs-Tage-Woche und der durchschnittliche 10-Stundentag herrschten, war die Eroberung der Natur, die Bewegung an der frischen Luft, das genießen der Sonne  mehr als nur bloße Erholung. Die Verbindung zur Natur sollte zugleich einen emotionalen Antrieb für die Überwindung des Elends der Klassengesellschaft schaffen. 

Allerdings zeigten sich bereits rund um die Gründung Bruchlinien zwischen den Initiatoren und dem sozialdemokratischen Parteivorstand.  Vorwürfe wurden laut, dass es unsinnig sei, die Arbeiter auf die Berge zu führen statt auf die Ringstraße.  Wir werden sehen, wie  diese Frontstellung zwischen „Klassenkampf“  und  „unpolitischer” Freizeitgestaltung  später in der ästhetischen Kontroverse zwischen direkt  propagandistischer und eskapistischer Naturfotografie ihre Fortsetzung findet (hier wiederum in der KPD und ihrem Umfeld).

Ebenfalls auf sozialdemokratische Initiative wurde 1905 der “Klub der Freunde der Amateurfotografie” gegründet, der schon ein Jahr darauf als Sektion in die Naturfreunde Bewegung aufgenommen wurde. 1905 schreiben die Naturfreunde in Nummer 12, S. 177, ihres Verbandsorgans,  “dass der photographische Apparat für den Touristen und Naturfreund ein unentbehrlicher Begleiter sein muss”.

Dazu muss aber angemerkt werden, dass die Photographie ein Vergnügen begüteterer Schichten war – Beamte, besser situierte Angestellte, Ärzte… Ohne einen realen Kaufkraftvergleich anstellen zu können hier nur einige Zahlen: In der auf den Verkauf gebrauchter Kameras und Fotozubehörs spezialisierten “Photo-Börse” wurde 1906 eine neue Voigtländer-Kamera “ganz aus Metall”, Blende 1:6, mit sechs Fotokassetten um 180,–Kronen angeboten. Das günstigste Angebot ist eine gebrauchte Klappkamera 6:9 mit achromatischem Objektiv um 13,– Kronen. 

Zum Vergleich: “Ein Arbeiter verdient rund 20-24 Kronen, Frauen weniger als die Hälfte, ein Volksschullehrer 120 Kronen im Monat; ein Leib Brot kostet rund 20 Heller, ein Wiener Schnitzel mit Salat 70 Heller; ein Herrenanzug 30 Kronen, Damenschuhe 6-12 Kronen; eine bessere Vorstadtwohnung (Zimmer, Küche, Kabinett) rund 28 Kronen im Monat (nach Walter Kleindel, Österreich, Wien 2004) (https://www.mediathek.at/der-erste-weltkrieg/der-erste-weltkrieg-ausgabe-1/oesterreich-ungarn-1914/wiener-leben/)

Überhaupt ist die “Amateurphotographie” noch Neuland, und dementsprechend gibt die “Foto-Ecke” im “Naturfreund” praktische Tipps:

Wenn jemand die Absicht hat, sich der Photographie ­zu widmen, so ist es selbstverständlich, daß die Frage des Apparatkaufes  in den Vordergrund tritt. Hat der Betreffende ­nun niemanden, der ihm hierbei mit Rat  und Tat zur Seite steht, so ist er meist sehr übel daran, denn er ist dann auf die verschiedenen  Preiskurante über photographische Apparate angewiesen, aus denen er aber auch nicht die gewünschten Erklärungen ersieht, da ja fast bei jeder einzelnen Type zu lesen ist: „Der beste  Apparat“. Auch die Trennung der Apparate in die  verschiedenen Gruppen, „Handapparate“ und  „Stativapparate“ ist häufig für den Anfänger verhängnisvoll. ­Durch die Bezeichnung „Handcamera“  wird der Anfänger zu der Ansicht verleitet, daß  er in der Lage ist, mit Hilfe eines solchen Apparates ­alle Aufnahmen aus freier Hand zu machen,  indem er bloß auf einen Knopf zu drücken braucht, während bei den Stativapparaten stets, wie schon der Name sagt, ein Stativ mitzutragen sei, was  nicht jedermann angenehm ist. In Wirklichkeit muß jedoch der Handapparat genau so auf ein Stativ aufgeschraubt werden, wie eine Stativcamera, wenn die Verhältnisse nicht eine Momentaufnahme gestatten. (Der Naturfreund, 1907)

Der Arbeit der Fotosektionen wurde breiter Raum gegeben

10 Jahre zuvor, am 25. September 1897, also zwei Jahre nach Gründung der Naturfreunde, hatte die Wiener Arbeiter-Zeitung in einem Bericht über die “69. Jahresversammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Braunschweig” berichtet:

Der Vortrag von [Prof. Vogel, Berlin] Vogel erhob sich über das unmittelbare Thema hinweg zu einer ebenso geistreichen wie originellen Schilderung von dem Wesen und Wirken des Lichtes in der Natur. Vielen gilt die Photographie nur als billige Porträtirkunst; zahlreiche Forscher bedienen sich ihrer als eines willkommenen Hilfsmittels; der Astronom bedient sich ihrer zum Festhalten von Fixsternen, Sternnebeln, Kometen, die sonst seiner Beobachtung gewiß entgehen würden: den Physiologen ermöglicht die Photographie mittelst der Momentaufnahme das genauere Studium der Bewegungsvorgänge im Gehen, Laufen und Fliegen. Nichts ­destoweniger ist das Gebiet der wissenschaftlichen Photographie lange brachgelegen und galt bis vor kurzem bei vielen als müßige Spielerei, die allenfalls praktische, aber niemals wissenschaftliche Bedeutung beanspruchen kann. Während zum Beispiel die Thermochemie (die Lehre von den Beziehungen zwischen Wärme und chemischen Vorgängen) bereits seit langer Zeit nach allen Richtungen ausgebaut wurde, bleibt es uns noch vorbehalten, den reichen Schatz an wissenschaftlicher Erkenntniß zu heben, der in der Photo- (Licht-) Chemie verborgen liegt. Und doch überragen die chemischen Wirkungen des Lichtes an Massenhaftigkeit und Bedeutung alle anderen chemlschen Vorgänge  in der Natur. 

Hier wird im Subtext bereits ein Leitmotiv angeschlagen, dass sich in der österreichischen und internationalen Naturfreundebewegung wiederfinden wird: Der fotografierende Sozialist als Zuarbeiter und Dokumentarist für die Wissenschaft. Das sozialdemokratische Bildungsideal, das ursächlich mit der marxistischen Perspektive einer Aufhebung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung verbunden ist, wird auf das neue Gebiet, dessen historischer Platz im Feld der Künste noch nicht bestimmt ist, angewendet.  Fotografie dient nicht nur der Befriedigung ästhetischer Bedürfnisse, der Erinnerung an gemeinsame Naturerlebnisse in der Gruppe, der Dokumentation ländlichen Lebens. 

Die Ideale der Naturfreunde wurden bald auch in Deutschland und der Schweiz aufgegriffen. Es war logisch, das Netzwerk der naturbegeisterten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten auszuweiten. So kam es 1905 zur Gründung der Naturfreunde-Internationale. Ihre Fotoklubs sollten bei der Entwicklung der Arbeiterfotografiebewegung in den 20er Jahren eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.

Der zweite Teil dieses Aufsatzes wird sich mit den Positionen der Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands in den 20er Jahren, ihrer (indirekten) Auseinandersetzung mit den Fotogruppen der Naturfreunde und den internen Diskussionen über Aufgabe und Sinn der Naturfotografie beschäftigen.

Der gesamte Aufsatz wird komplett mit detaillierten Quellenangaben als Download zur Verfügung stehen!

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