Leica Galerie Wien: Ausstellung Ian Berry

Fast ein bisschen im Verborgenen blüht die Leica Galerie in der Wiener Walfischgasse 1. Immer wieder sind dort kleine, aber durchaus gewichtige Ausstellungen zu sehen. Ganz besonders beeindruckt hat mich die Ausstellung einer Reihe von Fotos Ian Berrys aus dem Zyklus „The English“.

Der 1934 in Lancashire (England) geborene Berry, der von klein auf Reporter werden wollte, ging 1952 nach Südafrika und startete dort als Fotograf bei lokalen Zeitungen. Dann folgten Reportagereisen in den Kongo; danach coverte Berry den algerischen Befreiungskrieg und die Konflikte im Nahen Osten. 1962 lernte er Henri Cartier-Bresson in Paris kennen und wurde ein Jahr später Mitglied der Fotoagentur Magnum (deren Vizepräsident er 1978 wurde).

„The English“ sind Schwarzweiß-Fotos, die das Leben der „einfachen Leute“ zeigen. In den ausdrucksstarken Bildern kommt der humanistische, sozial engagierte Stil Berrys deutlich heraus. Das rauhe Leben der Kinder in den Industriestädten wird ebenso sichtbar wie das Streben der „common people“ nach Zerstreuung und gemeinsamer Freizeit in den „social clubs“. Wunderschöne und berührende Fotos, die noch bis 13. November zu sehen sind!

Landschaftsfotografie – kann man sowas aus Büchern lernen?

Vor kurzem bin ich zufällig auf einer Internet-Plattform auf einen bemerkenswerten Thread gestoßen. Ein „Newbie“ stellte die Frage, welche Fotobücher denn für ihn als Einsteiger den meisten Gewinn brächten. Nach ein paar brauchbaren Tipps (Feiningers Fotoschule z.B. ) ergoss sich eine Flut von mehr oder minder unfreundlichen Kommentaren über den armen Fragesteller. Quintessenz der „Hack“angriffe: Wer einen Fotokurs besucht/wer mit Fotobüchern lernt/wer in Ausstellungen geht – lernt gar nichts, wird zum bloßen Imitator, tötet seine Kreativität ab und sollte sich überhaupt aus dem erlauchten Kreis der wahrhaft Inspirierten schleichen, weil er ohnehin nur so ein Knipser sein will.

Abgesehen davon, dass dieser Stil nicht wirklich förderlich ist, um Menschen, die das Fotografieren gerade für sich entdecken und Unterstützung suchen, in eine Community zu locken, halte ich dieses Beschwören einer spontanen Genialität für – pardon – ziemlich doof. Menschen (wie alle anderen Säugetiere) lernen eben durch Imitation, gekoppelt mit Erfahrung. Die Wege zum Lernerfolg können unterschiedlich sein, die Methode oft nicht klar erkennbar. Aber der Mythos vom Menschen, der unberührt vom Himmel fällt wie Mr. Bean und dann aus sich heraus alles beherrschen lernt ist etwas weltfremd.

Ein schönes Beispiel dafür, wie man fotografisches Wissen vermittelt, ist das Buch „Workshop Landschaftsfotografie“ von Timm Allrich, erschienen bei humboldt. Schon die ersten 50 Seiten, in denen es erst ganz peripher um das Hauptthema des Workshops geht, sind auch für erfahrene(re) Fotografinnen und Fotografen durchaus interessant, auch wenn sie sich primär an Einsteiger richten. Überlegungen, welche Ausrüstung man sich eigentlich zulegen sollte (abhängig von Neigungen und, natürlich, Geldbeutel), die Entscheidung für den richtigen Kamerarucksack und die Erklärung wichtiger Grundbegriffe wie ISO, Weißabgleich, RAW oder JPG bilden eine solide Basis.

Und jetzt geht es hinaus in die Natur und dann kommen die praktischen Tipps: Von der richtigen Belichtung bis zur Nutzung von Regen als Diffusor, das „Einfrieren von Bewegung“, die Bedeutung des Vordergrunds etc. Bei allen Fotos sind Brennweite, Blende, Belichtungszeit, ISO-Zahl, verwendete Filter etc. angegeben.

Workshop Landschaftsfotografie

Die geheimen Profi-Tricks verständlich erklärt

Softcover,Humboldt, 243 Seiten, 27.80 €

Dieser Text erscheint auch in der BUCHSTABENSUPPE, dem Kundenmagazin von Lhotzkys Literaturbuffet.

Sehenswert: Philippe Bertrand im Institut Francais in Wien

Philippe Bertrand, links, Jacques-Pierre Gougeon (Leiter des Institut Francais)

Im Institut Francais de Vienne können Interessierte zur Zeit eine bemerkenswerte Fotoausstellung besuchen: „Schattenseite“ von Philippe Bertrand.

Bei der Eröffnung der Ausstellung wies der Leiter des Kulturinstituts, Jacques-Pierre Gougeon, nicht nur darauf hin, dass gerade in Frankreich aus historischen Gründen die Fotografie einen großen Stellenwert einnimmt. Er stellte auch die rhetorische Frage, ob Philippe Bertrand ein fotografierender Diplomat oder ein Diplomat, der Fotograf ist, sei.

Philippe Bertrand, von der Ausbildung her Ökonom und in dieser Funktion erst für internationale Organisationen und später im diplomatischen Dienst tätig, hat viele Teile der Welt gesehen (unter anderem den Kaukasus, den Maghreb, die Länder West- und Osteuropas, die USA …) und, natürlich, auch fotografiert.

Die Begeisterung für die Fotografie geht aber viel weiter zurück. „Es war Platos Höhlengleichnis, dieses Problem der Schatten, die real werden, das mich am Ende meiner Schulzeit fasziniert hat“, erklärte Bertrand bei der Vernissage am 3. Oktober 2019 in Wien. Das „Schreiben mit Licht“ kann natürlich nur funktionieren, wenn auch das Gegenteil, die Dunkelheit, festgehalten werden kann.

„Schattenseite“ zeigt nur einen Aspekt des fotografischen Schaffens von Philippe Bertrand. Schattenseite – das können nicht nur die im Dunkeln liegenden Plätze und Straßen sein. Auch die menschliche Existenz hat ihre Schattenseiten, die der Fotograf mit großer Sensibilität einfängt.

Das Oeuvre Bertands ist wesentlich vielfältiger, wobei das Genre der Streetphotography vermutlich den größten Platz einnimmt. Auf seiner oben verlinkten Homepage lässt sich die thematische Vielfalt seines Werks erahnen.

Die Schwarzweiß-Fotos werden im Institut Francais aufsteigend entlang der Prunkstiege und in der Mediathek ausgestellt, was ich subjektiv bedauerlich finde, weil dadurch zu oft vorbeigehende Personen ins Bild geraten. Aber die Hängung ist natürlich auch immer eine Platzfrage und gerade in einem sehr umtriebigen Kulturinstitut kann man wohl kaum einen eigenen Ausstellungsraum erwarten.

Beeindruckend finde ich die Fotos, die stark expressionistisch sind und an Collagetechniken der 20er und 30er Jahre erinnern, ohne apologetisch zu sein.

Ein Besuch der Ausstellung ist während der Öffnungszeiten des Instituts dringend anzuraten!

Französisches Kulturinstitut Wien / Institut français d’Autriche
Praterstraße 38, 1020 Wien

Kurt Lhotzky