Jakob Riis (1849-1914) – ein Fotograf kämpft gegen das Elend

Jakob Riis

Im Amsterdamer Muesum FOAM  ist noch bis Mitte April eine bemerkenswerte Ausstellung über Leben und Werk des aus Dänemark stammenden Pioniers der Sozialfotografie Jakob Riis zu sehen.

1870 kam der 21jährige völlig mittellos in New York an und hielt sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. 1873 fand er eine Anstellung als Reporter bei den South Brooklyn News und später als Polizeireporter bei der New York Tribune. Bereits in seinen frühen journalistischen Arbeiten wird der aktivistische, engagierte Immigrant spürbar: Es sind keine voyeuristischen Geschichten über die Außenseiter und Getretenen – er, der die Armut und die unwürdigen Lebensumstände der Menschen in der Lower East Side am eigenen Leib erfahren hat, will aufrütteln, will zeigen, welches Leid in der glitzernden Großstadt mit dem Luxus der Reichen koexistiert. „Jakob Riis (1849-1914) – ein Fotograf kämpft gegen das Elend“ weiterlesen

Çağdaş Erdoğan beim Festival der jungen europäischen Fotografie CIRCULATION(S) in Paris

Der 1992 geborene türkisch-kurdische Fotograf Çağdaş Erdoğan ist ein international gefragter Fotojournalist mit Hauptwohnsitz in Istanbul. Seine Berichte aus der Osttürkei wurden unter anderem von BBC, Der Spiegel, The New York Times oder Libération abgedruckt. Im September 2017 wurde er festgenommen, weil er angeblich im  Yoğurtçu Park in Istanbul das Hauptquartier der  Millî İstihbarat Teşkilatı (MİT) , also des türkischen Geheimdienstes, fotografiert habe. In einem Interview mit dem British Journal of Photography stellt Erdoğan klar, dass der Park ein frei zugängliches Gelände ist und keinerlei Hinweise auf eine Fotoverbotszone vorhanden seien. „Çağdaş Erdoğan beim Festival der jungen europäischen Fotografie CIRCULATION(S) in Paris“ weiterlesen

Nachruf: Stanley Greene (1949 – 2017)

Am 19. Mai 2017 starb in Paris der amerikanische Fotograf Stanley Greene im 68. Lebensjahr.

In Brooklyn in einer Schauspielerfamilie geboren, gab es schon früh prägende politische Erfahrungen: sein gewerkschaftlich aktiver Vater war einer der ersten afroamerikanischen Gewerkschafter, der in der Screen Actors Guild in eine Funktionärsposition gewählt wurde. In den 50er Jahren geriet der Vater in die Mühlen der Hexenjagd gegen Kommunisten und konnte nur noch kleine Nebenrollen annehmen, bei denen sein Name nicht genannt wurde.

Mit elf Jahren erhielt Stanley von den Eltern die erste Kamera geschenkt. Der künstlerisch talentierte Jugendliche begann als Maler und nutze die Kamera zur Dokumentation seiner Arbeiten. Zugleich war er in der Bewegung gegen den Vietnamkrieg aktiv und schloss sich der Black Panther Party an.

1971 bot ihm ein Freund, der Fotograf W. Eugene Smith, in seinem Foto künstlerischen Unterschlupf und ermutigte ihn, an der School of Visual Arts in New York und am San Francisco Art Institute Fotografie zu studieren.

Er arbeitete für Zeitschriften, machte Eventfotografie, ging nach Europa und arbeitete unter anderem als Modefotograf in Paris. In diesen Jahren entstand der Dokumentarfilm “The Western Front” über die Punk-Szene in San Francisco in den 70er und 80er Jahren.
Das war die wilde Zeit in seinem Leben, die ihn bis in die Heroinsucht führte. Der AIDS-Tod eines guten Freundes brachte ihn von den Drogen weg, und er arbeitete ernsthaft an seiner Karriere als Fotograf.

Im November 1989 gelang ihm mit seinem Foto „Kisses to All, Berlin Wall“ ein ikonisches Bild vom Fall der Berliner Mauer.

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Damit begann eine außergewöhnliche Karriere als Pressefotograf, die Greene an die gefährlichsten Brennpunkte der Weltpolitik führte  Er arbeitete für die Agentur VU mit Sitz in Paris, Zeitungen und Magazine wie Liberation, Le Monde, Paris Match, New York Times Magazine veröffentlichten seine Bilder. 1993 war er beim Putsch in Russland im Weißen Haus in Moskau und wäre dort fast erschossen worden; er berichtete aus den krisengeschüttelten Nachfolgestaaten der Sowjetunion; er fotografiere die Kriege am Balkan, im Irak, Somalia, Kaschmir, Libanon. Zu seinen aufrüttelndsten Reportagen gehören jene über den Völkermord in Ruanda  1994 und die über die Folgen des Hurricane Katrina  2005.

Am bekanntesten wurde er durch seine Fotos aus Tschetschenien. 2004 erschienen die markantesten seiner Kriegsfotos aus dieser Region unter dem Titel “Open Wound” auch als Buch. Greene wurde mehrfach mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet.

2007 dürfte sich Greene nach eigenen Angaben im Tschad mit Hepatitis C infiziert haben.

Nach einer langwierigen Behandlung folgte eine Reportage über Drogenmissbrauch und die Folgen aus Afghanistan. 2012 begann er ein Projekt über e-waste (Elektronikabfall, der in den ärmsten Ländern der Welt abgeladen wird). Er war Mitgründer der von Amsterdam aus operierenden Bildagentur NOOR.

Am 19. Mai verlor der 68-jährige in Paris den Kampf gegen den Leberkrebs, der vermutlich eine Folge der Erkrankung in Afrika war.

Soll ich’s wagen? oder: Ich pass‘ auf meine Kamera auf!

Heute werde ich einmal so richtig persönlich. Meine Familie und viele Freunde haben mir im Februar ein kollektives Geburtstagsgeschenk gemacht – eine Canon EOS 760D. Natürlich war die Freude riesengroß, und vielleicht hat der / die eine oder andere Besucher / Besucherin meines Blogs schon gesehen: Die Bildqualität meiner eingestellten Fotos ist auf einmal super!

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Aber zurück in den Februar: plötzlich begann ein seltsamer Prozess des Zauderns. Davor hatte ich keine Bedenken, meine EOS 400 D oder die Lumix (über die habe ich berichtet – das ist die mit dem Leica-Objektiv, die ich nur deshalb, weil Leica draufsteht, erstanden habe – kindisch, aber doch, es musste sein!) zu schnappen und hinaus in die wilde, weite, fotografierwürdige Welt zu ziehen.

Aber mit der neuen Kamera? Der tollen Kamera? Der teuren Kamera? Was könnte nicht alles passieren: schwere Regenfälle (OK, ich habe meine – nein, eigentlich der Kameras – transparente Badehaube mit, um gegebenenfalls das Gehäuse vor Spitzwasser zu schützen); Rempeleien in der U-Bahn; der Gurt könnte sich lösen. von Diebstahl reden wir gar nicht …

Jedenfalls: Gut zwei Monate habe ich gebraucht, bis ich zu einem „normalen“ und unbefangenen Umgang mit meiner wunderschönen, immer noch ziemlich neuen Kamera gekommen bin. Und es ist jedesmal sehr befriedigend, wenn ich das Auslösegeräusch höre. Und endlich darf meine EOS 760 D das machen, wofür sie eigentlich konstruiert wurde: Fotos, und zwar überall!

ÜBER GISÉLE FREUNDS BEITRAG ZUM VERSTÄNDNIS DER FOTOGRAFIE [TEIL 2]

Im ersten Teil dieses Beitrages habe ich mich hauptsächlich mit der Biographie Giséle Freunds auseinandergesetzt. Ihre politische Sozialisation im Umfeld der Studentenorganisation der KPD in den späten 20er Jahren und ihre persönliche Bekanntschaft mit Soziologen, die mehr oder minder stark von materialistischen Geschichtskonzepten (mit)geprägt waren, hatten sicher wesentlichen Einfluss auf Freunds Weltanschauung – wobei ich diesen Begriff wörtlich nehmen möchte. Die „Welt anschauen“ ist ja wohl eine Triebfeder, Fotografien zu betrachten – wobei es nicht nur die „große, weite Welt“ sein muss, die man da sieht, sondern auch durchaus die „kleine, private Welt“, in der man sich befindet, und die man vielleicht plötzlich unter einem anderen Blickwinkel kennenlernt, buchstäblich „mit anderen Augen“ (denen der Fotografin oder des Fotografen).
Ebenso habe ich eine sehr polemische Kritik an der deutschen Ausgabe von „Photographie und Gesellschaft“ zitiert und die Vermutung geäußert, dass die negative Bewertung durch Heinz Buddemeier in erster Linie ideologische Ursachen hat. Das ist natürlich folgerichtig: Freund bezieht, ebenso wie Walter Benjamin (1892 – 1940), den sie voraussichtlich im Pariser Exil 1933 kennengelernt hat, eine auf der marxistischen Theorie fußende Position.
Kern von „Photographie und Gesellschaft“ ist Freunds 1936 vorgelegte Dissertation über die Photographie in Frankreich im 19, Jahrhundert.
reclamSo, wie Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ erst lange nach dem Tod des Autors breit diskutiert wurde, war auch die Rezeption von Freunds Schrift gering (das haben nicht veröffentlichte Dissertationen leider mitunter so an sich). Klarerweise setzte sich Benjamin auf Grund der inhaltlichen Affinität mit Freund auseinander.
Freund, Gisele, La photographie francaise au XIX° siiécle.
La Maison des Amis du Livre. Paris 1936. fl55 S. ; fr. fr. 24. — )
Freunds Studie stellt den Aufstieg der Photographie als durch den Aufstieg des Bürgertums bedingt dar und macht diese Bedingtheit in glücklicher Weise an der Geschichte des Porträts einsichtig. Von der unter dem ancien régime am meisten verbreiteten Porträttechnik, der kostspieligen Elfenbeinminiatur, ausgehend, zeigt die Verf. die verschiedenen Verfahren auf, die um 1780, das heißt sechzig Jahre vor Erfindung der Photographie, auf eine Beschleunigung und Verbilligung, damit auf eine weitere Verbreitung der Nachfrage nach Porträts hinzielten. Die Beschreibung des Physiognotrace als eines Mittelgliedes zwischen Porträtminiatur und photographischer Aufnahme zeigt mustergültig, wie.technische Gegebenheiten gesellschaftlich transparent gemacht werden können. Die Verf. legt dann weiter dar, wie die technische Entwicklung ihren der gesellschaftlichen angepassten Standard in der Photographie erreicht, durch die das Porträt breiten Bürgerschichten erschwinglich wird. Sie fuhrt aus, wie die Miniaturisten die ersten Opfer der Photographie in den Reihen der Maler wurden. Sie berichtet endlich über die theoretische Auseinandersetzung zwischen Malerei und Photographie um die Jahrhundertmitte.
Die Frage, ob die Photographie eine Kunst sei, wurde damals unter Ieidenschaftlichem Anteil eines Lamartine, Delacroix, Baudelaire verhandelt. Die Vorfrage wurde allerdings nicht erhoben : ob nicht durch die Erfindung der Photographie der Gesamtcharakter der Kunst sich verändert habe. Die Verf. hat das Entscheidende gut gesehen. Sie stellt fest, wie hoch dem künstlerischen Niveau nach eine Anzahl der frühen Photographen gestanden haben, die ohne künstlerische Prätention zu Werke gingen und mit ihren Arbeiten nur einem engen Freundeskreise vor Augen kamen. „Der Anspruch der Photographie, eine Kunst zu sein, wurde gerade von denen erhoben, die aus der Photographie ein Geschäft machten.“ Mit anderen Worten : Der Anspruch der Photographie, eine Kunst zu sein, ist gleichzeitig mit ihrem Auftreten als Ware. Das stimmt zu dem Einfluss, den die Photographie als Reproduktionsverfahren auf die Kunst selber übte. Sie isolierte sie vom privaten Auftraggeber, um sie dem anonymen Markt und seiner Nachfrage zuzuführen.
Walter Benjamin (Paris).
Die Frage nach dem „Kunstcharakter“ der Fotografie gehört vermutlich zu den großen, ewig umstrittenen Fragen der Kulturgeschichte und Kunsttheorie. Um bei Freunds Verständnis zu bleiben, lohnt sich ein kleiner Abstecher in’s nachrevolutionäre Russland, das ja auch in Kunstfragen die 20er und 30er Jahre wesentlich mitprägte.
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Alexander Woronski

 

Von einem marxistischen Standpunkt aus beantwortete Alexander Woronski (1884 – 1937) die Frage, was denn nun Kunst sei, mit folgenden Sätzen, die mit Blick auf die Literatur formuliert wurden. [Woronski,aktiver Teilnehmer an der russischen Revolution 1917, war nach der Revolution unter anderem Herausgeber der Literaturzeitschrift „Rotes Neuland“, die sich als breite Plattform der schriftstellerischen Strömungen der Gegenwart verstand. Woronski, der Mitglied der Linken Oppositionen gegen die Stalinfraktion war, wurde während des Großen Terrors hingerichtet].

Was ist Kunst ?
Vor allem ist Kunst die Erkenntnis des Lebens. Kunst ist kein willkürliches Spiel der Phantasie, der Gefühle, der Stimmungen, Kunst ist nicht Ausdruck rein subjektiver Empfindungen und Erfahrungen des Dichters; Kunst setzt sich nicht das Ziel, vor allem »gute Gefühle« im Leser zu wecken. Die Kunst will ebenso wie die Wissenschaft das Leben erkennen. Kunst und Wissenschaft haben ein und denselben Gegenstand: das Leben, die Wirklichkeit. Aber die Wissenschaft analysiert, und die Kunst synthetisiert; die Wissenschaft ist abstrakt, die Kunst ist konkret; die Wissenschaft spricht den Verstand des Menschen an, die Kunst seine sinnliche Natur. Die Wissenschaft erkennt das Leben mit Hilfe von Begriffen, die Kunst mit Hilfe von Bildern, in Form einer lebendigen sinnlichen Wahrnehmung.“ (Woronski, Die Kunst, die Welt zu sehen, Arbeiterpresse Essen 2003, S. 122)
Benjamin führte mit dem „Aura“-Begriff ein nicht unbedingt „materialismus-kompatibles“ Element in seine ästhetischen Betrachtungen ein (was Brecht zu einem pointiert-harschen Eintrag in seinem „Arbeitsjournal“ verleitete, der mit den Worten „Alles Mystik, bei einer Haltung gegen die Mystik! In solcher Form wird die materialistische Geschichtsauffassung adaptiert! Es ist ziemlich grauenhaft!“ [Brecht, Arbeitsjournal, Suhrkamp 1973, Bd 1, S. 16]). Freund ist konsequenter. Sie kommt ohne metaphysische Rückgriffe aus und weist – unter Berufung auf einen anderen wichtigen Theoretiker des bildnerischen Ausdrucks – einen Ausweg aus der Diskussionssackgasse.
new-visionZustimmend stützt sie sich auf Laszló Moholy-Nagy (1895 – 1946), Maler, Skulpteur, Bühnenbildner, Typograph, Fotograf und Lehrer am Bauhaus:
Nachdem man ein Jahrhundert lang über die Frage diskutiert hatte, ob die Photographie eine Kunst sei, weist ihr Moholy den ihr angemessenen Platz zu. Der alte Streit zwischen Künstlern und Photographen, bei dem es darum ging, zu entscheiden, ob die Photographie eine Kunst sei, stellte die falsche Frage. Das Problem besteht nicht darin, die Malerei durch die Photographie zu ersetzen, sondern die Beziehungen zwischen der Photographie und der heutigen Malerei zu klären und zu zeigen, dass die aus der industrillen Revolution hervorgegangene Entwicklung der technischen Mittel ganz konkret zur Entstehung neuer Formen optischer Gestaltung beigetragen hat. (Freund, S. 210)
Giséle Freund hat übrigens für sich selbst die Bezeichnung „Künstlerin“ zurückgewiesen. Sehr pointiert tat sie dies unter anderem in einem im Internet abrufbaren Gespräch mit Georg Stefan Troller.
Aber die „Kunstdebatte“ ist nur ein Aspekt des Werks. André Gunthert , Dozent an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS), wo er den Lehrstuhl für visuelle Geschichte innehat, charakterisierte im „Lettre de l’IMEC“ (2011) Giséle Freunds Studie als „die erste moderne Geschichte des Mediums“. Es basiere auf der ersten jemals vorgelegten wissenschaftlichen Arbeit über Fotografie aus dem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und präsentiere ein Panorama jenseits einer Chronologie der technischen Innovationen und einer ästhetisierenden Zugangsweise, die durch den Piktoralismus geprägt ist. Vor allem aber weist Gunthert darauf hin, dass Freund auf eine neue Art die Beziehungen einer Epoche mit ihren Darstellungsweisen zeige. Er hebt die moralische Bedeutung einer solchen Sicht hervor.
Wieder in den Worten Freunds über Moholy-Nagy:
Der wahrhafte Photograph trägt eine große soziale Verantwortung. Er muss mit den technischen Mitteln arbeiten, die ihm zur Verfügung stehen. Diese Arbeit besteht in der exakten Wiedergabe der alltäglichen Dinge, ohne Verdrehung oder Verfälschung. Der Wert der Photographie darf nicht nur allein nach ästhetischen Gesichtspunkten bemessen werden, sondern sie muss auch nach der menschlichen und sozialen Intensität ihrer optischen Wiedergabe beurteilt werden. Die Photographie ist nicht nur ein Mittel zur Entdeckung der Realität. Die von der Kamera gesehene Natur ist anders als die Natur, die das menschliche Auge wahrnimmt. Doch die Kamera beeinflusst unsere Sehweise und schafft die neue Sicht. (Freund, S. 211).
Giséle Freund hat uns immer noch viel zu sagen. Und ihr wirklich gut und leicht lesbares Werk über Photographie und Gesellschaft  ist nach wie vor lesenswert.
[Eine ausführlichere Fassung dieses Aufsatzes werdet ihr in der nächsten Ausgabe meines elektronischen Magazins complexityinaframe finden].